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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein faszinierender historischer Roman von Erik Orsenna
Eingestellt am 11. 04. 2012 17:02


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Erik Orsenna, Cristobal oder Die Reise nach Indien, C.H. Beck 20123, ISBN 978-3-406-63008-8


In seinem neuen Buch widmet sich der franz├Âsische Schriftsteller Erik Orsenna wieder einmal einer seiner gro├čen Leidenschaften, dem Meer, der Seefahrt und der Sehnsucht der Menschen nach fernen L├Ąndern. Gleichzeitig ist es der gelungene literarische Versuch, sich einer der gro├čen Figuren der Seefahrt, Cristobal Kolumbus zu n├Ąhern. Zu verstehen, was diesen Menschen bewegt und getrieben hat. Und es ist eine leidenschaftliche Anklage der furchtbaren Folgen, die die Kolonisation ferner L├Ąnder schon wenige Jahrzehnte nach der ÔÇ×EroberungÔÇť zeitigte.

Er l├Ąsst die Geschichte erz├Ąhlen von Bartolomeo Colombo, dem j├╝ngeren Bruder des gro├čen Entdeckers, der sp├Ąter dann der Regent von Hispaniola werden sollte. Sie beginnt, als der 16- j├Ąhrige Bartolomeo, der aus Genua stammt, wegen seiner kleinen zierlichen Handschrift in seiner neuen Heimat Lissabon eine Arbeit findet in einer der ber├╝hmten kartographischen Werkstatten der Stadt.
Erik Orsenna nimmt seinen Leser mit auf eine spannende kulturgeschichtliche Reise in eine der damals wichtigsten europ├Ąischen St├Ądte, in der sich Mathematiker und Geographen, Schiffsbauer und Seefahrer mit der Erfassung der Welt und ihrer weiteren Erkundung befassen und in der Portugiesen und Genueser, Juden und Araber in einem Schmelztiegel verbunden sind, dessen vorderscheiniger Friede aber nicht lange halten wird.

Es ist eine Zeit, die beherrscht wird von einem gro├čen Wissendrang, von dem schlie├člich auch die beiden Br├╝der Cristobal und Bartolomeo ergriffen werden. Cristobal plant ├╝ber acht Jahre seine gro├če Reise nach Indien. Ihr Verlauf und ihre Ergebnisse sind bekannt, darum geht es Erik Orsenna in seinem Roman nicht.

Es geht ihm um eine bohrende Frage, die den alt gewordenen Bartolomeo vor seinem Tod qu├Ąlt. Warum, so fragt er sich, nicht nur weil die Dominikaner um sein Seelenheil f├╝rchten, warum soll man ├╝berhaupt ein Land und seine Menschen entdecken, wenn man am Ende diejenigen t├Âtet, die man entdeckt hat und ihre Kultur vernichtet?

Und am Ende einer spannenden Erz├Ąhlung, die den Leser mitten hinein in den philosophischen und theologischen Reichtum des Christentums und des Islam der damaligen Zeit f├╝hrt, erkennt er, zur├╝ck in Lissabon, die Grundz├╝ge einer Antwort auf seine Frage angesichts der Judenpogrome wieder:
ÔÇ×Die Gewalttaten, die unsere spanische Insel in Blut getaucht hatten und die ich in den Jahren, die ich dort regierte, nicht verhindern konnte oder wollte, erlebe ich jetzt hier wieder, dieselben, genau dieselben Taten und ├Ąhnliche Opfer im sanften, ach so lieblichen Lissabon: eine eingeschlagene Haust├╝r, eine Meute Menschen, die ins Haus st├╝rzt, eine Frau, die man an ihren Haaren auf die Stra├če zerrt, sie presst einen S├Ąugling weiter fest an sich, man rei├čt ihr das Kind aus ihren Armen, reicht es von Hand zu Hand und bespuckt es dabei, dann packt es ein Mann, h├Ąlt es an einem Bein, schwingt es ├╝ber seinem Kopf und schmettert es gegen einen Brunnenrand, w├Ąhrend die Menge dazu gr├Âlt.
Montesinos (ein Priester, d.R.) hatte mich gefragt: Warum? Warum ist so viel Hass im Menschen? Und was ist das f├╝r ein seltsames Wesen genannt Dominikaner, das unter ein und derselben Fahne Christi imstande ist, zur Rettung der Indianer sein Leben zu riskieren und zur Ermordung aller Juden aufzurufen?ÔÇť

Es ist diese Frage, bohrend und schmerzhaft, die nicht nur Bartolomeo bis zu seinem Tod qu├Ąlt, sondern auch den Leser weiter besch├Ąftigt, lange nachdem er ein Buch ausgelesen hat, das ihn von der ersten Seite ergriffen und fasziniert hat.

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