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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein gedankliches Spiel
Eingestellt am 03. 06. 2016 17:18


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Magnus Gosdek
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In Unordnung

Max wollte nie schreiben. Ihm gefiel sein Leben, so wie es war. Er ging t├Ąglich zur Arbeit, am Feierabend und den Wochenenden sa├č er mit seiner Frau zu Hause auf der Terrasse. Einmal in der Woche ging er zum Schachverein und spielte dort ein paar Partien, von denen er ein wenig mehr verlor als er gewann. Im Sommer besuchte das Ehepaar drei Wochen lang ihren Sohn in Freiburg. Von dort aus fuhren sie hin├╝ber nach Frankreich und all das gen├╝gte Max vollst├Ąndig.
Nie w├Ąre er auf den Gedanken gekommen, sich eines Tages hinzusetzen und eine Geschichte zu schreiben. Doch der Autor, der ihn erschaffen hatte, hielt es f├╝r eine gute Idee. Nur widerwillig setzte sich Max an den Computer. Der Autor hatte ihm eingeredet, dass er jenen Drang versp├╝ren w├╝rde, aber Max sp├╝rte nichts. F├╝r ihn war es verlorene Zeit. Der Autor meinte, er m├╝sse nur durchhalten, dann w├╝rde es schon kommen. An jenem Abend sa├č Max nicht mit seiner Frau zufrieden auf der Terrasse. Er starrte auf die Tastatur und brummelte vor sich hin, dass der Autor, wenn er ihn hier schon hingesetzt hatte, sich nun verdammt auch die M├╝he machen solle, sich zu ├╝berlegen, was Max nun unbedingt von sich geben m├╝sse.
Der Autor hatte von Max seine ganz eigenen Vorstellungen und befand, dass sie schon bei seiner k├Ârperlichen Beschreibung beginnen m├╝sse. Doch Max wehrte sich dagegen. Dass er sich nun in diesem kleinen, f├╝r diese Geschichte provisorisch eingerichteten Arbeitszimmer, stundenlang auf einen Stuhl quetschte, schien ihm Qual genug. Es m├╝sse nun ├╝berhaupt nicht sein, dass sein Erscheinungsbild auch noch verhunzt werden w├╝rde, nur um eine ÔÇô f├╝r ihn undurchsichtige ÔÇô Geschichte zum Laufen zu bekommen. Und falls der Autor hierbei nicht einlenken w├╝rde, h├Ątte er es sich selber zuzuschreiben, dass Max nun sofort vom Computer aufstand und auf die Terrasse ging, was ihm sowieso lieber gewesen w├Ąre.
Der Autor erwiderte, dass dies wohl schwer m├Âglich sei, da er Max immerhin erschaffen habe und die Terrasse in dieser kurzen Geschichte ├╝berhaupt nicht mehr vorkommen w├╝rde, doch Max entgegnete, dass ihn das nicht interessiere. Ebenso, f├╝hrte der Autor an, sei seine Welt eh nur auf Schein aufgebaut, dass seine Frau zwar erw├Ąhnt wurde, aber noch nicht einmal einen Namen habe und er in diesem kurzen Text keinesfalls genannt werden w├╝rde.
ÔÇ×SylviaÔÇť, sagte Max daraufhin. ÔÇ×Meine Frau hei├čt Sylvia.ÔÇť
Zum ersten Mal kam es dem Autor in den Sinn, dass er mit Max vielleicht eine Figur erschaffen hatte, die es ihm nicht einfach machen w├╝rde. Aber, so entschied der Autor, konnte niemand gegen seinen Willen gezwungen werden und da Max sich so vehement dagegen wehrte, sich beschreiben zu lassen, lenkte der Autor in dieser Beziehung ein, um seinen Protagonisten nicht vollends zu ver├Ąrgern. So sei hier nur erw├Ąhnt, dass Max mittleren Alters war, mit normaler Statur und durchschnittlichem Gesicht. Falls es einem Leser daran liegt, ihm ein besonderes Merkmal angedeihen zu lassen, so mag er es unbedenklich tun, da solche an Max bislang nicht zu bemerken waren (und er die Vorstellung der Leser ohnehin niemals erfahren w├╝rde).
Das Entgegenkommen des Autors befriedigte Max einigerma├čen und da er sich dachte, dass schon etwas daran sei, ihn als erschaffene Figur zu bezeichnen, erkl├Ąrte er sich bereit, dem Autor zur Freude am Computer sitzen zu bleiben. Der Autor hingegen, ├╝ber diese Geste sichtlich ger├╝hrt, versprach Max im Gegenzug, bei seiner ersten Geschichte tatkr├Ąftig mitzuhelfen.
ÔÇ×Ich k├Ânnte ├╝ber dich schreibenÔÇť, sagte Max.
Der Autor aber meinte, dass Max die Sachlage verkennen w├╝rde. Immerhin habe er (der Autor) ihn (Max) als Protagonisten geschaffen, gerade um sein Leben zu beschreiben. Und auch wenn der Autor durchaus gewillt sei, ├╝ber das eine oder andere zu diskutieren, so war es doch der Fortgang der Geschichte doch ausschlie├člich seine Sache.
ÔÇ×Dann verstehe ich nicht, wozu du mich ├╝berhaupt brauchst. Ich k├Ânnte genauso gut im Garten sitzen, w├Ąhrend du diesen Text alleine schreibstÔÇť, erkl├Ąrte Max.
Der Autor fand diesen Einwand logisch. Er wusste aber auch, dass er die Geschichte keinesfalls ohne Max fertig stellen konnte. Aus dieser ├ťberlegung heraus schlug er seinem Protagonisten vor, ├╝ber eine Schachpartie zu berichten. Doch wies er ebenso darauf hin, dass Max in diesem Falle auf seine Hilfe verzichten m├╝sse, da der Autor von diesem Spiel keine Ahnung habe und nicht einmal in der Lage sei, die einfachsten Z├╝ge zu beschreiben.
