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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein literarisches Zeitdokument aus dem gegenwärtigen Israel
Eingestellt am 18. 03. 2012 11:34


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Eshkol Nevo, Wir haben noch das ganze Leben, DTV 2010,435 Seiten, ISBN 978-3-423-247980-0

Das im Frühjahr 2007 ebenfalls bei DTV unter dem Titel „Vier Häuser und eine Sehnsucht“ erschienene Romandebüt von Eshkol Nevo, einem 1971 in Jerusalem geborenen Israeli, hatte damals nicht ohne Grund nach seinem Erscheinen in Israel bei der Kritik und bei einer großen Leserschar erhebliches Aufsehen erregt. Es erzählt die Geschichte und den Alltag einiger Menschen und es gelingt ihm, mit diesen wenigen, sicher nicht repräsentativen Figuren, ein Gesellschaftsbild en miniature zu malen; ein Bild einer zerrissenen Gesellschaft, die um ihr Überleben kämpft, die sich andauernd mit schweren, traumatischen und sich der Gegenwart permanent in den Weg stellenden Vergangenheiten konfrontiert sieht, und die dennoch von einer Sehnsucht durchzogen ist, die die Menschen am Leben hält und sie die Hoffnung nicht verlieren lässt.

Auch in seinem neuen Roman geht es um diese Sehnsucht und um die große Gefahr, dass auch sie einem Land abhanden kommt, das, so scheint es in diesen Zeiten, eher an seinen inneren Widersprüchen und seiner Zerrissenheit zugrunde gehen könnte, als durch die nach wie vor immense äußere Bedrohung durch seine in der letzten Zeit nicht weniger zahlreich gewordenen Feinde.

Und es geht wieder um die Zahl vier. Dieses Mal sind es nicht vier Häuser und seine verschiedenen Bewohner, sondern es sind vier junge Männer, Freunde seit ihren Jugendtagen. Das Buch beginnt im Juli 1998. Die vier fußballbegeisterten Freunde Churchill, Juval, Amichai und Ofir sitzen vor dem Fernseher und sehen das Endspiel der WM zwischen Frankreich und Brasilien. Da hat einer von ihnen, es ist Amichai, eine außergewöhnliche Idee. Er schlägt vor, jeder solle drei Lebenswünsche auf einen Zettel schreiben, den Zettel dann verstecken und das, was drauf steht, erst in vier Jahren beim nächsten WM-Finale veröffentlichen. Man werde dann ja sehen, wie weit jeder einzelne dann mit seinen Zielen schon gekommen sei.

Dass sie in vier Jahren noch Freunde sein werden, die die WM miteinander verfolgen, ist gar kein Thema für die vier. Der „Churchill“ genannte Rechtsanwalt Joav Alimi beschreibt in einer Vorbemerkung zu dem Buch, wie er zu der Ehre gekommen ist, die Aufzeichnungen von Juval Fried zu bearbeiten und sie als Buch zu veröffentlichen. Nur wenig habe er abgeändert und jeder möge sich ein eigenes Bild machen.

Obwohl Juval 1998 einen ganz anderen Wunsch auf seinen Zettel schrieb, der etwas mit einer Frau zu tun hatte, die ihm dann schnell abhanden kam (wohin, soll hier nicht verraten werden), schreibt er wenige Wochen vor der WM 1992 ein Buch. In diesem hier vorliegenden Buch erzählt er die Geschichte der vier Freunde. In zahlreichen Rückblenden werden die Erlebnisse der vier seit ihrer Jugend, insbesondere die Zeit beim Militär beschrieben und verfolgt, wie sie mit ihren verschiedenen Wünschen zurechtkommen. Eshkol Nevo gelingt es wieder, ohne das Thema direkt anzusprechen, wie etwa David Grossman in seinem neuen Werk „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ für das er im Herbst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten wird, ein Soziogramm und ein Psychogramm zu schreiben der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft. Und ähnlich wie Grossman, der seinen eigenen Sohn im Krieg verloren hat, hat auch Nevo Hoffnung für sein Land. „Seht her“, scheint er sagen zu wollen, „ so wie eine solche Freundschaftsgeschichte möglich ist, wie ich sie hier erfunden habe, so wird es auch möglich sein, Frieden zu schaffen in unserem zerrissenen Land, dem die Ziele und die Werte abhanden zu kommen drohen.“

Ein wunderbares Buch, nicht nur über die Freundschaft zwischen vier Männern, sondern auch ein literarisches Zeitdokument aus dem gegenwärtigen Israel, ein Land, dem seine einst vielen Freunde abhanden zu kommen drohen, ein Land, das nach wie vor unsere Solidarität verdient, gleich welche Regierung zur Zeit an der Macht ist. Es werden, das glaubt Nevo sicher, auch wieder andere Zeiten kommen.

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