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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein unwiderstehlicher Drang
Eingestellt am 16. 08. 2001 13:16


Autor
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lazarus
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Ein unwiderstehlicher Drang!




Endlich war es also soweit! Wir waren in der Fu├čg├Ąngerzone angekommen. Nat├╝rlich wieder zu der unm├Âglichsten Zeit. Genau sechzehn Uhr. Ich glaube, es gibt wenig, was ich noch mehr hasse als ein Einkaufsbummel zu dieser Zeit. Tomatensuppe vieleicht, oder Jenny Elvers!
Aber das war mal wieder typisch f├╝r meine Familie, ausgerechnet dann, wenn das arbeitende Volk - ich hatte Gott sei Dank meinen wohlverdienten Urlaub - ihre T├Ątigkeit beendet und sich aufmachte noch Besorgungen zu erledigen, musste mein Clan auch dorthin. Gut, Michael ben├Âtigte wieder mal neue Jeans und Turnschuhe. Es war unm├Âglich mit dem Jungen. In k├╝rzester Zeit hatte er es wieder geschafft aus einer Hose, die schlappe hundertf├╝nfzig Mark gekostet hatte, einen seichten, l├Âchrigen und durch und durch schmutzigen Fetzen Stoff zu fabrizieren. Und erst seine Turnschuhe! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie es m├Âglich ist, in ein St├╝ck Leder einen Geruch zu zaubern, der einer K├Ąsefabrik alle Ehre machen w├╝rde. Aber egal, Kinder kosten eben mal Geld. Das hat mir meine Mutter schon immer gepredigt.
Wenn das erledigt w├Ąre, wollte sich meine Frau noch nach einem Kleid umsehen, das, das sie sich vor einem halben Jahr gekauft hatte, war nat├╝rlich schon zu alt und zu verschlissen, obwohl sie es nicht ├Âfter als drei Mal angehabt hatte. Und wenn sie schon mal hier war, konnte sie ja mal nachsehen, ob sie zu ihren Hosenanzug auch noch passende Schuhe f├Ąnde. Ich weiss schon jetzt mit fast hunderprozentiger Sicherheit, das sie weder ein Kleid noch die richtigen Schuhe mit nach Hause nehmen w├╝rde. Sie w├╝rde wieder eine Handtasche entdecken, die sie dringend br├Ąuchte, dann einen Mantel, den sie zwar erst im Winter tragen k├Ânnte, aber der so g├╝nstig war, das sie nicht widerstehen kann und Unmengen an Unterw├Ąsche w├╝rde sie sich aussuchen. Mit Sicherheit einen BH in Gr├Âsse f├╝nfundsiebzig B, in den sie zuletzt vor der Geburt unseres Sohnes gepasst h├Ątte. Aber man kann ja nie wissen, schliesslich macht sie zur Zeit eine Di├Ąt - schon die vierte in diesem Jahr, aber geholfen hat noch keine- da w├Ąre es ja m├Âglich, das sie ihre Idealfigur wieder erreichen w├╝rde.
Aber zuerst war ich dran! Mir sollte ein neues Sakko verpasst werden. Denn meine holde Gattin hatte beschlossen, das mein Gr├╝nes den Dienst bereits vor Jahren beendet h├Ątte und nicht mehr in die Mode und in unseren Lebensstil passte. Schon zwei Mal hab ich sie erwischt, wie sie die Jacke in einen Sack f├╝r Altkleidung gesteckt hatte. Doch mit mir nicht. Kampflos w├╝rde ich mein Sakko nicht aufgeben. In diesem Kleidungsst├╝ck steckt noch mehr als alter Schweiss, Kragenspeck und ein Kaffeefleck. Dort haben sich Erinnerungen angesammelt. Dieses Sakko trug ich an meinem ersten Arbeitstag. In ihm steckte ich als Michael getauft wurde. Ich hatte es an, als ich den Kauf unseres Hauses unterschrieben hatte. Wie sollte ich mich von solch einem St├╝ck Erinnerungen trennen? Was f├╝r unz├Ąhlige Leute ein Foto- oder Poesiealbum war, war f├╝r mich mein Sakko!