Max ├╝berlegte sich, dass es nicht lange dauern k├Ânne, bis er solch eine Geschichte selbst├Ąndig geschrieben hatte und ein Abend w├Ąre durchaus zu investieren, wenn der Autor danach endlich Ruhe gab und ihn danach die Abende mit seiner Frau (deren Name Sylvia bereits erfolgreich in die Geschichte eingef├╝hrt wurde) wieder drau├čen auf der Steinfl├Ąche (deren Name nach dem Willen des Autors definitiv nicht mehr benutzt werden sollte) verbringen lie├č.
So begann Max eifrig, die Geschichte ├╝ber eine Schachpartie zu schreiben und tats├Ąchlich hatte er sie nach drei Stunden fertig. Aber sie gefiel dem Autor nicht und er hatte an ihr herumzum├Ąkeln, dass sich Max gen├Âtigt sah, an den nachfolgenden Abenden Korrekturen vorzunehmen. Die lauen Sommerabende verbrachte Sylvia nun allein an jenem Ort, zu dem Max sich so sehr sehnte und auch zu seiner w├Âchentlichen Schachpartie lie├č der Autor ihn nicht mehr gehen, solange er nicht halbwegs gut dar├╝ber zu schreiben vermochte.
Das Leben, so meinte der Autor, welches Max bislang gef├╝hrt habe, sei doch ziemlich eint├Ânig gewesen. Nun aber, als frisch erdachter Schriftsteller, w├╝rde er eine Welt kennen lernen, von der er nicht einmal in seinen k├╝hnsten Vorstellungen getr├Ąumt h├Ątte. Er k├Ânne um die Welt reisen (das Geld hierf├╝r konnte der Autor ihm jederzeit mit einem Satz in dieser Geschichte auf das Konto ├╝berweisen), eine Dachgescho├čwohnung in Montevideo beziehen, sich dem Liebeskummer hingeben oder drei Monate unentwegt Singv├Âgel beobachten. Er k├Ânne von den Abgr├╝nden der Menschheit schreiben oder Fantasiegeschichten, Gedichte und Essays, ja er k├Ânne sogar unendlich ber├╝hmt werden oder v├Âllig verarmt in einer Pariser Gasse sterben.
Max d├Ąmmerte es, das er einem jener obskuren Autoren in die H├Ąnde gefallen war, die sich der Effekte willen nicht davor scheuten, ihn als Spielball ihrer Launen zu betrachten und ihn aus reiner Bosheit keinen Abend mehr mit Sylvia auf der Terrasse verbringen lie├č (immerhin schaffte es Max, seine eigenen Gedanken so in die Geschichte einflie├čen zu lassen, dass er die Terrasse doch noch einmal erw├Ąhnen konnte, was er als einen wahren Davidsieg ansah).
Das Leben schien f├╝r ihn von nun an in eine aussichtslose Trostlosigkeit zu f├╝hren (auch wenn er zugestandener Weise bis dahin einige durchaus spannende Abenteuer zu bestehen hatte). Doch waren es genau jene unbesonnenen ├äu├čerungen des Autors, die Max auf eine Idee brachten und nachdem er sich erst einmal ├╝ber die M├Âglichkeiten, die daraus erwuchsen, klar geworden war, entschied er, sich seinem Schicksal nun zumindest f├╝r eine gewisse Zeit zu f├╝gen. Fortan setzte er sich jeden Tag nach der Arbeit an den Computer und schrieb alles nieder, was ihm in den Sinn kam. Er f├╝hrte endlose Diskussionen mit dem Autor, korrigierte Texte, verwarf sie, nur um am folgenden Tag wieder neu damit zu beginnen.
Es dauerte nicht lange, bis der Autor sich bei Max beklagte, dass er nun endlich zu seiner Weltreise aufzubrechen habe. Immerhin m├╝sse diese Geschichte an Spannung gewinnen. Es ginge nicht an, dass er den ganzen Tag in diesem sowieso nur ungen├╝gend erdachten Arbeitszimmer verbrachte, um einer Geschichte jenen Schliff zu verleihen, welche ihn als Schriftsteller legitimierte.
Max erwiderte daraufhin, dass er f├╝r Reisen keine Zeit habe. Immerhin sei er vom Autor als Schriftsteller geschaffen worden und wenn er seine Aufgabe als Protagonist zu akzeptieren habe (wie der Autor ihm ja eindringlich dargelegt hatte), so w├Ąre es auch seine Pflicht, die Rolle so authentisch wie m├Âglich zu erf├╝llen. Im ├ťbrigen st├╝nde es dem Autor ja frei, jemand anderen auf Weltreise zu schicken (nat├╝rlich mit Ausnahme von Sylvia, die Max auf dem Ort, der nicht mehr genannt werden durfte, sehnlichst erwartete).
Der Autor hatte diesen Fortgang der Geschichte nicht geplant. Ihm, der sich bei der Erschaffung von Max ein ereignisreiches Leben vorgestellt hatte, wurde es auf Dauer zu viel. Er zweifelte daran, ob es sich tats├Ąchlich lohnen w├╝rde, seine abendlichen Diskussionen mit so einem widerspenstigen Protagonisten zu f├╝hren. Und wenn er es recht bedachte, so kannte er die Antwort.
Eines Abends, als Max sich wieder an den Computer setzte, war der Autor nicht mehr da. Max konnte es zun├Ąchst gar nicht glauben und wartete viele Stunden auf ihn, ohne jedoch etwas zu schreiben.
Zun├Ąchst vermutete er, dass sein Erschaffer verhindert sei, nach einigen Tagen jedoch sch├Âpfte er Hoffnung, dass der Autor einfach das Interesse an ihm verloren hatte.
An diesem Abend sa├č Max gemeinsam mit seiner Frau auf dem steinernen Boden des Gartens (erst am folgenden Tag sollte er sie wieder als Terrasse bezeichnen) und sah in den Sonnenuntergang. Seine Schachfreunde freuten sich, als er in dieser Woche wieder zu ihrem Treffen kam. Er verlor ein wenig mehr Partien als er gewann und die Ordnung war wieder hergestellt.
(Zur Vollst├Ąndigkeit sei hier hoch erw├Ąhnt, dass der Autor sich bereit erkl├Ąrte, diesen Schluss zu schreiben, da er die Meinung vertrat, jeder Text m├╝sse ja auch irgendwie enden und Max vehement erkl├Ąrte, dass er in seinem Leben niemals wieder einen Satz zu Papier bringen wolle).

