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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein angehender Schriftsteller trifft einen volksnahen Intellektuellen ...
Eingestellt am 16. 09. 2005 20:41


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Cyrano
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Na, und, was machst du denn jetzt so?

Ein angehender Schriftsteller Trifft auf dem Weinfest einen Volksnahen Intellektuellen...




„Also bin der volksnahe Intellektuelle“. Mit breitem, kollegialem Grinsen stand er vor mir, als sei er gerade eben erst aus der Menge aufgetaucht. Es war einer dieser ehemaligen Klassenkammeraden, die nach dem Abitur in der Versenkung verschwunden waren. „Ein Mensch, dem man seine Intelligenz nicht vorwirft“ Intelligenz... ja. Er war einer derer, die irgendein gruseliges dunkles Loch so dankbar verschluckt zu haben schien, und die es j├Ąh zu solchen Anl├Ąssen, leider mit einer beeindruckenden Regelm├Ą├čigkeit, das ist zu bemerken, wieder auszuspucken pflegt. Vor der Begegnung mit einem Mitglied dieser Spezies hatte es mir den ganzen Abend gegraut. Und dann auch noch ein Intellektueller. Selbsternannt. Und volksnah, Entschuldigung.
Bis zu dieser Bemerkung muss die Unterhaltung schon eine knappe Stunde fortgedauert haben. Mindestens. Die Eint├Ânige Musik und mein mittlerweile auch solchen Gesch├Âpfen gn├Ądig gestimmter Geist hatten gl├╝cklicherweise die meiste Zeit in jenem wohligen D├Ąmmerschlaf verbracht, der es auch in der Schule erlaubt hat, dem Unterricht brav zu folgen, nebenbei Schiffe zu versenken, und, in einer Art gleichg├╝ltig interessierten Lethargie, noch die ein oder andere anerkannte Mitarbeit zu leisten.
„Also der Mensch, der dem gemeinen Wesen noch nahe steht, ohne seine Intelligenz vorgeworfen zu bekommen“. Es ging als noch weiter... und wieder dieses Wort...

Da ich bereits mit der Klimax eingestiegen bin, m├Âchte ich nun doch einmal kurz versuchen, den Verlauf des mono-dialoges zu skizzieren, der es mir schlie├člich erst erlaubte, an jenem Hochgenuss menschlicher Wahrheitsfindung in perfektionierter Sebstcharaktrisation teilzuhaben. Hierf├╝r ist an erster Stelle die Atmosph├Ąre der Festlichkeit zu umrei├čen, auf welcher sich dieses ganz und gar nicht schicksalhafte Zusammentreffen ereignete.

Es war n├Ąmlich ein Weinfest.
Das ist eine jener Saufveranstaltungen, auf die neben dem ├╝blichen P├Âbel, Punks, Arbeitslosen und Jugendlichen bis 14 auch gesittetere G├Ąste zugelassen sind. Und selbst wenn hier der B├╝rgermeister beim Lotz in die Einfahrt kotzt ist dass OK.
In einer typischen deutschen Kleinstadt treffen auf einem Weinfest Welten aufeinander. Zumindest innerhalb des Horizontes eines typischen deutschen Kleinstadtb├╝rgers. Ja, im schlimmsten Fall l├Ąuft hier sogar der volksnahe Intellektuelle dem Volke einmal ├╝ber den Weg.
Die Musik ist ausgelassen, die Menschen sind es sowieso, wer es nicht ist, der ist krank, und wenn das nicht zutrifft, nun, dann l├Ąsst man sich hinter seinem R├╝cken ├╝ber den Betreffenden aus.
F├╝r so manches Trauerspiel, das ist nun wohl unschwer zu verfehlen, bietet jenes Weinfest also eine perfekte Kulisse. Einheit von Ort, Zeit und Handlung sind auch gegeben, und, wei├č Gott, w├Ąre es anders, es bliebe wohl einiges erspart.
Damit ist die Erz├Ąhlung auch schon beim eigentlichen Gespr├Ąch angelangt(der Leser mag mir glauben, dass auf einem nicht literarischen Weinfest die Zeit niemals so schnell verfliegen will).
Solche Gespr├Ąche, kommen sie denn wirklich in der selbigen F├╝lle vor, in der ich sie in meinem noch kurzem nach - Schul Dasein erleben durfte, verlaufen immer nach ├Ąhnlichem Muster. Erst, und dass ist noch nicht verwerflich, wo es doch zumindest einen Anfang macht, wird man angesprochen. Es ist die Anrede in den meisten F├Ąllen ein Kommentar zu Kleidung oder Aussehen, meist mit konkretem Bezug zu Ver├Ąnderungen, die sich an selbigem seit der „gemeinsam“ verbrachten, ja, br├╝derlich geteilten Zeit eingestellt haben. Diese Einleitung ist immer als Kompliment gemeint, will sagen intendiert, darf sich aber keinesfalls so anh├Âren, ja darf niemals, und unter keinen Umst├Ąnden, jenen ironisch, kritischen Unterton missen lassen, der das Kompliment noch mehr als nur relativiert, der n├Ąmlich, und das ist unverzichtbar, einen ersten Reibungspunkt, eine Angriffsfl├Ąche zimmert.

