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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ein- und Rückblicke I
Eingestellt am 05. 05. 2009 09:13


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MarenS
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Ein- und Rückblicke!

Das Bildfenster

Der Einkauf war erledigt, alle Punkte auf ihrem Merkzettel abgearbeitet. Nun blieb noch etwas Zeit, um zu schauen. Sie genoss es jedes Mal, in diesem schwedischen Möbelhaus die Zeit zu vergessen, in hübschen Nichtigkeiten zu schwelgen, sich vorzustellen, dies und jenes und das auch noch mitzunehmen, um dann, verständig wie sie war, nur einen einzelnen, preislich vertretbaren Gegenstand wie eine Eroberung mit nach Hause zu nehmen.
So schlenderte sie zu den großen Postern, blätterte sie durch, nichts, nichts, naja. Nichts wirklich Ansprechendes. Sie wandte sich nach links, der nächsten Abteilung zu, und gewahrte im Augenwinkel ein Mädchenbildnis. Etwas daran zwang sie, sich herumzudrehen und genauer hinzusehen. Das war ihr Bild! Nein, ihr Abbild!

Eine lange Wanderung, ihre kleinen Füße sind müde, und es ist noch so schrecklich weit bis daheim. Mama sagt, es sei ganz nah, aber was wissen Erwachsene schon von Entfernungen, wenn Kinderfüße müde sind. Sie will nicht mehr laufen. Der Papa will sie nicht tragen, er sagt, sie sei zu groß dazu. Wahrscheinlich hat er Recht aber sie bockt trotzdem. Da fällt ihr Blick auf die Wiese, die längs des Weges verläuft. Blumen! Sie liebt Blumen und sie liebt es besonders Blumen zu Sträußen zu pflücken. Zu dicken, bunten Wiesenblumensträußen.
Alle Müdigkeit ist vergessen. Blühender Sauerampfer, Margeriten, Schafgarbe, Zittergräser, Hafergras und natürlich blaue Glockenblumen werden flink gepflückt, bis die kleine Hand den Strauß kaum mehr fassen kann. Sie läuft stolz zu den Eltern, bleibt stehen, schaut froh. Klick! macht der quadratische Fotokasten, und sie freut sich sehr. Fotos werden nur selten gemacht, denn Fotos sind teuer.
Der Strauß wandert daheim in eine Vase, die Füße dürfen ausruhen, die Kleine schläft.
Das Foto! Sie hat es ganz vergessen, bis Papa etliche Tage später fröhlich ein Päckchen Fotos auf den Tisch legt. Da steht sie, blonde zersauste Locken zu einem Pferdeschwanz nur notdürftig gebändigt, große helle Augen umrahmt von langen Wimpern bestimmen das Gesicht, eine Stupsnase und ein kleiner Mund. Eine Strickjacke von Mama kunstvoll genadelt, darunter ein Strickkleid aus der gleichen Fertigung. In der rechten Hand ein großer Wiesenblumenstrauß überragt von blühendem Sauerampfer.
Schwarzweiß mit Zackenrand.

Das Poster ist farbig. Ein Gemäldedruck. CL, so liest sie am unteren rechten Bildrand, und Wärme strahlt in ihr empor für diesen Maler, von dem sie noch nie etwas hörte oder sah. Ein kleines Mädchen steht vor einem reifenden Kornfeld, das blonde Haar gescheitelt und hinten am Kopf zusammengebunden. Sie trägt einen Strohhut.
Darunter große, ausdrucksvolle, das Gesichtchen beherrschende Augen, eine Stupsnase und ein kleiner hübsch geschwungener Mund. Über der weißen Bluse ein dunkelgrünes Trägerkleid, ein Gürtel in Bändchenweberei. Auch ihre Mutter hatte wohl geschickte Hände. Und dann die Blumen!
Ihre rechte kleine Hand umklammert einen großen Wiesenblumenstrauß. Margeriten, Schafgarbe und blaue Glockenblumen, gelbe und orangerote Blüten ergänzen die Pracht. Über alles hinaus ragt blühender Sauerampfer.

