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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein haariges Flohmarktgeschäft
Eingestellt am 09. 02. 2014 15:13


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Zoepfer
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Als ich das Haus in der Resser Straße im Gelsenkirchener Westen verließ, war ich in meiner Eigenschaft als passionierter Haarschneidespezialist, der rein ehrenamtlich arbeitete, enttäuscht. Mein Modell, zu dem ich nach ausführlicher Vorab-Absprache wegen eines Neuschnitts gefahren war, hatte im entscheidenden Moment „kalte Füße“ bekommen, und so war es bei einem Trimm-Schnitt der Haarspitzen geblieben. Schade eigentlich, denn aus den langweiligen braunen Spaghetti der Mittdreißigerin hätte ich gern etwas Kreatives gemacht – aber sei es drum!
Nachdem ich nun einmal auf einem Samstag Vormittag in Gelsenkirchen war und zumindest das Wetter Gutes verhieß, dachte ich daran, einmal den Flohmarkt in der Nähe der Schalke-Arena zu besuchen, den wohl größten seiner Art in der Region.
Als ich das weitläufige Areal betrat, kam ich mir binnen kurzem vor wie auf einem orientalischen Basar, was mit der Vielfalt der angebotenen Waren ebenso zu tun hatte wie mit dem babylonischen Sprachgewirr rund um mich her. Ich ließ mich mit der Menge treiben, auf der Suche allenfalls nach bestimmten antiquarischen Büchern, die mir noch in meiner Kollektion fehlten. Wenn allerdings von knapp 300 erschienenen Bänden lediglich noch gut 20 fehlen, wird es zunehmend schwieriger, die Lücken zu füllen.
Plötzlich tauchten in der Menge vor mir zwei junge Frauen auf. Beide waren in Jeans und Tops gekleidet, doch während die eine einen leuchtend rot gefärbten Kurzhaarschnitt mit Fransenpony und ausrasiertem Nacken trug, präsentierte die andere eine ihre Naturwellen als Nackenzopf von der Farbe reifer Haselnüsse, der ihr in Schiffstaustärke bis auf die Hüften baumelte. Die beiden waren offenbar gute Freundinnen und stöberten wie ich ziellos durch die Gänge. Ich folgte ihnen in recht geringem Abstand, um mich noch eine Weile an dem Anblick des Prachtzopfes erfreuen zu können.
„Das gibt’s doch nicht! Das ist doch mein Schnucki!“
Die Zopfträgerin stürzte auf einen alten Pappmachékoffer voller Plüschtiere an einem der Stände zu und zog aus dem Wust alter Kinderträume einen grauen, bereits deutlich abgeliebten Hasen hervor. „Genauso sah mein Schnucki aus! Du weißt doch, den ich von meinem Paten geerbt hatte und der dann beim Umzug verloren gegangen ist, als ich 12 war. Mensch, was hab ich geheult damals! Und das hier muss er sein – sieht ganz genauso aus! Du, den muss ich haben! Was kostet der?“ wandte sie sich an den Verkäufer, einen dicken älteren Mann, der eine Meerschaumpfeife rauchte.
„Tja, Mädchen, das ist ein originaler Herrmann-Teddy – äh, Hase aus den späten fünfziger Jahren. Für den muss ich 90 Euro haben.“
Die junge Frau starrte den Mann entgeistert an. Mit einem derart stolzen Kurs hatte sie offenbar nicht gerechnet. „So viel hab ich nicht!“ stammelte sie und begann, in ihrem Lederbeutel nach der Geldbörse zu suchen. Sie zählte nach und schüttelte entmutigt den Kopf. „Gerade mal 30 Euro, wenn’s hoch kommt“, murmelte sie dann. „Conny, kannst du mir was leihen?“
Die Dürre mit dem Pumuckl-Kopfputz durchsuchte ihre Hosentaschen. Schließlich förderte sie zwei zerknitterte Geldscheine und einige Münzen hervor. „20, 22, 24, 25, 26…“ zählte sie der Freundin in die Hand. „Sorry, Reni, mehr ist nicht!“
„Also für Sie könnte ich ihn für 80 hergeben“, bot der Mann an. „Wir haben aber nicht mal 60“, gab die junge Frau namens Reni traurig zur Antwort.
„Dann tut es mir leid“, erwiderte der Dicke hinter dem Tapeziertisch und wandte sich einem anderen Kunden zu. Die junge Frau legte den Hasen widerstrebend zurück in den Koffer.
In diesem Moment witterte ich meine Chance. Mehr als eine Abfuhr konnte ich nicht riskieren. „Ich habe gerade Ihr Gespräch teilweise mit angehört“, wandte ich mich an die junge Frau mit dem Zopf. „Wie viel fehlt Ihnen denn?“