Die Einleitung ist also immer dieselbe, und das hat seinen Grund. Es ist schlie├člich immens wichtig, zwar eine kollegiale Basis aufzubauen, ja, Freundlichkeit auszustrahlen. Gleichzeitig muss aber eine Gewisse ├ťberlegenheit suggeriert werden, die es erm├Âglicht, dass nun folgende, und in aller Regel einseitige Gespr├Ąch zu gestalten.

Da dieser Dialog nun, je nach Mitglied der Spezies ungeliebter Ex- Mitsch├╝ler, aus verschiedensten Bausteinen zusammengesetzt, und recht frei arrangiert sein darf, konzentriere ich mich fortan wieder auf das Interview (es so zu bezeichnen kommt mir nicht weiter anma├čen vor), das der Volksnahe Intellektuelle auf dem beschriebenen Weinfest mit mir zu f├╝hren die Dreistigkeit (und den Selbstdarstellungszwang, nennen wir es doch schon jetzt beim Namen), besessen hat.
Dieses Interview, es glich nun wirklich einem Frage und Antwortspiel, bei dem es mir abverlangt war, m├Âglichst geschickte, gewitzte, oder zufriedenstellende Antworten auf schwer greifbare, vielleicht auch zus├Ątzlich ├Âlig, glitschig pr├Ąsentierte Existenzfragen zu geben, und all dass, w├Ąrend ich, unter genauester Beobachtung des Gegen├╝bers, gelassen, und kumpelhaft freundlich meine eigenen Diskussionsf├Ąhigkeiten doch aufblitzen lassen sollte, dieses Interview begann mit einem netten. „Na, und, was machst du jetzt so?“
„Ich hole mir etwas zu essen!“. Fertig. Denkste.
„Entschuldigung, vielleicht habe ich mich ein wenig schwer verst├Ąndlich ausgedr├╝ckt. Ich meine im gro├čen“. Was der sich denkt... entscheidet so mir nichts dir nichts ├╝ber gro├č oder klein... „Wird ne gro├če Portion“, antworte ich...
„Was du mit meinem Leben machst...?“ Ich denke mir, das mit dem Essen ist┬┤n guter Anfang f├╝r das mit dem Leben, aber ich sehe dann doch ein, dass es sich nicht mehr wirklich lohnt, auf dem Essenswitz herumzureiten... „Studiere. Anglistik, Publizistik, AVL.“ „Was ist denn das?“ Was ist Was? „Vergleichende Literaturwissenschaft“. Die Kurzform. Darf ich jetzt weiter? Aber keine Chance, er hat dich schon am Haken.
Jetzt geht┬┤s los:
Man unterh├Ąlt sich ein bisschen, irgendwann wird sich schon ein Thema finden, an dem man sich so richtig satt rede kann. Meine Freundin nennt das nen intellektuellen Schwanzvergleich. Noch ein wenig weiter umkreisen. L├Âwen sind ├Ąhnlich geduldig, wenn sie einen Elefanten angehen.
