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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ein letzter Brief
Eingestellt am 16. 01. 2004 23:21


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mausefledda
Hobbydichter
Registriert: Jan 2004

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Kramer mochte solche Eins├Ątze nicht. Er fragte sich jedes Mal, warum so ein junges M├Ądchen ihrem Leben ein Ende setzen musste. Meistens waren es die gleichen Gr├╝nde. ├ärger in der Schule oder im Elternhaus oder eben Pech in der Liebe. Kramer hatte alles schon gesehen. Er bl├Ątterte kurz durch die Akte, die man ihm mitgegeben hatte. Tabletten. Das M├Ądchen wurde zu sp├Ąt gefunden, um ihr noch den Magen auszupumpen. 18 Jahre war sie alt geworden und nun war sie tot. Als er in der Wohnung der Familie ankam, sprach er kurz mit der Mutter und dem Bruder und ging dann in das Zimmer des M├Ądchen. Er sah sich um und suchte an den ├╝blichen Stellen nach einem Tagebuch, einem Abschiedsbrief oder einer sonstigen Nachricht f├╝r die Hinterlassenen.
Ein Tagebuch fand er nicht, daf├╝r aber ein loses Blatt Papier, auf dem das Datum von vorgestern stand. Er begann zu lesen:
12.10.1997


