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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein guter Junge
Eingestellt am 01. 03. 2004 07:25


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Klemmy
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2004

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Ein guter Junge

Ein guter Junge

Mir ist kalt, unglaublich kalt. Es tut ├╝berhaupt nicht mehr weh. Wenn nur nicht diese K├Ąlte w├Ąre. Na ja, lange wird’s ja nicht mehr dauern.
Wenigstens eine Decke h├Ątte er mir noch ├╝berlegen k├Ânnen, ehe er weggelaufen ist. Mu├č wohl v├Âllig kopflos geworden sein der Junge.
Das hat er bestimmt nicht gewollt. Er hat mich doch auch lieb gehabt. Oder etwa doch nicht so sehr.
Ich jedenfalls habe ihn geliebt.
Mein Sohn, der Heinz, der hat immer gesagt:
“Mutter, du verw├Âhnst meinen Sohn viel zu sehr. Mit mir warst du viel strenger.“

Ja, mag ja sein. Aber damals, als der Heinz auf Welt kam, da war alles auch viel schwerer. In der schweren Zeit nach dem Krieg war das. Mein Fritz und ich hatten gerade unser Gesch├Ąft aufgebaut. Wir hatten wenig Zeit f├╝reinander. Aber irgendwie war das auch eine sch├Âne und intensive Zeit. Heinz nahmen wir immer mit ins Gesch├Ąft. Er krabbelte zwischen den Regalen umher und spielte im Lager.

Oh Gott, ist es kalt hier. Wie lange liege ich hier schon? Ich kann mich ├╝berhaupt nicht bewegen. Es ist na├č um mich herum. Das kann nicht nur mein Blut sein. Ach nein, das ist das Blumenwasser. Die Astern liegen auf dem Boden verstreut zwischen den Scherben. Morgen sind sie welk.
Hoffentlich ist er schon weit weg, wenn sie mich finden. Komm, streng deinen alten Geist noch einmal an. Also ... es ist jetzt schon lange dunkel. Als Stefan hier war, wollte ich uns eine Tasse Tee kochen. Das war am Nachmittag. Ein paar Kekse habe ich auf den K├╝chentisch gestellt. Aber Stefan wollte keine. Er wollte auch keinen Tee. Er h├Ątte es eilig.
Ganz zerfahren war er. So war er ja in den letzten zwei Jahren immer. Aber so schlimm wie heute nachmittag habe ich ihn noch nie erlebt.

Ich verstehe ihn nicht. Er h├Ątte es doch bekommen. Ich habe ihm doch immer alles gegeben. Warum hat er denn nichts gesagt. Ich hatte nur nichts mehr in der Schublade liegen. Sonst habe ich ja immer etwas Bargeld in der K├╝che in der Schublade. Das habe ich ihm doch immer gegeben. Aber gestern war der Postbote da mit einem P├Ąckchen von Quelle. Das habe ich gleich bezahlt. Wenn er doch nur etwas gesagt h├Ątte. Ich kam ja gar nicht mehr dazu, es ihm zu erkl├Ąren.

Die Heizung ... die ist schon lange abgestellt. Morgen fr├╝h um sieben Uhr springt sie wieder an.

Wenn es doch nur nicht so schrecklich kalt w├Ąre . Mein Kopf tut gar nicht mehr weh. Den Schlag hab ich auch erst gar nicht mitbekommen. Aber gleich danach, da hat es schon ganz dolle weh getan. Aber jetzt ├╝berhaupt nicht mehr.
Die sch├Âne Vase, die ich von Heinz und Linda bekommen habe, die ist nun kaputt

Ach Stefan. Warum nur.
Diese schwere Schuld. Die lastet jetzt ein ganzes Leben auf dir.
Ich habe dir immer gesagt: “H├Âr auf damit. Du wirfst doch dein ganzes Leben in die Gosse.“
“Oma“, hat er gesagt, “Oma, das verstehst du nicht!“
Ich ging mit schwerem Herzen an die Schublade und gab ihm immer etwas Geld. Mal f├╝nfzig Mark, mal 100 Mark. Was ich eben so in der Schublade hatte.
Zu Heinz und meiner Schwiegertochter konnte Stefan nicht mehr gehen. Die haben ihn rausgeworfen zu Hause. Linda, meine Schwiegertochter, hat mir erz├Ąhlt, das h├Ątten die in der Beratungsstelle so gesagt. Das w├╝rde Stefan am besten helfen.
Aber ich kann das nicht. Heinz schimpft zwar immer mit mir. Aber ich liebe doch den Stefan.


Mir ist kalt. Stefan. Ich h├Ątte dir doch morgen etwas gegeben. Morgen w├Ąre doch meine Rente gekommen. Dann h├Ąttest du doch wieder etwas bekommen. Aber nein, Stefan hatte es unglaublich eilig. Es mu├čte heute sein. Er hat mir nicht geglaubt, da├č ich nichts in der Schublade habe. Als ob ich ihn schon einmal angelogen h├Ątte.

Ins Schlafzimmer ist er gelaufen, hat alle Schubladen aufgerissen, die W├Ąsche auf den Boden verstreut.
“Wo hast du┬┤s“, hat er gebr├╝llt.
So habe ich den Jungen noch nie erlebt. Mein kleiner Stefan. Was ist nur in dich gefahren. Es ist nur der schlechte Umgang, den du hast. Die haben dich verf├╝hrt mit diesen Drogen und so.
Du bist immer ein guter Junge gewesen.

Wo ist die K├Ąlte geblieben. Ich friere ├╝berhaupt nicht mehr. Ist es jetzt bald soweit? Ach Herr, wenn ich nun vor dich trete, dann bitte ich dich um Erbarmen f├╝r Stefans arme Seele.
Das wollte er bestimmt nicht. Er war nur verzweifelt.
Mittwoch werden sie mich dann sicherlich finden. Ob sie sich erschrecken, wenn sie mich so sehen. Mittwochs ruft Linda immer an. Wenn ich dann nicht ans Telefon gehe, dann machen sie sich Sorgen und kommen vorbei.
Dann sind zwei Tage vergangen. Zeit genug. Zeit genug f├╝r Stefan. Dann kann er schon weit weg sein.
Stefan, ich habe dir ja jetzt schon verziehen. In meinem Alter verzeiht man leichter und schneller.

Ach, nun ist es ganz warm ... und so hell.
Gott, bist du das ?
Hallo, Gott, h├Ârst du mich? Ja ! Das ist sch├Ân.
Wei├čt du, der Stefan, der ist ein guter Junge.

by Monika Klemmstein

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