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Leselupe.de > Humor und Satire
Ein beredter Zeuge
Eingestellt am 07. 03. 2010 15:17


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Francesco Lupo
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Registriert: Oct 2009

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Ein beredter Zeuge

Eine Ewigkeit hatte Hubertus Mainbrand sich gedulden mĂŒssen, bis er die Chance zu diesem Vorsprechen erhielt! Ansehnliche Mengen an Briefen und LebenslĂ€ufen waren mit der Post versandt worden, ehe zu guter Letzt ein positives Antwortschreiben im Briefkasten landete. Und auch noch von Regisseur Horst Gottfried Wegner, der grauen Eminenz des Staatstheaters, seines Zeichens Oberspielleiter. Der Obermotz, quasi.
Gut, Hubertus war nicht mehr der JĂŒngste, wie man an seinem grauen Haar, das ihm bis ĂŒber die Schultern reichte, unschwer erkennen konnte. Aber schließlich brauchten sie am Theater auch, oder wie er sagen wĂŒrde: gerade MĂ€nner im besten Alter. Faust, Berlichingen, Fuhrmann Henschel, König Lear, all dies Charaktere jenseits der FĂŒnfzig und - alle hatte er gespielt! Gegeben, wie es so schön hieß. Gegeben auf den Brettern, die fĂŒr ihn die Welt bedeuteten.
Trotz allem stand er jetzt wieder draußen im Flur, in der Hand noch immer die Zigarette ...
Kurz war es gewesen, dieses Vorsprechen eben, sehr kurz. Wenn man es recht bedenkt, hatte es gar nicht erst begonnen. Und das nur, weil ihm, Hubertus, der erste Satz nicht eingefallen war. Minutenlang war er auf der BĂŒhne gestanden, hochkonzentriert, eine kalte Zigarette lĂ€ssig im Mundwinkel. Irgendwann begann er vor der Zuhörerschaft, die annehmen mußte, er hĂ€tte bereits mit seinem theatralischen Spiel begonnen, umherzuirren und auf den Boden zu starren; als hĂ€tte er dort eine kostbare MĂŒnze verloren. Hatte gleichzeitig nach Luft und um Kontenance gerungen - aber da war kein Souffleur, der ihm hĂ€tte weiterhelfen können. Schließlich hatte er mit leerem Blick aus dem Fenster der ProbebĂŒhne geschaut; als wartete er. Auf Godot vielleicht...
Nach weiteren zĂ€hen Minuten, nachdem er nicht die geringsten Anstalten gemacht hatte mit dem Sprechen zu beginnen und das Rascheln von Papieren sowie das HĂŒsteln der wenigen Anwesenden schon alle anderen GerĂ€usche zu ĂŒbertönen begann, zuckte er bedauernd mit den Schultern, trat vor an den Rand der BĂŒhne, nahm die Zigarette aus dem Mund und hauchte:
„Tja, meine verehrten Herrschaften, es tut mir unendlich leid, aber mir fĂ€llt der Text nicht ein.“
Weil Hubertus Mainbrand nun mal sein Text-BĂŒchlein nicht dabei hatte und zudem aus einem selten gespielten StĂŒck vorsprechen wollte, war von seiten des Auditoriums keinerlei Hilfe zu erwarten.
„Vielen Dank, Herr
Mainbrand“, sagte Oberspielleiter Wegner. „Das war schon mal 
 sehr eindrucksvoll“, und dabei konnte er ein Schmunzeln nicht unterdrĂŒcken. „Also, dann 
 vielleicht kommen Sie noch einmal vorbei, wenn Ihnen der Text wieder eingefallen ist.“
Hubertus gelang es, heimlich von der BĂŒhne zu desertieren. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er den Proberaum und schloß die TĂŒr völlig gerĂ€uschlos hinter sich.
Wer konnte mit so etwas rechnen? Selbstredend war ihm das Kichern nicht entgangen, das unter dem TĂŒrspalt hindurchgedrungen war. Unverhohlen hatten sie ĂŒber ihn gelacht. Alle. War dies das Ende einer stolzen Karriere? Wie konnte er nur den Text vergessen. Aber an jenem Tag hatte Hubertus ein Vakuum im SchĂ€del.
KopfschĂŒttelnd lief er die Treppen hinunter, passierte den Pförtner, die SchwingtĂŒr und stand noch eine geraume Zeit auf den Theaterstufen. Alsdann zĂŒndete er endlich die Zigarette an und begab sich in die Theaterklause an der Ecke. Er brauchte jetzt dringend einen starken Kaffee.