Das Poster hängt seit 20 Jahren über ihrem Bett.

05. Mai 2009
MarenS

Version vom 05. 05. 2009 09:13
Version vom 05. 05. 2009 16:44
Version vom 12. 05. 2009 07:09
Version vom 12. 05. 2009 07:40
Version vom 05. 06. 2009 17:29
Version vom 15. 06. 2009 05:46

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Schlechte Karten

"Mama, du kannst mich in Zukunft später wecken."
"Wieso denn das"?
"Ich hab morgens überhaupt keinen Hunger mehr, ich mag nicht mehr frühstücken."
"So"?
Widerlich langer Blick der Mutter auf den Sohn.
"Fein, dann wecke ich dich wie bisher und du kannst diese Zeit nutzen um dein Zimmer aufzuräumen, das Bad zu entmüllen und den Rest deiner Hausaufgaben zu machen, je nach Bedarf."
"Mama"?
"Ja"?
"Du bist ekelhaft"!
"Ich weiß".
"Dann frühstücke ich eben."
"Fein".

05.Juni 2009
MarenS

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Rot, Kirchenglocken und Märtyrer

Der Sonnenschein auf dem Ostfenster zieht mich hinaus. Ein wunderbarer Duft nach Frühsommer liegt in der noch morgendlich linden Luft. Bewaffnet mit einer großen Schüssel rücke ich den reifen Johannisbeeren an den Strauch. Rote, saftigsüße Perlen fallen in meine Hände, sammeln sich im Gefäß. Ein Schatz, eine Kostbarkeit.
Aus dem im Tal klingen Kirchenglocken herauf, klar und deutlich das Achtuhrläuten. Westwind, er trägt Bilder, vom Klang der Glocken geweckt.

"Ein Kleid heute, Betty, es ist Sonntag. Und weiße Kniestrümpfe." Mama schaut mahnend, in der Hoffnung, dass dieser Blick die Kleine dazu bringt, das Weiß der Strümpfe wenigstens bis über den Gottesdienst zu retten. Ein Kleid, gut aber weiße Strümpfe? Das kleine Mädchen legt ihre Stupsnase in kuriose Falten, Mißbilligung steht in ihrem Gesicht geschrieben.
Später betritt sie an der Hand des Vaters die alte Klosterkirche. Barocke Pracht, Reichtum, Fülle und Macht verkündend und doch bewundernswert schön. Die Kinderaugen bewundern die blaugeäderten Marmorsäulen, das viele Gold, nichtahnend den Trug der geschickten Baumeister.
Weiter hinauf wandert der Blick, jetzt ängstlich und doch fasziniert. Auf halber Höhe die Galerie der lebensgroßen Statuen der Märtyrer. Alle sterben sie qualvoll. Die Kleine spürt das Brennen des Feuers, die peitschenden Ruten, sieht das rote Blut hervorquellen, plastisch an den halbnackten Körpern herabrinnen, erschauert. Dann wird ihr Blick gefesselt.
Der heilige Sebastian! Bekleidet mit einem schmalen Tuch um die Lenden, eine Ebenbild eines Mannes, ein Held. Er ist schön, trägt dunkle lange Locken. Sein Blick ist gebrochen, dem Tode nah. Sein muskulöser Körper ist durchbohrt von gefiederten Pfeilen. Das Blut zeichnet sich in kleinen Rinnsalen auf dem schönen Körper ab. Ja, er ist schön, wunderschön und muss so leiden. Die Kleine starrt, kann nicht wegschauen. Später wird das Bild sie verfolgen, sie weiß es, hasst und liebt es, fürchtet es und hält es dennoch wie einen Schatz umfangen.
Da klingeln die Glöckchen. Wandlung! Sie hat nicht aufgepasst. Die lateinischen Worte, die sie nicht versteht, in Gedanken gemurmelt, rein mechanisch. Den Rest der Messe versucht sie, nicht zu Sebastian zu schauen.

Die Schüssel füllt sich während ich tief versunken in meinen Gedanken rote Perlen durch meine Hände gleiten lasse.

