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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein ganz normaler Abend im Literaturclub
Eingestellt am 17. 01. 2010 01:46


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Steven Omen
Autorenanwärter
Registriert: Jan 2010

Werke: 9
Kommentare: 1
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Paolo, mittleren Alters und Größe, mit kurzem schwarzen Haar, sehr gepflegt und Leiter des Literaturclubs in Haidhausen, schlenderte durch die Bierstraße. Das auffallendste an ihm war die markant-baskische Nase. Die Bierstraße war eine besondere Straße. Im Herzen Haidhausens gelegen, beginnend mit einem irischen Pub, kurz und noch mit pittoresken Katzenköpfen versehen, gesäumt mit Schatten spendenden Kastanienbäumen, war sie eine der schönsten Straßen Münchens. Autos fuhren nur selten, oft aber Fahrradfahrer. Die Häuser waren durchgehend Altbau, die Fassaden neu renoviert in blass gelblichen Farbtönen, die Dächer in fuchsroten Tönen gehalten. In den unteren Etagen hatten sich viele kleine Läden oder Künstlerwerkstätten etabliert. Eine davon war der „Club“, wie ihn Alle nur nannten. Ein Anlaufpunkt in München für Literaturinteressierte und solche, die es werden wollten. Viele hoffnungsvolle Karrieren begannen hier oder scheiterten, bevor sie überhaupt begonnen hatten...
Der Literaturclub war von außen unscheinbar. Während der Woche wurde er von einer Malerin als Atelier und Ausstel-lungsraum genutzt. An der Wand hingen Landschaftsbilder, die Meisten aus der Toskana. An jedem Freitag um Punkt 19 Uhr erwachte der Literaturclub zum Leben. Dann verwandelte sich das Atelier in einen Ort, an dem das gesprochene Wort im Mittelpunkt stand. Es war der erste Freitag im Oktober, also gab es einen offenen Abend. Es nieselte und die Wetterprognose war für das gesamte Wochenende war schlecht. Ein guter Abend also, um sich die Zeit mit Literatur zu vertreiben. Paolo betrat den Club zuerst, denn er Dienst heute Abend. Er musste die Getränke ausschenken, Ansprechpartner für Neulinge sein, und Interessierte auf den Kalender hinweisen, in den man sich zum Lesen eintragen konnte; kurzum, heute war Paolo die Mutter der Kompanie. Nachdem er die Glastür aufgeschlossen und die Klappstühle aufgestellt hatte, alle akribisch in Reihen nebeneinander, trudelten langsam die ersten Literaten ein. Helga kam eigentlich immer, blieb aber meistens nur bis zur Hälfte. Sie war mit einem Bildhauer verheiratet und lebte teilweise in Südtirol. Kurzes graues Haar, lustige Stirnfalten und Altersflecken auf ihren Händen deuteten auf ihr Alter hin. Jean, der gefürchtete Kritiker mit der Hornbrille, trat ein.
„Ein Augustiner“
„Aus der Flasche?“, fragte Paolo zurück.
„Klar, nur so schmeckt das Beste Bier Münchens“
„Du solltest weniger Bier trinken und mehr Tee wie ich“
Jean lachte. Da kam Bella herein.
„Ja, Servus Bella, bist du auch mal wieder da“
Jean´s sächsicher Akzent, die laute Stimme, gemischt mit ei-nem abgeschlossenen Germanistikstudium, das er aber mit einem Job als Buchhalter vergeudete, bildeten gefährliche Waffen bei schlechten Texten.
„Ja, ich habe mal wieder Lust auf schlechte Literatur.“
Bella, Mitte 40, hatte langes blondes Haar, blaue Augen waren ihr auffälligstes Merkmal. Sie war mittelgroß, etwas mollig und eine Seele von einem Menschen. Sie war eben eine Frau mit den richtigen Rundungen. Immer lustig und zu einem Witz aufgelegt. Dazu passte auch die rosa Brille. Von Beruf war sie Tagesmutter bei drei verschiedenen Familien. Sie fuhr alle paar Wochen die eine Stunde mit dem Zug aus Bad Wörisho-fen nach München in den Club. Sie ging gerne aus, z.B. ins Theater, Bars oder Cafés. Aber sie tanzte auch gerne. Seit ei-niger Zeit hatte sie sich heimlich bei einer Partnervermittlung im Internet angemeldet, da sie in ihrer langjährigen Ehe keine Zukunft mehr sah. Sie lebte praktisch mit ihrem Mann nur noch wie in einer WG zusammen. Ihr Kleidungsstill war eher unkonventionell, aber man konnte sie insgesamt als attraktiv bezeichnen.
„Unglaublich, die haben meinen Text bei Skasa auf Bayern 2 vorgelesen und noch nichts überwiesen“, beklagte sich Jean. „Schick ihm eine Email, es war bestimmt ein Versehen oder das Geld wird demnächst überwiesen“ antwortete Bella.