Eine ganze Weile saß der verhinderte Vorsprecher am Fenster, schaute hinaus auf die Straße zum gegenĂŒberliegenden Kiosk mit seinen exponierten ZeitungsstĂ€nden und nippte an seiner Tasse. Immer wieder ließ er die mißglĂŒckte Szene zuvor auf der ProbebĂŒhne Revue passieren. Mann, das Staatstheater! Das wĂ€r’s gewesen. Er könnte sich ohrfeigen! Warum nur hatte er das TextbĂŒchlein zu Hause gelassen? Noch niemals im Leben hatte er sich derart blamiert und verloren gefĂŒhlt wie noch vor einer halben Stunde drĂŒben am Schauspielhaus.
,Warum schweigen Sie?’ Das war der Anfang der Szene! Jetzt fiel es ihm ein. Jetzt, wo es zu spĂ€t war ...
Hubertus zĂŒndete sich eine neue Zigarette an, blies den Rauch zum Fenster hin und sah eine Luxuslimousine vor dem Kiosk Halt machen. Der Fahrer stieg aus, verriegelte den Wagen mit der Fernbedienung und verschwand. Hubertus trank einen Schluck. Ein schöner Wagen. Ein Bentley. So teuer wie ein Einfamilienhaus, dachte er. Warum schweigen Sie?
Da schoß ein weiterer PKW heran und hielt so dicht und unvermittelt hinter dem Bentley, daß man glauben mochte, er hĂ€tte ihn gerammt. Der Fahrer schien es eilig zu haben, denn er ließ den Motor laufen und die TĂŒr angelehnt. Schnurstracks begab er sich zum Kiosk, kaufte eine Zeitung und bezahlte.
Dann trat der Mann ein paar Schritte vom HĂ€uschen weg, warf einen Blick in die Gazette und schloß sie wieder, denn sein Auge fiel auf den Bentley, der direkt vor ihm parkte, unmittelbar vor dem BĂŒrgersteig. Und, wer tĂ€te das nicht, er bestaunte das LuxusgefĂ€hrt, schaute sogar ins Innere.
Mit einemmal begann der fahrerlose Wagen sich zu bewegen, und der erschrockene Mann machte Anstalten, dem Einhalt zu gebieten. Was kein leichtes Unterfangen war, weil die Straße etwas abfiel. Mit der Zeitung in der Hand bemĂŒhte er sich redlich, versuchte mit Macht die sich langsam in Bewegung setzende Nobelkarosse am Spiegel festzuhalten. Das mißlang offenbar. Da lief er direkt vor die Limousine, die stieß an seine Beine, schob ihn ein paar Meter vor sich her, am Kiosk vorĂŒber, aber letztendlich gelang die Rettungsaktion, irgendwie kam der schwere Wagen zum Halten. Der Mann jedoch hatte sich da keine einfache Aufgabe gestellt, schaute nach links und nach rechts, um Hilfe flehend.
GegenĂŒber in der Theaterklause sah Hubertus etwas genauer durchs Fenster und - erkannte ihn! Es war Herr Wegner, der Obermotz, der ihn vor weniger als einer Stunde so unkollegial, beinahe unprofessionell aus dem Schauspielhaus hinauskomplimentiert hatte. Ja, Herr Oberspielleiter, sinnierte Hubertus ĂŒber den Rand seiner Kaffeetasse hinweg, momentan scheinen die Probleme wohl eher auf Ihrer Seite. Er dachte nicht daran, hinĂŒberzueilen und ihm seine Hilfe anzubieten, sich anzubiedern. Nein. Er beobachtete nur.
Was machte Wegner denn jetzt? Seinen spastischen Verrenkungen nach zu schließen sah es aus, als wollte er mit dem Fuß einen Stein oder einen anderen Gegenstand zu sich heranziehen. Er bot beinahe ein Bild wie Jacques Tati, der nach einem Sturz vom Rad dieses umstĂ€ndlich wieder zu besteigen beabsichtigte. Und in der Tat, der Theaterregisseur war bemĂŒht, eine Dose oder eine Flasche, so genau konnte Hubertus das von seinem Logenplatz aus nicht erkennen, unter eines der RĂ€der des Bentleys zu schieben. Wenn das mal gut geht, dachte Mainbrand. Doch das GlĂŒck schien Wegner hold zu sein. Der Coup gelang, er konnte sich selbst aus seiner mißlichen Lage befreien, die Limousine stand.
