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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein echter Freund
Eingestellt am 22. 11. 1999 00:00


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Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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Ein echter Freund
"Mörder", Lisas Kopf war erfĂŒllt von einer einzigen alles verdrĂ€ngenden Anschuldigung. Ihr Blick glitt den Lauf des Gewehres entlang und fixierte voller Abscheu die hilflos vor ihr zitternde Gestalt. Lisas Gedanken wirbelten wie Bienen in einem Bienenstock, maßlose Wut versuchte ihr GefĂ€ngnis zu verlassen und entlud sich in unverstĂ€ndlichem Kreischen. "Nicht Ben, nicht ausgerechnet er", Lisas Gedanken kreisten um den einzigen Freund den sie in ihrem Leben gehabt hatte. Er hatte sich nie ĂŒber sie lustig gemacht wie all die Anderen um sie herum, ihn störte es nicht das Lisa nie sprach. Lisa hörte Ihre Bosheiten nicht, aber sie konnte die Schadenfreude an den Gesichter ablesen. FrĂŒhzeitig hatte sie gelernt die hĂ€ĂŸlichen Worte von ihren Lippen zu lesen. Lange Zeit war sie gekrĂ€nkt, doch dann hatte sie eine Lösung gefunden. Lisa konnte sich beinahe unsichtbar zu machen, unsichtbar fĂŒr Andere, unsichtbar fĂŒr sich selbst. Sie beherrschte die Kunst nicht wirklich da zu sein, stundenlang an einem Fleck zu sitzen, nicht zu Denken, nicht zu FĂŒhlen. Erst das Erscheinen von Ben hatte sie zurĂŒck geholt. Er zeigte ihr das es Leiden gab, die schlimmer waren als ihr eigenes Schicksal. Ben war plötzlich da, kam die Straße aus Richtung Feldstadt herunter gelaufen. Weis Gott wie oft er einem Unfall nur knapp entkommen war. Die Ersten die ihn sahen dachten er wĂ€re krank, sie sprachen ihn an, riefen nach ihm, doch wie betrunken schien er, orientierungslos. Lisa die hinzugekommen war sah ihre geifernden Lippen, und ihre boshaften Augen hatten den gleichen Ausdruck der sonst fĂŒr sie bestimmt war. Nur Ben war nicht krank, Ben war auch nicht betrunken, Ben war blind. Lisa lief unter dem Gejohle der Dorfbewohner zu ihm hin, legte ihren Arm um seinen Hals, und Ben beruhigte sich. Sie brachte ihn nach Hause, und obwohl seine Anwesenheit einen weiteren hungrigen Mund zu stopfen bedeutete, sagte ihr Vater nichts. Er war glĂŒcklich darĂŒber das Lisa einen Freund gefunden hatte und beobachtete wie sie in den nĂ€chsten Monaten aufblĂŒhte. Ben wurde nebenan im Schuppen untergebracht, nicht gerade luxuriös, aber ihm genĂŒgte es ganz in der NĂ€he von Lisa zu sein. Niemand erkundigte sich nach ihm, und Ben behielt das Geheimnis seiner Herkunft fĂŒr sich. Im Dorf gewöhnte man sich an das ungleiche Paar. Selten sah man sie oder ihn allein. Beide liebten es lange SpaziergĂ€nge zu unternehmen. Zuerst war Ben unsicher, doch mit der Zeit begriff er, daß er sich Lisa bedenkenlos anvertrauen konnte. Ihre Augen waren seine Augen, und seine Ohren waren ihre Ohren. Lisa war in den letzten Jahren zu einer Schönheit herangereift, die den MĂ€nnern im Dorf nicht verborgen geblieben war. Argwöhnig beobachteten Sie die unheilvolle Allianz. Der Fremde, der Dahergelaufene, der Blinde. Die Versuche mit Lisa anzubĂ€ndeln blieben erfolglos, zu eng schien die Verbindung zwischen ihr und Ben als daß noch Platz fĂŒr einen Dritten gewesen wĂ€re. Die beiden Freunde ließen sich nur noch selten im Dorf blicken, stĂ€ndig hatte Lisa das GefĂŒhl, als wenn die Bewohner etwas gegen sie im Schilde fĂŒhrten. Vor allem wie sie Ben abschĂ€tzend ansahen flĂ¶ĂŸte ihr Furcht ein. Dann, eines Morgens war Ben verschwunden. Lisa suchte verzweifelt an all den Orten die sie gemeinsam so liebten, aber er war nirgendwo zu entdecken. Erst mittags im Dorf, auf dem Marktplatz, fand sie ihn. Er lag da und starrte sie aus glasigen toten Augen an. Niemand hörte ihren stummen Schrei. Lisa tobte, zog und zerrte vorbeigehende Passanten hin zu Ben der erstochen vor ihr lag. Wollte den niemand verstehen. TrĂ€nenĂŒberströmt lief sie nach Hause öffnete den Waffenschrank und holte das Gewehr Ihres Vaters hervor. Dann kam sie zurĂŒck um den Mörder zu richten. Lisa wußte wer es war und entdeckte ihn bei der Arbeit. Sie sah die Angst in seinen Augen, doch ihr Inneres war zu Stein geworden. Der Mann an dessen HĂ€nden noch Bens Blut klebte hob hilflos die Hand. Sein Mund formte unbeholfen einen Satz, und Lisa erkannte die Worte die ĂŒber seine Lippen kamen. " Aber er war doch nur ein Schw...". Dann unterbrach ein Schuß seine Rechtfertigung. Ein roter Fleck bildete sich auf seiner weißen SchĂŒrze, er strauchelte, und das Fleischmesser viel aus seinen HĂ€nden klirrend auf den Boden. Lisa starrte auf den sterbenden Schlachter und vollendete in Gedanken wortlos seinen letzten Satz " ein echter Freund".

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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