Ich hatte mir schon eine Taktik zurechtgelegt, wie ich mein Lieblingskleidungsst├╝ck retten k├Ânnte. Mir w├╝rde einfach kein anderes Sakko passen und gefallen. Also w├╝rde auch kein Neues gekauft und ich konnte in Frieden mit meinen Erinnerungen weiterleben.
Das ist also unsere Einkaufsliste! Und das nachmittags um sechzehn Uhr! Kann es etwas Schrecklicheres geben? Ich war schon um vierzehn Uhr zur Abfahrt bereit. Ich war immer der Erste in unserer Familie, aber meine Frau musste ja noch mit ihrer Schwester telefonieren und Michael hatte seine Hausaufgaben noch nicht erledigt. Also musste ich wieder mal warten. Wenn ich hochrechne, wieviel Zeit ich in meiner Ehe schon mit Warten vergeudet habe, w├╝rde ich auf circa ein Jahr kommen. Ein Jahr! Zw├Âlf Monate! Dreihundertf├╝nfundsechzig Tage, oder waren es dreihundertsechsundsechzig? Es k├Ânnte ja auch ein Schaltjahr sein! Wenn ich diese Zeit ungeschehen machen k├Ânnte, w├Ąre ich noch ein Mann in den Dreissigern. Doch so musste ich mit der Zahl Vier vor meinem Alter leben. Und warum? Wegen Warten!
Um F├╝nfzehn Uhr f├╝nfzehn sa├č ich abfahrbereit im Wagen und musste wieder warten. Meine Frau und Michael mussten nochmal aufs Klo. Daf├╝r wartete ich gerne. Ich wei├č doch wie das ist, in der Einkaufspassage nach einer Toilette zu suchen, die erstmals sauber , in der Klopapier war und nicht von einem Penner besetzt wurde. Eine Jungfrau in einem Bordell k├Ânnte man schneller bekommen.
Wir stehen gerade in der Herrenabteilung eines gro├čen Kaufhauses und meine Frau hat schon damit begonnen, mir die neuesten Errungenschaften der Sakkomode zu pr├Ąsentieren, als mich so ein unangenehmes Gef├╝hle durchstreicht. Dieses Gef├╝hl kenn ich nur zu gut. Mein Darm f├Ąngt an, sich gegen die sechs N├╝rnberger Bratw├╝rste und den Krautsalat, die ich am Mittagstisch zu mir genommen hatte, aufzulehnen. Ausgerechnet jetzt! Wie soll ich jetzt aufs Klo kommen? Und vor allem wo sollte ich eines finden?
Meine Frau ruft fr├Âhlich meinen Namen und h├Ąlt mir ein ockerfarbenes Sakko vor die Nase, zu grell! Dann zieht sie ein dunkelblaues aus den St├Ąnder, zu finster. Ein Grummeln f├Ąhrt durch meine Eingeweide. Oh Gott! Wenn meine Frau nicht bald aufgeben w├╝rde, k├Ânnte es ein Malheur geben, das mir seit der ersten Klasse nicht mehr passiert ist. Sie h├Ąlt mir wieder eine Jacke hin, ich hasse Rot. Beim N├Ąchsten ist mir der Kragen zu gross! Sollte ich ihr nicht sagen, wie es um meine Verdauung steht? Auf gar keinen Fall! Schliesslich hatte sie mich schon am Mittag ermahnt, das ich nicht soviel von dem Salat essen sollte. Ich wisse ja am besten wie mein Darm darauf reagiere. Und ob ich das jetzt weiss! Ich bemerke gerade, wie sich meine Haare einzeln aufstellen. Sie zeigt mir jetzt ein Schwarzes Jackett, ich geh doch selten auf eine Beerdigung. Nun kommt ein dunkelgraues an die Reihe, ich hasse Polyester. Oh Gott! Bitte sorge daf├╝r, das mir jetzt nichts herunterf├Ąllt und ich mich b├╝cken muss. Nun wird mir ein Kleinkariertes gezeigt, sehe ich aus wie ein Heizdeckenverk├Ąufer? Danach folgt eines ohne Kragen, bin ich ein Pfaffe? Meine Ges├Ąssbacken und die Knie pressen sich aneinander als w├╝rde sie in einem Schraubstock stecken. Jetzt kommt ein mittelgraues Sakko an die Reihe, das sieht nicht mal schlecht aus. Will ich wirklich schon aufgeben? Von Wollen kann keine Rede sein, ich muss! Ich schl├╝pfe in das Jackett, passt wie angegossen, das nehme ich! Aber zu dem Sakko besitze ich kein passendes Hemd, bemerkt meine Frau. Also zehn Meter weiter zu dem n├Ąchsten St├Ąnder. Gleich das Erste das mir meine Gattin zeigt, gaf├Ąllt mir! Die