Eiligst lief er die paar Schritte zu seinem eigenen PKW zurĂŒck, setzte sich hinters Steuer und schloß die TĂŒr. Da deutete ein leichtes Rucken am Bentley an, daß jener sich zwanglos von dem Hindernis befreit hatte und seine herrenlose Reise fortzusetzen gedachte. Wegner stieg sofort wieder aus, die Augen weit aufgerissen. Auch der Kioskbesitzer war auf die Straße getreten und verfolgte das Schauspiel. Aber um einzuschreiten war es zu spĂ€t.
Der Luxuswagen touchierte den Randstein, was seine Richtung dramatisch Ă€nderte. Nun rollte er schrĂ€g ĂŒber die Straße, nahm an Fahrt zu, holperte ĂŒber den anderen Gehweg und landete in der Schaufensterscheibe einer BĂ€ckerei zwischen Torten und PlundergebĂ€ck. Beobachtet von einem fassungslosen Oberspielleiter, dem Kioskbesitzer und - von Hubertus Mainbrand.

***

Hat er oder hat er nicht? So lautete die Frage eines Journalisten, der tags darauf einen Kommentar zu dem Vorfall verfaßt hatte, in den Wegner verwickelt war. NatĂŒrlich war die Polizei rasch zur Stelle gewesen, selbstverstĂ€ndlich wurden Zeugen gesucht, denn der Bentley hatte ziemlich Schaden genommen - und angerichtet! Dessen Besitzer schwor Stein und Bein, den Wagen sorgfĂ€ltig abgestellt zu haben; irgend jemand hĂ€tte ihn angestoßen! Dagegen versicherte Wegner, den vor ihm parkenden PKW nicht berĂŒhrt zu haben.
Beobachter, die gesehen hatten, wie es zu dem Unfall gekommen war, gab es keine, wie Hubertus las. Außer ihm. Selbst der Kioskbesitzer, der Wegner ĂŒberhaupt erst ins Spiel gebracht hatte, wußte kaum etwas zur Sache beizutragen. Was war da zu tun? Kurzentschlossen ging Mainbrand zur Wache und meldete sich als Augenzeuge.
Wenige Monate spĂ€ter erhielt er eine Ladung. An besagtem Termin warf er sich in Schale und begab sich zum Gericht. Denen wĂŒrde er schon erzĂ€hlen, was er gesehen. Wahrheitsgetreu, wenn es sein mußte. Diesmal wĂŒrde er ausreichend Worte parat haben. Warum schweigen Sie

ZunĂ€chst hatte er im Flur etwas zu warten, bis er an der Reihe war. Das dauerte nicht allzu lange, denn außer ihm waren keine weiteren Zeugen geladen. WĂ€hrend ihn der Gerichtsdiener hereinbat, hatte Hubertus Mainbrand Zeit sich umzusehen.
Etwas erhöht saß der Richter in schwarzem Gewande. An den Seiten, in ebensolchem Schwarz, waren die AnwĂ€lte von KlĂ€ger und Beklagtem plaziert. Und da saß ja auch Horst Gottfried Wegner
 Mainbrand lĂ€chelte.
Und dieses LĂ€cheln schien sich erstaunlicherweise kaum von jenem zu unterscheiden, welches der Beklagte ihm seinerzeit nach dem ‚stummen Vorsprechen’ geschenkt. Am heutigen Tag lĂ€chelte Wegner nicht. Er schien Hubertus gar nicht wiederzuerkennen, was den nicht störte.
Kaum stand Mainbrand vor dem Richtertisch, wurden seine Personalien ĂŒberprĂŒft, der Sachverhalt kurz angedeutet, als der Richter auch schon in medias res ging.
„Herr Mainbrand. Vielleicht erzĂ€hlen Sie dem Gericht einmal mit Ihren eigenen Worten, was Sie gesehen haben.“
Mit eigenen Worten zu erzĂ€hlen war das Nonplusultra fĂŒr Hubertus.
