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Leselupe.de > Kurzprosa
Eine Bank für Vier
Eingestellt am 03. 01. 2018 17:27


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Klip
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Registriert: Dec 2017

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Ich sitze auf einer Bank am Wasser. Hab mir ein Sandwich mitgebracht.
Es ist heiss und mittags um halb zwei ist hier kaum jemand unterwegs.
Kein Geschrei stört und selbst die wenigen Insekten scheinen zum Stechen zu träge zu sein.
Eine Hummel fliegt tief brummend knapp an meinem Snack vorbei und landet bedenklich schaukelnd auf einer Kleeblüte. Ich mag Hummeln. Sie sind so, naja eben plüschig.
Das Wasser plätschert leise, während ich auf dem ersten Happen herumkaue und darüber sinniere, von welcher Seite man so ein Sandwich anbeissen sollte, damit dessen Inhalt sich nicht auf der gegenüberliegenden Seite tropfend aus den Brotscheiben flüchtet.
Eine philosophische Frage, die noch Generationen von Sandwich- und Burgeressern beschäftigen wird.
Weshalb hocke ich ausgerechnet hier?
Ich denke, ich suche einen weiten, unverstellten Blick. Das soll ja angeblich beim Nachdenken helfen. Ich nicke kaum merklich und fange gerade noch rechtzeitig die Tomatenscheibe auf, die sich aus der Umklammerung von Brot und Schinken davonstiehlt.

Sollte ich, die ihr Lebens-Bergfest längst schon vor Jahren gefeiert hat noch immer nach neuen Herausforderungen suchen? Irgendwas Neues beginnen? Und wenn ja, was? Und wie sollte ich das anstellen? Wollte, sollte, könnte...

Die Gurke flutscht ebenfalls heraus und mit ihr eine nicht näher definierte, aber leckere Sauce, die ich nun recht ungelenk aufschlürfen muss. Den Fluch dazu grummele mit vollem Mund.

Es raschelt, als würde sich jemand neben mir auf die Bank setzen.
«Hi! Na, wie geht’s so?"
Aber da sitzt niemand, nur etwas nicht Greifbares ist da. Etwas, das man nicht sehen kann.
Ich zucke mit den Schultern und widme mich wieder dem einsamen Kampf mit dem Mittagsbrot.
«Das kriegste schon hin, ohne Dich einzusauen! Also, wahrscheinlich. Vermutlich eher nicht. Ich bin übrigens Dein Selbstvertrauen." Mein Selbstvertrauen - es spricht mit mir. Toll!
"Hab gedacht, ich guck mal vorbei. Bist ja gerade in so ‘ner Findungsphase. Wenn Du magst kann ich Dir helfen. Also nicht beim Sandwich, da ist sowieso Hopfen und Malz verloren, aber vielleicht beim Grübeln. Das kann ich super. Ich bin ja nicht so der wild entschlossene Typ. Eher so ein wenig zurückhaltend.»
«Hmmmm, das ist jetzt ganz was Neues.»
Mehr will mir nicht über die Lippen. Dieses mickerige, wabernde Ding neben mir macht wirklich nicht viel her.
«Ja, weiss ich doch selber!» hebt es wieder an, als hätte es meine Gedanken gelesen.
«Ich könnte ein bisschen Verstärkung brauchen, weil...da ist noch dieser blöde, aufgeblasene...»

Es raschelt erneut und ich rutsche instinktiv fast ans äusserste Ende der Bank. Mein Essen lege ich aus der Hand, denn jetzt scheint es etwas kompliziert zu werden.
«Da isser!» höre ich mein Selbstvertrauen stöhnen und hätte ich es sehen können, würde es ganz sicher die Augen verdrehen.
Es rutscht mir nach und ich spüre die Präsenz einer weiteren, diesmal ausgesprochen üppigen Masse. Sie ist unangenehm raumgreifend und dominant.
«Gestatten – Zweifel! So wie die gleichnamigen Chips, nur nicht so gern gesehen.»
Diese unangenehme, krawallige Stimme! Und dann das dröhnende, höhnische Lachen hinterher.
Typ Staubsaugervertreter. Widerlich.
«Tja, also meiner Meinung nach hat das ja alles gar keinen Sinn. Neubeginn! Durchstarten! Was glaubst Du denn noch zu finden? In Deinem Alter? Anerkennung, Lob, Geld, Haus, Yacht, Pipapo?» poltert er ungefragt.

Die schüchterne Stimme meines Selbstvertrauens geht fast unter, als sie versucht, zu widersprechen.
«Ja, aber gar nichts mehr zu versuchen und keine Träume mehr zu haben……»

«Papperlapapp...alles Unsinn! Niemand will doch 'ne alte Schachtel!»
Ich wende den Kopf in die Richtung, in der ich mein Selbstvertrauen vermute. Es seufzt und schnieft und wirkt, als wäre es in sich zusammengesunken.

Es knistert und raschelt ein drittes Mal. Diesmal auf der anderen Seite der Bank.
Ein kleiner Spatz macht sich an meiner Brötchentüte zu schaffen. Er zerrt unermüdlich an einem Stück herum, das eigentlich viel zu gross für ihn ist. Kurz flattert er auf, verliert das Brot und landet wieder, um einen neuen Versuch zu unternehmen. Der kleine Kerl macht mir Spass.
«Na Du? Da hast Du Dir aber einen ordentlichen Happen vorgenommen. Aber bedien dich ruhig, ich bin eh satt.»

