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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein anderer Morgen
Eingestellt am 05. 12. 2001 03:10


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Rupert Davis
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

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Mit den letzten Schritten zur T├╝r verschwand die Zielstrebigkeit aus den Schritten. Er baute sich vor ihr auf, fixierte mit den Augen die Klinke, mit den Gedanken die Angst. Was wird hinter dieser T├╝r sein? WER wird hinter dieser sein? Und wie w├╝rden sie ├╝ber ihn urteilen?
Es gibt nur einen Weg. Er verdr├Ąngte die Angst, gab sich seinen Erwartungen hin und erlaubte es sich f├╝r einen Moment zu tr├Ąumen. Er dr├╝ckte die Klinke hinunter und trat in den Raum...
...Hallo, da bin ich und ich bin neu!
Ich will euch jetzt nicht lange mit meinem Lebenslauf nerven (ganz neugierige d├╝rfen gern an rupertdavis@web.de
schreiben und mich ausquetschen!) und euch erst einmal mein erstes hier ver├Âffentlichtes Werk vorstellen, das ihr gleich geniessen und nat├╝rlich auch nach herzenslust zereissen k├Ânnt. Ich freu mich aber auch ├╝ber positive Kritik.
Aber nun viel Spa├č...


Ein anderer Morgen

Nein, Ja, Nein, Nein, Ja, Nein, Nein.
Wie jeden morgen war er um Punkt sieben Uhr aus seinem tiefen, ereignislosen Schlaf erwacht. Wie jeden morgen hatte er sich gleich darauf in die kleine Erfrischungszelle des Doppelzimmers begeben und sich gewaschen. Und wie jeden Morgen hatte er danach sein Bett in Ordnung bringen wollen, doch an diesem Morgen war etwas sehr merkw├╝rdiges passiert. Ein kleiner Zettel hatte unter dem schmalen T├╝rspalt hervorgelugt.
Jetzt sa├č er nun schon seit fast einer dreiviertel Stunde mit dem Zettel in der Hand auf seinem ungemachten Bett und starrte auf die kryptischen Symbole, die jemand mit einem Kugelschreiber darauf gemalt hatte. Er verstand ihren Sinn nicht und er konnte ihn bislang auch nicht deuten, alles was er erkannte waren unregelm├Ą├čige Wiederholungen der gleichen Zeichen, ja sogar Wiederholungen der gleichen Zeichenfolgen. Aber bis zu diesem Moment hatten ihn all seine ├ťberlegungen zu keinem Ergebnis gef├╝hrt. Dann, pl├Âtzlich, durchfuhr es
ihn wie ein Blitz. Es waren Worte! Er war ├╝berw├Ąltigt von
der Idee, Worte, etwas, das man sagen konnte, einen Laut, in gemalte Zeichen zu verwandeln. Zeichen, die man sehen und wieder in Worte ver├Ąndern k├Ânnte. Diese Entdeckung schien den Horizont seiner Vorstellungskraft ins unendliche explodieren lassen zu wollen. Er war noch nie im Leben so aufgeregt gewesen. Wenn man Worte malen konnte, und gemaltes Worte waren... Er war n├Ąmlich selbst ein K├╝nstler.
Aufgew├╝hlt rutschte der kleine Junge von seiner Matratze herunter. Bis auf die Tatsache, dass er keine Haare hatte, erweckte er in seinem wei├čen, schmucklosen Overall den Eindruck eines kerngesunden, pr├Ąchtig entwickelten Zw├Âlfj├Ąhrigen. Seine Arme verschwanden unter der Matratze, die auf einem einfachen Stahlgestell lag und erschienen kurz darauf wieder mit einem kleinen Papierstapel und einem roten Filzschreiber. Er hatte diese Dinge vor ein paar Tagen, aus einem Impuls heraus, bei seiner letzten