Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5468
Themen:   92972
Momentan online:
214 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Anonymus
Einblick
Eingestellt am 04. 08. 2004 10:38


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Ich w√ľnsche mir, dass all die W√§nde in sich zusammenbrechen, die mich einsperren und ein Leben in unertr√§glicher Angst fristen lassen.

Die kleine Flamme verschlingt gierig das Papierchen mit seiner Schrift, als ich es dem Feuer √ľberlasse und wenig sp√§ter blo√ü noch dabei zusehe, wie der Wind die schwarze Asche mit sich rei√üt. Und ich w√ľnschte, ich k√∂nnte zu ihm gehen, ihn aus diesem Machwerk der Angst rei√üen und nicht jeden Tag tatenlos daneben stehen, wenn ihn erneuter Wahnsinn bef√§llt.
Sie glauben also, Sie könnten dies nicht?
Nein, kann ich nicht. Daf√ľr scheinen wir einander zu √§hnlich und doch zu grundverschieden zu sein.
Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Könnten Sie mir dies erläutern?
Meine Finger klammern sich im Stoff der Winterjacke fest, als ich stumm den Kopf sch√ľttele und den Ball der tanzenden Herbstbl√§ttern verfolge. Ich sollte etwas sagen, irgend etwas erkl√§ren und wei√ü gleichzeitig nicht einmal mehr, wie wir jemals so weit gekommen sind. Was war das f√ľr ein Ort, an dem wir uns kennen lernten? Was waren das f√ľr Umst√§nde? Sternenklare N√§chte sollten nicht f√ľr junge M√§nner pr√§destiniert sein, um sich auf Hochhausd√§cher zu stellen und √ľber das Gel√§nder zu klettern.
Aber Sie m√ľssen doch ebenfalls dort gewesen sein. Wie kam es dazu?
Gute Laune; ich war derma√üen deprimiert, dass ich alles und jeden komisch fand und mich an diesem Abend fragte, ob es nicht m√∂glich sei den Mond zu umarmen oder ob dieser mich auch absto√üen w√ľrde wie einen parasit√§ren Fremdk√∂rper. Doch das Vorhaben schwand dahin, als ich ihn bereits dort erblickte und bei Gott nicht f√ľr eine melodramatische Zeitungsmeldung sorgen wollte.
Aber Sie kannten den jungen Mann zu jener Zeit noch gar nicht. Wie konnten Sie so sicher sein √ľber das selbe Ziel zu verf√ľgen?
Lassen Sie mich √ľberlegen. Vielleicht war diese vorgebeugte Haltung daf√ľr verantwortlich? Oder die sich schon in die strukturlose Luft krallenden Finger seiner einen Hand?
Werden Sie jetzt sarkastisch?
Nein, ich beantworte lediglich Ihre Frage. Innerlich seufzend wandern meine H√§nde in die Jackentaschen, als ich mich in Bewegung setze und den Balkon verlasse, von dem aus es 10 Stockwerke in die Tiefe geht. Seine Beschreibung von Freiheit spukt wie ein Phantom durch meine Sinne, gekoppelt an das Bild seiner im Wind gewogenen Kleidung, welcher die ohnehin nur sp√§rlich gebundene Krawatte mit sich tr√§gt. Vereinzelte Haarstr√§hnchen flattern, seine geringf√ľgig, meine aufgrund ihrer enormen L√§nge erheblich lebensw√ľtiger. Einen bewussten Moment lang bleibe ich unmittelbar hinter ihm stehen und wage es nicht n√§her zu treten. Er k√∂nnte vor Schreck loslassen und ich w√ľrde ihm damit letztlich nur einen Gefallen tun. Doch mein hohes Schuhwerk muss mich bereits im Vorfeld verraten haben; die Schuhe, die mich chic aussehen lassen. Genauso wie der Rest dieser grausamen Garderobe.
Ihnen gefällt nicht, was Sie tragen?
Ich habe Dinge getragen, in denen ich denjenigen gefiel, die mich ausf√ľhrten.
Waren diese Männer älter als Sie?
Ja, aber das st√∂rte mich nicht. Ich lie√ü es nie zu √ľbertriebenen Altersunterschieden kommen und genoss die Schmuckgeschenke, welche ihrem schlechten Gewissen entsprangen und meinen Hals oder meine Finger zieren.
Halten Sie sich f√ľr k√§uflich?
