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Ein diebisches Vergnügen
Eingestellt am 27. 01. 2003 21:03


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Rakun
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Ein diebisches Vergnügen

Ein diebisches Vergnügen

Nichts passierte, einfach gar nichts. Der Tagestrott hielt sie gefangenen. „Diese verdammte Routine macht mich irgendwann fertig, das ist absoluter Motivationsmord!.“ Minu ließ ihrer schlechten Laune freien Lauf. „Momo hört sich freundlicher an.“, verbesserte ihre Freundin, obwohl sie Abkürzungen hasste. Spitznamen waren die einzige Ausnahme und Minu stand für Minute. Diesen Namen hatte sie sich eingehandelt, weil sie eine Bitte meist mit:
„Ja, gleich, eine Minute noch!“ beantwortete. Im Klartext bedeutete dies eine weitaus längere Wartezeit.
Über all die Jahre hatten die beiden Freundinnen ihre eigene Sprache entwickelt. Jede Neuerfindung grenzte sie mehr und mehr von den anderen ab, gab ihnen das Gefühl der Verschworenheit. Sie öffneten eine Flasche Wein, Momo’ musste in ihren Geheimwortschatz aufgenommen werden.
Als Anfang für das Ende ihres Marionettendaseins.
„Kraft aus den Gedanken tanken!“ prostete Jette ihrer Freundin zu, „raus aus der leidenden Passivität, rein in die heilende Aktivität! Wünsche bringen Ideen auf die Welt!“

Minu hörte teilnahmslos zu.
„Wir lassen etwas passieren!“, Jette legte die Betonung auf das Wort ‚lassen’.
„Wie, passieren lassen?“ fragte Minu ungläubig über den Rand des Glases.
„So wie ich es gesagt habe“, antwortete Jette fast beiläufig, das spitzbübische Grinsen war nicht zu übersehen.
„Ganz einfach, w i r machen, diesmal sind w i r dran!“
Ihre Erklärung glich einer Beschwörungsformel. Bei jedem Wort beugte sie sich weiter nach vorne und sah ihre Freundin eindringlich an. Die Tischplatte gab das ungeduldige Klopfen der Fingernägel wieder.
„Du spinnst, wir sind die Macher, dass ich nicht lache“, sagte Minu abwertend. Sie hatte keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte.
„Besorg mir das Eintrittsgeld für die Premiere, du ‚Macher’!“ mit diesem Satz ließ Minu ihren Frust raus. Wahrscheinlich wartetet sie immer noch auf Ihr Geld, wie jeden Monat. Jette riss die Augen weit auf, kleine Falten kräuselten ihre Stirn, sie schüttelte den Kopf:
„Du brauchst gar kein Geld für eine Karte.“
Ihr Blick sprach Bände. Minu hockte mit angezogenen Knien auf dem Sofa. Jette ließ sich nicht beirren: „Wer druckt Eintrittskarten? Wo arbeitest du? Zwei Karten sagen wir als,“ sie machte eine Pause und beobachtete ihre Freundin genau, „Zinsen für späte Gehaltsüberweisung, eine für dich, eine für mich!“

