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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ein kleines Glas voll Erde
Eingestellt am 25. 06. 2010 08:02


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Sir Charles Blackwood
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2010

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Wir schreiben das Jahr 2010. Es ist Mitte M├Ąrz und der erste wirklich warme Fr├╝hlingstag des Jahres hat auch mich hinausgelockt in die Natur. Genauer gesagt: ich mu├č den Berg hinauf zur Post, um ein paar Briefe abzuschicken.
Es ist Nachmittag, so gegen 3 Uhr, die Sonne scheint mir, w├Ąhrend ich den R├╝ckweg einschlage, von hinten in den Nacken, w├Ąrmt mit ihren Strahlen m├Ąchtig. Sie finden ihren Weg weiter hinunter ins Tal, lassen Farben ergl├╝hen, die sonst fahl, unscheinbar und nichtig sind, ├╝bersehbar und unscheinbar. Ohne Zeitdruck lasse ich mich von meinen F├╝├čen langsam den Berg hinunter tragen. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Gedanken von Abschied, Trauer und Freude.
Wie oft habe ich das schon erlebt? Ich denke, so um die drei├čig-, vierzigmal. Abschied nehmen von einer liebgewordenen Heimat. Hinaus in das Neue, Unentdeckte. In rund zwei Wochen wird der M├Âbelwagen kommen, alles einpacken und forttragen in die neue Stadt, zu neuen Menschen, neuen Sitten, neuen Ger├╝chenÔÇŽ
ÔÇ×Seien Sie gegr├╝├čt!ÔÇť Mit einem Kopfnicken und L├Ącheln im Gesicht gr├╝├če ich den Apotheker, der mich durch die Ladenscheibe entdeckt hat. Ihn werde ich auch vermissen. F├╝nfundzwanzig Jahre kennen wir uns, haben unsere Kinder aufwachsen und fl├╝gge werden sehen. Ich werde ihn vermissen. Links erblicke ich das Geb├Ąude, wo viele Jahre ein Konditor beheimatet war. Die Kinder seines Sohnes gingen mit unserer Tochter den gleichen Weg zum Kindergarten. Lange schon ist das Haus ohne Seele. Gleich dahinter war der Tante-Emma-Laden. Immer konnte man hier auch nach Feierabend seinen Bedarf decken. Auch diese Seele ist schon lange nicht mehr dort zu Hause. Ein Paketdienst ist jetzt dort ans├Ąssig. Steril, sachlich, zweckm├Ą├čig.
Ich sehe die Sonne, wie sie mir den Weg ins Tal zeigt. Dort, wo das St├Ądtchen, in dem ich mit meiner Familie 25 Jahre gewohnt habe, angeschmiegt an den H├Ąngen des Oberbergischen Landes, sein 1000-j├Ąhriges Dasein fristet.
Adieu, mein liebes St├Ądtchen! Bald wirst du mich nicht mehr sehen, werde ich dich nur noch in Erinnerung behalten. Ein Schmerz geht durch meine Brust, ein Altbekannter. Vom Nordkap bis zum Outback ÔÇô immer wieder das Gleiche. Ich lasse, fortgetragen von einer inneren Unruhe, das Land, die Leute, liebgewordene Freunde hinter mir, rei├če meine Wurzeln aus der Erde, nur um in einer neuen Heimat alles von Neuem zu beginnen. Ja, so ist es nun einmal. Ich komme mir vor, wie eine Heckenrose. Flache Wurzeln, die alles erfassen, umschlingen wollen, jedoch nicht in die Tiefe wurzeln. Ich denke an mein Ritual. Heute ist ein perfekter Tag dazu.
Daheim angekommen, ist meine Frau nicht im Haus: wohl beim Nachbarn oder einkaufenÔÇŽ Mein Weg f├╝hrt mich in den Keller zu dem gro├čen schwarzen Koffer. Vorsichtig hole ich ihn vom Regal, lege ihn auf den Tisch, ├Âffne ihn vorsichtig. Eingeh├╝llt in Schaumgummi befindet sich dort eine Vielzahl von Gl├Ąschen, alle gef├╝llt mit Erde. Teilweise ist die Beschriftung schon etwas verbla├čt, das Etikett angeschmutzt. Jedoch der Inhalt ist gut zu erkennen. Erde aus Sidney, aus S├╝dost-Asien, S├╝dafrika, Spanien, der Sahara, dem Nordkap, und, und, und... Alle Farben von Sand, ├╝ber rot bis zum tiefen Schwarz des Bodens aus dem Westerwald sind dort zu finden. In jedem Glas ein St├╝ckchen Heimat, eine Handvoll Erde ÔÇô mein Leben.
Behutsam entnehme ich dem Koffer ein leeres Glas, ├Âffne behutsam den Deckel und gehe durch die Wohnung hinaus auf die Terrasse, hin zu den zur├╝ckgebauten Blumenbeeten. Mit einem kleinen Gartensch├Ąufelchen f├╝lle ich vorsichtig das Glas mit Erde, schraube es zu. Wie immer, wird mir in diesem Augenblick schwer ums Herz, werden die Augen na├č, ohne da├č ich mich der Gef├╝hle sch├Ąme. Ein leises, stummes Gebet auf den Lippen, Dank an Gott, da├č ich ein viertel Jahrhundert ├╝ber diese Erde gehen durfte, l├Ą├čt mich noch einige Minuten verharren, bevor ich mich, einen tiefen Seufzer aussto├čend, wieder in das Wohnzimmer gehe. Vieles schie├čt mir in diesem Moment durch den Kopf.
Am Schreibtisch beschrifte ich das Glas und verstaue es anschlie├čend in meinem Koffer, den ich vorsichtig ins Regal stelle. Wie viele Gl├Ąser mag ich noch f├╝llen in meinem Leben? Ich kann es, und will es nicht sagen. Wieder bleibt ein St├╝ck von mir zur├╝ck.
Einen weiteren tiefen Seufzer aussto├čend, begebe ich mich in die K├╝che. W├Ąhrend der Kaffee blubbert, seinen verf├╝hrerischen Duft meine Nasenfl├╝gel erbeben l├Ą├čt, denke ich an die neue Heimat, die neuen Menschen, das neue Zuhause. Vieles habe ich vor ÔÇô wie immer, wenn ich diesen Schritt in den letzten Jahrzehnten machte. Und es wird mir wieder leicht ums Herz, freue mich auf die neuen Herausforderungen, die neuen Inspirationen, die neuen Geschichten, die aus meiner Seele in die Tastatur flie├čen werden.

