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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine Anstiftung zu pädagogischem Eigensinn
Eingestellt am 07. 02. 2012 11:39


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Michael Felten, Schluss mit dem Bildungsgerede! Eine Anstiftung zu pädagogischem Eigensinn, Gütersloher Verlagshaus 2012, ISBN 978-3-579-06670-7

Nachdem über viele Jahre hinweg eher die Kritik an den bestehenden Schulverhältnissen, den Lehrern und der Kultusbürokratie im Vordergrund der öffentlichen Debatte standen, mehren sich nun die Veröffentlichungen ( und, da bin ich sicher, auch die vielen unbekannten Beispiele in der Praxis), in denen optimistisch, praxisnah und zukunftorientiert die Bildungsdebatte jenseits der Diskussion von Strukturfragen und Organisationsproblemen angegangen wird.

Schon das letzte Buch des seit 30 Jahren als Gymnasiallehrer tätigen Autors Michael Felten war ein gelungenes Beispiel dafür. In dem 2010 erschienenen Buch „Auf die Lehrer kommt es an“ ging er davon aus, dass es nicht so sehr die Struktur und die Organisation der Schule ist, die den Schulerfolg der Schüler und die Chancengerechtigkeit in der Schule gewährleisten, sondern er befasste sich in seinem Buch mit einem schon den früheren Generationen bekannten, von jedem ehemaligen Schüler selbst erlebten und dennoch in der Vergangenheit in der Debatte fast vergessenen und jedenfalls immer weit unterschätzten Kern allen Lernens in der Schule, dem menschlichen Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, das, was er die pädagogische Beziehung nennt. Bernhard Bueb hat in seinen beiden Büchern darauf hingewiesen, Jesper Juul predigt es seit langem auch für Eltern: Führungsfreude, Methodenklarheit und vor allen Dingen Empathie, Einfühlungsfähigkeiten, die unabdingbar sind für den Lehrerberuf.

Sein neues hier vorliegendes Buch knüpft daran an. Als „eine Anstiftung zu pädagogischem Eigensinn“ will er seinen Essay verstanden wissen, der sich wiederum an Eltern und Lehrer gleichermaßen richtet. Und er lenkt den gewünschten Eigensinn der Lehrer erneut auf die Beziehung:
„Eigensinnig, ja geradezu ein wenig aufständisch wäre also zu sagen: Auf das Beziehungsmäßige kommt es an! Auch Psychologie gehört ins Klassenzimmer, nicht nur der Methodenordner! Und dafür schaffe ich mir Freiräume: mein Feingefühl zu schärfen, ein Bewusstsein zu entwickeln für die eigenen Gefühle beim Unterrichten wie auch die gefühlsmäßige Resonanz auf der Schülerseite. Dann steigen auch die Chancen, dass mein pädagogischer Eros nicht länger in Missverständnissen, Ärger und Überforderung ertrinkt.“

Da redet einer wieder vom pädagogischen Eros, eine Haltung und ein Ethos, der über Lehrplänen, Methoden und allerlei meist schülerfremden Schnick-Schnack, an denen hauptsächlich die Schulverlage verdient haben, in den letzten zwei Jahrzehnten kaum noch Beachtung geschenkt wurde. „Ohne Leitwolf geht es nicht!“, behauptet Felten provokativ und plädiert für mehr Führungsfreude von Lehrern, denn dort hat er eine entscheidende Schwachstelle der pädagogischen Zunft entdeckt: „Das Drama des modernen Lehrers ist, dass er mit seiner Rolle als Erwachsener hadert, dass er glaubt, kein Wegweiser sein zu dürfen, dass er unbewusst von seinen Schülern geliebt werden möchte, dass er insgeheim um deren Wohlwollen buhlt, dass er ein Harmonieproblem hat“. Felten hält dagegen: „Herzliche Strenge in der Schule, das ließe sich ganz unaufgeregt verstehen: nicht als zynische Bestenauslese, sondern als pädagogische Haltung, die Kindern und Jugendlichen vieles zutraut – und ihnen unbeirrt dabei hilft, an Beschwerlichem zu wachsen. Ein guter Lehrer, das ist jemand, der seinen Schüler nicht nur die Hand bietet, sondern auch die Stirn.“ Sich auf die Individualpsychologie Alfred Adlers berufend, geht es Michael Felten darum, dass ein Kind durch seine Schule und durch seinen Lehrer Vertrauen in sich selbst gewinnt.

Doch dazu braucht es die Eltern. Ein guter Lehrer muss sie mit ins Boot holen und darf sich dabei nicht scheuen, schwierige Themen anzusprechen:
„Man redet viel von Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Familie- aber dies funktioniert nur, wenn jeder seinen Part auch ausfüllt, und ihn nicht dem anderen zuschiebt. Schulen müssten ihrer Elternschaft klarmachen, dass Mütter und Väter vorrangig dazu da sind, ihrem Kind anregende Geborgenheit zu bieten. Und dass sie in Sachen Lernen am besten durch Zweierlei helfen: Indem sie allem Schulischen viel Aufmerksamkeit und Interesse schenken; und indem sie eine bejahende Haltung dazu einnehmen, dass Schule fordert und belastet.“

Dann braucht man auch keine von Felten scharf kritisierten Schulprogramme mehr, außer jenem, dass er am Ende seines für Eltern und Lehrer empfehlenswerten Buches formuliert:


Ehrliches Schulprogramm

Das ist deine Schule.

Hier kannst du entdecken, welche Kräfte in dir stecken,
und wie interessant die Welt ist.

Deshalb wird bei uns kräftig gearbeitet.
Also: Nicht jammern, sondern zupacken!

Prüfe alles sorgfältig –
und setze dir stets hohe Ziele.

Fehler gehören übrigens zum Lernen.
Aber alle helfen einander gerne.

Nimm` ernst, was die Lehrer sagen-
sie wollen dein Bestes.

Dann kannst du unheimlich viel
aus dir machen.



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