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steky
Guest
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Hallo, @Magnus Gosdek,

ich lese hier die Geschichte eines Charly Browns, der von teuflischen H├Ąnden ins Autoren-Leben gezogen wird. Dass der Autor Max so dringend ben├Âtigt, liegt vielleicht an seiner Rolle als figurativen Widerpart, der die Handlung beeinflusst bzw. vorantreibt.

F├╝r mich krankt die Geschichte an mangelhafter negativer Erfahrungen des Protagonisten und den damit verbundenen negativen Auswirkungen auf dessen Leben, sodass dieser am Ende tats├Ąchlich vor dem Nichts steht und ein Gefallener ist.

Den Text gibt┬┤s allerdings schon:

Hier klicken

Was ich sagen m├Âchte:

Mir fehlen hier die Ereignisse, die Erfahrung zur Erfahrung machen.

Was willst du mit dieser Geschichte denn transportieren?

LG
Steky

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Magnus Gosdek
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Hallo Steky,
vielen Dank f├╝r Deinen Kommentar. Ich hatte beabsichtigt, die Grenzen verschwimmen zu lassen. Dies war die Hauptintention, dass ich die Geschichte schrieb.

Dein Hinweis der fehlenden negativen Erfahrungen ist interessant. Ich werde einmal dar├╝ber nachdenken und sehen, wie die m├Âglicherweise die Geschichte ver├Ąndern k├Ânnte.

Lieben Gru├č
Magnus

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steky
Guest
Registriert: Not Yet

Die Geschichte lese ich als einen Traum inmitten von Bergen voll mit B├╝chern (die man eigentlich durchnehmen sollte).

Insofern ist dir der illusorische Faktor gegl├╝ckt.

Aber wozu? Wo ist die Verbindung?

Bis dahin
Steky

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Hyazinthe
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Hallo Magnus!

Mir hat deine Geschichte von dem widerspenstigen Protagonisten, der ein Schriftsteller werden soll und eigentlich doch nur sein gewohntes Leben und seine Ruhe haben will, sehr gefallen. Besonders ├╝ber die Sache mit der Terrasse (fast ein running gag) musste ich schmunzeln.

Muss ich einen tieferen Sinn in dieser humorvollen Gegen├╝berstellung von Autor und Figur suchen? Wenn ja, habe ich eigentlich keine Lust dazu. F├╝r mich ist dein Text einfach eine phantasievolle Reflexion des Autorendaseins. Gut geschrieben und mit einem netten Ende.

Gru├č, Hyazinthe

__________________
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Magnus Gosdek
H├Ąufig gelesener Autor
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Hallo Hyazinthe,

nein, den musst Du nicht suchen. Ich hatte keinen dabei im Sinn, lediglich die Widerspenstigkeit der Person in der Geschichte. Das war als reine Unterhaltung gedacht.

Sch├Ân, dass die Geschichte Dir gef├Ąllt.

Gr├╝├če
Magnus

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