14. Juni 2009
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Hausbau auf dem Lande

Ich streiche das Podest vor dem Haus. Eine Art Plafond aus Holz zu dem seitlich eine halbhohe Holzwand gehört, nebst Hausbank, die ich sehr liebe. Heute werde ich hier nicht sitzen können, sinniere ich, es wird zu sehr nach Ölen riechen. Zum Glück muss ich nur nachstreichen, das geht schnell und Öle sinken flugs ein, heute Abend kann der Absatz wieder belaufen werden. Meine Hand führt den Pinsel, gleichmäßige Züge, die Zeiten wechseln.

Ich streiche das Podest vor dem Haus. Nach und nach verschwindet das helle Holz und macht einem satten Braunschwarz Platz, einer Farbe, die dreckige Kinderschuhe verzeiht und nicht mal verschlabberten Kakao übelnimmt. Schritte sind auf dem Weg hinter mir zu vernehmen. Mal wieder ein Spaziergänger. Seltsam, dass diese kleinen Wege im Neubaugebiet von so vielen Leuten genutzt werden.
"Grüß Gott"! werde ich von hinten angesprochen. Ich drehe mich freundlich um, grüße zurück. Ein älterer Mann betrachtet mich und das Haus mit äußerst skeptischem Blick. "Dodadrin wollt iht wouhne?" Ich nicke freundlich, Skepsis bin ich inzwischen gewohnt, denn wir wagen es im Jahre 1980 ein Holzhaus auf dem Lande zu bauen, abartig, ich weiß. Schon das Landratsamt versuchte uns das auszureden, indem es das Baugenehmigungverfahren im Vergleich zu denen der artigen Nachbarn um das sechsfache in die Länge zog.
"Un wos mescht ihr donn im Winner?" Der interessierte Spaziergänger schaut besorgt die Blockbohlen an. "Wenn des orschkolt werd un de Wind geiht, donn ziehts euch dorsch die Hütt." Ich lächle freundlich, spare mir eine Erklärung der Wärmedämmwerte und sage nur: "Wir werden sehen."
"Jo, hobt dann ihr wenigstens a Heizung drin?" Der Mann bemüht sich um Hochdeutsch, da er mich als Zugereiste indentifiziert. "Sicher, das haben wir," ich nicke. "Kinner, Kinner, warim hobt donn ihr net noch a bissche gsport un a richtigs Haus higsetzt, " verfällt er wieder in seine Mundart, schüttelt entsetzt den Kopf, hebt die Hand zum Gruß und geht seiner Wege.

16. Juni 2009
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Summertime

Sommerwetter. Nicht diese Schwüle schon am Morgen, nein, klares warmes Blau, satte Wärme ohne feuchtschwitzige Haut. Unter dem Walnussbaum im Schaukelsitz schwinge ich und mein Hirn findet irgendwo die Worte: Summertime and the livin' is easy...
Schnell gesellt sich die Melodie dazu und das Lied entströmt mir. Ich kann hemmungslos laut singen, der Traktor unten auf dem Feld macht genug Krach. Etwas in mir formt sich, ein Gesicht, eine Frau.

Rosi, sie singt:...daddy and mamma standing by. Ihre raumfüllende Altstimme verklingt im Applaus der Studienkollegen. Sommerfest im Studentenwohnheim. Etwas besonderes, denn eigentlich dürfen hier, im Frauenheim nur bis 22.00 Uhr männliche Gestalten gesichtet werden. Die Heimleitung hat ein Auge darauf. Soviel zu den heute verklärten wilden 68ger und Folgejahren. Man ist noch verklemmt, prüde, Oscar Kolle wird mit seinen Filmen Entsetzensschreie hervorrufen und doch sind da junge Menschen, die versuchen sich aus diesen Normgitterstäben zu befreien. Selbständig wird man erst mit 21.

Rosi studiert Musik und Kunst genau wie Ellen, mit der sie ein Zimmer bewohnt. Ich teile meine 10 Quadratmeter mit Ute, meiner langjährigen Schulkollegin und besten Freundin. Vier Mädchen, denn noch sind wir nicht volljährig.

