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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein neues beeindruckendes Werk von Philip Roth
Eingestellt am 23. 10. 2011 09:43


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Philip Roth, Nemesis, Hanser 2011, 220 Seiten, ISBN 978-3-446-23642-4

„Nemesis“, der neue Roman des großen amerikanischen Schriftstellers Philip Roth, der schon lange den Literaturnobelpreis verdient hĂ€tte, ihn aber wohl nie erhalten wird, sticht unter seinen letzten BĂŒchern heraus. ZunĂ€chst ist man nĂ€mlich, auch weil die Handlung 1944/45 spielt und es um ein Geschehen in Newark geht, versucht, das Buch fĂŒr ein bisher unveröffentlichtes FrĂŒhwerk zu halten.

Und dennoch ist es nach seinen eigenen Aussagen der letzte, abschließende Teil einer Reihe, die er selbst „Nemeses“ nennt, eine Reihe, die mit „Jedermann (2006) begann und dann im jĂ€hrlichen Rhythmus von „Exit Ghost“ (2007), „Empörung“ (2008) und „Die DemĂŒtigung“ (2009) ergĂ€nzt wurde.

Eine Reihe, in der der Autor die Themenkomplexe Sterben, Altern, Krankheit, UnglĂŒck und Schuld im Großen wie im Kleinen beleuchtete und auf seine unverwechselbare und in ihrer Ausweglosigkeit stellenweise schwer zu ertragenden Art beschrieb.
In „Jedermann“ kĂ€mpfte sein namenloser Protagonist gegen die HinfĂ€lligkeit, in „Exit Ghost“ verschwand Roths jahrzehntelanges Alter Ego Nathan Zuckerman fĂŒr immer von der literarischen BĂŒhne. Und auch in den beiden letzten Romanen „Empörung“ und „Die DemĂŒtigung“ leiden die Haupotpersonen unendlich an ihrer zu Ende gehenden Existenz und ihren Aporien.

Der Protagonist von „Nemesis“, Bucky Cantor, hat diese Existenz zu Beginn des Buches durchaus hoffnungsvoll noch vor sich. WĂ€hrend seine Freunde in Übersee gegen Nazideutschland kĂ€mpfen, sieht sich der wegen eines Augenleidens vom MilitĂ€rdienst befreite PĂ€dagoge und Sportler mit einem ganz anderen Kampf und mit ganz anderen Aporien konfrontiert.

Bucky Cantor muss mit ansehen, wie in seiner Heimatstadt Newark immer mehr ihm zum Feriensport anvertraute jĂŒdische Jungen von dem KinderlĂ€hmungsvirus befallen werden. Etliche von ihnen sterben. Die Stadt ist in Panik, Roths fiktive Schilderung (es gab 1944 keine solche Epidemie in Newark) hat zeitweise alttestamentarische Dimensionen.

Bucky flieht aus seinem Job in ein sicher geglaubtes jĂŒdisches Ferienlager, wo auch seine Freundin Marcia Steinberg arbeitet. Als auch dort nach einiger Zeit die Polio ausbricht, fĂ€llt der Verdacht auf Bucky. Eine sofort angeordnete Untersuchung bestĂ€tigt den grausamen Verdacht und Bucky kehrt schon im Krankenhaus allem den RĂŒcken. Nach seiner Heilung widersteht der nun behinderte Cantor allen Versuchen der ihn liebenden Marcia, an der Beziehung festzuhalten.

Wie eine Art moderner Hiob sucht er die Schuld nur bei sich und hadert mit einem Gott, an den er glaubt nach wie vor, dem er aber vorwirft, grausam zu sein.
Schon ziemlich am Anfang des Buches ist deutlich, dass es da einen Ich-ErzĂ€hler gibt, der aber lange anonym bleibt. Es ist Arnie Mesnikoff, ein jĂŒdischer Junge, der zu Cantors Feriensportgruppe in Newark gehörte und ebenfalls an Polio erkrankte. Doch auch er kann, als er lange Zeit spĂ€ter Bucky Cantor wieder trifft, dem zwar seine Geschichte entlocken, um sie der Nachwelt zu erzĂ€hlen, aus seinem Teufelskreis von Schuld und Selbstanklage kann er ihn nicht erlösen.

Das Buch ist spannend erzÀhlt, sein Thema spricht an und bewegt. Ein Mann, der sich Nemesis, der Rachegöttin und ihrem Wirken ausgesetzt sieht, kommt anders als Hiob im Alten Testament aus dem Hadern mit Gott und aus der Hybris nicht heraus. Selbst die Liebe anderer Menschen kann ihn nicht retten, eine hoffnungslose Figur, der doch eine so hoffnungsvolle Zukunft offen stand.

„Nemesis“, das sei abschließend bemerkt, ist einer der wenigen Romane aus dem Werk von Philip Roth, in der SexualitĂ€t, und insbesondere die schwierige SexualitĂ€t von in die Jahre gekommenen MĂ€nnern, keine Rolle spielt. Auch das hat zu meinem Lesegenuss beigetragen.

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