„Du meinst, ich sollte...?“ Minu setzte sich aufrecht, ihre Lebensgeister schienen wieder wach zu werden.
„Kein zögerlicher Konjunktiv, harte Gegenwart, besser unwiderruflicher Imperativ!“, verbesserte Jette triumphierend.
„Du meinst, ich soll zwei Karten...“ Minu sprach nicht weiter. Sie hatte verstanden. „Das ist es! Ja, w i r machen!“
Minu zog die Augenbrauen leicht zusammen, sie schien das Atmen vergessen zu haben, ihr Gesichtausdruck verriet, wie ein Gedanke den anderen jagte.
„Irrtümliche Doppelbuchung, gnädige Frau“, sagte sie
Achsel zuckend, so als ob sie sich entschuldigen wollte.
„Machen die ja heute überall, die Profitgeier!“ schob sie abfällig hinterher. Das war die alte Minu. Ihr alter Kampfgeist war wieder hellwach und präsentierte wie selbstverständlich den Sündenbock auf dem Silbertablett. Der Grundstein war gelegt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Jette schaltete sich wieder ein:
„Wir müssen früh genug da sein. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Promi hin, Promi her!“
Präventivmaßnahme Nummer 1 lautete, in der Pause nicht den Platz verlassen!
„Wir beide zwischen all den hohen Tieren“, lachte Minu. Doch dann wurde es auf einmal totenstill im Wohnzimmer, nur das leise Gurgeln der Heizung war zu hören. Beide sahen sich an. Mit einem Schlag war es aus mit ihrem Enthusiasmus. Das passende Outfit hing in keinem Schrank, ganz abgesehen von den finanziellen Mitteln für die adäquate Abendgarderobe. Wortlos drehten sie sich eine Zigarette, Enttäuschung auf der ganzen Linie.
„Nicht schon wieder Momo!“, sagte Jette als erste, „wir können doch nicht alles wegen so ein paar blöder Klamotten sausen lassen!“

Ein tiefer Seufzer kam von der anderen Seite des Tisches:
„Kleider machen Leute. Wir haben keine, ergo sind wir nix.“
„Quatsch!“, erwiderte Jette entrüstet. Sie war wild entschlossen, Rückzug kam überhaupt nicht in Frage.
„Resi gniert nicht!“ Ein paar Sekunden dauerte es, bis Minu Jettes Wortspiel verstanden hatte. Sie lachte heiser, die Lösung lautete Secondhandladen. Damit war die Kleiderfrage vorerst geklärt.
Zwei Sitzplätze zu wenig im Theater stellten für die beiden Freundinnen kein Problem dar, warum sollte so ein High Society Hintern nicht mal auf einem harten Klappstuhl sitzen?

Ihr gemeinsamer Plan verlangte äußerst penible Vorbereitung. Keine Kleinigkeit übersehen hieß ihr oberstes Gebot. Der gesamte Ablauf wurde detailgetreu in Gedanken konstruiert, alle Wahrscheinlichkeiten in Betracht gezogen. Detektivisch machten sie sich an die Arbeit, notierten jede Begebenheit, die ein Hindernis darstellen könnte. Es gab viel zu tun.
Der Vorteil lag auf ihrer Seite, sie hatten genügend Zeit. Die Termine für Frisör und Kosmetikerin standen in ihrer Lieblingshierarchie an erster Stelle. Falls das Amateurduo erwischt würde, wollten sie zumindest atemberaubend schön und gepflegt aussehen. Zweifellos ist es ein bedeutender Unterschied, ob man einen Missetäter mit den Worten:
„Los vorwärts, mein Freundchen!" abführt oder mit der diskreten Aufforderung:
„Darf ich Sie höflichst bitten, meine Damen, mir unauffällig zu folgen!?"

Endlich! Der ersehnte Tag war gekommen.
Sie waren im Besitz ihres Geheimschlüssels in eine fremde Welt: Aufgang links, Rang A, Reihe 1, Platz 16 und 17, direkt an der Brüstung. Blick frei auf das Geschehen. Minu und Jette bestellten ein Taxi.
„Ich glaube, sie sind etwas zu früh, meine Damen", sagte der Taxifahrer und sah in den Rückspiegel. Jette setzte ihr charmantestes Lächeln auf:
„Das ist nicht tragisch, es wird bestimmt gleich geöffnet."
„Ja, als erste drinnen und als erste wieder draußen!",
flüsterte Minu und bekam dafür einen sanften Rippenstoß mit dem Ellenbogen.

