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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein deutsches Volkslied
Eingestellt am 16. 03. 2002 22:06


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Libell
???
Registriert: Feb 2002

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"Erkennen Sie hier in diesem Raum den wieder, der die Unfallstelle verlassen hat?" Der Richter beugte sich vor und sah die Zeugin Christina Engelhof gespannt an. Es ging um Fahrerflucht, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort im Zusammenhang mit unterlassener Hilfeleistung und fahrl├Ąssiger T├Âtung. Christina schaute sich im Gerichtssaal um, alle starrten sie an, der Richter, der Staatsanwalt, die beiden Sch├Âffen, die Protokollf├╝hrerin, der Verteidiger, der Gerichtsdiener, die Zuschauer und... er. Er, der Angeklagte. Sie begegnete seinem Blick. Hellblaue Augen mit seltsam kleinen Pupillen unter buschigen Brauen, darunter ein schmallippiger Mund mit asymmetrisch nach unten gezogenen Mundwinkeln. Er starrte sie noch genauso herrisch an wie damals vor zwanzig Jahren.

Damals, als sie noch Sch├╝lerin war und in die letzte Klasse vom Gymnasium ging. Christina f├╝hlte etwas in sich aufsteigen. Sie war schon einmal so angestarrt worden. Es waren die Gef├╝hle von aus jenen Tagen. Studienrat Dieter von P. war in jenen Tagen ihr Klassenlehrer und unterrichtete Deutsch und Musik. Sie hatte ihn geha├čt. Wenn er die Klasse betrat, mu├čten die Sch├╝ler aufstehen und im Chor: "Guten Morgen Herr von P.!", rufen. Er liebte es, mit den Sch├╝lern zackige Volkslieder zu singen. "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord", das war sein Lieblingslied. Sie h├Ârte die Klasse singen, nicht sch├Ân aber laut. Vor allem laut. Und bei "Ahoi Kameraden! Ahoi, ahoi", da bestand von P. immer darauf, da├č das Wort "Kameraden" besonders zackig geschmettert wurde. "Es hei├čt Ka-me-ra- den und nicht "Gamaradn"! Hier wird nicht genuschelt, hier wird ein deutsches Volkslied gesungen!"

Ein deutsches Volkslied. Sie hatte sich damals gesch├╝ttelt. Sie ha├čte deutsche Volkslieder. Sie ha├čte ├╝berhaupt jede Deutscht├╝melei. Sie sang einfach nicht mit. Von P. hatte das sofort bemerkt. Was ihr einfiele, nicht mitzusingen. "Hier klinkt sich keiner aus, nicht bei mir!" Sie stammelte etwas von "hab einen Frosch im Hals" und starrte auf den Fu├čboden. "Wir ├╝ben das!" Studienrat von P. stellte sich direkt neben sie und die Klasse mu├čte das Lied noch einmal von vorn beginnen. Christina bewegte die Lippen, aber sie sang nicht. Von P. brach das Lied ab. "Unsere liebe Christina wird uns jetzt die Strophe einmal solo vorsingen, steh auf!" Christina rappelte sich hoch. Sie sollte singen, ganz allein vor der Klasse, vor all den M├Ądchen und vor all den grinsenden Jungen? Alle starrten sie an, es wurde ganz still in der Klasse. Sie wurde puterrot und r├Ąusperte sich, dann gab sie sich einen Ruck und fing mit spr├Âder Stimme an zu singen. Sie sang klar und akzentuiert, aber als sie zum Refrain "Ahoi Kameraden! Ahoi, ahoi" kam, sang sie absichtlich und so nuschelig wie sie nur konnte: "aoi Gamaradn, aoi, aoi". In den Augen ihrer Mitsch├╝ler blitzte etwas auf. Sie begriffen. Das war Rebellion, Protest, Widerstand. Studienrat von P. starrt sie an mit hellblauen Augen und kleinen Pupillen. Die buschigen Brauen zogen sich zusammen, ├╝ber der Nase bildete sich eine senkrechte Querfalte. Von P. war w├╝tend. Christina mu├čte alle Strophen des deutschen Volksliedes singen, jedesmal sang sie beim Refrain "aoi Gamaradn". Dann, endlich, durfte sie sich setzen. Von P. wippte auf den Fersen auf und ab: "Gamaradn, so so, aoi Gamaradn." Er schritt zum Klassenbuch, schlug es auf und trug eine Sechs ein.

