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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Eine Autorenlesung (üb)erleben
Eingestellt am 20. 06. 2018 06:09


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Mistralgitter
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Man könnte natürlich meinen, alles läge nur an mir, sozusagen im Auge des Betrachters oder im Ohr des Zuhörenden. Sicher haben alle anderen einen interessanten und anregenden Abend verlebt, nur ich nicht. Es hätte anders sein können – ein wenig jedenfalls. Oder nicht?

Heute Abend werden fünf männliche Autoren zu hören sein – keine Frau! Erstaunlich. Ich bin neugierig und studiere das Blatt, das ich am Eingang bekam. Kurzbiografien der Vortragenden. Sie kommen alle mehr oder weniger aus der nahen Universitätsstadt, jedenfalls keiner aus diesem Bauerndorf hier, wie ich erwartet hatte. Alle haben ein Hochschulstudium hinter sich. Warum lesen sie ausgerechnet hier, wer hat sie eingeladen? Ich weiß es nicht. Sind die Dorfbewohner ein offenes, verständiges Publikum? Ich denke: Nein. Es kommen auch nur etwa 12 Leute, vermutlich Freunde aus der Umgebung, keine Einheimischen. Jedenfalls kenne ich keinen - was aber nichts zu bedeuten hat. Ich könnte mir vorstellen, dass etliche in der Kirche nebenan sitzen bei einem Cello-Konzert. Zwei Veranstaltungen parallel zu legen, ist natürlich für die Besucherzahlen in einem so kleinen Ort nicht gerade förderlich.

Plötzlich fällt es mir ein: Ich habe meine Hörgeräte vergessen! Ich ahne Schlimmes. Ich setze mich in die zweite Reihe, um dennoch halbwegs gut verstehen zu können. Die erste Reihe scheint reserviert zu sein. Es wird also von daher ein spannender Abend, keiner zum Entspannen. Vielleicht aber ist es gut, wenn ich nicht alles verstehen m u s s!

Ich schaue auf die Uhr: Es ist kurz nach 19 Uhr, es tut sich nichts. Also geht es schon mal nicht pünktlich los. Ärgerlich. Eine ältere weißhaarige Frau stolpert im Raum herum, - ist sie Reporterin? – und fotografiert die 3 ausgelegten Bücher auf dem „Büchertisch“. Alle mit demselben Cover, das sehe ich von weitem. 3 Bücher? 5 Lesende. Mehr nicht? Immerhin haben alle in Anthologien und Literaturzeitschriften den einen oder anderen Text veröffentlicht, so lese ich auf meinem Zettel. Warum legt man sie nicht aus? Warum macht man keine Werbung dafür? Die Texte in einem BoD Verlag unters Volk zu bringen – das kommt wohl für diese Autoren nicht in Frage.

Es ist zehn Minuten über der Zeit. Wir sind etwa 12 Zuhörer und 5 Lesende. Ein wenig schmeichelhaftes Zahlenverhältnis. Eine Gruppe von 5 oder 6 Leuten kennt sich offensichtlich. Sie gehen sehr vertraut mit einander um. Vielleicht Freunde der Autoren? Der Raum ist im unteren Geschoss eines historischen Gebäudes. Holzbalken, Steinmauern, keine Bühne. Die Vorlesenden werden ebenerdig an einem einfachen Holztisch Platz nehmen. Die Tisch-Beine sind unschön aus schwarzem Metall. Ein alter Holzstuhl und eine Leselampe mit schwarzem Metallschirm und ebensolchem Metallfuß unterstreichen die Kargheit der Umgebung.

Ein Handy klingelt, ein Raunen geht durch den Raum – naja, entschuldbar, die Lesung hat ja auch noch nicht angefangen. Trotzdem, es passt. Die Leute sind gedankenlos. Wie ich, die ihre Hörgeräte zu Hause gelassen hat, denke ich. Oder anders als ich? Denn meine Vergesslichkeit stört niemand anderen, nur mich.

Mit 12 Minuten Verspätung gruppieren sich die Autoren rechts und links vom Lesetisch. Sie trinken im Stehen Mineralwasser. Einer davon ist überaus beleibt und trägt einen Bart. Seine ausgebeulte graue Jeanshose hat in der Höhe der linken Hosentasche ein Loch. Man sieht sein nacktes Bein. Nun sitzen alle. Jemand vom hiesigen Organisationsteam redet Eingangsworte – ich verstehe nichts. Er macht auch nicht viele Worte. Ein magerer Auftritt. Ein Nuschelkerl. Alle klatschen - ich nicht. Ich halte mein Schreibbüchlein und meinen Stift in den Händen.
Eine Frau in der ersten Reihe rechts von mir trinkt Tee.