Als sie langsam auf das riesige Hauptportal des renovierten Theaters zugingen, überkam sie ein Frösteln. War es die imposante Architektur der zwanziger Jahre, die so bedrohlich wirkte oder die Angst vor der eigenen Courage? Die erste Hürde war genommen, als sie das Wachpersonal in blauer Livree passierten: „Viel Vergnügen, meine Damen!“
Höflich bedankten sie sich und atmeten erleichtert auf. Sie bahnten sich den Weg an die Bar, für ein Glas Champagner. Unauffällig mischten sie sich unter die anderen frühen Gäste. Ihre Wangen glühten durch das dezente Make-up.
Die Wartezeit im Foyer zerrte an ihren Nerven, das schlechte Gewissen wollte sie beinah zur Umkehr zwingen.
„Ich hab Lampenfieber“, sagte Minu mit zitternder Stimme.
„Kein Wunder, bei der Festbeleuchtung!“, meinte Jette, doch ihrer Komplizin war gar nicht zum Scherzen zumute.
Die Zähne aufeinander gebissen, fast ohne Lippenbewegung sagte Jette beschwörend: „Denk dran, nur wir wissen es!"

Der gleichmäßige Strom der Menschenmenge riss nicht ab. Systematisch wurden die beiden Außenseiterinnen eingekreist. Es gab kein Entrinnen!
Sie versuchten dem Blitzlichtgewitter der Journalisten der Boulevardpresse zu entkommen. Auf keinen Fall durften sie fotografiert werden. Sie gaben sich alle Mühen ungezwungen zu plaudern, ermahnten sich gegenseitig:
„Cool bleiben! Gelangweiltes Gesicht ist angesagt!“
Jette stöhnte leise. Sie war die hochhackigen Schuhe nicht mehr gewohnt. Der Weg nach oben über die geschwungene Treppe stand ihr noch bevor. Vorbei an Portraits namhafter Schauspieler, aus eindrucksvollen, riesigen Bilderrahmen beäugten sie die murmelnde, hinauf kriechende Menschen-schlange mit wachsamen Blick. Auf Schritt und Tritt fühlten sich die beiden Sitzplatzdiebinnen beobachtet.
Das Licht der pompösen Kristalleuchter spiegelte sich in blank polierten Knäufen der Absperrungen. Armdicke, dunkelrote Kordelgänge teilten die Meute wie Auktionsvieh. Paarweise schritt das gediegene Publikum dem Ereignis dieses Abends entgegen. Unzählige edle Parfüms, viel zu großzügig aufgetragen, hinterließen ihre Geruchsspuren in schweren Samtvorhängen, mischten sich mit dem Duft von Theaterschminke und Kulissenfarbe. Die aufdringliche Helligkeit und das Durcheinander gedämpfter Stimmen erzeugten eine unterschwellige Anspannung. Jette und Minu fühlten sich wie Eindringliche, fürchteten, jeden Moment ertappt zu werden. Die Atmosphäre vibrierte.

Eine Bühnenvorstellung ist unvergleichlich. Hier werden nicht nur ein paar Knöpfe gedrückt, keine flimmernde Mattscheibe zwingt den Zuschauer, nur der Kameraführung des Regisseurs zu folgen. Es gibt keine technischen Tricks, die Lebewesen und Szenen einfach herausschneiden. Auf der Bühne herrscht der Mensch, fällt keinem Schnitt zum Opfer. Das erste Klingelzeichen ertönte. Manege frei!
Wie Raubtiere, die durch Käfigschleusen in die Zirkusarena geleitet werden, drängte die Ungeduld jeden Besucher zu seinem wertvollen Sitzplatz. Mit jedem Schritt klopfte das Herz stärker, schneller. Leise näherten sie sich menschlicher Schwäche in einem Ausmaß, von dem sie beide noch nichts ahnen sollten.
Jede Treppenstufe wurde für Jette zur Qual, ihre schmerzenden Füße lenkten sie vom eigentlichen Geschehen ab. Minu kümmerte sich liebevoll kümmerte um ihre Komplizin. Sie durften kein Aufsehen erregen! An alles hatten sie gedacht, nur nicht daran, wie man damenhaft und unbehelligt in mörderischen high heels Stufen hinauf schreitet. Stufen, die für sie den Weg in ihre heimliche Welt eines einzigen Erlebnisabends bedeuteten! Es war eine Tortur.