medizinischen Untersuchung vom Schreibtisch des Doktors mitgenommen. Er kletterte wieder auf sein Bett und begann die bemalten Zettel vor sich auszubreiten, verfiel in eine apathische Haltung und sortierte sie alle nach bestimmten Kriterien. Bilder mit vorwiegend runden Linien auf einen Stapel, Bilder mit gezackten Linen auf einen anderen und Bilder, bei denen er versucht hatte, Gegenst├Ąnde zu malen auf einen dritten. Eins legte er einzeln beiseite. Es war ein Selbstbildnis. Er hatte einen ganzen Tag lang damit zugebracht, sein Gesicht abzutasten um die Form mit dem roten Filzer auf das Papier zu ├╝bertragen. Letztendlich war er mit seinem Werk sehr unzufrieden gewesen und selbst sein Zimmergenosse, der bis gestern noch das Bett auf der gegen├╝berliegenden Seite belegt hatte, hatte ihm gesagt, dass es kaum so aussah wie er selbst. Aber ganz besonders ├Ąrgerten ihn die kleinen eingedr├╝ckten Punkte und verschmierten Linien, die jedes Mal entstanden waren, wenn er beim Zeichnen die Zeit vergessen hatte und er pl├Âtzlich die Schritte der W├Ąrter vor der T├╝r geh├Ârt hatte. Er wusste nicht, ob er etwas verbotenes tat, aber er glaubte es sei besser, die Bilder vor ihnen zu verstecken. Bisher hatten sie nichts entdeckt.
Zufrieden betrachtete er die roten Bilder. Die Farbe des Stiftes und die Formen, die er damit malen konnte, faszinierten ihn mehr als alles andere in seinem Leben. Die roten Linien auf seinen Bildern waren die einzige Farbe, die er kannte. Sein
ganzes Zimmer und auch die wenigen R├Ąume, in denen er bisher sonst gewesen war, waren kalkwei├č gestrichen. Sein Overall war wei├č und ebenso seine Bettw├Ąsche. Das Gestell seines Bettes schimmerte im matten Glanz unbehandelten Metalls. Schimmerte im glei├čenden Licht der strahlend hellen Deckenleuchte. Dies und die kleine Waschnische waren seine Welt. Das war alles, was er kannte. Das und sein Traum, immer bessere und sch├Ânere Bilder zu malen. Er l├Âste sich von seinem Traum und starrte wieder auf den mysteri├Âsen Zettel.
Und pl├Âtzlich traf ihn die Erkenntnis ein weiteres Mal.
┬╗Ja!┬ź, rief er aus. ┬╗Nein!┬ź, murmelte er.
Die Zeichen auf dem Zettel waren Antworten, Antworten f├╝r...
Er schreckte auf. Der Test! Heute war sein letzter Test. Verzweifelt versuchte er sich zu erinnern, wie lange er schon wach war. Die W├Ąrter k├Ânnten jeden Moment kommen und ihn abholen. Gestern waren sie da gewesen und hatten seinen Zimmergenossen geholt. Wenn sie die Bilder entdeckten! Hastig kramte er sie und den roten Stift zusammen, stopfte alles wieder unter die Matratze und machte in Windeseile sein Bett. Nur den fremden Zettel behielt er noch in der Hand. Als er mit allem fertig war setzte er sich ordentlich auf die Bettkante und las die Zeichen laut ab. ┬╗Nein, Ja, Nein, Nein, Ja, Nein, Nein.┬ź So war es richtig, genauso musste es sein. Es waren die Antworten f├╝r den Test. Er sagte sie noch einmal auf und versuchte sie sich zu merken. Und noch einmal und noch einmal. Als drau├čen auf dem Gang dumpfe Schritte ert├Ânten, stopfte er den Zettel hastig zu den anderen unter die Matratze. ┬╗Nein, Ja, Nein, Nein, Ja, Nein, Nein.┬ź, wiederholte er noch einmal fl├╝sternd um sicherzugehen, dann ├Âffnete sich die T├╝r.


