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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein eindrucksvolles sozialgeschichtliches Bild des Island um 1910
Eingestellt am 02. 07. 2012 16:40


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension von:
Krist├şn Marja Baldursd├│ttir, Die Eismalerin. Aus dem Isl├Ąndischen von Coletta B├╝rling, Kr├╝ger-Verlag 2006, ISBN 3-8105-0256-8, 461 Seiten

Krist├şn Marja Baldursd├│ttir, eine der bekanntesten Journalistinnen und Schriftstellerinnen Island, f├╝hrt uns in ihrem vierten Roman zur├╝ck in das Island Anfang des 20. Jahrhunderts. Steinunn Olafsd├│ttir lebt, jung verwitwet, mit ihren sechs Kindern im S├╝den dieser f├╝r uns Westeurop├Ąer nach wie vor fremden Insel. Sie ist eine selbstbewusste und intelligente Frau, die schon ein zartes Bewusstsein entwickelt hat f├╝r die Rechte und die Emanzipation der Frauen, von den entsprechenden Bewegungen in ihrem Land und auf dem europ├Ąischen Kontinent wei├č und sich immer wieder dar├╝ber zu informieren sucht. So ist ihr auch vollkommen klar, da├č ihre Kinder, besonders aber ihre T├Âchter nur dann eine wirkliche Chance f├╝r ein eigenst├Ąndiges, selbstbewusstes und selbstbestimmtes Leben haben werden, wenn sie die entsprechende Bildung besitzen.
Deshalb ruht Steinunn Olafsd├│ttir nicht, bis sie das n├Âtige Geld zusammen hat, in die kleine Stadt Akureyi im Norden Islands zu ziehen, damit ihre Kinder dort die Schule besuchen k├Ânnen und in der dortigen Fischindustrie Arbeit finden.

Obwohl Steinunn nicht die Hauptfigur dieses Buches ist, beeindruckt ihre Charakterisierung. Es ist immer wieder ├╝berraschend und wohltuend zu lesen, wie doch ├╝berall damals, auch unter schlechten Bedingungen, Menschen versucht haben, in ein besseres, selbstbestimmtes Leben aufzubrechen und sich nicht von zahlreichen widrigen Bedingungen abhalten lie├čen.

Wie die Autorin die Arbeit der Menschen in den Fischfabriken schildert, zeichnet ein eindrucksvolles sozialgeschichtliches Bild des Island um 1910.
Steinunn arbeitet hart und es gelingt ihr tats├Ąchlich im Laufe der Jahre allen ihren Kindern zu einer ordentlichen Ausbildung und zu einem selbst├Ąndigen Leben zu verhelfen.

Das Talent ihrer Tochter Karitas, Hauptfigur dieses wunderbaren Romans, erkennt sie bald und versucht es zu f├Ârdern. Karitas zeichnet gern und beobachtet eines Tages drau├čen im Feld eine fremde Frau an einer Staffelei. Sie ist beeindruckt, doch am n├Ąchsten Tag ist die Frau verschwunden.
Diese geheimnisvolle ÔÇ×Eis-MalerinÔÇť wird es sein, die Karitas sp├Ąter ein f├╝nfj├Ąhriges Studium an der Kunsthochschule in Kopenhagen finanzieren wird, weil sie, als sie die ersten Bilder von Karitas sieht, ihr au├čergew├Âhnliches Talent erkennt und f├Ârdern will.

Stark sind die Bindungen und die Traditionen, gro├čen Druck mu├č Karitas aushalten von ihren Schwestern, die sie beschw├Âren, daheim zu bleiben, sich um die Mutter zu k├╝mmern und einem ÔÇ×ordentlichenÔÇť Broterwerb nachzugehen. Doch Karitas geht. ├ťber diese f├╝nfj├Ąhrige Studienzeit in Kopenhagen erfahren wir sp├Ąter nur, da├č die Zeit hart war, weil sie f├╝r ihre Kost und Logis abends schwer und lange arbeiten musste.

In der Zwischenzeit geht das Leben auf der Insel weiter und es ist hart, auch weil der Erste Weltkrieg zu vielen Versorgungsengp├Ąssen f├╝hrt. Als Karitas 1923 aus Kopenhagen zur├╝ckkehrt nach Island, tr├Ąumt sie davon, ein eigenes Atelier zu er├Âffnen. Sie hat einen eigenen Stil entwickelt, der im Buch nur ansatzweise beschrieben ist, der aber schon vielen Leuten positiv aufgefallen ist. Von einer ersten Ausstellung ist die Rede, die ihre G├Ânnerin Eugenia, die sie einst im Feld malen sah, organisieren will. Doch zun├Ąchst mu├č Karitas Geld verdienen. Und sie macht es wie ihre Mutter und wie all die anderen Frauen damals: sie arbeitet in der Fischfabrik. Dort, hoch oben im Norden der Insel, trifft sie auf einen Mann, der ihr Leben ver├Ąndern wird. Sie schl├Ąft schlussendlich mit Sigmar, dem gro├čen, gutaussehenden Fischer, der zun├Ąchst von einem eigenen Boot und dann irgendwann von einer eigenen gro├čen Fangflotte tr├Ąumt.

Karitas wird schwanger, Sigmar f├Ąhrt wieder zur See und aus ist es mit den Tr├Ąumen von der K├╝nstlerexistenz in Reykjavik. Karitas kommt bei Verwandten unter, die ihr zusammen mit den anderen Menschen im Dorf so gut es geht unter die Arme greifen. Die Schilderung dieser gegenseitigen Hilfe, bei der auch die M├Ąnner ihren Platz haben, geh├Ârt f├╝r mich zu den st├Ąrksten Seiten dieses Buches. Obwohl die Menschen hart arbeiten m├╝ssen, haben sie einen Sinn f├╝r das Wesentliche im Leben, und auch das Lachen und Feiern hat seinen angestammten Platz.

Karitas ist mit ihrer Art und ihren Bildern nat├╝rlich eine Exotin im Dorf, doch niemand lacht ├╝ber sie. Im Gegenteil: sie genie├čt manche Privilegien und Unterst├╝tzung und malt weiter, nachts, wenn das Kind schl├Ąft. Mit die jeweiligen Kapitel einleitenden Bildbeschreibungen vermittelt die Autorin dem Leser einen plastischen Eindruck von Karitas Kunst.

Irgendwann kommt Sigmar, mittlerweile Eigent├╝mer eines gro├čen Fangschiffes, nicht mehr zur├╝ck und Karitas richtet sich in ihrem neuen Leben ein, so gut es geht und zieht ihren Jungen gro├č. Doch nach vielen, langen Jahren, 1939, steht Sigmar pl├Âtzlich als gemachter Mann vor der T├╝r und will sie mitnehmen nach Italien, wo er all die Zeit lebte. Karitas mu├č eine Entscheidung treffen ...

Krist├şn Marja Baldursd├│ttir hat einen Roman geschrieben, f├╝r den sie ausf├╝hrlich recherchiert hat. Ein Roman ├╝ber Island, ein K├╝nstlerroman und ein Buch ├╝ber den Kampf von Frauen um eine eigene Existenz. Ein Buch aber auch ├╝ber eine Zeit, in der die Gemeinschaft von Menschen in den D├Ârfern noch z├Ąhlte und sie tragen konnte auch durch schwerste Lebenskrisen.
Ich kann das Buch nur ausdr├╝cklich empfehlen.




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