„Etwas über 20 Euro“, lautete die Antwort. Zwei rehbraune Kulleraugen betrachteten mich hoffnungsvoll. „Warum interessiert Sie denn das?“
„Mir ist da eine Idee gekommen“, ließ ich verlauten. „Ich wäre bereit, Ihnen den Rest dazu zu geben – in dem ich Ihnen ein Geschäft anbiete.“
„Und das wäre?“ Zwei Augenpaare musterten mich nun kritisch
„Ich würde Ihnen gern eine neue Frisur schneiden.“
„Sie wollen…?“ Mein Gegenüber griff unwillkürlich zu ihrem Zopf und holte ihn nach vorn. „Ja, können Sie das denn?“
Ich nickte, worauf der weibliche Pumuckl fragte: „Sind Sie Friseur?“
„Haarschneidespezialist“, gab ich keck zur Antwort.
„Mensch Reni, das wär’s doch! Ich hab dir doch schon oft gesagt, du brauchst eine frechere Frisur, und du hast mich immer für meinen Mut bewundert!“
„Ja…“ Die Langhaarige hatte inzwischen weiter nachgedacht. „Aber… wann denn? Und wie?“
„Nun, zufällig habe ich mein Handwerkszeug im Wagen“, erklärte ich. „Wenn Sie mich also in Ihre Wohnung mitnehmen würden…“
„Nee, das geht auf keinen Fall!“ fiel mir die Braunhaarige ins Wort. „Ich wohne noch zu Hause, und meine Mutter würde ausrasten!“
„Aber bei mir ginge es“, erwiderte ihre Freundin. „Meine Mitbewohner in der WG kommen beide erst am Montag zurück, und näher ist es auch!“
Mit dem Verkäufer machten wir aus, dass er den Plüschhasen gegen eine Anzahlung reservierte, bis die Kundin wiederkäme. Dann machten wir uns zügig auf den Weg zu meinem Van und fuhren damit zu dritt in den Stadtteil Horst, wo die rothaarige Conny eine Fünfzimmer-Wohnung mit zwei Mitbewohnern teilte. Vom Fenster der geräumigen Küche aus fiel mein Blick auf ein Krankenhaus.
„Mein Arbeitsplatz“, erklärte sie. „Ich bin da Krankenschwester und wohne hier mit zwei Kolleginnen, weil das Schwesternwohnheim eine Katastrophe ist.“
Ihre Freundin Reni war inzwischen immer stiller geworden.
„Wie… wie kurz soll es denn werden?“ fragte sie zaghaft.
Ich musste im Stillen grinsen – das war eigentlich eine MEINER Standardfragen.
„Wie kurz darf ich denn?“ stellte ich die Gegenfrage. „Schließlich sollen Sie sich ja selbst gefallen“, erklärte ich der jungen Frau.
Die resolute Conny antwortete an Stelle der Freundin: „Also wenn schon, denn schon, Reni. Mach jetzt keine halben Sachen! Der Zopf kommt ab, ok?“
Das klang ja prima, und tatsächlich nickte Reni tapfer. „Ist ok!“
„Gutes Mädchen!“ Conny lachte. „Dann wird aus meiner Reni doch noch eine richtig erwachsene Verena – hätt’ ich ja nicht mehr dran geglaubt!“
„Aber behalten würde ich den Zopf gern, zur Erinnerung“, bat Reni. „Gilt unser Handel trotzdem?“
Mir wäre es zwar anders lieber gewesen, denn der Zopf hätte bei einer Perückenmanufaktur im Münsterland gutes Geld gebracht, aber ich nickte, weil ich nicht das Gefühl haben wollte, die offenbar etwas naive junge Frau zu berauben. Daraufhin reichte mir Reni die Hand: „Abgemacht!“
Ich packte meine mitgebrachte Materialtasche aus und breitete meine Utensilien auf der Arbeitsplatte der Küche aus, während Reni ihren Zopf auflöste und sich von ihrer Freundin die gut hüftlange Mähne ein letztes Mal durchbürsten ließ. Danach flocht sie den Zopf neu, nachdem sie die Haare auf mein Anraten hin im Nacken mit einem Haargummi zusammen gebunden hatte. Oberhalb dieses Gummis setzte ich die Schere an. „Bereit?“ fragte ich die Inhaberin der nussfarbenen Pracht, die, in mein fliederfarbenes Cape gehüllt, vor mir saß.
Das „ja“ als Antwort hätte ich mir entschiedener gewünscht, aber Conny meinte: „Fein, Reni – endlich wirst du erwachsen!“ Ich drückte zu, mit charakteristischem Knirschen fraß sich meine "Zöpferschere" - eine Arbeitsschere mit viertel Meter langen Klingen, die ich besonders scharf hatte schleifen lassen - in den üppigen hellbraunen Strang.
„Stopp!“ gellte in diesem Moment Renis Ruf. „Nicht…!“
Ich hielt inne und legte die Zöpferschere ab, doch mir war klar, dass nichts mehr zu ändern war. Renis dicker Zopf hing nur noch maximal zu einem Drittel an ihrem Kopf, der weitaus größere Teil war bereits durchtrennt. Auch Conny war bei dem Schrei zusammen gezuckt, aber sie hatte sich sofort wieder gefangen.
„Nun ist es zu spät, du dumme Trine“, meinte sie Kopf schüttelnd. „Ab ist ab!“