Dan Hosanna lie├č seinen massigen K├Ârper in den B├╝rosessel hinter seinem schweren Schreibtisch sinken. Die gelblichen Strahlen der Morgensonne drangen durch die d├╝nnen Spalten der Lammellenjalousien hinter ihm und zerteilten den
d├╝steren Raum mit reglosen Kaskaden hellen Lichts. Es war Montag, und montags war es am schlimmsten. Missmutig, beinahe widerwillig aktivierte er das Flachbilddisplay auf seinem gro├čen Schreibtisch. Seine H├Ąnde fuhren ├╝ber das Holz. Es war gutes, teures Holz. Aber nach all den Jahren konnte ihn das ebenso wenig aufmuntern wie der komfortable Ledersessel. Auch das unversch├Ąmt hohe Gehalt, das er f├╝r seinen einfachen Job bekam, tr├Âstete ihn mittlerweile ├╝ber nichts mehr hinweg. Aber er bekam das Geld auch nicht f├╝r den Job den er tat, er bekam es f├╝r seine Moral, sein Gewissen, f├╝r seine Seele, die er verkauft hatte.
┬╗Leiter der Qualit├Ątskontrolle┬ź. Das war es, was er zu antworten pflegte, wenn man ihn nach seinem Beruf fragte.
┬╗In welchem Bereich denn?┬ź, war dann h├Ąufig die n├Ąchste Frage. ┬╗Wissenschaftlich!┬ź, entgegnete er f├╝r gew├Âhnlich. Das ersparte ihm weitere Detailfragen.
Ein dumpfer Signalton riss ihn aus seinen tr├╝bseligen Gedanken. Sein Rechner war bereit und auf dem Flachbildschirm leuchtete seine heutige Auftragsliste auf. Es gab wieder 68 Entscheidungen zu treffen. Zwar galten dabei vorgeschriebene Kriterien, aber es gab immer gewisse Grauzonen und somit war es letztendlich immer irgendwie seine Entscheidung, seine Schuld. Aber vielleicht w├╝rde es heute besser werden, vielleicht w├╝rde er heute einen richtig guten Tag haben. Unauff├Ąllig kontrollierte er den gro├čen Schubladenschrank unter seinem Schreibtisch, aber er war immer noch verschlossen.
Ein leichtes L├Ącheln schlich sich auf seine d├╝stere Miene, das seinem von Gramfalten zerkl├╝ftetes Gesicht einen grotesken Ausdruck verlieh. Es war keine Freude, aber zum erstenmal, seitdem er diesen Job hatte, war er gespannt darauf, was an diesem Tag passieren w├╝rde. Er warf einen Blick auf die Uhr. Sein erster ┬╗Pr├╝fling┬ź, wie er sie nannte, sollte bereits auf dem Weg zu ihm sein. Er fand, es klang pers├Ânlicher und machte seinen Job ertr├Ąglicher. Es dauerte keine zwei Minuten mehr, bis sich die schwere T├╝r gegen├╝ber seinem Schreibtisch ├Âffnete und sein Arbeitstag begann.
┬╗Komm herein!┬ź, sagte er mit tiefer, freundlicher Stimme.
Ein kleiner, haarloser Junge in einem wei├čen Overall trat durch die halb ge├Âffnete T├╝r in den von Lichtstrahlen durchzogenen Raum. Helle Linien legten sich ├╝ber seinen Overall. Seine Blicke strichen durch den Raum, musterten den gro├čen Schreibtisch, den gewaltigen alten Mann dahinter, den breiten Sessel davor und wechselten schlie├člich neugierig zwischen den beiden gro├čen T├╝ren hin und her, die den Raum flankierten. Dan wusste, was sich hinter diesen beiden T├╝ren befand, deshalb positionierte er sich auch stets so an seinem Schreibtisch, dass die rechte T├╝r au├čerhalb seines Blickfeldes lag. Aus seiner Sicht konnte er sie verbannen, aber nicht aus seinen Gedanken.
┬╗Setz dich!┬ź, sagte er h├Âflich und deutete auf den gro├čen Sessel vor seinem Schreibtisch. Er sah den Jungen nicht an. Seine Augen waren zwar auf ihn gerichtet, aber er sah mehr durch ihn hindurch. Er wusste ohnehin wie er aussah. Der Junge rutschte auf den viel zu gro├čen Sessel.