Etwas Freundliches räuspert sich und als es anfängt zu reden, ist sein Lächeln fast zu hören.
«Hallo zusammen! Ich dachte, ich könnte auch noch dazukommen. Mein Name ist Mut.
Manchmal Kleinmut, manchmal Übermut oder Wankelmut – aber irgendwie immer Mut.»
«Huch, super!» jauchzt Selbstvertrauen und ich höre interessiert, was Mut noch zu sagen hat.

«Wisst ihr, ich dachte, dass ich mich einfach mal sichtbar mache. Dieses Vögelchen da – das bin ich.»
Zweifel posaunt ungefragt dazwischen: «Ach Du meine Güte. Du bist echt ne ganz lustige Figur. Du bist eher ein Mütchen. Auf Dich hat die Welt grad noch gewartet. Kein Wunder, wenn Du und dieses sogenannte Selbstvertrauen nichts auf die Reihe kriegen.» Seine Stimme trieft vor Verachtung.

Ich schüttele den Kopf und kichere resigniert. Selbstvertrauen tut es mir sicher gleich.
Bevor die drei sich endgültig in die Haare bekommen, greife ich lieber ein.
«Na ja, ähm Mut... Das ist wirklich ein feiner Zug von Dir, uns hier helfen zu wollen, aber Du musst schon zugeben, Du wirkst doch eher, na sagen wir mal niedlich.
Eigentlich eher -Sorry- winzig. »

«Ja, das stimmt. Wenn Du es rein optisch betrachtest. Aber guck Dir den kleinen Federball an. Er hört nicht auf, um sein Stück Brot zu kämpfen. Er versucht es immer wieder. Er ist hartnäckig und lässt sich nicht beirren. Auch Gefahr schreckt ihn nicht ab. Du könntest ja nach ihm schlagen, aber er fürchtet sich nicht und kümmert sich nur um seine Aufgabe.
Natürlich ist er klein, aber nur von Statur. Aber da drinnen ist ein grosses Herz. Und das fasst er sich immer und immer wieder. Das ist Mut.»

Selbstvertrauen schnüffelt und haucht ein «Ich mag Dich, Mut»
Zweifel bescheinigt uns letztmalig eingeschränkte geistige Reife und will sich fluchend davonmachen.
«So kreuzdämlich wie ihr wäre ich auch gern. Ihr habt doch überhaupt keine Chance. Und sagt nachher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!»

Mut, Selbstvertrauen und ich schmunzeln. Noch ein bisschen schüchtern zwar, aber immerhin.
"He Zweifel!" rufe ich hinterher. "Warte doch mal!"
Der eilig Dahinwabernde hält abrupt inne und kommt langsam wieder näher. Damit hatte er nicht gerechnet. Warum trompetet er aber auch immer gleich so rechthaberisch herum? Zögerlich hockt er sich wieder auf die Bank.
"Weisst Du Zweifel, vielleicht könntest Du einfach mal weniger wie eine Dampfwalze daherkommen. Mit Deinen ewigen Bedenken und Deiner Nörgelei trampelst Du nur auf den anderen herum."
Mut und Selbstvertrauen tuscheln ein "Genau, so isses!" und ich warte vergeblich und daher erstaunt auf Zweifels Protest. Zweifel brummt jedoch nur ein "Hmmm" und schweigt.
"Vielleicht bist Du ja sogar ganz wichtig. Stell Dir vor, Mut traut sich was, Selbstvertrauen ist überzeugt, dass alles super wird und Du bewahrst sie davor, übers Ziel hinauszuschiessen. Und umgekehrt können sie Dich mit ihrer Lebensfreude vom Meckern abhalten. So haben alle was davon und es gibt nicht immer wieder denselben blöden Streit." Zweifel schweigt beharrlich weiter.
"Zweifel? Bist Du noch da?"

"Jetzt ist er auch noch beleidigt!" Mut flüstert ganz leise, aber ich höre ihn trotzdem. Zweifel auch.
"Ich bin überhaupt nicht beleidigt! Ich denke nach. Ich denke immer nach. Viel und um sämtliche Ecken. Aber darum wollt ihr euch ja nicht kümmern." Er spricht beherrscht, aber in seiner Stimme schwingt leiser Unmut mit.
"Also gut, wenn die anderen einverstanden sind, können wir das ja mal versuchen mit dieser, ähm, Kooperation. Aber nur, wenn...."
"Jaja, wenn wir Dir auch zuhören. Also wenn es unbedingt sein muss. Schon klar!"
Oha - mein Selbstvertrauen. Da war ja richtig Rückgrat drin.
"Bin dabei! Und Zweifel - keine Beleidigungen mehr!"
Donnerwetter, Mut. Geht doch!
«Na dann, ran an die Arbeit, Leute. Ich hätte da noch das eine oder andere Projekt im Kopf» murmele ich in die Runde und kann mich nicht gegen ein befreites Schnaufen wehren.
Aus dem Augenwinkel sehe ich den kleinen Spatz mit dem grössten Brotstück davonflattern.
Er hat Mühe und muss sich sehr anstrengen, aber er lässt es nicht mehr los.


Version vom 03. 01. 2018 17:27

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