Die Klamotten sind ein gefundenes Fressen, ne Debatte ├╝ber┬┤s anders sein? Der Volksnahe Intellektuelle schn├╝ffelt noch, erkundet das Terrain. Dass ich ├╝berhaupt kein Interesse Zeige, merkt er kaum... Hmmm, jetzt Ente in Erdnussbutter beim Chinesen um die Ecke. Aber der Elefant sitzt ja fest. Grade dreht sich das „Gespr├Ąch“ um die Stadt. Diese Stadt. Die mit dem Weinfest. Schei├čstadt! Aber das so formulieren? „Ich f├╝hl mich hier nicht besonders wohl... Ich will hier raus“.
Ein Fehler. Der L├Âwe springt, er bei├čt zu... Erwischt zwar nur raue, verhornte Haut, aber f├╝r ihn ist es etwas zum Spielen.
Von nun an, und ich denke das haben all diese Intellektuellen gemeinsam, mit Sicherheit sagen kann ich es aber zur Zeit nur f├╝r die volksnahen, von nun an hat er seinen Spa├č, die Demonstration kann beginnen:
„Mein Gott, du bist doch kein vergreister alter Mann, der irgendwo raus muss... wo willst du denn hin? In ein anderes Land? Eine gro├če Stadt?“ So wird das noch eine Zeitlang gehen, es ist m├╝├čig das nun alles noch einmal durchzukauen... zumindest wei├č ich nun, dass ich in den kommenden Minuten ├╝ber alles ausgequetscht werden werde, was man im entferntesten mit Reisen unter einen Hut bringen kann. Zum Chinesen, denke ich mir, keine 25 Meter von hier. Wie dem auch sei.
„Bist du ein Purist? Oder zieht es dich zum wilden Leben hin?“ Alles noch unverf├Ąnglich, hier kann, hier muss ich antworten, sonst folgt dieses erb├Ąrmliche Schweigen. Und so ein wenig H├Âflichkeit muss ich wahren... Was immer ich jetzt sage, es kann sowieso nur in eine Richtung weiter gehen, in die Tiefe.

Bildung, so wurde es der deutschen m├Âchte - gern - Elite vor einiger Zeit in einem Literarischen Erguss von (ist nur meine Meinung, sollte also beachtet werden, um hier einmal die Formulierungsformen jenes Textes aufzugreifen), eher zweifelhafter Qualit├Ąt beschrieben, Bildung ist ein Spiel mit genau vorbestimmten Regeln. Zu dumm, dass man das Spiel nicht allein spielen kann. Hier stehe ich nun also vor einem Gebildeten wie der arme Junge, den der Opa jeden Sonntag zum Schachspiel zwingt...
Fein, ich spiele nicht mit. Ich gehe jetzt was essen.
Wieder falsch gedacht, irgendwas an dem Plan funktioniert nicht. ich m├Âchte nicht ausschlie├čen dass diese Etwas in mir zu finden ist... Ergeiz? Eher nicht. H├Âflichkeit. Obwohl ich die doch manchmal missen lasse, will ich es jetzt so nennen. Zumindest scheint es mit diesem Bildungsspiel zu sein wie mit dem Krieg. Wenn eine Seite sich ├╝berlegt: „Ich spiele heute mal Krieg mit denen von nebenan“, dann k├Ânnen die nicht nein sagen. Sonst haben sie gleich verloren, und irgendwie trotzdem mitgespielt.