Definitiv, denn Geld ist eine feste und sichere Materie. Menschen k√∂nnen einem sagen ‚ÄěIch liebe dich‚Äú und es bedeutet mir nichts. Es sind leere Worte, ohne Wert, ohne Tiefe und ich werde wahnsinnig √ľber meine eigene Gef√ľhlsk√§lte und will gleichzeitig wissen, wer all die Emotionen aus mir rausgepr√ľgelt hat.
Wollten Sie deswegen springen?
Ist anzunehmen. Nur als ich ihn damals dort sah und indirekt auch mein Schicksal, erkannte ich einen Mensch ohne teuren Mantel, ohne gek√ľnstelte Manieren oder materiellen Wert, dem es genauso mies ging wie mir. Also lachte ich.
Sie lachten? √úber ihn?
Wei√ü nicht, vielleicht auch √ľber mich oder uns beide und er nahm es mir sehr √ľbel, wie ich in seinem vernichtenden Blick erkannte, der auf einmal an mir haftete. Wahrscheinlich w√§re ich aber auch angepisst gewesen in seiner Situation. F√ľhren Sie sich das doch mal vor Augen: Sie haben es endlich geschafft die Courage zusammenzukratzen sich da oben hinzustellen, beten ihre letzten, erb√§rmlichen Worte und dann kreuzt da irgend so eine Schnalle auf, die nicht mehr ganz knusper ist und hat ihren Drogenkonsum wieder mal √ľbertrieben.
Hatten Sie Drogen intus?
Nein.
Möchten Sie nicht fortfahren?
Was gibt es noch gro√üartig zu sagen? Er keifte, ich lachte, er flennte, ich wurde ernst und kletterte letztlich selbst √ľber das Gel√§nder.
Ich dachte, Sie wollten Melodramatik vermeiden?
Im Grunde schon, aber ein bisschen Spontaneit√§t d√ľrfen Sie mir schon noch erlauben, denn eigentlich wollte ich nur mit ihm streiten. Es ist so unwirklich gewesen, dass ich annahm zu schlafen und sofern ich tats√§chlich gesprungen w√§re, h√§tte ich in meinem Bett die Lider aufgeschlagen und mich dar√ľber ge√§rgert nicht einmal nach seinem Namen gefragt zu haben. Stattdessen reizte ich ihn mit irgend etwas in Richtung ‚ÄöWarum springst du nicht? Soll ich zuerst? Aber dann endest du selbst im Tod noch als Feigling, weil die armen Passanten unten es genau merken, wer von uns zuerst ankommt‚Äô. Hat ihm recht quer gesessen.
Demnach h√§tte er aber springen m√ľssen.
H√§tte, ist er aber nicht. Ich wende mich gen Himmel und inhaliere den klaren Sauerstoff, w√§hrend meine F√ľ√üe Stufe um Stufe nehmen, sodass ich das Meer nicht nur h√∂ren, sondern alsbald auch sehen kann. Die sich √ľbereinanderschlagenden Wellen wie br√ľnstige Tiere und ein jedes Mal erinnert mich der Anblick der unendlichen Wassermassen daran, wie l√§cherlich klein und schm√§chtig Menschen doch sind. Der Ozean verschlingt Schiffe ohne mit der Wimper zu zucken und ich bin mir sicher, mein Freund teilt solche Gedankeng√§nge mit mir. Warum sonst fanden wir uns so oft hier oben wieder, √ľberblickten die st√ľrmische See und konsumierten Salzgeruch sowie Wellenrauschen.
Wie ist es auf dem Dach denn nun weitergegangen?
Wer will das schon wissen? Ich nicht mehr; es scheint eine Ewigkeit her zu sein und ich verbiete meinem schizophrenen Geist weitere Fragen, als ich √ľber die Schulter schauend eine Person hinter mir die Treppen hinaufkommen sehe. Ein wie so oft unbestimmtes L√§cheln erfolgt von meiner Seite, als ich seinen Griff in die Jackentasche beobachte und ein kleines D√∂schen zu Tage gef√∂rdert wird.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6250
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das wirkt sehr stark auf mich, irgendwie "existenziell". Aber ich w√§re uuuuunglaublich dankbar, wenn mittels Anf√ľrhungszeichen sortiert w√§re, was gesagt und was gedacht wird. Das w√ľrde sicher auch noch eine zus√§tzliche Prise Intensit√§t ins Ganze bringen‚Ķ
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Anonymus Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!