Beim ersten Klingelzeichen die Plätze aufsuchen, schrieb ihr Plan vor. Jette und Minu blickten neugierig umher. Zu gerne hätten sie gewusst, wer als Zweitbesetzung für ihre Plätze in Frage kam. Mit wem würden sie den Kampf um das ehrlich erkaufte Platzrecht aufnehmen? Zu Hause hatten sie den Dialog in Rollenspielen oft genug geprobt. Contenance bewahren, war ihr fester Vorsatz. Sich auf das niedrige Niveau laut Streitender zu begeben, entsprach nicht ihrer Natur. Selbstbewusst, ohne Scheu, als ob alles seine Richtigkeit hat, gepaart mit etwas Hilfsbereitschaft, so wollten sie ihre Sitzplätze auf das Äußerste verteidigen, jedoch auf gar keinen Fall abtreten. Bedauern über diese schreckliche Fehlbuchung sollte geheuchelt werden.
„Ist es noch weit?“, fragte Jette gequält.
„Nein, das wirst du durchhalten!“, meinte Minu.

Erleichtert betraten sie die Empore und ließen sich auf ihren ergaunerten Plätzen nieder. Unruhig blickte Jette nach allen Seiten. Sie bereitete sich gedanklich auf das unausweichliche Gespräch mit den rechtmäßigen „Besitzern“ der Plätze vor, als es zum zweiten Mal klingelte. Auf dem Balkon gegenüber drängten sich viele Besucher, doch auf ihrer Seite war außer ihnen niemand. Jette stutzte. Immer wieder schaute sie sich um.
„Suchst du was?“, fragte Minu beiläufig. Bequem lehnte sie in kindlicher Unbekümmertheit an der gepolsterten Rückenlehne. Sie tat völlig unbeteiligt, das verunsicherte ihre Freundin umso mehr.

„Wo sind die anderen?“, tuschelte Jette.
„Was meinst du? Warum flüsterst du?“ Mit weit aufgerissenen Augen sah Minu ihre Freundin an. Das dritte Klingeln ließ die Frage unbeantwortet. Die beiden Freundinnen thronten hoch oben, hatten den besten Ausblick und konnten das eifrige Geschehen genau beobachten. Der Mittelraum war inzwischen bis auf den letzten Platz belegt.
„Volles Haus“, grinste Minu und zeigte auf die gegenüber-
liegende Seite, Rang B. Unzählige Menschen standen dicht an dicht. Ab und zu konnten Jette und Minu die großen bunten Eintrittskarten erkennen, hoch über den Köpfen wurden sie hin und her geschwenkt. Das wertvollste Stück Papier an diesem Abend!

Es bot sich ihnen ein Schauspiel, dass sie gar nicht bemerkten, als es erneut klingelte, länger und eindring-licher als vorher. Wie gebannt starrten sie nach gegenüber.
„Willst du mal sehen?“, fragte Minu und kramte ein Opernglas hervor. Sie hatte wirklich an alles gedacht.
Jette setzte den Minifeldstecher an und traute ihren Augen kaum. Wohin sie auch sah, erblickte sie eine aufgebrachte Menschenmenge, ungeduldig drängelnd und schubsend zwischen den Sitzreihen. Die Unruhe und das Stimmengewirr vom oberen Balkon zogen die Aufmerksamkeit der Gäste im Innenraum auf sich. Alle blickten neugierig empor. Unglaublich, was sich dort oben ereignete. Ein Skandal.

