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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Ein durchgeknalltet Weib
Eingestellt am 24. 02. 2014 19:42


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Wolfgang Bessel
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Ein durchgeknalltet Weib

„Willi, Du fasst mir meine Sau nich an! Dat iss meine Beute.“ Der Tag fing ja schon toll an.
Berta wartete frĂŒhmorgens ungeduldig auf meine Gesellen.
Ungewöhnlich höflich bat sie die MÀnner, ihr doch beim Tragen ihres schweren Keilers behilflich zu sein.
Die MĂ€nner haben nich schlecht gestaunt als sie den schweren „Wummann“ in den Hof schleppten.
„Jungs, jetz die Fleischerhaken da inne Sehnen rein, und dann vorsichtig anne Teppichstange aufhĂ€ngen. Nich, dat Ihr mir die Sau fallen lasst und die Waffen sind hin, dann iss wat los! Wenn Ihr dat richtig macht, kriegt jeder von Euch ne Flasche Bier.“
Ich hörte wohl schlecht.
„Berta, Du hasse wohl nich alle im Stall, Bier wird vor der Arbeit nich gesoffen, mach hin, die Gesellen mĂŒssen aufe Maloche, kuck ma auffe Uhr. Ich muss auch weg, ich hab ne Menge Termine, zum Mittagessen bin ich wieder zurĂŒck. Nu zeig ma, wat Du kannz.“
„Ja, hau schon ab, ich komm bestens allein parat, mach Dir ma keinen Kopp.“ Den machte ich mir aber, denn sie hatte ja noch nie ne Wutz abgeschwartet.
Den ganzen Morgen dachte ich an Berta. Ich stellte mir vor, wie mein armet Eheweib schweißgebadet an dem Keiler rumsĂ€belte. Ich fuhr mittags heim und war gespannt, ob meine Holde allet schön inne Reihe gekriegt hatte.

Als ich in unsere Straße einbog, glaubte ich, mich hĂ€tt en Pferd getreten. War ich etwa inne falschen Straße abgebogen? Nee, war ich nich! Autos ĂŒber Autos standen vor unserem Haus. Die Garageneinfahrt war genauso zugeparkt wie die Einfahrt vonne Werkstatt.
Wat war denn hier los? Ich stellte meine Karre notgedrungen hundertfĂŒnfzig Meter weiter ab und rannte wie angestochen zurĂŒck. Bei uns musste wat Schlimmet passiert sein. Die HaustĂŒr stand sperrangelweit offen. Ich lief int Haus. Überall lagen MĂ€ntel und Jacken rum. Die Garderobe war rappelvoll. Wat ging hier ab?

Hinterm Haus fand offenbar en Jahrmarkt statt. Ein fĂŒrchterlichet Gejohle, wat auch noch von Jagdhörnern begleitet wurde, ließ Böses ahnen.
Ich flitzte auffen Hof und kriegte fast en Anfall. En grauenhaftet Kreischen empfing mich.
Fast alle Nachbarn und Freibiergesichter im Umkreis von hundert Metern und etliche Jagdfreunde stĂŒrzten sich mit ihren Weibern auf mich: „Willi, Deine Alte hat ja schwer Schwein gehabt. Sonnne Wildsau haben wir ja noch nie gesehn. Danke fĂŒr die Einladung.“
„Ähm, ja, ja“, knurrte ich verlegen, „Berta hat wirklich allen Grund, tĂŒchtig zu feiern. Habt ihr alle Urlaub? Oder wieso könnt ihr faulen SĂ€cke schon am Montagmittag hoch die Tassen machen?“ Nachbar Gerd antwortete fĂŒr alle: „Willi, Deine Berta hat uns doch schon gestern Nachmittag angerufen. Wir haben heute blau gemacht. Eure seltenen Feiern darf man doch nich verpassen!“
Ich hielt die Klappe weil mir fĂŒr ne passende Antwort die Worte fehlten. Dat „Volksfest“ lief auf Hochtouren.
TĂ€uschten sich da meine Lichter? War dat vielleicht ne Luftspiegelung? Da stand unter dem Balkon en BĂŒfett vom Allerfeinsten. Der Schmidtkepowski, der teuerste Partyservice-Fritze inne Stadt, stand grinsend hinterm Tresen und schnitt gerade vom Rinderfilet rosarote RĂ€ngel ab. Ein etwa fĂŒnf Meter langer Tisch bog sich unter der Last der aufgetĂŒrmten Fressalien. Dat Buffet musste en Vermögen gekostet haben! Ich war sprachlos.
Aber wo zum Teufel steckte nur meine Berta? Aha, da sah ich sie.
Sie stand in voller Jagdmontur und geschultertem Gewehr neben ihrer Sau und hielt Hof.
Dat Tier war ja ĂŒberhaupt noch nich abgeschwartet! Berta hatte mich beim Bock getan!
Sie ließ sich von mehreren Reportern inne prahlerischsten Posen knipsen. Der Chefreporter Ludwig LĂŒegen vom Herner KĂ€seblatt interviewte sie gerade. Den kannte ich aus unserer Stammkneipe. Der Idiot war bekannt fĂŒr die ĂŒbelsten Klatschstories. Auch der Berichterstatter Bruno Übertreib von Radio Herne stand ungeduldig in Bertas Warteschleife.
Herne und Umgebung mussten natĂŒrlich auch ĂŒber Rundfunk erfahren, dat se ne Wutz erlegt hatte! Ekelhaft war diese Angabe. Ich hĂ€tte am liebsten die ganze Bande vom Hof gejagt und Berta den Marsch geblasen.