Die Meisten kamen regelmäßig und kannten sich mehr oder weniger gut. Viele lasen auch regelmäßig im Club. Natürlich kamen immer wieder Neue hinzu, aber sie blieben nur schmückendes Beiwerk. Der Club war inzwischen gut gefüllt. Ein Brausen dumpfer Stimmen, mitunter von einer keuchenden, heiseren Rede unterbrochen, erfüllte die Luft. Es ging Richtung 19 Uhr 30. Paolo trat auf die Straße.
„Bitte die Raucher wieder reinkommen, wir wollen beginnen!“
Da bog um die Ecke eine Gestalt, schwarz gekleidet, mit einer Baskenmütze, blitzenden türkisblauen Augen und – man wollte es nicht glauben- mit einer schwarzen Katze auf dem Arm. Seine blankpolierten schwarzen Schuhe klackerten auf dem nassen Bürgersteig.
„Ist das hier der Literaturclub?“, fragte der Unbekannte Paolo.
„Ja, kommen sie doch herein, wollen sie heute Abend lesen? Ich hoffe die Katze kratzt nicht?“
„Nein, Nein, sie ist ganz zahm, da kann ich sie beruhigen, ein wahres Schmusekätzchen. Ich würde noch gerne lesen, wenn es noch möglich ist. Ich bin nur auf der Durchreise und habe durch Zufall von diesem Club erfahren, wissen sie.“
„Ja, das geht noch. Es haben sich bisher erst Fünf angemeldet, mit Ihnen wären wir Sechs.
Majestätisch schritt Paolo auf das Podest und räusperte sich theatralisch. Die Gespräche verstummten. Als erstes wurde Karl gezogen. Auch er war ein langjähriger Stammgast im Club, beteiligte sich aber nie an den Diskussionen und war eine ruhige Natur. Er stieg die Treppe zum Podest hinauf, setzte sich, nahm einen Schluck Wasser und begann zu lesen. Wie immer las er zu monoton und mit einigen Verhasplern. Das Echo war geteilt. Knut, ein pensionierter Deutschlehrer, bemängelte mit nasaler Stimme die vielen Klischees. Und überhaupt, der Still sei anfängerhaft, besonders zu Beginn. Knut konnte Karl nicht ausstehen. Immer wenn Karl etwas vorlas, bemäkelte und bekrittelte Knut seine Texte. Florian, der arbeitslose Schauspieler mit dem spitz zulaufenden Ziegenbärtchen meinte:
„Dies ist eine Allegorie auf die auch in der Antike dargestellte Reise der Seele von der Erde über den Mond, an der Sonne vorbei, bis zum Paradies“.
Insgesamt gab es ein positives Feedback und Paolo bat den Nächsten aufs Podest. Da öffnete sich die Tür und es ertönte ein Saxophon. Hugo, der Kaputte mit der immer gleichen braunen Lederjacke, Schiebermütze und Sonnenbrille, spielte munter einen alten Schlager. Unter allgemeinen Gelächter wurde Hugo von Paolo energisch zurecht gewiesen , worauf dieser fluchend den Club wieder verlies. „Unerhört!, Banausen!“, hörte man noch, als die Tür krachend wieder zufiel.
Nun las Helga. Mit ernster Stimme begann sie. Danach herrschte kurz Stille. Dann fragte Jemand aus dem Publikum, ob politische Texte überhaupt am offenen Abend zugelassen sind. „Natürlich, Alles kann vorgelesen werden, nur muss der Autor mit der anschließenden Kritik auch leben können. Wer sich in die Küche begibt, der muss damit rechnen, dass es auch heiss wird.“, erläuterte Paolo. Natürlich gab es Wider-spruch. Wie nicht Anders zu erwarten aus der rechten Ecke. Alfred, aktives Mitglied der Republikaner, meinte, dies sei linke Propaganda, habe nichts mit der deutschen Realität zu tun und Alles sei völlig verzerrt dargestellt. Paolo unterbrach seinen Redeschwall mit der Bitte, sich doch mit dem Still, formalen Aufbau etc. und nicht mit dem Inhalt zu beschäftigen. Nachdem es keine Wortmeldungen mehr gab, rief Paolo Herrn Baal, so hieß der Unbekannte mit der Katze, auf das Podest. Langsam und bedächtig kam er hoch. Seine schwarzen Haare waren streng nach hinten gekämmt. Er sah aus wie 60 und wirkte erstaunlich vital. Er setzte sich und mit seinen buschigen Augenbrauen fixierte er seinen Text. Die blauen Augen passten nicht zu seinem südländischen Aussehen. Nur seine auffällige Narbe an der linken Wange störte das perfekte Bild eines Bonvivants. „Meine Damen und Herren, ich will Ihnen heute Lyrik vortragen.“ „ Zwei mal vorlesen bitte, das ist bei uns so üblich“, bat Paolo. „Aber gerne“ Mit ruhiger, tiefer Stimme trug er vor:

DU

Schreite zum Mond, er glĂĽht in Dir
Schreite zurĂĽck in die Zeit mit Ihr
Blühende Gärten schimmern im Licht
…
Jean unterbrach nach einigen Sekunden die Stille.
„Irgendeine Mischung aus Romantik und Kitsch“, fiel sein ver-nichtendes Urteil aus.
„Wenn er wüsste, dass ich diese Verse mit Eichendorff damals geschmiedet habe“, dachte sich Baal. „Aber dies ist eine andere Geschichte.“
Bella gefiel das Gedicht besonders gut. Sie hing förmlich an seinen Lippen und saugte jedes Wort auf. Sie konnte sich nicht lösen von diesen Zeilen. Am liebsten hätte sie laut applaudiert und „hurra“ geschrien. Zeilen wie „Meine Hand auf deinem Wort“ ließen Seiten ihr schwingen, die sie lange nicht mehr empfunden hatte. Und außerdem: „Herr Ball ist ja eine prachtvolle Erscheinung. Wie er mich immer angeschaut hat beim Vorlesen. Mir war, als liest er das Gedicht nur für mich“, dachte sie sich. Franz, der immer den gleichen Pulli anhatte und skurrile Kommentare von sich gab, meinte: “Na, aus einem Bastei-Lübbe-Liebesroman abgeschrieben, hahaha, versuchens doch mal mit Rosamunde Pilcher, die ist noch billiger!“ Baal griff sich verärgert an seine Nase.
„Ich glaube nicht, dass sie nach dieser Aussage noch gut schlafen werden.“
„Wie soll ich denn das verstehen?“ „Sie werden es sehen, Herr..“ „Für sie Herr Risper, aber alle anderen nennen mich Franz, hohoho“
Pikiert stand Baal auf und verließ den Vorleseplatz, wobei er wie durch Zufall den Platz von Bella streifte und sie durchdrin-gend anlächelte. Bella wurde rot, was ihr schon lange nicht mehr passiert war. „Sie ist es, sie passt genau rein, ja, sie ma-che ich verliebt“, dachte er sich als er sich hinsetzte. Paolo bat theatralisch um Ruhe und verkündete: „Pause, 15 Minuten!“ Die Raucher gingen vor die Tür, an der Theke im hinteren Raum des Clubs konnte man Wein oder Bier kaufen. Das Bier natürlich aus der Flasche. Schnell war der Raum erfüllt von Diskussionen. Ab und zu entspanntes Gelächter.
„Herr Baal ist aber auch von ein seltsamer Vogel“, meinte Jean zu Bella.
„Meinst du?“
„Oder hast du schon Jemand gesehen, der mit einer Katze auf dem Schoß hier vorträgt?“
„Nein, das nicht, aber auf mich macht er einen guten Eindruck. Das sind doch noch wenigstens Männer mit Profil.“
„Das Gedicht erinnert mich an irgend Etwas, ich werde es noch raus finden an was.“
„Ah, da kommt er ja, unser Katzenliebhaber“.
Bella streichte sich verlegen eine Strähne aus ihrer Stirn.
„Guten Abend, junge Frau, hat Ihnen die Lyrik gefallen?“, fragte Baal Bella ohne Umschweife.
„Ja, sehr. So gefühlvoll und mit Emotionen. Sie haben wirklich Talent. Haben Sie schon öfters vorgetragen?“
„Ja, das mache ich schon hin und wieder, wissen sie, was soll man denn machen, wenn man unendlich viel Zeit hat?“
„Unendlich?“, fragte Bella nach.