Herren in feinsten Anzügen versuchten ihre Damen vor Rempeleien zu schützen. Manche gerieten bedrohlich ins Wanken, fanden aber in der Menge sofort wieder Halt. Von Zeit zu Zeit hörte man Mark erschütternde, spitze Schreie.
Im unteren Bereich waren einige Gäste wieder aufgestanden, sie reckten und streckten die Köpfe, um besser sehen zu können, was da vor sich ging. Jette und Minu hatten genügend Platz und freie Sicht. Sie wurden Zeugen einer Rücksichtslosigkeit, die ihresgleichen suchte. Ein übereifriger Sitzplatzjäger hatte in seiner Rage versehentlich das verlängerte Kunsthaar einer voluminösen Dame abgerissen. Lange blonde Locken hatten sich im Rückenausschnitt des lila Kleides verheddert. Hilflos ein-
geklemmt ruderte die beleibte Frau mit den Armen in der Luft und versuchte ihre Ersatzhaarpracht wieder zurecht zu rücken. Jeder wollte den anderen in die Flucht schlagen, zum widerspruchslosen Rückzug bewegen. Jeder forderte sein Recht. Die teuer bezahlten gedruckten Buchstaben und Zahlen hatten gefälligst mit den dazu gehörigen Sitzplätzen überein zustimmen!

„Kostenloses Studium über Verhalten und Imponiergehabe von Primaten“, lachte Jette und gab ihrer Freundin das kleine Fernglas zurück. Minu grinste wohlgefällig und erblickte abgebrochene, lange, lackierte Fingernägel die in einem Polster stecken, als Zeichen der Niederlage.
„Schlecht geklebt“, lachte sie schadenfroh.
Die einzigen, die diese Panik meisterhaft bewältigten, waren die Fotografen der Yellow Press.
Tänzelnd auf Zehenspitzen schlängelten sie sich vorbei an schwitzigen Leibern und jonglierten gekonnt ihre Fotoapparate. Unter allen Umständen mussten sie der Außenwelt jeden Schnappschuss präsentieren. Dieses unerwartete Ereignis war d e r Event, musste voll ausgekostet werden. Die gierige Sensationslust der breiten Masse war schließlich ihr Broterwerb.

Der Lärm der erhitzten Gemüter übertönte alle Klingelzeichen. Auch die plötzliche Dunkelheit im Saal konnte die wütende Masse nicht in ihre Schranken verweisen, selbst als der Vorhang die hell erleuchtete Bühne frei gab, ebbte der Kampfgeist der Meute nicht ab.
Das Publikum im Innenraum hatte inzwischen wieder Platz genommen, trotzdem herrschte immer noch große Verwirrung.
Uniformierte Ordner konnten auf den oberen Rängen nichts ausrichten, wahrscheinlich wurden sie von der gutsituierten Gesellschaft nur als Eindringlinge und weitere Platzrivalen angesehen.
„Ich verstehe das alles nicht“, sagte Jette zu Minu, die ihre Freundin wortlos und unschuldig ansah.
Resignation machte sich unter den Schauspielern breit. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf der Bühne auf ihren Einsatz zu warten. Dem Aufruf des Intendanten, die Plätze einzunehmen und sich still zu verhalten, hatte niemand Folge geleistet.

Gespannt schauten alle zu Rang B, beobachteten fassungslos das zankende Publikum. Der Regisseur ließ seinem Galgenhumor mit neidischem Unterton freien Lauf:
„Das nenne ich Aktions-Theater, warum fällt mir so etwas nicht ein?"
"Szenenapplaus!" rief ein Schauspieler voller Begeisterung. Das Reißen und Zerren an teuren Kleidern, das Stoßen, Zetern und Fluchen nahm Überhand. Geballter Eigensinn entlud sich. Egoistische Kurzsichtigkeit beherrschte die gesamte Szenerie. Die gegenüberliegende Seite, Rang A, mit all den freien Sitzplätzen, bis auf zwei besetzte Stühle wurde keines Blickes gewürdigt. Jeder konzentrierte sich nur auf sich und sein wichtiges Stück Hochglanzpapier in Postkartengröße. Niemand war bereit, auch nur ein bisschen nachzugeben.
Eine wahllos zusammen gewürfelte Menschenmenge ohne jegliche schauspielerische Ausbildung improvisierte spontan, geradezu akribisch genau den Inhalt des Stückes, das hier an diesem Abend aufgeführt werden sollte. Jeder der zufällig beteiligten Akteure mauserte sich in kürzester Zeit zum herausragenden Laiendarsteller.