Wenn ich daran denke, welche Mühe ich mir mit meinen Lesungen immer gemacht habe – ich habe die Zuhörer bewirtet, Musik in der Pause gemacht, den Raum gestaltet, Blumen auf dem Tisch.

Der Dicke liest als erster. Ich kann halbwegs gut zuhören. Seine Texte sind verständlich, haben eine Pointe. Sie treffen ein bisschen meine Ader. Im Raum riecht es nach ungewaschenem Körper.

Nun kommt als zweites ein junger, blasser, hagerer Mann mit Spitzbart an den Lesetisch. Dichtes schwarzes lockiges Haar. Es glänzt. Erstaunlich. Er sitzt dann da mit unbewegter Miene. Wenn ich auch nicht alles mitbekomme, so doch das: Unter seinen Texten ist einer, der mir sehr gefällt – er spielt mit minimalistischen, sich immer wiederholenden Aussagen, die er von Zeile zu Zeile um Worte oder Buchstaben verkürzt. Als Zuhörer ergänzt man das Fehlende automatisch, da man die Zeilen ja inzwischen kennt. Weil er die Auslassungen auch als Lese-Pause, als Stille darbietet, kommt ein Sprech-Rhythmus zustande. Mit der Zeit schwingt man in Gedanken mit. Stille wird nach und nach aufgebaut, regelrecht zelebriert. Gut gemacht, denke ich und klatsche das erste Mal nach seinem Vortrag.

Die kleinen Fliegen beißen, während ich hier auf der Terrasse schreibe. Es juckt mich überall. Ich bin sowieso schon so sehr zerstochen – es stört mich. Sie machen mich nervös und unruhig. Ich mache eine Schreibpause und spiele auf meiner Flöte. Aber auch das klappt nicht. Die Töne wollen nicht kommen. Und ich habe keine Geduld, um richtig zu üben. Und nur so vor mich hinzududeln, ist auch unbefriedigend. Also schreibe ich weiter, schreibe meine Unzufriedenheit und Enttäuschung auf leere Seiten.

Der dritte Autor flüstert seine Texte mit tonloser Stimme, es sind fast ausschließlich Kurztexte, die er zweimal liest. Aber dadurch werden sie nicht verständlicher. Ist er so aufgeregt oder krank, dass seine Stimme versagt, oder will er nicht, dass man ihn versteht? Ich verstehe diesmal wirklich gar nichts. Und ich will auch nicht verstehen.

Meine schlechte Stimmung bleibt. Nein, ich möchte mit keinem der Autoren etwas zu tun haben. Dabei war das mein Anliegen gewesen, weshalb ich hier bin – mich Gleichgesinnten anzuschließen. Mir ist wieder klar, dass ich meinen Weg alleine gehen werde. Jeder muss seinen eigenen holprigen Weg suchen.

Als der dritte Autor dann seine Kurzprosa vorliest, wird er deutlicher, lauter, vernehmlicher. Mich wundert, dass er Pädagoge sein soll und viel in der Welt rumgekommen ist. Man traut es ihm gar nicht zu, diesem Leisesprecher. Die Zuhörer verziehen keine Miene, man sieht nicht, ob sie mitgehen oder abgeschaltet haben oder ob sie überhaupt irgendein Interesse haben. Es sieht alles so gleichgültig aus. Ich kenne das: Sie gebärden sich genauso unauffällig, als ob sie im Gottesdienst säßen. Und die anderen Autoren? Sie hören genauso gelangweilt und wenig interessiert zu. Denke ich. Nach dem Ausdruck ihrer leblosen Gesichter zu urteilen. Einer der Autoren kämpft mit der Müdigkeit – oder hat er Migräne? Es ist schwül im Raum.

15 Minuten Pause. Ich könnte meine Hörgeräte holen, die Zeit würde reichen, ich wohne nicht weit weg, soll ich? Oder doch nicht? Ich bleibe. Es wäre zu viel Stress. Stattdessen setze ich mich draußen auf eine Mauer auf dem Dorfplatz und schreibe. Die Luft ist angenehm frisch. Ich will mit niemandem reden. Oder ist das ein Fehler? Vielleicht würde sich einer der Vorlesenden freuen. Ich weiß es nicht. Sie machen nicht den Eindruck, als ob sie an einem Austausch interessiert wären. Und außerdem würde ich mich nur blamieren so ohne Hörgeräte.

Der Grieche auf der anderen Straßenseite trägt die gelben Säcke an den Straßenrand. Morgen ist Abfuhrtermin. Er ist alt geworden. Wir sind schon seit längerer Zeit nicht mehr bei ihm eingekehrt. Er betreibt ein griechisches Restaurant. „Seit 1977“ steht an seinem Haus. Zwei Motorräder knattern auf der Durchgangsstraße durch den Ort. Trotzdem halten die Abendvögel unverdrossen ihren Gesang durch.