Wohl oder ├╝ber gehe ich also auf die Situation ein, gebe brav meine Antworten. Es geht dann auch gleich los. Zuerst einmal ├╝ber das Reisen, Zweck, und Gef├╝hle. Und warum ich hier weg m├Âchte... ich erkl├Ąre, dass mich die zunehmende Verst├Ądterung abschreckt, dass ich die Freiheit genie├čen m├Âchte, und dass ich ungern Teil einer Verwertungsmaschinerie werden m├Âchte, der ich mich hier, so mein Gef├╝hl, kaum entziehen kann. Ziemlich viel, f├╝r ein Weinfest. Manchmal reicht so ein Satz, um das Gespr├Ąch wieder angenehmeren Themen zuzuf├╝hren, manchmal endet der Schwanzvergleich hier. Diesmal nicht. Der volksnahe Intellektuelle m├Âchte Details. „Erkl├Ąre mir dass mal, wie du das meinst, mit der Verwertungsmaschinerie“. Spielt sein Bildungsspiel gut. Hat bestimmt das Buch gelesen. Vielleicht sogar ernst genommen. Eigene Bl├Â├čen verdecken, andere schonungslos offen legen. Bildung ist nicht das was ich wei├č, sondern alles, von dem ich vermuten lassen kann, dass ich es besser wei├č als der andere .
R├╝ckblickend muss ich bemerken, dass ich ihn an dieser Stelle wohl einfach h├Ątte bedauernd anblicken m├╝ssen, den Kopf sch├╝tteln, und vor mich hin murmeln, „Eieiei, schon wieder ein Opfer“. Oder sowas. Zur├╝ckblickend. Leider war mir im betreffenden Augenblick das mit dem Buch noch gar nicht in den Sinn gekommen, und so muss ich das bedauern wohl bei unserem n├Ąchsten Treffen nachholen.

Ich dachte mir in der Situation wohl eher etwas wie: „Erkl├Ąren, ach leck mich doch, kannste bei Marx nachlesen“. Ja, von einem volksnahen Intellektuellen kann ich doch erwarten, dass ihm bei dem Wort Verwertungs├Âkonomie, oder Maschinerie irgendetwas einf├Ąllt. Erkl├Ąren. Auf einem Weinfest. W├Ąr ja noch sch├Âner. Da eine ausgefeilte Erkl├Ąrung nun wirklich jeden Rahmen gesprengt h├Ątte, verschlug ich mich auf die emotionale Schiene. Die Schule, die Uni, Arbeit, Rente, Tot. Wof├╝r... B├Âlls Anektdote zur Senkung der Arbeitsmoral, die noch viel ├Ąltere Indianergeschichte gleiche Bauart und Aussage, und immer messen sie dich am verdienst.( Iss so┬┤n Schwanzvergleich ja fast human, dagegen), aber das sage ich nicht. Ich schlie├če mit den Worten: „Also in Deutschland k├Ânnte ich mit knapp 500 Euro locker leben, wo anders mit viel weniger. So funktioniert es ganz gut, er schlie├čt sich mir an. Freunde... Essen? N├Â, ist noch nicht drin. Wir sind nicht fertig miteinander.