┬╗Leg bitte deine Hand auf die Metallfl├Ąche┬ź, bat Dan ihn und er gehorchte. Auf seinem Bildschirm erschien eine Nummer, die in dem winzig kleinen Chip gespeichert war, den der Junge unter der Haut seiner rechten Handfl├Ąche trug. Dan verglich die Nummer mit der ersten seiner Auftragsliste und best├Ątigte die ├ťbereinstimmung auf dem Touchscreen. Dann r├Ąusperte er sich und wandte sich dem Jungen zu. ┬╗Bist Du aufgeregt?┬ź
Der Junge zuckte innerlich zusammen. Nein, ja, nein, nein, ja, nein,
nein, hatte er in Gedanken immer wiederholt. Die Antworten f├╝r den Test. Aber war dies schon die erste Frage? Hatte der Test schon begonnen? Nat├╝rlich war er aufgeregt. Er wusste nicht, was mit ihm passieren w├╝rde, er wusste nur, dass er nicht mehr in sein Zimmer zur├╝ckkehren w├╝rde. ┬╗Nein┬ź, antwortete er ausdruckslos. Dans Stirn zog sich immer weiter zusammen, in den Sekunden die vergingen, bis der Junge endlich geantwortet hatte. Die Pr├╝flinge sollten die Fragen einfach nur beantworten, wenn sie erst noch dar├╝ber nachdachten, dann waren sie schon durch das enge Raster von Testkriterien gefallen. Diesmal war es knapp gewesen.
┬╗Wei├čt Du, wie viel drei und drei sind?┬ź Dies war eine Frage, ├╝ber die er nicht nachdenken musste, nat├╝rlich wusste er es. Er hatte den Mathetest mit Bravour bestanden. Es waren...
Im letzten Moment hielt er sich zur├╝ck, das Ergebnis zu sagen. ┬╗Ja┬ź, antwortete er stattdessen. Der dicke Mann hinter dem Schreibtisch nickte und ber├╝hrte mit einer Hand seinen Bildschirm. ┬╗Hast Du einen Traum?┬ź, fragte er dann. Der Junge konnte sich gerade noch beherrschen aus einem Impuls heraus zu nicken. Nat├╝rlich hatte er einen Traum, er wollte K├╝nstler werden, er wollte Bilder malen. Aber der
Zettel der unter seiner T├╝r hervorgelugt hatte, sagte etwas anderes, also antwortete er: ┬╗Nein.┬ź
┬╗Denkst Du oft nach?┬ź
Pausenlos. ┬╗Nein.┬ź
┬╗Warst Du bei allen medizinischen Untersuchungen?┬ź.
Er wusste nicht genau, wie viele ┬╗alle┬ź waren. ┬╗Ja┬ź, antwortete er.
Dan nickte zufrieden. Der Junge hatte die zweite Falle im Test gemeistert, die freies Denken enttarnen sollte. Jeder andere h├Ątte sich n├Ąmlich zuerst erkundigt, wie viele
es gewesen sein m├╝ssten.
┬╗Haben sie Dir Angst gemacht?┬ź Die ├ärzte, die unheimlichen Maschinen mit ihren Kabeln, Sensoren und Nadeln. ┬╗Nein.┬ź
┬╗Hast Du Dich schon einmal gefragt, wie Du aussiehst?┬ź
Es war die erste Frage, die er sich selbst gestellt hatte und der Junge wunderte sich, warum der Mann gerade das wissen wollte. Einen Moment zweifelte er an den Antworten auf dem Zettel, rang sich dann aber doch zu einem ┬╗Nein┬ź durch.
Dan nickte und sein Gesicht verzerrte sich zu einem schmalen L├Ącheln. Schon das zweite Mal an diesem Morgen. Der erste Pr├╝fling hatte den Test bestanden und alle sieben Fragen richtig beantwortet. Eine falsche Antwort und er w├Ąre durchgefallen. Er hatte keine Emotionen, befolgte seine Anweisungen w├Ârtlich und er hatte weder ein Bewusstsein, noch ein Ich-Bewusstsein entwickelt. Das war es jedenfalls, was den Wissenschaftlern an diesem Test wichtig war. Dan hatte keine Ahnung, wie sie diese Dinge genau herleiteten, er war nur dazu da, die Fragen zu stellen und die Antworten in das Raster einzutragen. Und, entsprechend des Ergebnisses, die Jungen durch die rechte oder durch die linke T├╝r hinauszubitten.
┬╗Sehr gut, Du hast bestanden┬ź Dan deutete mit erl├Âster Miene auf die linke T├╝r. Eigentlich war es ihm verboten, mehr als n├Âtig zu sagen. Aber er sagte es immer so, auch wenn der Pr├╝fling nicht bestanden hatte und durch die rechte T├╝r gehen musste.