ÔÇ×Mein Herz pocht so schnell das mir schier die Luft wegbleibt. Ich werde heute dieses sinnlose Leben beenden. Nichts habe ich erreicht in meinem grauen Leben. Nichts, was ich geplant hatte, vollendet. Heute wird wohl das erste und letzte Mal sein, dass mir etwas gelingt. Es macht mir schon Angst. Mein ganzer K├Ârper zittert, der Schwei├č steht mir auf der Stirn.
Je mehr ich dar├╝ber nachdenke, desto unsicherer werde ich. Nicht das ich mich nicht traue, dieses R├Âhrchen Schlaftabletten zu schlucken. Nein, mehr macht mir der Gedanke an meine Mutter Angst. Nie habe ich richtig die Liebe meiner Eltern gesp├╝rt. Aber meine Mutter liebt mich, das wei├č ich! Sie muss mich einfach lieben! Alles, was sie f├╝r mich getan hat, macht man nur aus Liebe! Oder aus Mitleid? Vielleicht hatte sie Mitleid mit mir! Sie hat ja auch vieles aus meinem Leben mitbekommen. Leider nicht alles. Ich hab meine Mutter im Stich gelassen. Ja, damals als ich ihr als f├╝nfj├Ąhriges Kind sagte, dass ich zu meinem Vater ziehe. Sie hat geweint, war verletzt. Das habe ich alles nachgelesen, in dem kleinen B├╝chlein, dass sie f├╝r mich gemacht hat. Ein Babybuch! Am Ende werden die Seiten leer, ich war ja nicht mehr da. Habe sie allein gelassen. Meine eigene Mutter. Dazu ging es mir bei meinem Vater so richtig dreckig! Wenn ich an Gott glauben w├╝rde, dann w├╝rde ich denken, dass das die Bu├če f├╝r mein unm├Âgliches Verhalten war.
Mein Vater war wohl der Meinung, sein Kind mit Schl├Ągen und Strafen erziehen zu m├╝ssen. Wie ich diesen Menschen hasse. Ja, ich bin mir dar├╝ber im Klaren, was dieses Wort bedeutet. Wenn ich an ihn denke, fangen meine H├Ąnde an zu zittern und vor Wut und Hass bekomme ich einen Klo├č in den Hals. Meine Kindheit war der gr├Â├čte Alptraum. Fr├╝her war mir das nicht bewusst. Doch heute hasse ich ihn daf├╝r. Ich hasse ihn daf├╝r, dass ich mit f├╝nf Jahren den halben Haushalt schmei├čen durfte.
ÔÇ×Wenn du mal gro├č bist und heiratest, dann will dein Mann, dass du so etwas kannst. Sei froh das du das jetzt schon lernen darfst!ÔÇť
So waren seine Worte. Als die Zeit kam, an der ich mit meinen Freunden gerne zusammen gewesen w├Ąre, wurde ich eingesperrt. Musste zu den unm├Âglichsten Zeiten zu Hause sein. Ja, nach der Schule durfte ich nicht raus, weil ich mich doch um den Abwasch, den Hund und den Haushalt k├╝mmern musste. Damit beeilte ich mich nat├╝rlich immer. So konnte ich meist von 16:00 bis 18:30 drau├čen bei meinen Freunden sein. Abends musste ich dann fr├╝h genug zu Hause sein, um das Abendessen vorzubereiten. Ach, er war so g├╝tig, denn nach dem Essen durfte ich noch weg. Pah, ich glaube er hatte sich einen genauen Plan gemacht.
ÔÇ×Sp├Ątestens um Neun bist du wieder zu HauseÔÇť, hie├č es jeden Abend.
ÔÇ×Ja sicher, Papa.ÔÇť
Doch vorher musste ich noch den Abwasch machen und so lange am Tisch sitzen bleiben, bis jeder fertig war. Also hatte ich ungef├Ąhr noch eine Stunde, bis ich wieder zu Hause sein musste. War er nicht toll? Und das mit 16.
Ja, da hat er mich auch noch eingesperrt. Drei Wochen in meinem Zimmer, weil er mich beim Rauchen erwischt hat. Drei lange Wochen mitten in den Sommerferien.
Nat├╝rlich war er fest davon ├╝berzeugt, seine Strafen und Schl├Ąge w├╝rden mich zur Vernunft bringen. Mal davon abgesehen, dass ich meist nicht wusste was ich Unvern├╝nftiges getan hab, brachte diese Methode nichts au├čer Hass gegen den eigenen Vater. Oh, ich weiss nicht wie viele Kochl├Âffel an mir zerschmettert sind.
Als ich ihm sagte, dass ich wieder zu meiner Mutter m├Âchte, lachte er mich aus. Er dachte wohl, ich w├╝rde das nicht durchziehen. Ja, er hatte mir auch mein Selbstbewusstsein soweit genommen, das ich es am Anfang nicht konnte. Doch als er mich einmal ohne richtigen Grund halb zusammengeschlagen hatte, machte ich Ernst. Ich zog zu meiner Mutter.
Oh was war das am Anfang f├╝r eine sch├Âne Zeit! Ich habe es bis auf das Letzte genossen, meine Freiheit zu haben. Andere konnten mich da nicht verstehen; die sahen in meinem Vater nur das Geld und vom dem hat er reichlich. Ja, in der Beziehung ging es mir nie schlecht. Meine Mutter hat nicht viel Geld. Nur das n├Âtige. Das war mir egal, ich wollte mein Leben endlich genie├čen und auskosten. Und das habe ich getan. Doch als alles wieder seinen normalen Trott bekam, dachte ich wieder ├╝ber mein Leben nach. All die Schei├če immer.
Mit zw├Âlf habe ich angefangen zu Rauchen. Mit 13 dann alle m├Âglichen Drogen. Nat├╝rlich auch Alkohol. Und von jedem genug und noch mehr. Ich habe mich mit dem Zeug vollgepumpt. Meine Eltern wissen davon zum Gl├╝ck nichts. Naja, jetzt wohl schon! Mein Vater kann es von mir aus wissen. Nur meine Mutter, die wird es traurig machen. Sie wird denken, versagt zu haben. Doch dem ist nicht so. Daran ist mein Vater schuld und all das, was mich besch├Ąftigt hatte. Ich habe nie ├╝ber meine Probleme geredet. War ja niemand da zum Reden. So auch nicht ├╝ber die Vergewaltigung. Habe alles in mich reingefressen. Das war ein gro├čer Fehler. Ich nage heut noch an der Sache, obwohl es schon f├╝nf Jahre her ist.
Um das alles irgendwie zu vergessen und auch weil es jeder in meinem Freundeskreis getan hat, griff ich zu zahlreichen Drogen.
Ich lernte dann einen Menschen kennen, wie ich zuvor noch keinen gesehen habe. Er war so geheimnisvoll und anziehend. Ich war ├╝ber ein Jahr lang jeden Tag bei ihm und kam nicht mehr weg. Auch wenn ich ziemlich schnell merkte, dass er mich in ein gro├čes Loch rei├čt. Dieser Mensch zeigte mir, was eine richtige Depression ist und das ich ganz allein auf dieser Welt bin. Er lie├č mich sooft es nur ging in ein Loch fallen, gab mir einen kleinen Ast, an dem ich mich hochziehen konnte und lie├č mich wieder fallen. Trotzdem kam ich nicht von ihm weg. Damals war ich sehr verletzt. Heute hab ich daraus gelernt und bin ihm dankbar f├╝r das, was er mir alles gezeigt hat. Fr├╝her habe ich zu ihm hinauf geschaut. Heute schaut er zu mir hinauf. Heute w├╝rde er mich brauchen. Doch wieder einmal hab ich jemanden im Stich gelassen. Ich bin die einzige Person, die ihn aus diesem Loch holen k├Ânnte und mache es nicht. Was f├╝r ein schlechter Mensch bin ich nur?
Nachdem ich mich von diesem besagten Menschen losgerissen hatte, machte ich die Bekanntschaft mit dem Internet. Oh, eine tolle Erfindung. Ich lernte viele Freunde, falsche Freunde und Feinde kennen. Nach einer Weile war ich in einer richtigen virtuellen Welt angekommen. Die reale Welt wurde mir immer fremder. Ich hatte Freunde in ganz Deutschland verteilt. Und eine ganz besondere Freundin. Wir haben soviel in kurzer Zeit durchgemacht. Sehr sch├Âne und sehr traurige Momente. Es dauerte nicht lang und jeder wusste, dass wir uns gesucht und gefunden hatten. Sie war gl├╝cklich, wenn ich bei ihr war und ich war gl├╝cklich, wenn sie bei mir war. Wir machten gro├če Pl├Ąne. Wollten unsere Zukunft gemeinsam verbringen. Nur wir zwei in einer anderen Stadt. Weg von dem alten grausamen Leben. Einfach ein Neues anfangen. Dieser Gedanke lie├č mich viele Dummheiten machen. Alles was ich wollte, war sie, ich und ein neues Leben.
Doch auch dies setzte ich in den Sand. Wohl nicht ich allein, aber auch wieder ich.
Im Grunde geht alles, was ich in die Finger kriege, schief. Freundschaften, die Liebe, Zukunftspl├Ąne...einfach alles.
Das alles, was in meinem Kopf umherschwirrt, kann ich garnicht in Worte fassen.
Meine krankhafte Angst, irgendetwas falsch zu machen, frisst mich auf.
Und was bringe ich der Menschheit denn schon? Nichts!
Ich bin nicht einmal besonders h├╝bsch oder intelligent.
Wegrennen ist das einzige was ich kann. Das habe ich gelernt.
Jeder w├╝rde mir jetzt sagen, dass das keine L├Âsung ist. Klar - aber genau diese Leute wissen meist selbst nicht weiter. Diese Heuchlerei ist manchmal echt krankhaft.
Ich habe keine Lust und keine Kraft f├╝r etwas zu k├Ąmpfen, dass ich nicht kenne! Ja f├╝r was sollte ich k├Ąmpfen? Ich weiss nichts...
Verdammt, ich kann einfach nicht mehr. Ich mache lieber Schluss. Geh weg. Weg von allem. Jeder hat mir seine Hilfe angeboten, aber die hat mir schon die letzte Zeit nicht mehr geholfen, immer mehr bin ich versunken im Sumpf dieses dreckigen Spiels, dass man das Leben nennt. Ich bin fertig, mit allem. Aus. Ende. Vorbei. Ich will nicht mehr k├Ąmpfen m├╝ssen, ich habe es satt. Jeder meint, ich w├Ąre so stark. Sie haben sich geirrt, ich bin schwach. Ich gebe auf. Hier und heute. Irgendwer wird das hier sicher finden. Also...dann kommt jetzt wohl das, was man den Abschiedsbrief nennt....
Es tut mir leid, dass ich euch alle so entt├Ąuscht habe und nicht den Anspr├╝chen gen├╝gt habe, die ihr und ich an mich gestellt habt. Es tut mir leid...\"