„Hohes Gericht“, hub er an, „lieber KlĂ€ger, bedauernswerter Beklagter, verehrtes Publikum! An jenem lauen FrĂŒhlingstag, an welchem die Bienen zum ersten Mal im Jahre ausschwĂ€rmten, sich den sĂŒĂŸen Nektar zu holen und ich das VergnĂŒgen hatte, genĂŒĂŸlich eine Tasse Kaffee in der nahegelegenen Theaterklause trinken zu dĂŒrfen“, hier holte er zum ersten Mal Luft, „ereignete sich zunĂ€chst - nichts Weltbewegendes. Und so richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Straßenverkehr, der wie von Geisterhand geleitet an mir vorĂŒberhuschte. Die verschiedenartigsten Modelle konnte mein Auge einfangen, sogar das Cabriolet eines im SĂŒden dieses Landes beheimateten Unternehmens. Es war, wie mir, so denke ich, in Erinnerung geblieben, ein Mercedes. 911. Aber ich schweife ab.“
Im Saal war eine Stille eingekehrt, wie man sie nur im Theater spĂŒrt, kurz bevor der Vorhang sich hebt. Mainbrand war in seinem Element.
„Sie befanden sich wo genau?“ frage der Richter kurz.
„Ihr Zeuge, welcher sich heute so pflichtbewußt hier eingefunden, saß in jenem zur Debatte stehenden Momente bei einer Tasse Kaffee Haag, am Fenster, das zur Straße geht, und rauchte. Er hatte ein traumatisches Erlebnis zu ĂŒberwinden, bei welchem es kurz zuvor den Anschein hatte, als sei er seiner Stimme verlustig gegangen. Was aber so nicht den Tatsachen entsprach.“
Damit schickte er einen Blick zu Wegner hinĂŒber. Der angeklagte Regisseur neigte, als er die Worte vernahm, ein wenig den Kopf. Dieser Zeuge kam ihm bekannt vor. An dessen eloquente Stimme jedoch vermochte er sich nicht zu erinnern. Wie hieß er noch gleich? Er schaute in die Akten seines Verteidigers. Hubertus Mainbrand 

„Von welchem Trauma sprechen Sie?“ wollte der Richter wissen.
Hubertus, der mittlerweile eine Zigarette im Mundwinkel hatte, sah sich im Raume um, seine Augen begegneten kurz denen Wegners, dann schaute er auf den Fußboden, als suchte er etwas. In diesem Augenblick traf es den Theatermann wie ein Blitz: Vor ihm im Zeugenstand erkannte er jenen Schauspieler wieder, den er vor Monaten beim Vorsprechen so klĂ€glich, so unwĂŒrdig hatte scheitern lassen.
War das nötig gewesen? Der Mann hatte seinen Text vergessen, na und? Das konnte jedem passieren, das passierte sogar Abend fĂŒr Abend im Theater! Aber jene, die damals unten saßen, einschließlich ihm selber, hatten sich daran ergötzt und nicht den geringsten Versuch unternommen, diesem armen Menschen auf der BĂŒhne, der so hoffnungsfroh zum Vorsprechen erschienen war, eine helfende Hand zu reichen, ihn zu ermutigen. Ja, so waren sie, die Theaterleute. Arrogant, von sich eingenommen, absolut. Und wehe, es passierte einem anderen ein Mißgeschick! Zuweilen schien es fĂŒr sie nur ein Gut und ein Schlecht zu geben, schwarz oder weiß, und dazwischen nichts. Aber das Leben war nun mal nicht schwarz oder weiß. Es zeigte viel mehr Schattierungen, dazu gehörte auch von Zeit zu Zeit eine temporĂ€re Sprachlosigkeit. Und manch einer, der in gewissen Situationen verwundbar schien und einen stummen Eindruck erweckte, entpuppte sich im Nachhinein als brillanter Redner. Leider, wie Wegner heute neidlos anerkennen mußte. In diesem Moment bereute es der Oberspielleiter sehr, damals so schroff, so unkollegial reagiert zu haben. Oh, wie er es bereute. Auch er war heute im selben Maße verwundbar. Das aber war nun nicht mehr zu Ă€ndern.
„Ein Erlebnis“, beantwortete Hubertus schließlich die Frage des Richters, indem er die Kippe aus dem Mund nahm und wieder wegsteckte, „welches - in einer etwas anderen Form - schicksalbestimmend hĂ€tte sein sollen. FĂŒr meine Wenigkeit, fĂŒr mein kĂŒnftig Umfeld. FĂŒr jene, die sich den Abend eigens unseretwegen reservieren, fĂŒr teures Geld eine Karte erstehen, sich voller Erwartungen auf dem PlĂŒsch niederlassen, Augen und Ohren gebannt nach vorne gerichtet.“
Der Richter verstand nicht recht, blÀtterte in seiner Akte und las noch einmal den Beruf des Zeugen. Aha. Nun dÀmmerte es ihm.