Was war nur geschehen? Er starrte auf den Bildschirm vor ihm. Zahlenreihen, Diagramme, Texte und Bilder liefen in unglaublicher Geschwindigkeit dar├╝ber. Die Manschette, die man ihm um den Kopf geschnallt hatte, dr├╝ckte und sein Kopf schmerzte aufgrund der unz├Ąhligen Informationen, die im Millisekundentakt in ihn hineingepumpt wurden. Er schaffte es kaum noch, klar zu denken. Es kostete ihn M├╝he, einen klaren Gedanken zu fassen. Es f├╝hlte sich an, als w├╝rde etwas sein Gehirn auffressen wollen. Er konnte sich kaum noch an den Test erinnern, den er absolviert hatte. Die Fragen, die Antworten und was danach geschehen war. Immer mehr wurden seine Gedanken von den neuen Informationen in die Ecke gedr├Ąngt und er sp├╝rte, wie er immer mehr von ihnen verlor. Kernphysik nahm ihren Platz ein, dann folgte Chirurgie. Was sollte er damit anfangen?
Ein rotes Diagramm blitzte auf dem Bildschirm auf. Rot! Es gab noch so viel mehr Farben auf diesem Monitor und sie peitschten ihn aus. Wann lernte er zu malen? Seine Augen tanzten den fliegenden Zeilen auf dem Bildschirm hinterher. Sie tanzten und er hatte M├╝he sie zu stoppen. Er k├Ąmpfte gegen den Zwang an. Es bereitete ihm immer mehr Qualen. Er glaubte innerlich zu zerrei├čen. Mit einem verzweifelten Aufb├Ąumen aller Kraft gelang es ihm, die Augen zu schlie├čen. Der Schmerz explodierte, er wollte schreien, doch er hatte keine Gewalt ├╝ber seine Stimme. Die Informationen schlugen weiter auf ihn ein, schlichen sich direkt in seine Gedanken, aber sie ├╝berfluteten ihn nicht mehr so heftig. Er ├Âffnete die Augen, starrte ├╝ber den Monitorrand. Ein gequ├Ąltes L├Ącheln huschte ├╝ber sein Gesicht. Tats├Ąchlich, er war es. Sein Zimmergenosse. Seine Augen zuckten, starrten auf den
Monitor vor ihm, zuckten hin und her, flimmerten beinahe in ihrer schnellen Bewegung. Auf seinem Kopf klemmte dieselbe Manschette, die er auch trug. Kleine bunte Dioden blinkten an ihr. Er wollte ihn auf sich aufmerksam machen, wollte ihm zuwinken, aber seine H├Ąnde waren festgeschnallt.
┬╗Hey!┬ź, rief er ihm zu, aber er reagierte nicht. ┬╗Hallo!┬ź, versuchte er es noch mal. Erfolglos. Er beobachtete ihn eine Weile, w├Ąhrend die Informationen weiter in sein Gehirn flossen. Er war bereits bei Gentechnologie angekommen und sein Traum, K├╝nstler zu werden, br├Âckelte St├╝ck f├╝r St├╝ck. Verzweifelt drehte er seinen Kopf nach links. Da war er wieder! Sein Zimmergenosse. Aber...? Sein Kopf ruckte wieder zur├╝ck und musterte den Jungen auf der gegen├╝berliegenden Seite. Das war er auch. Sie sahen gleich aus! Wie konnte das sein? Sein Blick huschte verwirrt zwischen den beiden hin und her, dann sah er nach rechts. Und da sa├č er auch. Er beugte sich etwas vor. Es war eine ganze, nicht enden wollende Reihe. Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Bildschirme in beiden Richtungen und auf der anderen Seite und auch noch dahinter. Alle sa├čen sie konzentriert davor. Alle sahen sie
so aus wie sein Zimmergenosse. Pl├Âtzlich durchfuhr ihn ein Schmerz, den er bisher noch nicht kannte. Es stach nicht, es brannte nicht und es pochte auch nicht. Es war ein Schmerz in seinen Gedanken. Pl├Âtzlich glaubte er zu wissen, wie er selber aussehen musste, pl├Âtzlich begriff er, dass sich sein Traum nie erf├╝llen w├╝rde. Er w├╝rde vernichtet werden, aber ein Teil von ihm w├╝rde f├╝r immer dableiben. Dableiben und diesen fremden Schmerz verursachen. Er w├╝nschte sich, nie geboren zu sein, w├╝nschte sich auf der Stelle zu sterben, aber er war gefangen.