Christina hatte mit dieser Aktion zwar kurzzeitig die Anerkennung ihrer Mitsch├╝ler gewonnen, aber von P. hatte ihr niemals verziehen. Er sorgte daf├╝r, da├č sie auch in Deutsch schlechte Noten bekam. Sie konnte sich anstrengen wie sie wollte, nichts bestand vor seinen kritischen Augen. Die Schule wurde f├╝r sie zur Qual. Sie ging ein halbes Jahr vor dem Abitur ab, trampte durch Frankreich und Kanada, kam zur├╝ck und jobbte als Kontoristin in verschiedenen kleinen B├╝ros. Ihre ehemaligen Mitsch├╝ler studierten, erwarben Diplome und Doktortitel, er├Âffneten Kanzleien und machten Karriere. Christina tippte Briefe, deren Texte ihre Chefs ihr diktiert hatten. Mit drei├čig heiratete sie einen Buchhalter, wurde Hausfrau und bekam zwei Kinder.

Und dann der Tag vor einem halben Jahr. Sie war abends zu Fu├č im Dunkeln auf dem Heimweg von einem Volkshochschul-Kursus. Ein Fahrzeug ├╝berholte sie und den jungen Mann auf dem Mofa vor ihr. Ein Schlenker, ein Krachen, ein Schrei. Der Junge lag blutend auf der Stra├če. Der Autofahrer hielt an, stieg aus, kam z├Âgernd auf den Jungen zu und beugte sich ├╝ber ihn. Als sie heran gelaufen kam, sah der Mann hoch, drehte sich um und hastete zum Auto zur├╝ck. Sie dachte, er h├Ątte sicher ein Telefon im Auto und w├╝rde einen Rettungswagen rufen. Aber der Mann sprang ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Sie konnte sich gerade noch einige Buchstaben des Nummernschildes merken. Der Junge verblutete.

Die Polizei ermittelte aufgrund von Christinas Angaben den Halter des Fahrzeuges. Dieter von P. Er hatte die Lacksch├Ąden am Fahrzeug zwar bereits in einer Autowerkstatt reparieren lassen, aber die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen ihn. Von P. stritt alles ab. Die Lacksch├Ąden w├Ąren durch einen Wildunfall verursacht worden. Er sei niemals durch die bewu├čte Stra├če gefahren. Die Zeugin m├╝sse sich irren. Aber sie hatte sich nicht geirrt. Sie hatte ihn im Schein der Stra├čenleuchte unzweifelhaft erkannt. Dieter von P., inzwischen Studiendirektor, aufgestiegen zum Rektor des Bismarck-Gymnasiums, anerkanntes Mitglied der konservativen Partei im Stadtrat. F├╝r von P. w├Ąre eine Verurteilung wegen Fahrerflucht eine Katastrophe. Sie wu├čte nicht, ob die Schulbeh├Ârde gegen ihn ein Disziplinarverfahren einleiten w├╝rde aber die politische Karriere w├Ąre f├╝r von P. vorbei. Welche Partei w├╝rde einen wegen Fahrerflucht Vorbestraften f├╝r die n├Ąchste Wahl aufstellen? Wenigstens nicht von P.s Law and Order Partei. Christinas Mann hatte ihr ins Gewissen geredet: "├ťberleg dir, ob du wirklich gegen von P. aussagen willst. Du hast den Mann doch abends im Dunkeln kaum gesehen, du kannst dich irren und wenn du den beschuldigst, dann ist f├╝r ihn die Karriere und alles vorbei." Christina hatte nur genickt. Sie wollte es sich ├╝berlegen. Hatte sie den Autofahrer wirklich so genau gesehen? Sollte sie die gl├Ąnzende b├╝rgerliche Existenz des Dieter von P. vernichten? Sie konnte immer noch einen R├╝ckzieher machen und sagen, sie habe sich geirrt.