Der Kontakt zu Ute zerbricht, als sie mit 17 schwanger wird. Heirat! Nicht dass sie unbedingt wollte aber Ordnung muss sein. Die Pille gab es schon aber nicht für Mädchen in diesem Alter, wie verschiedene, aufgesuchte Frauenärzte betonten. Ute verschwindet in einem Nachbarland aus dem Ihr Mann stammt und wir verlieren uns.
Rosi und Ellen bleiben mir. Rosi ist schon verheiratet und führt im Studium eine Wochenendehe.
Ich heirate nach dem Studium einen Studienkollegen. Ellen etwas später. Ihren Mann lerne ich noch kennen aber wir sehen uns nicht mehr, sie zieht weiter weg. Dann schenke ich, wie erhofft, innerhalb von einem Jahr, zwei Kindern das Leben, baue mit meinem Mann ein Haus, arbeite weiter in meinem Beruf, das Haus wurde teurer als veranschlagt. Meinen Kindern habe ich meine Atemwegsprobleme vererbt, nächtelanges Husten, Ohrenentzündungen. Alles überschlägt sich: Beruf, Kinder, Gartenarbeit, Hausbau, Nachtwachen am Kinderbett.
Irgendwo in dieser Zeit reisst der Kontakt zu Ellen, etwas später zu Rosi. Allein, keine Zeit für neue Freunde, kein Gedankenaustausch.
Dieser Tag, geschafft. Den nächste Tag, irgendwie schaffen.
Ein Kreis, ein Strudel.

Summertime...klingt es in meinem Kopf und das gestern versinkt gurgelnd in einem Loch.
Wo sind sie alle? Was machen sie? Was habe ich all die Jahre gemacht?
Ute fand ich wieder, sie sich noch nicht. Zu tief sind die Einschnitte in ihrem Leben gewesen, die erlittenen Verletzungen.

Summertime...Ich gehe schnellen Schrittes zum Rechner, hochfahren aus Standby, wie lautete noch Rosis Nachname? Ach, sicher!
Nur deutsche Seiten, es sucht und findet, da ist sie, ein Gruppenfoto vom Arbeitsplatz mit ihrem Namen. Sie scheint kaum verändert. Ich will sie wiedersehen, sie und Ellen. Ich will wissen, was sie machten, Leeren auffüllen, Leeren einer Zeit, die uns keinen Raum ließ.

02.08.2009
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Da ist sie ja! Beim Versuch aus meiner Räuberhöhle wieder einmal eine Wohnung zu machen finde ich in einem Stapel Prospekte eine CD von Hubert von Goisern. Na, die hab ich aber lange nicht gehört! Zwei Jahre? Drei? Ganz egal, sie wird sofort aufgelegt. Ich singe mit: Kren und Speck und a Dunnerweeder...

"Mogst a Broad und a boiserl Speckch?" Ein freundliches Frauengesicht eingerahmt von einem eigentümlichen Kranz aus Zöpfen auf dem Kopf neigt sich Betty zu. Die Kleine schaut kurz fragend, dann auf das angebotene Jausenbrett und versteht. Sie nickt, hungrig ist sie fast immer. Sie greift zu und findet den Speck zwar fest aber himmlisch. Er schmeckt würzig, sie kaut und liebt sofort diesen eigenwilligen Geschmack. Nie wird ihr ein anderer Speck so gut schmecken aber das weiß sie jetzt noch nicht.
Ihre erste Urlaubsreise, sie ist fast sieben. Im Opel Rekord, himmelblau mit Chromzierleisten. Die Eltern, ihre Schwester, Oma und Opa. Wer weiß schon etwas von der Gefahr, wenn Kinder ungesichert auf dem Schoß der Erwachsenen sitzen oder zwischen den Vordersitzen stehen. Alles ist aufregend, die weite Fahrt, die hohen Berge, die andere Sprache.

