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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein meisterhafter Roman mit einem langen, über Jahrhunderte reichenden Erzählatem
Eingestellt am 13. 12. 2011 12:15


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

Werke: 255
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Rezension zu:

Catalin Dorian Florescu, Jacob beschließt zu lieben, C.H. Beck 2011, 405 Seiten, ISBN 978-3-406-61267-1

Dieser wunderbare, geradezu epische Roman beginnt wie eine Schelmengeschichte. Weil er in der Zeitung ein Bild einer Frau gesehen hat, von der im nebenstehenden Artikel berichtet wird, dass sie nach langem Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt sei in ihren Heimatort Triebswetter im rumänischen Banat und nun trotz ihres für eine Heirat schon fortgeschrittenen Alters einen Mann suche zwecks Familiengründung mit Kindern, da weiß Jakob, dass er diese Chance nutzen will und muss, wenn er seine Lebensträume von einem eigenen Hof verwirklichen will.

Er macht sich im Juli 1924 auf eine lange, beschwerliche Reise nach Triebswetter, um schlussendlich Elsa Obertin, so heißt die im Dorf nur „die Amerikanerin“ genannte Frau aus einem ursprünglich aus Lothringen stammenden Geschlecht von Banater Schwaben, einen relativ unromantischen Antrag zu machen. Sie geht darauf ein und nachdem Jakob eine Ausbildung gemacht hat, heiraten sie. Ihre Körper entdecken sie voller Lust schon vorher und bald kommt auch der kleine Jacob auf die Welt.

Warum er mit „c“ geschrieben wird, und welche Lesarten von seiner Geburt die Zigeunerin Ramina, die seiner Mutter bei der schwierigen Niederkunft beistand, erzählen kann, das schildert und beschreibt der 1967 in Timisoara im Banat geborene und nun als freier Schriftsteller und ausgebildeter Psychologe und Suchttherapeut in Zürich lebende Autor Catalin Dorian Florescu auf eine meisterhafte Weise.

Er lässt den mittlerweile erwachsen gewordenen Jacob nicht nur seine eigene bewegte und abenteuerliche Lebensgeschichte erzählen, sondern im souveränen Wechsel der Zeitebenen dokumentiert er die ganze Familiengeschichte der aus Lothringen stammenden Obertins beginnend mit dem Familiengründer Caspar, der, aus dem Dreißigjährigen Krieg nach Lothringen in seine Heimat zurückkehrend, sich einfach eine Frau „nimmt“ und eine lange Dynastie gründet. Aus ihr schafft es der vielgerühmte Frederick in einem späteren Jahrhundert auf Donauschiffen bis in das Banat, wo er zusammen mit anderen Banater Schwaben( so hießen diese später zu einer ganzen Volksgruppe zusammenwachsenden Menschen nur, weil sie in Ulm eingeschifft wurden) eine brachiges und sumpfiges Land zu großer Blüte brachte.

Florescu erzählt die Geschichte dieser Besiedelung durch die Jahrzehnte. Im Dritten Reich wechselten viele von ihnen die Fahnen.
Die Mehrheit der 63.000 rumäniendeutschen Waffen-SS-Männer, darunter viele Banater Schwaben, meldete sich freiwillig. „Ihr Eintritt war aber weniger ein politisch-kulturell bedingter Rausch, sondern das Ergebnis einer nüchternen Berücksichtigung der möglichen und bekannten Alternativen im dreifachen Spannungsfeld zwischen Berlin, Moskau und Bukarest. Der Eintritt in die Waffen-SS war nicht nur eine Geste der Unterstützung NS-Deutschlands, trotz oder wegen Hitler, sondern auch eine Reaktion auf das nationalistische System Rumäniens ab 1918 und ein deutliches Zeugnis gegen die Sowjetunion stalinistischer Prägung“, schreibt der Historiker Paul Milata dazu.

Florescu beschreibt diese verschiedenen Loyalitäten und Zwänge in seinem Roman meisterhaft, eingebunden in eine faszinierende Familiengeschichte, die sagenumwobene Männer und bewundernswerte Frauen hervorgebracht hat. Eine Familie, die großen politischen Umwälzungen getrotzt hat, am Ende der Vertreibung durch die Kommunisten, deren Mitglieder es immer wieder schafften neu anzufangen, so wie auch der erzählende Jacob, der all seine Geschichten als Kind von seinem Großvater überliefert bekam, am Ende des Buches. Ein Ende, das dem Buch auch seinen Titel gab.

„Jacob beschließt zu lieben“ ist eine spannende, stellenweise sehr bewegende, historisch sehr aufschlussreiche und an menschlichen Dramen nicht arme Geschichte, in der es immer wieder geht um Liebe und Freundschaft. Es geht um Heimat und die immer wieder nötige Flucht oder Vertreibung daraus. Immer wieder droht der Verrat alles zu zerstören, aber die Fähigkeit zu lieben, das ist die Botschaft, kann über vieles hinwegretten.

Ein meisterhafter Roman mit einem langen, über mehrere Jahrhunderte reichenden Erzählatem und einer konfliktreichen durch Verrat und Liebesentzug geprägten Vater-Sohn-Beziehung zwischen Jacob und seinem Vater, der ihn zweimal schändlich verrät und ausliefert, um seinen Hof und sein Familiengeheimnis zu retten.

Und einem jungen Mann, der nie aufgibt, der aus der Geschichte lernt und „beschließt zu lieben.“

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