Der letzte Pr├╝fling verschwand durch die linke T├╝r und Dan Hosanna lie├č sich erleichtert in seinen luxuri├Âsen Sessel zur├╝ckfallen. Sein Gewissen fra├č sich durch seine Seele, wandte sich wie eine Schlange in seinen Eingeweiden und wilderte. Auf seinem Bildschirm verschwand die Liste mit den Seriennummern der heutigen ┬╗Erzeugnisse┬ź. Er sp├╝rte, dass er diesen Job nicht mehr lange durchhalten w├╝rde. Es waren keinen defekten Radios, die er aussortierte, es waren immer noch Menschen. Zumindest Lebewesen. Zu einem gewissen Teil wenigstens, auch wenn sie keine Pers├Ânlichkeit besa├čen. Und wenn sie doch eine hatten, dann wurden sie aussortiert, umgebracht, vergast. Sein finsterer Blick fiel auf die rechte T├╝r, die aus seinem Raum herausf├╝hrte. Einundzwanzig! Einundzwanzig Mal hatte er heute auf diese T├╝r deuten m├╝ssen. Einundzwanzig dieser Jungen hatte er dort hineingeschickt. Einundzwanzig hoffnungsvolle junge Leben beendet. Und das nur, weil sie Pers├Ânlichkeit besa├čen. Dan verstand nicht, wieso man sie t├Âten musste, aber er verstand, dass es falsch war. Trotzdem machte die Zahl ihm auch Mut. Einundzwanzig! Es waren weit weniger als die ├╝blichen 50%, die er sonst Tag f├╝r Tag durch diese grausame T├╝r schicken musste. Er f├╝hlte sich nicht viel besser, aber es war ein Anfang. Er beugte sich vor und seine wurstigen Finger w├╝hlten in einer der Schubladen. Er nahm einen Umschlag heraus und erhob sich aus seinem Sessel. Die morgigen Klone sollten aus Trakt 35 kommen. Er w├╝rde also auf dem Nachhauseweg noch einen kleinen Umweg machen m├╝ssen. Etwas geduckt sp├Ąhte er in den Umschlag hinein um den Inhalt zu ├╝berpr├╝fen. Es waren viele kleine Zettel. Nein, Ja, Nein, Nein, Ja, Nein, Nein. Er l├Ąchelte.