„Herr Mainbrand, wollen Sie das Erlebnis, von dem Sie sprechen, nĂ€her beschreiben?“
Hubertus warf den Kopf zurĂŒck, schleuderte dabei seine graue MĂ€hne nach hinten und sah mit Genugtuung, wie Oberspielleiter Wegner in sich zusammensackte. Als versuchte er, in seinen Hemdkragen zu entschwinden. Wie eine Schildkröte mutete er an.
„Es gibt Zeiten, da verschlĂ€gt es einer Kreatur die Rede, heute, so scheint es, hat sie sie wiedergefunden!“
Mehr wollte Hubertus zu dem Thema nicht beitragen, was der Richter zu akzeptieren hatte.
„Also, Herr Mainbrand. Was haben Sie an besagtem Tage dort vom Fenster der Theaterklause aus gesehen?“
„Vor meinen Augen prĂ€sentierte sich ein bunter Kiosk, in welchem sich der interessierte Zeitgenosse mit einem Kaleidoskop unterhaltsamer, wenn auch nicht immer den RealitĂ€ten entsprechender LektĂŒre versorgen konnte. Was der Beklagte tat.“
Wegner, der sich im Vorfeld stets herauszureden versucht hatte, er habe nichts mit dem Unfall zu tun, er habe rechtzeitig gestoppt und den Unfallwagen gar nicht berĂŒhrt, sah seine Felle davonschwimmen. Wenn dieser Zeuge alles erzĂ€hlte, was er gesehen hatte, von Anfang an, blieb dem Richter nur, ihn zu verurteilen. Soviel stand fest. Was fĂŒr ihn ungeahnte Folgen haben dĂŒrfte. Auch beruflich. Und Mainbrand legte los.
„Der Blickwinkel meines Antlitzes, Euer Gnaden, war geradezu prĂ€destiniert, die VorfĂ€lle auf der anderen Straßenseite detailgenau zu observieren. Was ich auch tat. So konnte es mir nicht entgehen, wie ein funkelnagelneuer PS- starker Bentley vor dem Kiosk zu halten kam, dessen Fahrer ausstieg und erfolgreich - das Weite suchte. Einsam und verlassen nun stand das britische Nobelmodell auf dem Asphalt, wußte nicht ein noch aus. Als auch schon ein zweites Fahrzeug - mit quietschenden Reifen - sich zu nĂ€hern anschickte.“
„Er erzĂ€hlt alles“, raunte Wegner seinem Anwalt zu, „jedes Detail.“
Er konnte es dem Zeugen noch nicht einmal ĂŒbelnehmen, und zum wiederholten Male bereute er es bitter, dem Manne seinerzeit nicht die berufliche Beachtung zukommen gelassen zu haben, die der zweifelsfrei verdiente. Zweifelsfrei!
„Besagter PKW“, so Hubertus, „und wer unter der Sonne mochte Zweifel hegen, daß es sich um einen solchen handelte, raste einher und – vorĂŒber, ließ im nĂ€chsten Moment den Kiosk hinter sich und war verschwunden. Der Lenker hatte es wohl recht eilig gehabt.“
Er drehte leicht den Kopf, zu sehen, was Regisseur Wegner so trieb. Der war mehr tot als lebendig.
„Im darauffolgenden Verkehrsgewimmel“, fuhr Mainbrand fort, „vermochte mein Auge noch das Automobil jenes UnglĂŒcklichen zu erblicken“, nun sah er Wegner direkt an, „welchen man dort auf die Anklagebank verbannt hat.“ Leise fĂŒgte er an: „Ob zu recht, wird sich noch weisen 
“
„Es gab viel Verkehr um diese Stunde?“ wollte der Verteidiger des KlĂ€gers wissen.
