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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein ergreifendes literarisches und persönliches Dokument
Eingestellt am 14. 06. 2017 18:53


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Lizzie Doron, Sweet Occupation, DTV 2017, ISBN 978-3-423-26150-0

Die 1953 als Tochter einer Holocaustüberlebenden in Tel Aviv geborene israelische Schriftstellerin Lizzie Doron ist in Deutschland durch ihre ausnahmslos autobiographisch geprägten Bücher bekannt geworden, in denen sie das Lebensgefühl und die Probleme der sogenannten „zweiten Generation“ thematisierte.

Nicht nur in ihrem letzten Buch „Das Schweigen meiner Mutter“ versuchte sie sehr eindrucksvoll das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gefühle der Nachkommen der Überlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man spürt den jeweils sehr sensiblen und gelungenen Übersetzungen Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser Bücher für Lizzie Doron bedeutet.

Lizzie Doron ist zutiefst davon überzeugt, dass die beiden verfeindeten Völker, die Juden und die Palästinenser, wollen sie eine Chance haben zu überleben, das Unverständnis füreinander überwinden müssen. Gleichzeitig ist sie sich mit David Grossmann und vielen anderen einig, dass ohne die israelische Armee das Land schon längst nicht mehr existieren würde, und die Juden, wie es Nasser zuerst formulierte, von den Arabern ins Meer getrieben worden wären. Dennoch hat sie schon in ihrem letzten Buch „Who the Fuck ist Kafka“, das ebenso wie das neue hier vorliegende in Israel nicht erscheinen konnte, sich auf neue Wege begeben und begonnen, nicht nur literarisch, sondern in tatsächlichen Begegnungen mit Menschen von der anderen Seite, „dem Feind“, auszuloten, wie das wäre, sich einander anzunähern, der Gewalt abzuschwören und sich dem jeweiligen Leid und Schicksal des anderen zu anzunehmen.

Auch das neue Buch und seine Autorin sind voller Widersprüche. Da ist zu einem die Hoffnung, und zum anderen die tief sitzenden Vorurteile und Ängste. Und man spürt eine in den letzten Jahren stärker gewordene Ratlosigkeit, die auch andere Schriftsteller und Intellektuelle ergriffen hat. Einer von ihnen, Amos Oz, lässt in seinem letzten Roman „Judas“ einen alten weisen Juden sagen: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgeklärten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme des Staates Israel: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gemäßigten, einen Rachsüchtigen zu einem Freund.“

Während Lizzie Doron noch in „Who the Fuck is Kafka“ immer wieder deutlich machte, dass die militärische Macht und ihr Einsatz notwendig sind, um den schnellen Tod Israels und seiner jüdischen Bevölkerung zu verhindern, hat sie nach den Gesprächen mit den insgesamt fünf Mitgliedern der „Combatants for Peace“ auch daran immer mehr Zweifel.

Lizzie Doron hat gegen erhebliche innere Widerstände diesen fünf Männern, drei Palästinensern und zwei Israelis, über ein ganzes Jahr lang in regelmäßigen Begegnungen zugehört und sich dabei immer wieder an Begebenheiten aus ihrem eigenen Leben erinnert. Entstanden ist dabei ein ergreifendes literarisches und persönliches Dokument einer Autorin, die sich und ihr ganzes bisheriges Leben und Erleben aussetzt einer neuen Erfahrung. Ein Buch über einst Radikale, die dem sinnlosen Hass eine Alternative entgegensetzen, von Mirjam Pressler, der langjährigen Freundin und Weggefährtin wieder sensibel ins Deutsche übersetzt

Es ist eine verzweifelte Zwickmühle, die da mit großer literarischer Kunst beschrieben wird.
Beim Lesen dieses Buches spürt der Leser geradezu körperlich die Qual, die Intellektuelle wie Doron, Oz oder Grossmann nicht erst seit gestern aushalten. Ich kann es allen Menschen sehr empfehlen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, weigern, die Hoffnung für dieses Land und seine Menschen aufzugeben. Dass es auch in Deutschland ein neues Verständnis dafür gibt, dass trotz einer sich nach innen abschottenden israelischen Politik mit Siedlungsbau und anderen den Friedensprozess verunmöglichenden Aktionen, zeigen die letzten Besuche von Außenminister Gabriel und Bundespräsident Steinmeier in Israel.

Auch die Wiederauflage des 1970 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen Buches von Amos Oz und Avraham Shapira mit Gesprächen mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg unter dem Titel „Man schießt und weint“, das soeben im Westend Verlag erschienen ist, kann zu diesem neuen Verstehens- und Verständigungsprozess jenseits der alten Frontlinien beitragen.

„Sweet Occupation“ ist ein Buch, das eine große Weisheit vermittelt: die Tragödie des anderen zu verstehen ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien mehr zuzufügen.

Ob dieses Buch jemals in Israel selbst veröffentlicht wird, scheint im Augenblick fraglich.



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