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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein ganz normaler Morgen
Eingestellt am 28. 01. 2002 10:27


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jorunn
Hobbydichter
Registriert: Jan 2002

Werke: 4
Kommentare: 43
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Als sich die Sonne ĂŒber dem östlichen Horizont zeigte, erwachte im arabischen Viertel der Stadt das Leben. UnterstĂŒtzt von riesigen Lautsprechern riss der Muezzin GlĂ€ubige und UnglĂ€ubige aus dem Schlaf.
Jonas hatte ohnehin die ganze Nacht nicht geschlafen. Er sprach andĂ€chtig sein Morgengebet, rasierte sich in aller Ruhe, packte seine Tasche und stieg die Treppe hinauf. Im grossen Spiegel neben der HaustĂŒr sah er kurz sein Bild. Ein junger Mann in Uniform, die Augen wie Kohlen im blassen Gesicht. Er fĂŒhlte sich seltsam nackt ohne den Schnurrbart, den er seit dem ersten Flaum sorgsam gepflegt hatte. Als die TĂŒr hinter ihm zuklappte, riefen die Glocken einer christlichen Kirche zur FrĂŒhmesse. Die goldenen Kuppel des Felsendomes strahlte in den Strahlen der noch niedrig stehenden Sonne. Eine Ahnung von Sommerhitze lag in der weichen Luft. Noch waren wenige Autos unterwegs, die ersten HĂ€ndler zogen gerĂ€uschvoll die LĂ€den vor ihren GeschĂ€ften nach oben. Eine MilitĂ€rstreife mit schußbereiter Uzi patroullierte die Strasse entlang.
In einem Cafe spĂŒlte er Fladenbrot mit heissem, sĂŒssen Pfefferminztee hinunter. Der Hass und die Missbilligung der ausnahmslos arabischen GĂ€ste verdarben ihm grĂŒndlich den Appetit. Ein Blick auf die billige Armbanduhr. Noch eine halbe Stunde, bis sein Bus kam. Doch an der Haltstelle wartete bereits eine Handvoll Soldaten, blasse, mĂŒde Gestalten, ein paar mit offensichtlichem Kater. Die meisten muffelten schweigend vor sich hin, Zigarette im Mundwinkel oder Kaugummi im Mund. Nur zwei MĂ€nner unterhielten sich halblaut. Welche Sprache war das? Russisch?
Jonas hockte sich auf den Boden und zog die Beine an. Seine HĂ€nde zitterten, im Magen rumorte das FrĂŒhstĂŒck. Er hatte Angst, eine andere Angst als Freitags, wenn sie zum Ritual Panzer gegen Steinewerfer antraten. Immer gab es Verletzte, oft auch Tote.
Sein Àltester Bruder und einer seiner besten Freunde starben an einem Freitag.
Er dachte an Sarah. Eigentlich dachte er immer an Sarah.
"Ich liebe dich.", hatte sie gesagt und ihn zum Abschied gekĂŒsst. Sie war spĂ€t dran an diesem Morgen, und sie eilte mit wehendem Rock davon. Sie trug die dicke weiße Strickjacke mit dem komplizierten Muster, an der sie den ganzen Winter ĂŒber gearbeitet hatte.
Er sah sie niemals wieder.
Jonas versuchte sich abzuleken, beobachtete die Autos, die jetzt immer zahlreicher wurden. Als kleiner Junge hatte er von jedem Modell treffsicher Hubraum und PS nennen können, heute war er froh, wenn er noch die Marke erkannte. Die Wagen in Jerusalem waren neuer und gepflegter als die drĂŒben. Die Strasse sah auch besser aus, nicht so löchrig wie die arabischen Holperposten, ĂŒber die schon Hunderte Panzer gerumpelt waren und die niemals repariert wurden. Im Sommer zog man eine Staubfahne hinter sich her, und wenn es im Winter regnete, fĂŒllten sich die Schlaglöcher mit Wasser. Manch einem Ortsfremden war in diesen Strassen Teichen schon die Achse gebrochen.
Doch in den vergangenen beiden Wintern hatte es kaum geregnet.
Auf den Feldern der arabischen Bauern gab es in diesem Jahr wohl nicht viel zu ernten ausser Staub und Steinen. Nur die OlivenbĂ€ume bogen sich unter der Last ihrer FrĂŒchte, auf die war imemr Verlaß. Vor einigen Wochen hatten sie ein ganzes Feld dieser BĂ€ume mit Panzern niedergewalzt. Die Besitzer standen daneben und weinten und jammerten, als verlören sie Familienmitglieder.
Das Land wurde gebraucht, um noch mehr von diesen hochmodernen, blendend weissen HĂ€uschen zu bauen, die in die archaische Landschaft passten wie die Faust aufs Auge. Sie waren umgeben von herrlichen, grĂŒnen Oasen, hier wurden Rasen und Blumenrabatten gepflegt, die Kinder tummelten sich im Schwimmbecken.
Nicht weit entfernt, in den arabischen Dörfern, war das Wasser abgestellt. Die Brunnen seien leer, lautete die offizielle BegrĂŒndung. Die ohnehin meist bitteramen Leute mussten jeden Tropfen um teures Geld vom Wasserwagen kaufen.
"Der Bus kommt!", sagte einer der Soldaten.
Jonas stand auf. Er wollte nicht in diesen Bus steigen. Er wollte alles hinwerfen und weglaufen, weit weg von diesem Land, irgendwohin, wo er vielleicht doch eine Zukunft haben konnte. Als Junge wollte er immer nach Australien zu den KĂ€ngurus. Doch seine Familie war arm, an ein Studium im Ausland ĂŒberhaupt nicht zu denken, auch wenn Jonas ein sehr gutes Abitur gemacht hatte.
Doch natĂŒrlich tat er das, was er musste.
Der Bus war fast voll besetzt mit Soldaten, die nach dem Sabbat wieder hinaus zu ihren Einheiten fuhren. Jonas ließ sich auf einen freien Sitz fallen, der Herzschlag donnerte in seinen Ohren.
Mit einem krĂ€ftigen Ruck fuhr der Bus an, fĂ€delte sich in den Morgenverkehr ein. Jonas sah sich um, blickte in die gleichgĂŒltigen Gesichter der jungen MĂ€nner. Wurde völlig ruhig. Alles was er noch fĂŒhlte, war blanker, erbarmungsloser Hass.
Es war soweit. Zeit zu gehen.
Er fasste sich unters Hemd, so als ob er sich kratzen wollte, schloss die Augen.
"Allahu akbar.", murmelte er leise vor sich hin, den Schlachtruf, der schon tausenden von Kriegern vor ihm den Weg geebnet hatte.
Noch wĂ€hrend er seinen Gott pries, zĂŒndete er die Bombe.

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