Die beiden Freundinnen saßen immer noch unbehelligt in Reihe 1, direkt an der Brüstung. Jette war nur mit dem Geschehen von gegenüber beschäftigt und hatte nicht einmal bemerkt, dass sie beide in abgeschiedener Zweisamkeit alles genießen konnten. Auch kannte sie nicht den wahren Grund für all die Vorkommnisse. In ihrer Naivität kam ihr nicht der Gedanke, wer oder was der Auslöser für dieses Tohuwabohu gewesen sein könnte. Dieses ungeheuerliche Spektakel war zu übermächtig, es hatte sie vollständig gefangen genommen.

„Fifty-fifty!“ sagte Minu siegessicher und hielt den Daumen ihrer rechten Hand in die Höhe, wie ein römischer Imperator, der über Leben oder Tod eines Gladiators entscheidet.
„Wie bitte?“ fragte Jette verwirrt, als ob man sie aus einem Traum gerissen hätte.
„War ’ne gute Idee von dir! Sieh her, i c h bin der ‚Macher’!“, sagte Minu in normaler Lautstärke. Ihr Gespräch konnte sowieso von niemandem belauscht werden. Was hatte das alles zu bedeuten? Jette konnte sich keinen Reim machen.
„Du bist vielleicht schwer von Begriff!“ Minu schüttelte sich vor Lachen.
„Ich verstehe gar nichts. Habe ich etwas verpasst?“ Jette begann an sich selbst zu zweifeln.
„Hier siehst du den Erfolg einer einschlagenden Idee.“
Minu zeigte nach drüben, wo der Kampf immer noch tobte, gleichzeitig drängte sie ihre Freundin aufzustehen.
„Warum sollen wir gehen?“ wollte Jette wissen.
Es war ratsam, den Balkon jetzt zu verlassen, keine Zeit zu verlieren. Nachher könnte es vielleicht zu spät sein.
„Manchmal ist Verzicht empfehlenswert.“, Minu ließ nicht mit sich handeln.
Einen letzten Blick nach gegenüber wagten sie noch. Arm in Arm schritten sie die breite Treppe hinunter. Niemand bemerkte die beiden Freundinnen. Das ganze Interesse galt nur den zankenden oberen Zehntausend. Ohne Aufsehen verließen sie ihren Tatort. Jettes Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.
„Sag mir jetzt endlich was los ist!“ knurrte sie ihre Freundin an.
Minu musste Farbe bekennen.
„Fifty-fifty“, lachte sie, „halb und halb.“
„Ich verstehe überhaupt nichts und warum können wir nicht bleiben?“ Jette wollte sofort die Antwort hören.
„Schätzchen, ganz einfach, ein kleiner,“ Minu machte eine Pause, „sagen wir Druckfehler!“
Jette wurde ungeduldig: „Mach es nicht so spannend!“
Minu lachte laut: „Ganz einfach: Für Rang A gab es nur zwei Karten,“ sie rang nach Atem, „unsere beiden und für Rang B,“ vor lauter Lachen konnte Minu nicht weitersprechen.
Jette schüttelte ihre Freundin:
„Hör auf zu lachen und sag es mir endlich!“
„Für das GeRANGel von gegenüber habe ich auch gesorgt, mit einer Doppelbelegung für jeden Sitzplatz.“



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JO

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Rainer
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hallo rakun,

der konsum deines textes stellte für mich ein wahrlich großes (diebisch kann ich ja nicht schreiben) vergnügen dar.
die auflösung des rätsels ist zwar etwas stolperig zu lesen, hier solltest du noch einmal dran arbeiten, aber insgesamt ein köstliches amusement: stil, wortwahl, inhalt orth./gramm. - bestens.
der schönste satz für mich:

quote:
Armdicke, dunkelrote Kordelgänge teilten die Meute wie Auktionsvieh.


und das noch jemand das wort "contenance" kennt und verwendet, hat mich ganz besonders gefreut.

(werde mir mal deine anderen texte ansehen, also nicht wundern, wenn plötzlich kommentare zu längst "vergangenen" texten auftauchen)

gruß

rainer

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