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Leselupe.de > Erzählungen
Ein gelungener Abschluss eines Tagesausflugs
Eingestellt am 22. 05. 2019 15:07


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timilu
Autorenanwärter
Registriert: Apr 2019

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Ein ereignisreicher Tagesausflug in Berlin lag hinter mir. Jetzt entspannt den Zug erreichen und vorher durch die unzähligen Shops der weitläufigen Bahnhofsanlage shoppen; das war der Plan. Auf der Anzeigentafel erschienen die aktuellen Abfahrten und die Nachfolgenden. Nur meine Verbindung vermisste ich. Mit einem unguten Gefühl näherte ich mich dem Mann am Infoschalter. Nach einer kurzen Wartezeit suchte er die Verbindung im PC.

„Der Zug steht noch nicht dran, weil noch nicht klar ist, auf welchem Gleis er einfahren wird.“ Aha, eine bestaunenswerte Logik der DB. „Schauen Sie in zehn Minuten noch einmal drauf.“ Gesagt erledigt. Doch nach zwanzig Minuten war nichts von ihm zu entdecken. Nicht einmal nach dreißig Minuten. Die Begeisterung stieg mit jedem Atemzug. Genau wie mein Puls. Auf der Uhr schnellte er von 85 auf 108 hinauf. Erneut reihte ich mich in die Schlange der Wartenden am Schalter ein. Nach einer Viertelstunde war ich wieder an der Reihe. Von wegen shoppen. Die DB stoppte exorbitant das Wirtschaftswachstum in diesem Bahnhof.
„Jetzt steht er dran“, verkündete er mit Stolz in der Stimme. In der Tat, es waren unterm Strich 15 Minuten bis zur eigentlichen Abfahrt. Weshalb hetzen. Nachdem mein letzter Zug ersatzlos gestrichen wurde, beruhigte mich diese Aussage ein wenig.
„Verlassen Sie sich aber nicht darauf“, holte er mich augenblicklich aus der Komfortzone heraus. „Das Gleis kann noch wechseln. Also behalten sie alles im Auge.“ Ich schaute auf die Uhr – 116. In einem Bahnhof dieser Größe war es ja kein Problem, mal locker von oben nach unten, oder von rechts nach links zu joggen.

Ich begab mich zum besagten Gleis und da stand er schon. Mit einem tiefen Seufzen glitt ich in den Sitz. Die Abteile füllten sich und neben mir nahm eine junge Dame Platz, die die englische Ausgabe von Michelle Obama unter ihrem Handy auf dem Schoß festhielt. Wir kamen fix ins Gespräch. Sie lag in den letzten Zügen ihrer Masterarbeit und plante anschließend, etwas mit Politikwissenschaften zu machen. Wir verstanden uns phänomenal – es flogen Seelen auf. Sie erkundigte sich nach mir und ich berichtete ihr vom Schreiben und im Nu hatte ich ihr von meinem Projekt erzählt. Ihre Augen leuchteten. Sie war von einer erfrischenden Begeisterung, die mich erfasste.
Zwischendurch schlief sie einige Minuten und dafür bewunderte ich sie. In einem so lebhaften Abteil auf der Gangseite friedlich zu schlummern – für mich unvorstellbar.

So entging ihr der Zweimeter-Mann, mit der Figur eines Zweitürer-Schranks. Diese rührte nicht vom Sport, sondern eher von einer ungesunden Ernährung. Er enterte die freigewordenen Plätze neben uns und parkte eine Zwei Liter Cola-Flasche auf dem Tablett, das er schwungvoll aus der Verankerung riss. Sein überdimensionales Gepäck wuchtete er auf einen der Sitze und meldete somit seinen Besitzanspruch an. Zudem hatte er eine Bundeswehr-Reisetasche in XXXXL Ausmaßen dabei, die er mit ausladenden Schwung in die Gepäckablage warf. Ich hatte einen Moment Sorge um meine Sitznachbarin. Wenn es ihm nicht gelungen wäre, dann hätte er sie damit erschlagen.
Die Reisetasche thronte wie ein in Beton gegossener Buddha, den man mit grüner Tarnfarbe angestrichen hatte, in der Gepäckablage, und schaute höhnisch auf uns herab.

Als sie später erwachte und dieses Ungetüm erblickte, bemerkte sie trocken: „Darin könnte man seinen Ehemann unterbringen. Und die halbe Schwiegermutter passt auch noch hinein. Natürlich schön kleingehackt, versteht sich.“ Wir lachten beide aus vollem Hals.

Die Zeit mit Isabell flog nur so dahin und die Nacht war über uns hereingebrochen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich wunderte mich nur, wie lange der Tunnel war, durch den wir fuhren. Was eine angenehme Reisebegleitung bewirkte. Ich nahm nicht mehr den Schweißgeruch von den Herren der Vordersitze wahr, und vergaß den Knoblauchgeruch des Döners, der hinter uns in einen hungrigen Schlund geschoben wurde. Selbst der blonde Hüne, der ein Hefeweizen nach dem anderen an uns vorbei auf seinen Platz trug und dabei gefährlich schwankte, verblasste. Vermutlich werde ich sie nie wiedersehen. Doch die Erinnerungen an diese bezaubernde Frau bleiben für immer.




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