Plötzlich verÀnderte sich die Hof-Szene:
Die Sau wurde auf Bertas Geheiß von vier MĂ€nnern vonne Stange gehoben und fĂŒr die Presse parat gemacht – natĂŒrlich schön fotogen mit weit geöffnetem Äser. Die blitzenden Keilerwaffen mussten ja gefĂ€hrlich wirken!
Berta verĂ€nderte fĂŒr die Fotos stĂ€ndig ihre albernen Positionen. Sie kniete gerade mit ihrem PĂŒster neben der Wutz. Hoffentlich war da nich noch ne Patrone im Lauf! Dann setzte sie sich sogar noch rittlings auf dat arme Tier. Ich konnte nich mehr hinkucken, dat war ja Ă€tzend und so wat von unwaidmĂ€nnisch!
An ihrem Jagdhut steckte ne halbe Fichte als SchĂŒtzenbruch und genau son riesigen Bruch ragte der Sau als „Letzter Bissen“ aussem Äser.
Berta griente wie blöd inne Kameras rein und fragte die Reporter stÀndig, ob se auch voll im Bild wÀr. Ein son dösiger Pressefritze lag lang auffe Wiese, um dieset lÀcherliche Motiv richtig einzufangen.
Ich peilte Berta böse an. Sie registrierte meinen Zorn, aber ignorierte ihn. Ich war Luft fĂŒr sie. Sollte ich sie hier vor alle Leute zurechtstutzen und dat Drama beenden? Auf keinen Fall! Wenn ich nĂ€mlich erst ma richtig aus mir rauskomme, komm ich gar nich mehr wieder rein! Obendrein bisse dann nur wieder jahrelang GesprĂ€chsstoff inne Nachbarschaft.

Von der miesen, angeberischen Seite kannte ich mein Eheweib noch gar nich. Wat war bloß der Auslöser fĂŒr ihr schrecklichet Verhalten? Hatte ich ihre jĂ€gerischen Hilfsdienste nich richtig gewĂŒrdigt? Oder konnte sie mein erfolgreichet Jagen nich mehr ertragen? War se etwa neidisch?
Fragen ĂŒber Fragen schossen durch meine Birne. Vielleicht wollte se ne jagdliche Ich-AG aufmachen und mich gĂ€nzlich ausschalten.
Wie schaffte et Berta in nur drei Stunden dieset Affentheater auffe Beine zu stellen? Dat war zweifellos ne logistische Glanzleistung. Ich hatte se unterschÀtzt.

Die BlĂ€sergruppe vom Hegering Herne blies gerade dat Jagdsignal „Sau tot“, da stolperte der versoffenste Nachbar, der Ötte Krakowiak ĂŒber den Keiler, knallte voll auf dat Gesicht und brach sich dabei den rechten Vorderlauf. Der war schon ma ausgeschaltet und torkelte mit seiner Tusnelda hirsehackevoll vom Hof.
Dat Hundert-Liter-Fass war noch gut gefĂŒllt. Ich ahnte, dat et en langen Tag werden wĂŒrde.
Et war ja nich meine Sau, und außerdem widerte mich Bertas Schau und dat Reportergesocks an. Ich verdrĂŒckte mich in meine Stammkneipe und ließ Berta mit die Nachbarn weiterfeiern.
Gegen zwanzig Uhr war ich zurĂŒck. Die Reporter und BlĂ€ser hatten sich mittlerweile verzogen, doch etwa zwanzig lallende Anwohner waren immer noch am Picheln. Sie verfolgten da gerade ne unterhaltsame Vorstellung.
Ich holte mir nen Pilsken, stellte mich dazu und beobachtete meine Berta wie sie mit nem Skalpell den Keiler abschwartete. Dreiviertel waren bereits fein sauber vom Wildbret getrennt. Alle Achtung, Berta machte dat gut. Bei jeder kleinen SchnittfĂŒhrung klatschten die umstehenden Suffköppe und forderten johlend „Zugaabee“!
„Hömma, Berta“, sachte ich, „dat machse wirklich akkurat.“ „Ja, Willi, man muss uns Frauen ab und zu ma wat zutrauen. Die können mehr als Euch MĂ€nner nur den Hintern nachtragen.“ Jetzt brĂŒllten die umstehenden Weiber vor Lachen und gaben Berta natĂŒrlich Recht.
Abscheulich war dat. Ich bin mit meiner dösigen Lobhudelei voll inne Falle getrampelt.
Wir sind MĂ€nner, und MĂ€nner sind sensibel. Deshalb ließen wir die gibbelnden Weiber allein und stiefelten beleidigt zum Fass.
Berta hatte die Sauschwarte tipptopp vonne Fettreste befreit, eingesalzen und schön mit die Borsten nach oben eingerollt. Der Gerber konnte sich freuen.
Anschließend hatte se dat Schwein sogar noch fachmĂ€nnisch zerwirkt. Der Schmidtkepowski half ihr dabei und rĂŒckte ihr fĂŒr meinen Geschmack etwat zu nah auffe Pelle, der lĂŒsterne, alte Zausel. Sie, ich kann Sie wat flĂŒstern, der stand kurz vor ne Ohrfeige.
Der standhafteste Steher, der Harry Lodderpinn, schwankte mit seinem Trudchen erst um ein Uhr morgens nach Hause. Er schimpfte wie en Rohrspatz, weil dat Fass leer war und er noch en fĂŒrchterlichen Brand hĂ€tte.
Wortlos verließ ich dat Schlachtfeld und ließ mich total geschafft in mein Bett fallen.


__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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