Wenn ich tr├Ąumen d├╝rfte, fragt er mich, wenn ich tr├Ąumen d├╝rfte, was ich dann sein m├Âchte, wer ich dann sein m├Âchte, wo, und was ich mit meiner reichlich vorhandenen Zeit anfange. Nur wenn ich tr├Ąumen d├╝rfte, denn, diese Passage ist nun ziemlich verk├╝rzt, „wir“, hatten vorher festgestellt, realistisch kalkuliert werden wir doch alle hier bleiben, dass Studium beenden, uns einen Job suchen.
B├Âll.
Was w├╝rde ich also machen. Dass die Bemerkung mit der Nahrungsaufnahme sich mittlerweile aufgebraucht hatte, hatte ich ja eingesehen, also antworte ich wieder wahrheitsgem├Ą├č: „Also wenn ich einfach als Schriftsteller mein Brot machen w├╝rde...“ „Wenn du irgendwo am Meer sitzen k├Ânntest, und vom Schreiben leben, w├╝rde dich das erf├╝llen?“. Ne Unterbrechung. Die kann ich nicht leiden. und vom Meer hab ich gar nichts erz├Ąhlt. Warum in aller Welt, dass will mir bei r├╝ckwirkender Betrachtung nun gar nicht in den Kopf, soll mich denn allein das Schreiben erf├╝llen? Macht so ein Schriftsteller denn nichts anderes? Na ja, den Alkohol, und die M├Ądchen, die muss ich ja auch nicht jedem volksnahen Intellektuellen auf die Nase binden. Aber das Meer, also das hatte ich wirklich mit keiner Silbe ber├╝hrt. Aber dem Frieden wegen, und weil Wiederstand ja in diesem Bildungsspiel, ich habe bereits darauf hingewiesen, zwecklos ist; ich gehe darauf ein: „Wenn es nicht immer das selbe Meer ist... warum nicht? Es gibt ja so viel davon“.
„Warum willst du weg?“ da war er wieder. Der L├Âwe. Der Elefant hat sich ein Min├╝tchen zu lange seinen Tr├Ąumen hingegeben. ├äh... Hunger? Nee... Keinen Bock mehr auf die Stadt?... Auch nicht, das Thema hatten wir...
Schon hilft man mir auf die Spr├╝nge: „Warum nicht an einem Ort. Warum ist es wichtig zu reisen?“. Eigentlich reicht┬┤s mir. Ich m├Âchte den 50:50 Joker. Elende Fragerei. Kann ich das Publikum befragen? Jemand anrufen? den Pizzaservice vielleicht. Andererseits... meine Chance, mein Thema...
Es war vielleicht nicht dem Anlass angemessen, ja, mit Sicherheit war es ├╝bertrieben und anma├čend auf einem Weinfest, aber ich sah meine M├Âglichkeit. Pl├Âtzlich konnte ich der ganzen Sache ein Ende bereiten. Ein Monolog. Ja, ein Gleichnis:

Und da sprudelt es: „OK, Es geht doch letztendlich um die Erweiterung des Horizonts. Wir wollen lernen“,
...immer weiter reden...
„Und daf├╝r sollten wir neue Dinge entdecken, neue Sichtweisen kennen lernen, Sachen aus anderen Perspektiven betrachten“,
... nicht aufh├Âren...
„ ja, nat├╝rlich kann ich theoretisch auch an einem Ort bleiben, und mich kontinuierlich, und unbegrenzt neu erfinden“,
... richtig, erlaube ihm blo├č keinen Einwand...
„Aber was w├Ąre das denn f├╝r eine Qual“,
... und jetzt kommt┬┤s
„ Ich habe hier einen Vergleich f├╝r dich: Stell dir vor, du lebst mit zwei anderen Menschen in einem Raum. Theoretisch wirst du niemals alles in diesem Zimmer in deiner Lebzeit erfassen k├Ânnen, und die beiden mit ihrem ver├Ąnderlichen Geiste und ihren Charaktereigenschaften sollten dir immer neues Glauben, Schaffen und Denken liefern, dass du erforschen darfst.“,
... zugegeben, wirklich kein komplexes Gleichnis, aber es tut es...
„ Aber wie unsagbar langsam muss denn nach einiger Zeit, wenn doch mal alles bekannt erscheint, das Entdecken vor sich gehen ... wie viel einfacher ist es denn nun, Gedankenhorizonte auf Reisen zu durchsto├čen“
... Ziemlich dick aufgetragen, aber er war jetzt 5 Minuten ruhig... gleich gibt┬┤s was zu futtern...