Und schon griff sie zu der großen Zöpferschere und vollendete mit einem einzigen Schnitt das Zerstörungswerk. Die abgetrennten braunen Flechten hielt sie der Freundin hin, die offenkundig mit den Tränen kämpfte.
„Da hast du dein Abschlepp-Seil!“ meinte sie und ließ es in Renis Schoß fallen. Hörte ich da etwa so etwas wie Eifersucht und Befriedigung heraus?
„Wie kurz hätten Sie es denn nun gern?“ fragte ich das Mädchen, das seinen Kopf gesenkt hielt.
„Ist doch jetzt auch egal“, kam die leise Antwort. „Macht doch, was ihr wollt!“ Das hatte ich nun nicht beabsichtigt, die junge Frau klang ja regelrecht gebrochen. Conny hingegen schien an der Situation Gefallen zu finden.
„Das ist doch mal ein Wort“, meinte sie, griff mit einem lässig hingesprochenen „ich darf doch…“ nach meinem bereit liegenden Akku-Clipper und hatte, ehe ich reagieren konnte, das Gerät eingeschaltet und bei Reni an der Stirn angesetzt. Zum Glück war vom letzten Einsatz noch eine Länge von 15 Millimetern eingestellt. Deshalb reichte die Schneise, die Conny jetzt in der Mitte von Renis Schädel schor, nicht ganz bis auf die Kopfhaut herunter. Danach drückte sie mir das Gerät in die Hand mit den Worten: „Bitte – Sie sind der Fachmann!“
Mir blieb nichts anderes, als aus den Tatsachen, die die voreilige Conny auf dem Kopf ihrer Freundin geschaffen hatte, das Beste zu machen. Das Deckhaar schor ich zunächst auf die vorgegebenen anderthalb Zentimeter, während ich die Seiten nicht ganz so kurz und stufig schnitt, mit fast freien Ohren und leicht anrasiertem Nacken. Renis Schultern bebten, als sie sah, wie ihre bis dahin immer noch schulterlangen Haare auf dem Cape und dem Fußboden landeten, aber sie sagte kein Wort. Schließlich befreite ich Nacken und Gesicht mit dem großen Pinsel von den restlichen Schnitthärchen.
„Fertig!“ Ich lächelte sie an, wohl wissend, dass sie mit der ganzen Aktion alles andere als glücklich sein würde. Auch ich hätte mir ein anderes Ergebnis gewünscht. Conny, das freche Biest, hatte die letzten Minuten wie unbeteiligt zugeschaut und nichts weiter gesagt.
Reni stand auf und ließ sich von mir das Cape abnehmen. Ich packte meine Utensilien zusammen und bot ihr an, sie zum Flohmarkt zurück zu fahren.
„Danke, ich nehme lieber den Bus“, lehnte Reni ab und streckte gleichzeitig unmissverständlich die Hand aus. Ich legte ihr zwei Geldscheine hinein.
„Und wer macht hier jetzt sauber?“ wollte Conny wissen, die an der Fensterbank lehnte.
„Du – du wohnst schließlich hier!“ Mit Renis Stimme hätte man Glas schneiden können. Ihren abgeschnittenen Zopf hatte sie bereits in ihren Lederbeutel gepackt.
„Und glaub nicht, dass du von deinem Geld was wiedersiehst“, erklärte sie. „Von mir übrigens auch nicht! Ne schöne Freundin biste – pfui!“
Sie verschwand aus der Wohnung. Als ich ihr in den Flur hinaus folgte, hörte ich unten bereits die Haustür zufallen. Auf dem Weg zurück zu meinem Van konnte ich sie schon nirgends mehr entdecken. Dabei stand ihr die neue Frisur gar nicht schlecht…

Version vom 09. 02. 2014 15:13

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USch
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Hallo Zoepfer,
du scheinst ja aus der Branche zu kommen. Schön geschriebene Geschichte, die ich gern gelesen habe.
Kleine Tipps: nach wörtlicher Rede immer ... ", oder?", oder !";...
Besser liest es sich, wenn nach einer wörtlichen Rede immer ein Return kommt. Teilweise hast du das gemacht.
Und schau noch mal nach kleinen Rechtschreibfehler. Rechtschreibfunktion in Textprogramm nutzen.
LG und viele gute Ideen hier als Neuling in der LL
USch

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Zoepfer
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Lieber USch,

ich habe mir Deine Tipps zu Herzen genommen und diesen Text entsprechend modifiziert. Bei meinen danach veröffentlichten Stories (und bei allen weiteren) versuche ich, bereits im Vorfeld darauf zu achten, sie entsprechend zu gliedern.
Besten Dank,

MiG
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Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.

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