Und so war dieser Tag, ein Tag des Abschiedes, aber auch ein Tag des Neuanfangs. Keine Sonne ohne Schatten, keine W├Ąrme ohne K├Ąlte, kein Sir Blackwood ohne einen guten Kaffee ÔÇô und Oldies.



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Solange man den Krieg als etwas B├Âses ansieht, wird er seine Anziehungskraft behalten. Erst wenn man ihn als Niedertracht erkennt, wird er seine Popularit├Ąt verlieren. (Oscar Wilde)

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Estrella fugaz
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Hallo, Sir Charles Blackwood,

was f├╝r eine wundervoll geschriebene Abschiedsgeschichte. Erinnerungen noch einmal Revue passieren lassen, Wehmut, sich verabschieden von der Wohnst├Ątte, die ein viertel Jahrhundert das Leben der Familie beherbergte.

quote:
Ich komme mir vor, wie eine Heckenrose. Flache Wurzeln, die alles erfassen, umschlingen wollen, jedoch nicht in die Tiefe wurzeln.

Eine eindrucksvolle Passage ist dies.

Ja, und nun zum Hauptgeschehen. Was f├╝r eine herrliche Idee, Erde aus dem Garten ins Glas geben. Dieses zu den anderen Gl├Ąsern stellen, die bereits den jeweiligen Abschied symbolisieren. Die Gedanken dabei, Ungewissheit, wie viele Gl├Ąser werden noch hinzukommen?

Dann die pl├Âtzlich die Erkenntnis, dass jeder Schatten auch sein Licht hat. (Ich hab es jetzt mal anders herum geschrieben). Prima!

Deine Geschichte hat mich sehr ber├╝hrt.

Lieben Gru├č,
Estrella
__________________
Ich schlie├če meine Augen, um zu sehen. (Paul Gauguin)

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