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Leselupe.de > Humor und Satire
Ein unerhörter Vorgang
Eingestellt am 15. 02. 2007 16:27


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Raniero
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Ein unerhörter Vorgang

Es war die Nachricht des Tages, die da am späten Abend mit Großbuchstaben über alle Öffentlich Rechtlichen Fernsehsender des Landes tickerte und die aktuellen Programme unterbrach, und so unspektakulär sie zuerst klang, so versetzte sie doch nach und nach das gesamte Land in Aufregung:
Boxer verlässt Ringgeviert
Unmittelbar nach dieser schriftlichen Meldung verlas ein ganz in schwarz gekleideter Nachrichtensprecher eine ausführlichere Erklärung:
Den ersten Berichten zufolge hatte demnach der Herausforderer des amtierenden nationalen Titelträgers im Schwergewicht in der elften Runde plötzlich und unerwartet seinem Gegner den Rücken gekehrt und den Ring verlassen, ohne einen plausiblen Grund dafür zu anzugeben; ein Verhalten, welches bei allen Anwesenden in der Halle teils große Bestürzung, verbunden mit Ratlosigkeit, teils aber auch großen Unmut hinterließ. Die unmittelbar Beteiligten an der Kampfstätte aber, so der Sprecher weiter, vor allem die Betreuer des Mannes, hätten sich, da sie im Traum nicht auf eine solche Reaktion vorbereitet waren, derart geschockt gezeigt, dass sie nicht in der Lage waren, den Boxer von seinem Tun abzuhalten, weder verbal noch mit anderen Möglichkeiten. Noch während der Sprecher diese Erklärung verlas, erfolgte bereits eine neue Meldung über den Ticker:
Aus dem Ring entlaufener Boxer in Zuschauermenge untergetaucht; alle Bemühungen seiner habhaft zu werden, bisher vergeblich.
Sodann wurde dem Sprecher seitens der Regie im Hintergrund ein neues Schriftstück zum Verlesen überreicht.
Demzufolge hatte der Boxflüchtling nach Verlassen des Ringgevierts mit schnellen Schritten die halbe Halle durchquert und ward auf einmal in der Zuschauermenge regelrecht verschwunden. Eine sofort eingeleitete Suchaktion, die derzeit noch nicht beendet sei, habe bisher leider keinen Erfolg gehabt.
Auch das Verlesen dieser Erklärung wurde durch eine weitere Meldung über den Ticker unterbrochen, die da lautete:
Suchaktion nach entflohenem Boxer abgeschlossen, Mann nicht auffindbar, hat offensichtlich die Halle verlassen, Großfahndung läuft.
Unmittelbar darauf wurden alle Öffentlich Rechtlichen Sender zum Ort des Geschehens, der Boxkampfhalle, hinübergeschaltet, wo der als Moderator fungierende Reporter des privaten Senders, der den Kampf life übertrug, einen recht hilflosen Eindruck machte. Während die Halle tobte, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte, saß dieser mitten im Ring auf einem erhöhten Stuhl, um sich herum versammelt die mittelbar und unmittelbar Beteiligten des Kampfes; den Gegner des Flüchtigen, den Ringrichter, die Betreuer seines Gegners sowie auch seine eigenen und schließlich noch den Ringarzt.
Der Hallensprecher forderte das Publikum über Lautsprecher mehrfach zur Ruhe auf, und so nach und nach kehrte diese denn auch ein.
Sodann begann der Moderator über Mikrofon die Befragung seiner Gesprächspartner.
„Ja, wo ist er denn hin, der Gute?“ wollte er vom nationalen Schwergewichtsmeister wissen.
„Woher soll ich das denn wissen“ fauchte der Champion, „mir hat er das nicht gesagt.“
„Können Sie mir denn vielleicht einen Grund dafür nennen, warum sich Ihr Gegner so unvermutet von der Kampfstätte zurückzog?“
„Zurückzog ist gut, Mann! Abgehauen ist der Lump, sang und klanglos, einfach dünne gemacht hat der sich.“
„Welche Gründe kann Ihr Schützling denn Ihrer Meinung für sein Verhalten gehabt haben“ wandte sich der Reporter an den Trainer des Geflohenen, „war es vielleicht die Angst vor dem Gegner?“
„Wie kommen Sie denn darauf. Er hat schließlich über zehn Runden gut geboxt und es sah ganz danach aus, als hätte er den Kampf gewonnen, nach Punkten.“
„Von wegen“ protestierte das gegnerische Lager.
Aus dem Publikum ertönten Pfiffe und Buhrufe.