„Aber“, f├Ąllt da die Stimme ein, welche ich durch meinen Redschwall nun erfolgreich f├╝r eine kaum zu untersch├Ątzende Zeit zur Ruhe rufen konnte, „Aber glaubst du, dass die Menschen auf der Welt wirklich so unterschiedlich sind?“ Verdammt, dass Bildungsspiel. Provokative, nicht zu widerlegende Thesen aufstellen. Wer schneller ist gewinnt.
Ja, es gibt schwarze, wei├če, rote, gelbe. Darf man nur denken. Den Gegner an den Rande des Rassismus dr├Ąngen. Mit Tabuisierungen gekonnt jonglieren.
Es gibt Menschen die seit 10 Generationen in einem sowohl geographisch als auch politisch hermetisch abgeriegelten Scho├č gewiegt werden. Die von Kindesbeinen an metaphorische Zuckerstangen zum Fr├╝hst├╝ck naschen. Und dann sind da die, die sich jeden Tag vor Bomben in Luftschutzbunker verkriechen. Die, die sich blitzartig in ihre kargen H├╝tten zur├╝ckziehen, wen die Kalaschnikow wieder den Ton des Dialoges angibt. Allein so sterben 500 000 im Jahr. Und die Kinder, die mit Schmetterlingsmienen spielen. Die jungen M├Ąnner, die man auf Kaffeeplantagen totpr├╝gelt.
Menschen, die ├╝ber politische und religi├Âse Repression nicht in Universit├Ąten, an Stammtischen, oder in alternativen Arbeitskreisen diskutieren.
Es gibt die, die jeden Tag mit der Angst leben, am folgenden die Sonne nicht mehr aufgehen zu sehen, und dass nur, weil sie sich das Privileg einr├Ąumen wollten, ihre Gedanken in die Freiheit zu entlassen. Und dann gibt es einige, die sich privilegiert genug f├╝hlen, all ihre Gedanken an jedem noch so unpassenden Ort, und oft auch noch sehr schlecht Reflektiert, aus der Sicherheit ihrer Gro├čhirnrinde zu entlassen. Ohne Furcht, und ohne sich f├╝rchten zu m├╝ssen. Und doch. Es gibt keine Unterschiede. Wie Rassistisch. Die Gedanken sind frei.

Auf diese Ausf├╝hrungen hin erfolgt die Behauptung, es ginge doch darum, die Menschen auf Grundbed├╝rfnisse zu reduzieren, dann seien sie doch alle gleich. Nat├╝rlich. Wie human. Die Reduzierung eines Individuums auf wenige Triebe. Dann darf ich mich auch an den W├Âlfen, den W├╝rmern und den Ratten nicht vergehen. Das ist wohl ein anderes Thema.
Oder geht es auch um Liebe, Religion, Freiheitsbegriffe. Sind das Grundbed├╝rfnisse? Dann kann ich innerhalb der grenzen deines gelobten Landes so viele Differenzen aufzeigen, dass jedes weitere Wort hier ├╝berfl├╝ssig w├Ąre. Ich bitte die Rage zu entschuldigen. In einer gepflegten Diskussion mit einem volksnahen Intellektuellen ist daf├╝r nat├╝rlich kein Platz.
Ich entgegne Humaner: „Nun, dass k├Ânnen wir wohl erst unterschreiben oder wiederlegen, wenn wir gen├╝gend Menschen kennen gelernt haben, um uns ein umfassendes Urteil zu bilden“.
Unentschieden. Besser so, irgendwie h├Ątten die ├ťberlegungen zum Menschsein in das Schema des Bildungsspieles wohl nicht reingepasst. Ich glaube nicht, dass meine Gedanken hier irgendetwas gegolten h├Ątten. Zu emotional vorbelastet. Nur so┬┤n Gef├╝hl.