Kramer reimte sich den Rest selbst zusammen, der wohl sowieso offensichtlich war. Das M├Ądchen ging ins Bad und nahm aus der Schublade mit den Medikamenten die Schlaftabletten. Danach ging sie in ihr Zimmer zur├╝ck, schloss die T├╝r ab und schluckte alle Tabletten, die noch im R├Âhrchen waren. Und das war es dann.
Kramer packte das Blatt in eine Folie und klebte den Zettel mit der Beweist├╝cknummer darauf und schrieb noch das Datum dazu, w├Ąhrend er sich Gedanken dar├╝ber machte, wieso es so vielen Jugendlichen schlecht geht. So schlecht das sie sich in den Tod st├╝rzen...
__________________
just another freak in the freak kingdom!

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IKT
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Registriert: Not Yet

Hi mausefledda, eine traurige Geschichte wie sie viel zu oft vorkommt. Der Brief, der hier gelesen wird, sollte zum nachdenken anregen. Es sind ja nicht diese Jugendlichen, die etwas falsch machen, bzw. das was sie falsch machen (Drogen u.a.) resultiert ja aus dem Versagen anderer. Ich kenne die Fragen, die man sich auch als Mutter stellt: Was hat das Kind blo├č? Warum macht es dies, warum reagiert es so? usw. Nun gut, dar├╝ber k├Ânnte man B├╝cher schreiben! Eine Frage: Dieses M├Ądchen hat im Alter von 5 Jahren entschieden zum Vater zu gehen? Soweit ich wei├č, d├╝rfen Kinder in diesem Alter noch nicht entscheiden, bei wem sie bleiben wollen. Das entscheidet das Gericht,wenn sich die Eltern streiten, oder irre ich mich da?
Ein WE das nicht so traurig ist wie die Geschichte w├╝nshct Dir IKT!

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mausefledda
Hobbydichter
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Profil

Ja, Kinder mit 5 Jahren d├╝rfen noch nicht selbst entscheiden.
Bei diesem Fall war es so, dass das Kind zu einem Psychologen geschickt wurde der mit dem Jugendamt zusammen arbeitet.
Daraufhin konnte es zu seinem Vater der dann das volle Sorgerecht erhielt.

Ich weiss nicht wie es ausgegangen w├Ąre, wenn ich zu dem Psychologen nicht gesagt h├Ątte das ich lieber zu meinem Vater m├Âchte
__________________
just another freak in the freak kingdom!

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