Gr├Â├če passt! Gekauft! Ab zur Kasse.Ich merke wie sich die Muskeln meiner hinteren Backen zu eine Krampfattacke formieren, mir bleibt keine Zeit mehr. Verdammt, jetzt ist auch noch eine Schlange vor der Theke! Ich z├╝cke gleich meine Kreditkarte, jetzt blo├č keine unn├Âtigen Sekunden verlieren. Endlich sind wir an der Reihe. Mensch M├Ądchen, mach Dampf, mir pressierts. Sie steckt die Kleidungsst├╝cke mit einer so provozierenden Ruhe in eine gro├če Plastikt├╝te, das mir nicht nur der Darm androhte zu platzen, sondern auch noch der Kragen. Endlich ist alles bezahlt und verstaut. Ich schnappe mir den grossen Beutel und schicke meine beiden Begleiter schon mal in die Kinderabteilung, ich w├╝rde gleich nachkommen.
Also ab auf die Kundentoilette. Oh nein, besetzt. Wie kann es auch anders sein! Was mach ich jetzt blo├č?
Ich hab nur noch eine M├Âglichkeit! Ich sause so schnell es mit zusammengekniffenes Knien geht, -muss ich in dieser Gangart ein komisches Bild abgeben - in eine Kabine, stelle die T├╝te auf den Hocker, greife mit einer Hand blind in sie, bef├Ârdere den Inhalt auf den Boden und ├Âffne meine Hose. Ich st├╝lpe hektisch die T├╝te ├╝ber mein Ges├Ąss und lasse meinen Druck freien Lauf. Ich hoffe nur, das mir dabei keine Luft lautstark entweicht. Doch es l├Ąuft alles in angenehmer Stille ab. Ah, tut das gut! Es ist als w├╝rde mir eine Zentnerlast abfallen. Einfach herrlich! Als ich fertig bin, zieh ich eine Packung Papiertaschent├╝cher aus meinem gr├╝nen Sakko - f├╝r irgendetwas muss es ja gut sein, das Michael einen chronischen Schnupfen hat - und reinige meinen Schlitz. Nachdem ich das Tuch, zu dem nicht gerade angenehm duftenden Inhalt der T├╝te bef├Ârderte, schnappe ich mir den Beutel, der mindestens zwei Kilo wiegt - Da sieht man mal wie n├Âtig ich eine Erleichterung hatte - mache einen Knoten hinein, und verlasse die Kabine. Ich st├╝rme aus den Laden und bef├Ârdere die Kunststofftragetasche in den n├Ąchststehenden M├╝lleimer.
Jetzt ist mir, als h├Ątte ich was Vergessen. Na klar! Mein Sakko und das Hemd liegen ja noch in der Kabine. Also wieder hinein in das Gew├╝mmel des Kaufhauses. Das Hemd ist noch da! Aber wo ist das Sakko? Hat es eine Verk├Ąuferin schon wegger├Ąumt? Ich gehe wieder zu den St├Ąnder auf dem die Jacketts hingen und durchsuche ihn. Erfolglos. Auch die Nachfrage bei einer Angestellten ist umsonst. Wo kann denn diese verfluchte Jacke nur stecken? Ich gehe im Kopf nochmals s├Ąmtliche Aktionen meiner Erleichterung durch. Jetzt f├Ąllt es mir wie Schuppen von den Augen! War es wirklich m├Âglich, das ein Mensch ein Gewicht von Zwei Kilo aus seinen Darm entlud? Wohl kaum! Also musste noch etwas in der T├╝te gewesen sein! Und was anderes h├Ątte es sein sollen, als das Sakko?
Mir wird ├╝bel! Was hab ich nur getan. Ich habe gerade einen Wert von zweihundert Mark, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Scheisse gesteckt. Ich Trottel!
Doch jetzt muss ich lachen. Ich wollte doch verhindern, das mir meine Frau eine neue Jacke verpasst. Sie hatte es zwar geschafft, aber nicht l├Ąnger als f├╝r f├╝nf Minuten. Also war ich der Gewinner!
Es lebe mein gr├╝nes Sakko! Es lebe die Erinnerung! Es sterbe der Zorn meiner Frau
__________________
Mein Zuhause....Mein Ort f├╝r die Ewigkeit!

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josipeters
Guest
Registriert: Not Yet

Diese Geschichte

ist wirklich k├Âstlich. Ich habe laut lachen m├╝ssen, Bravo, Lazarus!

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