Theorie, andererseits, die kann an sich gar nicht ausreichend vertreten sein. Die Postmoderne Sprach- und Literaturtheorie sei, so dass von mir schon mehrfach zitierte Werk, der schnellste, wenn auch steinigste Weg vom Bildungsb├╝rger zum gebildeten B├╝rger. Als rudiment├Ąrfanatischer Poststrukturalist, oder als Dekonstruktivist nach Derrida, sei es dann m├Âglich, jegliche Diskussion aufgrund der kurzentschlossen zu beurteilenden Sachlage, in das eigene Theoriefenster hineinzuzw├Ąngen, und aus dem sicheren Bergfried der theoriespezifischen Werkzeuge heraus gen├╝sslich die Ansichten der Gespr├Ąchspartner zu zerpfl├╝cken.
Ich schiebe das voraus, weil sich im folgenden das sprachliche Niveau meines Gegen├╝bers Nocheinmahl anheben soll, und dieser, die eben angerissenen Regeln strengstens beachtend, nun zum entscheidenden Schlag ausholen wird: „Ich meine, denkst du nicht, dass in den meisten F├Ąllen intrakulturelle Differenzen die interkulturellen mehr als aufwiegen sollten, und dass somit die Reise von Mensch zu Mensch weit erfahrungsreicher sein kann, als die zwischen den verschiedenen Kontinenten?“
Kann sie. Sicherlich. Der Satz h├Ątte fast von mir sein k├Ânnen. Im Seminar. Auf der Uni. Zum angeben, mit nem kleinen Apell f├╝r mehr Menschlichkeit, gew├╝rzt mit einer Prise Akzeptanz f├╝r die Individualit├Ąt des Einzelnen. Habe vorhin in meinem Gleichnis auch nichts anderes gesagt. Nur Wahrscheinlichkeiten abgewogen. Wie dem auch sei, es ist nicht der Rede wert. Intrakulturell hat er gesagt. Und Interkulturell. Mein Gott, Ja. Sp├Ąter Postkolonialismus. Ne Einf├╝hrung in Said gelesen, oder ne Biographie von Rushdie. Oder im Lexikon nachgeschlagen. Ich studiere jetzt ein ganzes Semester Literatur, und der denkt er kann mir so kommen. Kann er, nat├╝rlich. Hat theoretisch auch recht. ich kann ihn nicht wiederlegen, und ich will nicht weiter diskutieren. Rede noch ein wenig ├╝ber die Stadt. Das Weinfest. Intrakulturell hat er gesagt. Auf einem Weinfest. Rede ├╝ber die Leute. Das, was ich das Kuriosit├Ątenkabinett nenne. ├ťber nen Typen, der mit zwei Baseballm├╝tzen und nem Kopftuch auf mich zukommt, und mich h├Âflichst darauf hinweist, dass ich nun doch ein wenig komisch aussehe. Mensch, fehlt nur noch, dass er auch noch transkulturell gesagt h├Ątte. ├ťber den B├╝rgermeister und sein kleines Abendheuer mit der Seekrankheit am Ufer des Rheines... Moment. Der L├Âwe. So┬┤n schmarrn aber auch, ich dachte ich w├Ąr durch:

Die Bemerkung ├╝ber dem M├╝tzenmenschen war falsch. Ich h├Ątte es wissen m├╝ssen. Naiv - freundlich wie ich es nach einem solchen mono - Dialog manchmal zu werden pflege habe ich meinen Nacken dann doch noch recht billig feil geboten. Die M├╝digkeit mag ihr ├╝briges getan haben.

Zumindest ist nun wieder die Kleidung Thema.
Mit den Reaktionen m├╝sse ich rechnen. Jo.
Das sei hier nicht London, ich solle doch tolerant sein. Jo.
An sich sei die Kleidung, die Haare, der Bart, ja, alles durchweg zu loben. Aber ich wolle etwas darstellen, und auf das, was ich darstelle, m├╝sse ich mir Reaktionen gefallen lassen. Jo.