„Mitnichten, Verehrtester, mitnichten. Nur der glĂ€nzende neue Bentley und der Wagen des Beklagten fanden sich auf der Straße. Es war ein sehr ĂŒbersichtliches Gewimmel. Sein PKW nun rollte heran“, und hier machte Mainbrand eine etwas lĂ€nger Pause, als ergötzte er sich an Wegners Leiden, „hielt, und der Fahrer entstieg seinem GefĂ€hrt, um am Kiosk eine Zeitung zu erstehen. Dieselbe in der Hand stand er vor dem Bentley, der noch immer ahnungslos und ungewiß seines kommenden Geschickes vor sich hinglĂ€nzte. Als er sich plötzlich, wer hĂ€tte dies vermuten können, wie von alleine in Bewegung setzte. “
„Der Beklagte versichert“, rĂ€umte der Richter ein, „den Bentley nicht berĂŒhrt zu haben.“
Mit einem raschen Blick auf Wegner antwortete Hubertus:
„Nun, hier klaffen RealitĂ€t und Wirklichkeit meilenweit auseinander! Daher muß dem von meiner Warte entschieden widersprochen werden, Euer Ehren!“
Nun war der Spielleiter am Ende. Was nun kommen wĂŒrde, war ihm klar. Die Rache des kleinen Mannes.
„Vielmehr fanden sehr wohl diverse BerĂŒhrungen statt“, fuhr Mainbrand fort. „Der Beklagte schob und drĂŒckte an dem fremden Automobil, versuchte ihm regelrecht seinen Willen aufzudrĂ€ngen.“
„Na, also“, hörte man den Anwalt des Bentleyfahrers einwerfen, „der Zeuge Weinbrand bestĂ€tigt unsere Behauptung voll und ganz!“
Ein wenig indigniert schaute Hubertus den KlÀgeranwalt an, bevor er diesem entgegen hielt:
„Mmainbrand ist der werte Name. Hubertus Mmainbrand, Mmime und erfolgreicher Charakterdarsteller des Mmacbeth und des Hammlet in den Inszenierungen von Mmanfred Neuenberg.“
„Bitte fahren Sie fort“, wurde er vom Richter gebeten, was er mit Freuden tat, indem er den Blick zĂ€h vom KlĂ€geranwalt löste.
„Jene BerĂŒhrungen gestalteten sich immer heftiger, man könnte sogar von einer unĂŒbersehbaren Gewalt sprechen, die von seiten des Beklagten angewendet wurde ...“
„Damit scheint ja wohl alles klar, Herr Kollege.“
Mit diesen Worten sendete der KlĂ€geranwalt ein LĂ€cheln an die Adresse seines Kontrahenten hinĂŒber.
Immer dieses ewige lÀstige und niemals ernstgemeinte LÀcheln, dachte Hubertus, bevor er weitersprach:
„Keineswegs heimlich, nein, in aller Öffentlichkeit legte er Hand an den Bentley.“
„Wie, er legte Hand an? Womit?“ hakte der KlĂ€geranwalt nach.
„Mit jenen HĂ€nden dort, die fĂŒr gewöhnlich an seinen Unterarmen zu enden pflegen.“
„Er hat den Wagen meines Mandanten nicht mit seinem PKW geschoben, sondern mit den HĂ€nden? Wieso denn das?“
„Vielleicht, aber das kann nur eine Vermmmutung mmmeinerseits sein: Weil er zu dem Zeitpunkt mit seinen beiden FĂŒĂŸen – auf dem Boden stand“, schob Hubertus nach.
Der Richter warf einen Blick in die Runde, der zeigte, er war sich nicht ganz sicher, worĂŒber hier momentan gesprochen wurde, dennoch nickte er dem Zeugen zu, fortzufahren.
„Der Herr Beklagte nun zog und zerrte am Spiegel, schob am KotflĂŒgel und schließlich, als das Fahrzeug des KlĂ€gers nicht die geringsten Anstalten machen wollte stehen zu bleiben, sprang er todesmutig vor die KĂŒhlerhaube des Bentleys. Die Tageszeitung unterm Arm!“
„Vor die KĂŒhlerhaube?“ fragte der Richter. „Er hat ihn nicht von hinten geschoben?“
„Ein Schuft, Herr GerichtsprĂ€sident, wer solches behauptete, und wert, im Duell diese Beleidigung zu bĂŒĂŸen! Der Beklagte war sichtlich bemĂŒht, den sich selbstĂ€ndig machenden Wagen zu stoppen! Was ihn eine nicht unerhebliche Anstrengung kostete. Im Anschluß hatte er noch, von Erfolg gekrönt, einen winzigen Gegenstand, dessen IdentitĂ€t sich meiner Kenntnis entzieht, unter das linke Vorderrad geschoben, was seiner Person ein nicht unkomisches Aussehen verlieh.“
„Er hat den Wagen quasi gesichert?“
„Quasi, euer Gnaden.“
„Und danach ist er zu seinem eigenen Fahrzeug gegangen?“ wollte der Richter wissen.