Sie hatte unschlüssig im Flur gestanden, der Mutter beim Auspacken vor den Beinen. Daheim wäre sie schön längst draußen herumgestrolcht.
"Betty, du stehst im Weg herum, warum gehst du nicht raus zum Spielen.?"
"Aber mit wem denn?"
"Ich höre Kinder draußen, frag ob du mitspielen kannst."
"Aber ich verstehe sie nicht, hör mal, wie sie sprechen!"
"Dann lerne es einfach."
Mama lächelt dieses liebe, endgültige Lächeln, das Betty bedeutet, dass eine weitere Diskussion einfach völlig sinnlos ist und sie trollt sich nach draußen.
Sie nähert sich zögernd dem Häuflein fremder Kinder in verschiedenem Alter. Jungen wie Mädchen halten im Spiel inne und betrachten das fremde Kind aufmerksam aber nicht feindlich.
Betty nimmt all ihren Mut zusammen und fragt ob sie mitspielen dürfe. Die anderen stutzen, schauen die offensichtlich Älteste an und die ergreift das Wort:
" Boids ins vasteahst kuust scho mittuan." Sie nickt dazu, was Betty als Zustimmung versteht. Verstecken wird gespielt, das kennen Kinder wohl überall. Betty horcht genau hin, wie sie zählen: Oans, zwoa, dreie, viere, fünwe, sechchchs, siebene, ochte, neine, zechn, i kimm nocha! Im Versteck hockend übt Betty die Sprache.
Als sie an die Reihe kommt, kichern die Kinder ein wenig als Betty versucht tirolerisch zu zählen aber sie nehmen den Versuch wohlwollend hin.
Zu schnell vergeht die Urlaubszeit. Einen Tag vor der Abreise kommt Betty aufgeregt die Treppe hochgestürmt.
" Mami, luus amoi, i hob gsehng wia a Kaibei ausikemma is. I bin mit Thresei bein Dorferbauern gwesn. I sog da, siass hot dös ausgschaut, mia zwao hobns sauba putzt, gschtiascht is dös!
Warum schaut Mama nur so komisch?

24. August 2009
MarenS

P.S.: Sprechen ist das eine, schreiben das andere. Sollten tiroler Muttersprachler meine Geschichte lesen, bitte nicht zürnen, sie ist frisch und liegt noch in Tirol auf dem Schreibtisch von Freunden zum Korrekturlesen. Das eigenwillig im Hals gesprochene ch und ck weiß ich eh nicht zu schreiben, mal sehen was mir da angeboten wird. ;-)

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MarenS
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Der graue Faltenrock

Gerade habe ich Ivors neues Gedicht gelesen, denke über seinen eigenen Kommentar nach, der inhaltlich aussagt, das Frauen für einen Jungen etwas besonderes sind, in diesem Fall der Rock der Großmutter.
Da höre ich schon leises Murren aus der Frauenecke: "Frauen tragen doch keine Röcke mehr."
Ivors Zeilen lassen mich nachdenken. Doch, ich trage Röcke und auch Kleider und das sehr gern. Sie sind nicht, wie man ihnen nachsagt, unbequem sondern das Gegenteil. Luftig schwingend, locker, einfach herrlich! Da ist zum Beispiel dieser schwarze Faltenrock, kurz, nicht gerade superkurz aber kurz, dazu schwarze Strumpfhosen und schwarze Schuhe und ein farbiges Top je nach Jahreszeit mit Trägern oder langem Arm. Oder ein schwarzes Oberteil und knalligfarbene Strumpfhosen. Je nach Überlaunenmut. Faltenröcke wippen so schön.