Ihr wurde bewu├čt, da├č sie immer noch im Gerichtssaal stand. Der Richter wiederholte die Frage: "Frau Engelhof, erkennen Sie hier im Raum den Mann wieder, der sich vom Unfallort entfernt hat?" Christina nickte, ging ein paar Schritte auf von P. zu, deutete mit dem Finger auf ihn und sagte mit fester Stimme: "Dieser Mann hier." Und leise, so da├č es nur von P. h├Ârte, f├╝gte sie hinzu: "Ahoi Kameraden!".

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Antaris
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2001

Werke: 30
Kommentare: 379
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Alte Kameraden

Hallo Libell,

auch wenn sprachlich noch ein paar Details ├╝berarbeitet werden k├Ânnten, der plot der Geschichte ist klasse! Das Lesen hat so richtig Spass gemacht!

Mit schadenfroh solidarischen Gr├╝├čen

Antaris

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Monfou
???
Registriert: Feb 2002

Werke: 0
Kommentare: 0
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gute struktur - eindimensionaler charakter

Hallo Libell,

ich finde, die Geschichte ist sch├Ân aufgebaut, eine klare Szene, die im Grunde nur ein paar (Gedanken-)Augenblicke dauert.

Was heikel ist: Es ist m.E. eine zu klare Schwarz-Wei├č-Malerei. Nat├╝rlich sind wir alle gegen diesen fiesen Lehrer, aber die Person wirkt durch die Beschreibung zu eindeutig und damit etwas unglaubhaft, es w├Ąre jedenfalls klug, diesem Studienrat und sp├Ąteren Studiendirektor auch etwas anderes als negative Z├╝ge zu verleihen.
Etwas kontruiert ist die Szene, in der der Lehrer flieht, nachdem ausgerechnet die Sch├╝lerin ihn gesehen hat. Also erst steigt er aus seinem Wagen, dann l├Ąsst er sich von seiner ehemaligen Sch├╝lerin sehen (Ja, der Zufall) und jetzt begeht er Fahrerflucht. So was mag es geben (was passiert nicht alles Verr├╝cktes und Unwahrscheinliches in der Welt), man m├╝sste es aber noch selbstverst├Ąndlicher hinkriegen.

Der Schluss ist gut pointiert.

Herzliche Gr├╝├če

Monfou

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bassimax
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 12
Kommentare: 52
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hallo libell!

die geschichte ist dir gut gelungen. sie ist fl├╝ssig ge-
schrieben, ich mag deinen stil. ausserdem bin ich sowieso
ein anh├Ąnger erkl├Ąrender r├╝ckblenden. nur eine anmerkung:
ich h├Ątte den namen des lehrers ausgeschrieben.
liebe gr├╝sse
sebastian

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Libell
???
Registriert: Feb 2002

Werke: 6
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Erinnerungen sind subjektiv

Hallo Monfou,

Erinnerungen sind subjektiv, gerade die mit starken Emotionen verbundenen Erinnerungen. Nach zwei Jahrzehnten erinnert sich meine Hauptperson Christina an das Verhalten ihres ehemaligen Klassenlehrers. Christina soll auf eine Frage antworten und w├Ąhrend sie sich die Antwort ├╝berlegt, ├╝berfluten sie Gef├╝hle. Und diese Gef├╝hle sind ├╝beraus negativ.

Ich wollte ganz bewu├čt keine psychologisch abgewogene Charakterstudie entwerfen. Ich wollte kein Verst├Ąndnis f├╝r den Lehrer wecken, ich habe mir die Freiheit genommen, ihn negativ darzustellen. Das war so gewollt. H├Ątte ich eine l├Ąngere Erz├Ąhlung geschrieben, h├Ątte ich ein differenzierteres Charakterbild entwickelt. Dies war aber hier in dieser kleinen Story nicht meine Absicht.

Libell

PS Heute las ich in der Zeitung, da├č jeder vierte Verursacher eines Verkehrsunfalles Fahrerflucht begeht.

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