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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein tragikomischer Roman zwischen Philo- und Antisemitismus
Eingestellt am 17. 12. 2011 12:31


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Howard Jacobson, Die Finkler-Frage, DVA 2011, ISBN 978-3-421-04523-2

Der Autor des vorliegenden, in England 2010 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romans, Howard Jacobson, stammt aus einer j├╝dischen Familie und f├╝hlt sich gewissen j├╝dischen Traditionen und der Geschichte der Juden verbunden. In ÔÇ×Die Finkler-FrageÔÇť taucht er tief hinein in das j├╝dische Leben in England, und erz├Ąhlt eine Geschichte, die lustig und ernst zugleich, voller Tragikomik steckt.

Der Roman erfasst einen nicht n├Ąher genannten Zeitraum von einigen Jahren mit etlichen R├╝ckblicken aus der Sicht seiner Protagonisten, dreier M├Ąnner, zwei davon Juden, und einer, der es gerne sein m├Âchte.
Da ist der alte, aus der CSSR stammende Jude Libor Sevcik, fast neunzig Jahre alt und ehemaliger BBC Journalist. Er war ├╝ber vierzig Jahre mit seiner Frau Malkie verheiratet, die f├╝r ihn eine gl├Ąnzende Karriere als Konzertpianistin aufgab. Als Malkie nach unheilbarer Krankheit stirbt, bricht f├╝r Libor eine Welt zusammen, die er dadurch aufrechtzuerhalten sucht, dass er Schuberts ÔÇ×ImpromptusÔÇť spielen lernt. Vor ihrem Tod hatten die beiden mit dem Gedanken gespielt, gemeinsam vom Bitchie Head zu springen, ÔÇ×aber Malkie meinte, ich sei zu leicht, also w├╝rde ich bestimmt nicht gleichzeitig mit ihr im Meer landen. Und ihr gefiel die Vorstellung nicht, im Wasser auf mich warten zu m├╝ssen.ÔÇť Das Buch ist auf ├╝ber 400 Seiten voll von solchem Humor.

Der zweite Protagonist ist der Jude Sam (Samuel) Finkler, ein erfolgreicher und in den Medien permanent pr├Ąsenter Philosoph, der aber gro├če Probleme hat mit der Politik des Staates Israel und sich deshalb sch├Ąmt, ein Jude zu sein. Mit anderen, denen es ├Ąhnlich geht, gr├╝ndet er die sogenannten ASCHandjiddn, unter denen es aber wiederum die heftigsten Auseinandersetzungen um Detailfragen gibt. Nie sind sie sich einig und selten gefeit vor unwillkommener Zustimmung von Antisemiten. Als die sie sich ├╝brigens fast t├Ąglich selbst gegenseitig beschimpfen. Sam Finkler ist verheiratet mit Tyler, die f├╝r ihn zum Judentum konvertiert und ├╝ber seine antij├╝dischen Aktivit├Ąten entsetzt ist.

Sam Finkler ist mit dem dritten im Bunde, Julian Treslove ├╝ber viele Jahre in die Schule gegangen und sie sind nach wie vor befreundet. Auch deshalb, weil Julian ├╝ber viele Jahre bei der BBC gearbeitet hat, wo, wie er findet, unverh├Ąltnism├Ą├čig viele Juden sich tummeln. Doch die waren es nicht, die zum Ende seiner dortigen T├Ątigkeit als Journalist f├╝hrten. Mittlerweile verdient er sein Geld bei einer Agentur, die ihn als Doppelg├Ąnger ber├╝hmter Personen vermietet. Treslove hat irgendwann mit der schon von ihrer Krankheit gezeichneten Tyler eine sexuelle Aff├Ąre und ist ganz entt├Ąuscht, als er erf├Ąhrt, dass sie gar keine ÔÇ×richtigeÔÇť J├╝din ist.

Der Roman beginnt mit einer Szene, die das Leben von Julian Treslove ver├Ąndern wird. In einer Einfahrt wird er von einer Frau ├╝berfallen und ausgeraubt, und, je l├Ąnger je mehr, ist er sich sicher, dass diese Frau zu ihm gesagt hat: ÔÇ×Du Jud.ÔÇť Seit langem f├╝hlt sich Julian Treslove, der in zahllosen Beziehungen immer schnell gescheitert ist und auch als Vater zweier S├Âhne nicht gerade ├╝berzeugt, wieder gl├╝cklich. Endlich glaubt er dazu zu geh├Âren. Er fragt sich, was wohl seine beiden Freunde Finkler und Tibor zu seinem Bed├╝rfnis sagen werden, ein Jude zu sein, Juden, die alles daf├╝r g├Ąben, keine zu sein,

Howard Jacobson schildert mit vielen ironischen Stilmitteln sowohl die innerj├╝dischen Debatten um Identit├Ąt, Israel, die Pal├Ąstinenser, den Holocaust und ÔÇ×den HERRNÔÇť, als auch in der Person von Julian Treslove eine auch bei etlichen dem Judentum affinen Menschen bei uns eigene Sehnsucht nach dem J├╝dischsein. Da h├Âren wir von skurrilen Debatten im Kreise der ASCHandjiddn, lesen ├╝ber die Frage , ob die j├╝dische Sitte der Beschneidung das sexuelle Verlangen nun steigert oder hemmt, einem j├╝dischen Blogger, der durch manuelle Stimulation seine entfernte Vorhaut wieder hochziehen will, und immer wieder k├Âstliche Dialoge, die oft in nichts anderem bestehen als in Fragen und Gegenfragen.

ÔÇ×Die Finkler-FrageÔÇť, so nennt Julian Treslove f├╝r sich die Frage nach seinem J├╝dischsein, ist ein unterhaltsamer Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen will. Der Roman ist ein interessanter Beitrag zu einer sowohl innerj├╝dischen als auch gesamtgesellschaftlichen Debatte zu dem ewigen Thema Israel und die Pal├Ąstinenser. Aber er ist auch -ganz unpolitisch- ein bewegender und tragikomischer Roman ├╝ber das Leben dreier M├Ąnner, ├╝ber den Sex und das Altwerden und letztlich ├╝ber den Tod.

Ich w├╝nsche dem Roman in Deutschland einen gro├čen Erfolg.

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