Er war der erste: Grauer Flanell, vorne und hinten jeweils rechts und links zwei Falten. Ein wenig zu schlicht, wie sie fand aber was macht man, wenn man nicht genug Kohle hat? Man freut sich auch über einen schlichten Faltenrock, wenn er geschenkt wird. Wichtig waren die Falten und dass er kurz war, mini eben. Sie ging nach der Schule noch schnell zum Kaufhof, 30 Minuten Zeit bis der Bus fuhr. Kurzwarenabteilung, sie suchte Knöpfe. Knöpfe waren in. Viele kleine Knöpfe in Reihe gesetzt, an Ärmelnaufschlägen, Bündchen, Hosenbeinen mit weitem Schlag.
Warum also nicht auch auf Faltenröcken?
Grau. Sie suchte und fand sofort niedliche, kleine, graue Knöpfe. Vier sollten bei jeder gesteppten Falte sitzen. Vier mal vier gleich sechzehn. Sechzehn mal...Was kostete ein Knopf? Himmel! Sie riss kurz die Augen auf und sich dann zusammen. "Betty, soviel Geld hast du nicht!" mahnte die innere Stimme.
Das junge Mädchen rechnete schnell nach. Achtzig Pfennig für einen kleinen, grauen Plastikknopf machte mal sechzehn immerhin zwölf Mark und achtzig Pfennige! Ihr Budget reichte genau für die Hälfte. Aber zwei Knöpfe für jede Falte? Sinnlos.
"Betty?" wisperte es aus einer entlegenen Ecke ihres Ichs. "Hm?"
"Betty, nimm de Knöpfe einfach, ein paar kleine, graue Knöpfe mehr oder weniger fällt hier gar nicht auf!"
"Spinnst du? Das ist Diebstahl!"
"Naja aber nicht dolle. Sieh mal du brauchst doch nur sechzehn kleine, graue Köpfchen."
"Wenn das jemand sieht!"
"Es sieht niemand. Nimm sie, tu so als wenn du sie anschauen wolltest und stecke sie ein!"
"Du bist völlig meschugge! Sechzehn Knöpfe einfach so einstecken. Ich habe doch Geld bei mir!"
"Ja aber nicht genug."
"Nein, nicht genug und der Bus fährt auch bald."
Betty schaute sehnsüchtig auf die Knöpfe. In ihrem Kopf saßen sie schon mustergültig in Reih und Glied neben den Steppnähten. Sie ließ die grauen Knöpfchen durch ihre Hand gleiten, griff nochmals zu und zählte dann acht Knöpfe in ihre linke Hand, nahm eine der Plastikschalen, die zur Warenaufnahme dienten, schaute dabei belanglos in der Etage herum, ging zu den grauen Knöpfen zurück, stellte nun die Schale ab und zählte gewissenhaft acht Knöpfe in die Schale. Nun fuhr ihre linke Hand wie selbstverständlich in die Manteltasche und kam mit der Geldbörse wieder zum Vorschein. Betty ging zur Kasse, stellte die Schale ab, zahlte, nahm das Tütchen mit den acht Knöpfen entgegen und verließ das Kaufhaus wie auf glühenden Sohlen.
Zum Bus! Sie erreichte ihn rechtzeitig und setzte sich aufatmend hin. Erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie bobachtete, griff sie in die linke Manteltasche, angelte die acht Knöpfchen heraus und gab sie zu den anderen ins Tütchen.
Daheim erzählte sie nur, sie habe sich Knöpfchen gekauft und wolle sie an den Rock nähen. Ihre Mutter hatte viel zu tun, fragte nicht lang, das Mädchen hatte ja Taschengeld, kein Problem.
Betty nähte die Knöpfe besonders sorgsam an, sie hatten vier Löcher, erst von rechts oben nach links unten, dann von links oben nach rechts unten. Das sah sehr hübsch aus und sie war sehr zufrieden. Nur. Ja, nur. Sie waren gestohlen, zumindestens die hälfte davon. Betty hatte durchaus Freude an ihrem Rock, ohja aber sie konnte niemals in diesem hübsch wippenden, gut polangen Kleidungsstück in den Kaufhof gehen ohne nicht das Gefühl zu haben, jeder schaue auf den Rock und die Knöpfchen blinkten: Geklaut, geklaut!

Ich werde heute den Faltenrock anziehen, den schwarzen. Er ist vorn geknöpft, mit großen schwarzen Knöpfen. Sie sind bezahlt.

12. Oktober 2009
MarenS

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