„Dies gesehen zu haben, kann ich mit Fug und Recht bezeugen.“
„Aber er hĂ€tte“, warf der Anwalt des KlĂ€gers giftig ein, „dieses Fahrzeug im Anschluß niemals unbeaufsichtigt so stehen lassen dĂŒrfen. Er hĂ€tte Hilfe holen mĂŒssen! Statt dessen wollte er den Tatort heimlich verlassen, sich aus dem Staub machen. Er trĂ€gt die volle Verantwortung fĂŒr die FolgeschĂ€den. Davon weichen wir kein Jota ab. Mainbrand bestĂ€tigt es ja.“
„Herrrr Mainbrand!“ schleuderte der ihm entgegen. „Soviel Zeit muß sein!“
Diesen Anwalt mochte er nicht leiden. Genau wie so mancher schnöseliger Regisseur ließ er die förmliche Anrede einfach weg. Mainbrand gehen Sie nach links, Mainbrand setzen Sie sich usw. Keine Kinderstube.
Mittlerweile starrten alle Beteiligten auf den Angeklagten, als ob sie von ihm eine ErklÀrung erwarteten.
„Euer Excellenz“, hub da Mainbrand an, „wie ich von meiner Warte aus erkennen konnte, hielt der Beklagte, wĂ€hrend er wieder aus seinem Fahrzeug stieg, um dem hasardierenden Bentley hinterher zu schauen, ein winziges Mobiltelefon in der Hand. Wen anders, so frage ich mich und alle Zweifler im Erdenrund, hĂ€tte er rufen mögen, als jene vom KlĂ€geranwalt so eindringlich angemahnte Hilfe?“
Damit huschte sein Blick kurz nach hinten zu Wegner. Der schaute ziemlich verdutzt drein. Beruhigend legte ihm sein Anwalt die Hand auf den Arm.
„War es denn so, wie der Zeuge sagt, Herr Wegner?“ fragte der Richter sogleich.
Wegner drehte verlegen den Kopf, sah unsicher seinen Anwalt an, schließlich nickt er kaum merklich. An einen Telefonanruf seinerseits konnte er sich gar nicht erinnern. Der Richter machte sich Notizen.
„Hat er denn gesehen, daß der Wagen meines Mandanten nun angestoßen wurde, oder hat er es nicht gesehen?“ wollte ein giftiger KlĂ€geranwalt wissen.
Jetzt erzt er mich schon, dieser Flegel, resĂŒmierte Hubertus. Auch gut.
„Vielleicht kann er uns das schildern“, schob jener ungeduldig nach.
Er erzt mich schon wieder, nahm Hubertus zur Kenntnis, bevor er ebenso giftig antwortete.
„Um dies beurteilen zu können, hĂ€tte die Natur mich ausstatten mĂŒssen mit einem Blick, der rechtwinkelig um eine Ecke reicht, dies wird er mir zugeben, der Herr KlĂ€geranwalt. Stelle er sich doch einmal an meine Position, bald wird er einsehen, das dies auch ihm nicht so leicht möglich sein dĂŒrfte. Frag er doch die Droschke seines Mandanten, ob sie von hinten bedrĂ€ngt wurde!“
Nach diesem kurzen und lautstarken GeplĂ€nkel zwischen Zeuge und Anwalt wurde die Beweisaufnahme geschlossen, Hubertus entlassen. Fröhlich begab er sich auf den Heimweg. Zwar hatte er nicht die ganze Wahrheit erzĂ€hlt, wozu auch. Wozu vor Gericht vage Vermutungen Ă€ußern und wozu diese albernen RachegelĂŒste? Aber dem Manne war - frei nach Schiller - geholfen, den Rest bezahlte ohnehin die Versicherung.
Wenige Tage spĂ€ter konnte Hubertus in der Zeitung lesen, daß Wegner vom Vorwurf der fahrlĂ€ssigen Unfallverursachung freigesprochen worden war. In der darauffolgenden Woche erhielt Hubertus Mainbrand, unaufgefordert, einen vielversprechenden, freundlich formulierten neuen Vorsprechtermin. Unterzeichnet mit: Ihr zutiefst ergebener Horst Gottfried Wegner.


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