Der Fernsehmoderator setzte seine Befragung fort, aber weder Ringrichter noch Ringarzt vermochten Antworten auf die drängenden Fragen zu geben, warum der Herausforderer davongelaufen sei und vor allem, wo er sich jetzt aufhalten könne.
Plötzlich meldete sich aus der ersten Reihe am Ring ein älterer Boxfan. Man hielt ihm ein Mikrofon hin.
„Ich vermute, es waren private Gründe, die den Herausforderer veranlassten, dem Kampf den Rücken zu kehren.
„Private Gründe?“ zeigte sich die Gesprächsrunde im Ring irritiert.
„Wie kommen Sie denn darauf?“ rief der Moderator erstaunt.
„Nun ja“ erwiderte der Fan, „als der Boxer sich umdrehte, um den Ring zu verlassen, da hat er einen Anruf erhalten.“
„Was hat er???“
„Ja, in der Tat, es hat geklingelt, und daraufhin zog er ein Handy aus der Hose, das haben wir genau gesehen, meine Frau und ich, nicht wahr, Mutti?“ zeigte der ältere Herr auf eine weißhaarige Dame an seiner Seite, die zustimmend nickte.
„Ja, und was hat er gesagt?“
„Er hat eigentlich gar nichts gesagt; er hörte nur kurz zu und murmelte so etwas wie Okay, und dann stürmte er aus dem Ring.“
„Ja, meine Damen und Herren“ wandte sich der Moderator direkt ans Publikum, „wir stehen hier vor einem absoluten Rätsel, und nebenbei bemerkt, vor einem ebensolchen Novum in der gesamten Geschichte des Profiboxens. Ein derart unerhörter Vorgang, dass ein Boxer im Fight um die nationale Schwergewichts- krone während des Kampfes einen Anruf erhält und dann spontan den Ring verlässt, ist meines Wissens bisher noch nie aufgetreten. Wollen wir mal hören“, wandte er sich nun an den Ringrichter, „wie die Fachleute diesen Vorgang bewerten. Was sagen Sie dazu, aus der Sicht des Unparteiischen?“
„Für mich ist der Fall klar.“
„Der Fall ist für Sie klar?“
Der Reporter zog die Augenbrauen hoch.
„Sie wollen damit sagen, dass Sie eine Vermutung haben, wer der Anrufer war, der den Boxer veranlasst hat…“
„Quatsch“ unterbrach ihn der Ringrichter, „ich meine damit die Beurteilung der Situation. Der Mann hat den Ring verlassen, ob mit oder ohne Anruf, aber vor allem ohne Angabe von stichhaltigen Gründen. Dieser Mann muss meines Erachtens sofort disqualifiziert werden!“
Die Bravorufe und die Pfiffe hielten sich die Waage, während das gesamte Lager des amtierenden Meisters jubelte.
„Dem schließen wir uns unbedingt an“, meinte der Meistertrainer, mit Freudentränen in den Augen.
Das gesamte Lager des Entflohenen jedoch blieb stumm, auch hier schimmerten Tränen durch, aber aus einem anderen Grunde.
„Allerdings gibt’s da noch ein Problem“ ließ sich der Ringrichter erneut vernehmen, „eine Disqualifikation ist zwar durchaus rechtens und vertretbar, aber sie muss im Beisein von beiden Kontrahenten ausgesprochen werden. Fehlt jedoch einer, so wie das hier der Fall ist, kann die Disqualifikation nachträglich angefochten werden. Das Gleiche gilt im Prinzip auch für alle anderen von uns.“
„Was? Wie bitte? Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Die Stimmen aus der Ecke des Champions überschlugen sich, alle redeten durcheinander.
„Doch, meine Herren“, erklärte der Ringneutrale, „so steht’s in den Regeln.“
„Und was sollen wir jetzt machen, verdammt noch mal? schrie der amtierende Schwergewichtler, weiß vor Wut, „etwa hier warten, bis der Drecksack wiederkommt?“
„Das werden wir wohl müssen.“
Ein unbeschreiblicher Tumult brach los, im Saal, und es dauerte eine Zeitlang, bis die Zuschauer sich wieder beruhigten. Nach und nach ebbte der Krach ab, und es kehrte wieder Ruhe ein.
„Das Publikum ist von dieser Regel natürlich ausgenommen“ rief der Chef des Ringes in den Saal, „Sie dürfen natürlich nach Hause gehen.“
„Wie freundlich!“ schallte es ihm entgegen.