Jeder Mensch wolle etwas darstellen. Einen bestimmten Menschentypus, den er verk├Ârpern m├Âchte. Was ich denn darstellen wolle? Ich versuche auszuweichen, habe selten einen Menschen so einen Mist reden h├Âren: „Tut mir leid, ich sehe das anders, ich kann unm├Âglich mich selbst, so wie ich mich sehe, hier nun in genie├čbaren Scheibchen servieren“. „Nicht in Scheibchen. Im ganzen. Als Typ“. Der L├Âwe. „So habe ich das noch nie ausformuliert“.
Wie auch, ich glaube nicht dass der Mensch irgendetwas darstellen will. Ich glaube an Nuancen, an Feinschliff. Aber auch an viele einzelne Steine, die sich stetig neu gruppieren. Hesse. W├╝rde mein Gegen├╝ber jetzt bemerken. ist mir an sich egal. Warum nicht? Auf jeden Fall kein Marmorblock. Kein Schild drauf.
„Aber du denkst es“, sagt der andere.
„Nicht das es mir bewusst w├╝rde“.

R├╝ckblickend wird mir klar, dass hinter diesen Provokationen sicherlich eine sehr wohl durchdachte Philosophie h├Ątte stehen k├Ânnen, die zu widerlegen, zumindest aber in aller Ausf├╝hrlichkeit sich mit ihr auseinander zusetzen eine wahre Wonne an Erkenntnis h├Ątte enth├╝llen k├Ânnen. H├Ątte. Nun setze ich den artikulierten Bruchst├╝cken eines m├Âglichen Gedankenkomplexes die Ewigkeiten ├╝berdauernde Macht der Schrift entgegen. Nun ja, diesmal war ich schneller.

Mir wurde es letztlich zu bunt. Ich ging in die Offensive: „Was willst du denn darstellen“

Da war er. Kein zucken. Kein Blinzeln. Nicht ein Mundwinkel verzieht sich. Der Satz:

„Also ich bin der volksnahe Intellektuelle ... Ich behalte mir die Freiheit vor, meine Meinung jederzeit zu ├Ąndern. Wenn ich morgen den Autonomen ├╝berzeugend r├╝berbringe, dann kann ich auch der Autonome sein.“
Wenn man es genauer bedenkt, so ist der Unterschied zu meinen Steinen, und den Nuancen, und dem Feinschliff, wohl eher marginal. Wahrscheinlich ist es doch die Ver├Ąnderbarkeit, die den Charakter ausmacht, und da nehmen wir uns gar nicht so viel. Aber der Volksnahe Intellektuelle. Ja, der wird mir noch in einigen Jahren in den Ohren hallen, wenn mal wieder unverhofft das Gesicht eines weniger gerne gesehenen ehemaligen Klassenkameraden aus der Menge vor mir auftaucht.
Zum Gl├╝ck war das Gespr├Ąch dann auch schlagartig vorbei, die Blase meines Gegen├╝bers hatte schon vor l├Ąngerer Zeit zu dr├╝cken begonnen, und er wollte ihr wohl die Erleichterung nicht l├Ąnger verw├Ąren. Ich schlich auch von Dannen, endlich ein wenig Nahrung fassen, und dann auch den Topf besuchen.
Und so trennten wir uns denn, beide unsere Bed├╝rfnisse zu befriedigen.

Zumindest was die betrifft waren wir uns letztlich doch gar nicht so un├Ąhnlich



Cyrano

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knychen
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Der "agehende Schriftsteller", der den "volksnahen Intelektuellen", welcher sich nicht einig ist, ob er Gro├č oder klein geschrieben dem Anspruch eines Literaturforums, in dem wir uns ja ohne Zweifel befinden, gerecht wird, auf einem arschlangweiligen Weinfest trifft, kann ja dem Autor dieser Geschichte, welche sich in unendlichen, manchmal schwer zu verstehenden Nebens├Ątzen verliert, anheim legen, f├╝r den Fall, dass diese Story auf dem Postwege als Manuskript an welchen Verlag auch immer gesendet werden soll, gleichselbige vielleicht kurz mit einem Rechtschreibprogramm zu bearbeiten.
Mach doch wenigstens nach dem letzten Satz einen Punkt, damit man wei├č, dass es endlich zu Ende ist.
Wo ist die Handlung bei diesem Schnellschu├č aus der H├╝fte?
Ratlos gr├╝├čt knychen.
__________________
kny

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Penelopeia
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