Nach der Pause sitze auch ich mit versteinertem Gesicht in meiner zweiten Reihe hinter der grauen Frau. Ich verstehe immer nur Bruchstücke. Es bleibt, wie gehabt. Zu Beginn der Veranstaltung hatte ich erwartet, die Autoren nennen wenigstens laut und deutlich ihre Namen, stellen sich etwas ausführlicher und verständlicher vor. Stattdessen nuscheln sie nur ihre Namen runter und beginnen sofort zu lesen, gefühlte 10 Texte am Stück, ohne Pause, ohne dass wir Zuhörer Gelegenheit hätten, das eben Gehörte zu bedenken oder wenigstens Atem zu holen. Es ist einfach nur scheußlich.

Was denken die Autoren denn eigentlich über ihre Zuhörer? Wie sehen sie sich selber als Vorlesende? Sie agieren in der Hauptsache, als seien sie Schüler, die eine Prüfung möglichst unauffällig und schnell hinter sich bringen wollen. Sie präsentieren ihre Texte nicht, sie lesen auch nicht interpretierend oder Verständnis weckend vor. Auf solche Lesungen kann ich verzichten.
Es ist für mich richtig mühsam zuzuhören. Und unerfreulich, kein Genuss, sondern unergiebige Anstrengung.

Wie wäre es, wenn ich jetzt einfach still und unauffällig den Raum verlasse? Doch leider funktioniert das nicht, wenn man in der zweiten Reihe sitzt und nur 12 Zuhörer da sind. Und eigentlich würde ich auch lieber wütend mit den Füßen stampfen oder sogar laut schreien. Wieso gibt es hier keine Kesselpauke, auf die man hauen könnte?

Den vorletzten Leser verstehe ich ein bisschen mehr, allerdings senkt er seine Stimme am Ende der Sätze. Er vergräbt sie jedes Mal in ausweglose Undeutlichkeit. Ich höre heraus, dass er viele Versatzstücke aus der vulgären, oft verkürzten Alltagssprache verwendet. Klingt das nicht so, als ob er sich verquält um jeden Preis anbiedern will an seine Leser/Hörer, im Trend sein will, anders sein will als es das Bildungspublikum erwartet? Auch nicht der nüchterne Berichterstatter will er sein, nicht der romantische Dichter, sondern der, der dem Volk aufs Maul geschaut hat. Der die Leute versteht. Auf meinem Informationsblatt lese ich, dass er seine Magisterarbeit über Hegel geschrieben hat. Er l(i)ebt wohl Gegensätze. Und er ist erfolgreich. Das zeigt die Auflistung seiner Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Die drei Bücher vorne auf dem Büchertisch sind von ihm.

So gut es geht, höre ich zu - und denke doch nebenbei ganz anderes. Meine Gedanken wandern zu Freunden, die gerade an der Nordsee Ferien machen mit ihrem kleinen Sohn. Wie schön sie es haben! Und ich sitze hier in diesem dämmrigen, schwülen, historischen Gemäuer und gebe mich der Trübsal hin. Ich denke auch, wie unbedeutend, unwichtig, wenig gekonnt das ist, was ich bisher geschrieben habe, im Vergleich zu diesen Autoren hier. Meine Texte kommen mir vor, als sei ich wie ein Maler, der nur mit einer blassgelben Farbe malt. Das Gute: Sie sind nicht hoffnungslos dunkel, aber ohne Konturen, ohne konträres Blau oder ein Rot, das aufhorchen lässt. Kein Mensch wird sich je daran erinnern. Wird man sich an diese 5 Autoren von heute Abend eher erinnern?

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 15 Minuten nach 21 Uhr. Der letzte Leser, der, von dem ich denke, dass er Kopfweh hat, hat erst die Hälfte seines absonderlichen und abstoßenden Textes vorgelesen. Die menschlichen Protagonisten in diesem Romanauszug sind unansehnlich grau und unterscheiden sich nicht durch ihre Namen, sondern durch Nummern oder Maßeinheiten. 524 oder My. Nur ein amphibienähnliches Fabelwesen hat eine Namen, es heißt Nipsy und ist bunt gemustert. Die Szenerie findet in Abfluss-Schächten statt. Ich bin froh, dass ich nicht alles verstehe. Wie ertragen das die anderen?
Endlich ist auch er fertig. Nach gut 2 ½ Stunden verlasse ich ohne aufzublicken den Saal und eile nach Hause.

Die kleinen beißenden Fliegen sind unersättlich. Ich kann sie kaum erkennen, nicht verjagen und bin ihnen hilflos ausgesetzt. Selbst meine Mückensalbe hilft nur wenig. Es wird eine unruhige Nacht werden. Die letzte Amsel hat ihr Lied beendet. Nun ist es still. Mit und ohne Hörgeräte.
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AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnügt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

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