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Rote Socke
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Registriert: Not Yet

Hallo Rupert,

zu einem f├Ąllt mir die Kritik sehr leicht zum anderen wieder nicht. Ich versuch mal was vern├╝nftiges r├╝ber zu bringen.

Die unheimliche und bedrohliche Tatsache, dass 21 Jungen ihr Leben verloren, wegen ihrer Pers├Ânlichkeit, das ist ein interessanter Backround, der sich aber in der L├Ąnge des Textes verlor. Also die Geschichte ist zu lang, zumindest f├╝r die Leselupe, nach meinem Empfinden. Bzw. wenn es so sein muss oder es ein Ausschnitt aus einem gr├Â├čeren Werk ist, dann solltest Du in der Rubrik Erz├Ąhlungen posten. F├╝r eine Kurzgeschichte fehlt mir ein wenig der Drive.

Es hat sich ein wenig eingeb├╝rgert, dass kurze Texte bevorzugt gelesen werden. Mir geht das mittlerweile auch so. Wenn Du also l├Ąngere Werke hast, so stelle sie in einer Kurzfassung ein. Dann ist die Ressonanz gr├Â├čer. Nat├╝rlich gibt es keine Regeln dazu, jeder kann und darf wie er mag. Mit der Zeit kennt man halt eine Menge Schreiber hier und dann bekommst du vern├╝nftige Kritiken nicht mehr hin, wenn man t├Ąglich nur lange Texte lesen m├╝sste. So viel dazu!

Mir pers├Ânlich war der Anfang schon zu langatmig, bis die Beschreibung des "Er" folgte. Immer nur vom "er" lesen und nicht wissen wer "er" ist, das wird schnell langweilig. Danach schreibst Du eine interessante Beschreibung des Jungen und das macht die Story wieder interessant. Das w├╝rde ich etwas vorziehen, mehr an den Anfang.

Dein Schreibstil finde ich glatt, der ist keinesfalls langweilig. Es gibt kaum Holpersteine und der Satzbau ist nicht schlecht, so weit ich das beurteilen kann und darf. Das l├Ąsst sehr hoffen, dass Du noch mehr Werke hier einstellst, aber wie gesagt, besser etwas k├╝rzer. Der Inhalt ist wirklich nicht uninteressant.

So weit mal f├╝r's Erste.

Gruss
Volkmar

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Rupert Davis
Hobbydichter
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danke

hallo volkmar,

danke erstmal f├╝r die kritik.
ich denke mal da hast du recht, was die l├Ąnge betrifft. insbesondere mit dem "langatmigen" anfang. ich denke wenn der anfang knallt und man den leser schnell an die geschichte fesseln kann, w├╝rde die l├Ąnge wohl nicht mehr so ein faktor sein.
und was das langatmig betrifft, da magst du sogar auch recht haben. von dieser seite habe ich es nicht gesehen, weil ich eine bestimmte intention mit dieser art der einf├╝hrung verfolgt habe.
ganz kurz:
zuerst wollte ich einen "leer"-charakter haben, um f├╝r den anfang ein vakuum zu haben, das der leser getrost mit sich selbst f├╝llen darf. das auch nur, damit man dieses unglaubliche ph├Ąnomen, das "er" entdeckt (die schrift), die ja f├╝r jeden eigentlich selbsterst├Ąndlich und alles andere als ein wunder ist, besser nachvollziehen kann. ausserdem dachte ich, w├╝rde der kleine junge eine l├Ąngere einf├╝hrung brauchen, damit der leser ihn auch sch├Ân lieb gewinnen kann. dadurch wird das ende schlimmer!