„Es ist tatsächlich so“ schaltete sich der Ringarzt ein, der ebenfalls die Regeln kannte, „wir müssen hierbleiben, solange, bis der Entwichene wieder hier erscheint, oder, was auch möglich ist, bis der Boxverband eine andere Entscheidung fällt.“
„Ja, meine Herren Verbandsgewaltigen“ rief der Ringrichter in die Kamera, „insoweit Sie das hier mitbekommen haben, jetzt müssen Sie ran. Ihre Entscheidung ist gefragt. Wir zählen auf Sie!“
Während sich nach und nach die Halle lehrte, von wütenden Protesten begleitet, wurden im Ring Schlafgelegenheiten vorbereitet, für alle Beteiligten; eine Maßnahme, die sich als äußerst vorausschauend und sinnvoll erwies, denn weder in der folgenden Nacht noch im Verlauf der nächsten zwei Tage fiel eine Entscheidung des Verbandes, und der Gesuchte ließ sich auch nicht blicken.
Auch für das leibliche Wohl der zwangsweise Verbleibenden wurde gesorgt, von den angeschlossenen Sendeanstalten, die sich stündlich vermehrten und einen Prominentenkoch nach dem anderen mit gesamter Crew ins Rennen schickte, um die Betroffenen vor laufenden Kameras bei Laune zu halten.
Als man gerade dabei war, die Menufolge für den dritten Tag zu besprechen, traf endlich die langersehnte Entscheidung des Boxverbandes ein und wurde öffentlich verkündet. Danach hatten sich die Boxgewaltigen darauf geeinigt, in diesem Fall eine Ausnahme von der Regel zuzulassen. Die Disqualifikation durfte somit ausgesprochen werden, weil niemand mehr damit rechnete, dass der verlorengegangene Kontrahent noch einmal im Ring erscheinen würde.
Während das Lager des Amtierenden in Jubel ausbrach und den alten und neuen Champion auf die Schultern hiefte, hüllte man sich auf der anderen Seite in Schweigen.
Im gleichen Augenblick erhielt der Ringrichter einen Anruf auf seinem Mobiltelefon. Alles verstummte und blickte in gespannter Erwartung auf den Mann, dessen fragender Gesichtsausdruck sich nach und nach erhellte.
„Ach so“, sagte er schließlich nur, „habe verstanden“ und legte auf.
„Meine Herren, das war ein Anruf unseres so lang Gesuchten. Er lässt Sie alle schön grüßen. Er sagt, er sei bei seiner Mutter daheim und habe vorhin den Fernseher eingeschaltet und die Entscheidung des Verbandes life verfolgt. Er bedaure unendlich, nicht hier sein zu können, doch er teilt uns mit, dass er die getroffene Entscheidung akzeptiere.“
Weiterer Jubel brach aus, im Lager des Champs, während das andere Lager schwieg.
„Und was sagt er“ fragte der Trainer des Unterlegenen schließlich, „warum er seinerzeit den Ring verlassen hat und von wem der Anruf kam?“
„Ach, so, ja. Er gibt an, einen Anruf seines Zahnarztes erhalten zu haben.“
„Was? Sein Zahnarzt ruft hier an, mitten im Kampf?“
„So ist es, meine Herren. Der Zahnarzt hatte den gesamten Boxkampf auf dem Bildschirm verfolgt, und er hat in der Pause vor der letzten Runde festgestellt, als sein Patient den Mundschutz ablegte, dass an dessen Zähnen irgendetwas nicht in Ordnung war, etwas, was sich seiner Meinung nach sogar unmittelbar auf den Verlauf des weiteren Kampfes hätte auswirken können.“
„Und deshalb hat er hier angerufen? Hier im Ring? Das gibt’s doch gar nicht!“
„In der Tat, meine Herren, und er hat seinem Patienten dringend geraten, die Behandlung keinesfalls aufzuschieben und auf der Stelle zu ihm zu kommen, weil er nur noch Stunden zur Verfügung stände, da er am nächsten Tag in Urlaub flöge.“
Die Männer im Ring schüttelten zuerst den Kopf. Dann aber kehrte eine gewisse Nachdenklichkeit ein.
„Wenn man genau bedenkt“, sagte einer, „dass bei jedem Boxkampf ein Arzt zugegen sein muss…“
„aber kein Zahnarzt, ergänzte ein anderer „und der wäre eigentlich noch wichtiger, dann ist das schon eine Lücke in den Zähnen, ich meine, im System.“
„Dann wollen wir mal“ sagte der Ringrichter und erhob sich von seinem Lager und wandte sich den laufenden Kameras zu, „ meine Herren, Ihre Entscheidung ist erneut gefragt. Aber jetzt können Sie sich etwas mehr Zeit lassen…“
Er legte sich wieder zur Ruhe, und die anderen taten es ihm gleich.
Im Hintergrund erklang leise ein Lied von Simon and Garfunkel, mit dem Titel:
The boxer

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