„Sind wir nicht alle Staubkörner im Universum?“, dozierte Baal weiter ohne die Frage zu beantworten, „haben wir nicht alle eine Bestimmung, wir sind nur ein Augenzwinkern im Vergleich zur Unendlichkeit der Zeit auf dieser Erde, kaum sind wir geboren, tragen wir den Keim zum Tod schon in uns. Es ist eine Tragik des Lebens, dass wir nur eine bestimmte kurze Zeit auf diesem Planeten sind und danach wieder zu Staub werden. Ich hingegen…“ „
“Ja, Herr Baal“. „Ich hingegen, möchte jetzt einen Rotwein be-stellen und für meinen Kater eine Schale Milch.“
„Sagen sie mal Herr Baal, woran erinnert mich ihre Lyrik?“, fragte Jean.
„Dieses Gedicht wird sie an Joseph von Eichendorff erinnern. Ich kannte ihn mal ganz gut äh ich verehre ihn sehr…“
„Ja, Herr Baal ist wirklich seltsam“, meinte Bella, als er an der Theke seinen Wein bestellte, „aber nett!“. Paolo beendete die Pause.
„Bitte die Raucher wieder hereinkommen, wir fangen an!“
Der zweite Teil fiel ab. Es folgte eine Bewältigungsgeschichte einer älteren Frau, die über ihre überwundene Krebserkran-kung schrieb. Frei nach dem Motto: „Wie ich meine größte Kri-se bewältigte und ein besserer Mensch wurde.“ Hausfrauenliteratur im Teletubbie-Stil. Florian empfahl, es doch mal anstatt mit Schreiben mit einem Töpferkurs zu versuchen. Der nächste Autor las einen Ausschnitt aus seinem fertigen Buch über römische Geschichte. Als ob bisher Niemand darüber geschrieben hätte. Jean wies ihm stringent einige inhaltliche Ungereimtheiten und Verfälschungen nach. „Es ist ja nur für Hauptschüler geschrieben“, war die Antwort. Arme Hauptschüler. Der letzte Autor bildete den Tiefpunkt. Ein ehemaliger Pastor brachte eine Zote über einen Pfarrer da, der eine Frau kennen lernt, mit ihr Sex hat und danach mit ihr nach Südamerika durchbrennt. Natürlich Literatur der untersten Art, aber es gab sogar einige Lacher. Danach wurde abgestimmt. Das Ergebnis war überraschend: Auf allen Stimmzetteln stand an erster Stelle der Name Mithras Baal.
„Das stimmt was nicht“, sagte Florian zu Jean,
„Ich habe Baal nicht an erster Stelle gewählt.“ „Ich auch nicht!“, erwiderte Jean.

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Steven Omen

Version vom 17. 01. 2010 01:46
Version vom 17. 01. 2010 15:38
Version vom 17. 01. 2010 17:39
Version vom 25. 03. 2010 04:19

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Ivor Joseph
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Steven,
vielen Dank für diesen Beitrag - hat mir wirklich gefallen. Du hast die Atmosphäre
gut eingefangen und ihr Geheimnis spĂĽrbar gemacht.

Leider beinhaltet dein Text einen schwerwiegenden Fehler:

>> Augustiner natĂĽrlich, das Beste Bier MĂĽnchens ...

Für den »Edelstoff« mag das einigermaßen zutreffen, ansonsten wurde
mir von einem UraltmĂĽnchner namens Kraus - seines Zeichens Paulaner -,
zugesichert, dass es sich um »Katzenpisse« handelt. Eine sensorische Probe
meinerseits konnte dies nicht widerlegen.

Lieb GrĂĽĂźe, Ivor

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