bei der sache das die 21 kinder untergehen, magst du auch recht haben, aber von meinem standpunkt aus, m├Âchte ich dir mal konkret widersprechen.
hier mein stabdpunkt:
zum einen ist es nicht der kernpunkt der geschichte, und zum anderen ist das ja in der welt in der sie spielt, nichts besonderes. an den anderen tagen hat dan hosanna vielmehr klone t├Âten lassen m├╝ssen. es ist sein job. und in dieser welt gibt es unsere welt nicht, also darf ich gar nicht mit urteil implizieren, das unseren moralvorstellungen entspricht.
ausserdem wird diese sache ja nur durch seinen blickwinkel geschildert und das ist eben der job den er schon sein leben lang aus├╝bt. ich denke deshalb darf ich es gar nicht gro├čartig hervorheben und als wirklich ├╝bel darstellen. in diesem zusammenhang geht es ja nur um diesen zwiespalt in dem dan sitzt. er ist fehlerhaft in dieser welt, weil er ein gewissen hat!

aber diese kritik f├╝hrt mich zu der interessanten frage, wo du denn ├╝berhaupt den kernpunkt, die aussage, die tiefere bedeutung gesehen hast? (ich wei├č, es sind mehrere drin. einige beabsichtigt, andere, wie wir sp├Ąter aufgefallen ist kann man locker reininterpretieren)

du darfst nicht nur den schreibstil beurteilen, sondern mu├čt es sogar. und das auch ohne jegliches spezielle wissen ├╝ber dramatik, satzbau, grammatik und der ganze kram. wichtig ist eben wie der leser es empfindet. es freut mich nat├╝rlich sehr, das dir gerade dieser wichtige punkt gefallen hat. die tollste geschichte wird niemand m├Âgen wenn sie mit hoppels├Ątzen daherkommt.

aber was die l├Ąnge angeht sollte ich deinen rat so etwas in erz├Ąhlungen zu stellen wohl beherzigen.
insbesondere weil ich ja zugeben mu├č, dass ich diese geschichte schon unter sehr strengen restriktionen was die l├Ąnge angeht geschrieben habe.
ich bin irgendwie kein mann der wenigen worte. das vor allem, weil ich nach bildern schreibe. grundlagen f├╝r meine geschichten sind neben den grundideen, immer bilder die ich im kopf habe. bei mir l├Ąuft das ungef├Ąhr so das andauernd ideen und bilder in meinem kopf herumschwirren und ab und an treffen mal zwei aufeinander.
das selbe prob habe ich auch mit meinem buch an dem ich arbeite. so viele bilder und ein roman (schinken) hat nur so wenig seiten (bin irgendwo ├╝ber sechshundert!)

naja, und bei meinen kritiken und antworten halt ich mich auch irgendwie nie wirklich kurz!

also jetzt!
danke!

viele gr├╝├če,

rupert

__________________
Bin ich jetzt am Ziel?
...oder am Ende?

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Rupert,

was vielleicht noch zu bedenken w├Ąre: Je nachdem wo Du mehr den Schwerpunkt der Geschichte legst, solltest Du gezielt den Spannungsbogen dahingehend aufbauen. Also dem Leser einige H├Ąppchen als Vorgeschmack geben, die er als K├Âder schluckt, aber unbedingt erfahren will wie es denn jetzt weitergeht oder endet.

Falls Du an der Story nochmals basteln willst, kannst mir ja Bescheid geben, wenn Du sie neu postest.

Gruss
Volkmar

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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hi, rupert,

mir liest sich das wie ein romananfang. ich k├Ânnte mir gut vorstellen, da├č deine protagonisten noch viel mehr erleben und sich irgendwann wieder begegnen. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Rems Florian
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2001

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Hallo Rupert,


also ich kann die Kritik wegen der L├Ąnge ├╝berhaupt nicht verstehen. Ich finde deine Geschichte so interessant, da muss man einfach weiterlesen. Allerdings seh ich da mehr einen Anfang eines Romans oder etwas ├ähnlichem. Aber die L├Ąnge st├Ârt ├╝berhaupt nicht. Mach weiter so und vielleicht hast du ja Lust auf eine Fortsetzung. Also ich bin schon gespannt.

Gruss

Florian

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