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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Begegnung im Zug
Eingestellt am 26. 05. 2013 19:09


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Sebahoma
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Nadine hasste es, alleine zu reisen. An alles musste sie selbst denken und die Fahrt war so langweilig. Nein, eigentlich hasste sie es, alleine zu sein.

Das Meeting war schlecht gelaufen. Sollten sie doch alle machen, was sie wollten. „Gerade an schlechten Tagen sollte man sich etwas gönnen“, sagte ihre Großmutter immer. Nadine kaufte sich noch ein paar Donuts. Dann stand sie auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug. Scheißtag.

Philipp war ĂŒbel. Ausgerechnet Miesmuscheln! Wie konnte man bei einem GeschĂ€ftsessen Miesmuscheln servieren? Er hasste Miesmuscheln. Aber es war ein GeschĂ€ftsessen gewesen und so hatte er die armen kleinen Viecher in sich reingestopft. FĂŒr die Karriere. Jetzt lagen sie ihm schwer im Magen.
Und dann hatte sich der so genannte GeschĂ€ftspartner auch noch nach seiner Freundin erkundigen wollen: „Ach nein, entschuldigen Sie, hatte ich ganz vergessen. Sie haben ja zurzeit keine.“ Vollidiot. Der wusste es doch ganz genau. Und diese Betonung auf „zurzeit“ war auch kein Zufall. Na und? Bei so viel Arbeit blieb eben nicht viel Zeit fĂŒr Privates. DafĂŒr war er erfolgreich. Und manchmal eben einsam.

Nadine stieg in den Zug. Kurz bevor die TĂŒren schlossen, sprang noch ein GeschĂ€ftsmann auf. Als sie gerade ihren Koffer anheben wollte, hörte sie: „Entschuldigen Sie, ich möchte Ihnen gerne helfen.“ Da hatte er ihr den Koffer auch schon aus der Hand gerissen und ihn auf die Ablage gehoben.

So ein Idiot, das hĂ€tte ich ja wohl gerade noch alleine geschafft, dachte Nadine. „Danke.“, sagte sie kĂŒhl und nahm eine freie Sitzreihe in Besitz. Er starrte sie noch immer an. „Haben wir etwas vergessen?“, sagte sie herausfordernd und die Leute schmunzelten ĂŒber seine Verlegenheit. „Nein, nein“, nuschelte der Typ schnell und nahm ausgerechnet die Sitzreihe hinter ihr.

Soll er doch sitzen, wo er will, sagte sie sich. Nadine wĂŒrde die Fahrt genießen. GenĂŒsslich biss sie in einen Donut. Du hast ja so Recht, Großmutter. Ihre Großmutter war eine ehrgeizige und selbstbewusste Frau und fĂŒr Nadine immer ein Vorbild. Du solltest nicht immer so frech und arrogant mit deinen Mitmenschen umgehen, hatte ihre Großmutter ihr letztes Mal geraten. Aber im BĂŒro brauchte man eben ein dickes Fell. Sie hörte, wie der Laptop des Mannes die Windows-Startmelodie von sich gab. Wahrscheinlich hatte er es wirklich nur nett gemeint und dafĂŒr gleich eine peinliche Situation kassiert. Na gut, Großmutter, vielleicht hast du ja auch damit Recht. Sie stand auf, ging eine Sitzreihe nach hinten und sah den Mann, der inzwischen wie ein VerrĂŒckter auf den Bildschirm starrte. „Möchten Sie vielleicht einen Donut? So als Belohnung fĂŒr die Anstrengung?“

Sofort bemerkte Philipp wieder dieses unangenehme GefĂŒhl im Bauch. „Nein, danke, aber sehr nett von Ihnen.“, sagte er schnell. Doch sein BauchgefĂŒhl war nicht nur wegen der Miesmuscheln schlecht. Richtig, ihm wurde bewusst, dass es unhöflich war, diese Donuts abzulehnen. FĂŒr deinen Job hast du vorhin eklige Meeresbewohner gegessen, jetzt wirst du doch wohl fĂŒr dein Privatleben einen Donut essen können. Aber es war zu spĂ€t, die Dame hatte sich schon wieder auf ihren Sitz begeben. Idiot, dachte er, so wirst du ewig alleine zu GeschĂ€ftsessen gehen.

Ob ich noch mal aufstehe und ihr sage, dass ich es mir ĂŒberlegt habe? Aber vielleicht hat sie schon alle gegessen. Philipp hörte, dass der Kaffeemann kam. Als dieser in Höhe der Frau war, sagte sie: „Einen Kaffee bitte, mit ein paar Tropfen Milch und einer Brise Zucker.“ Also los, dachte sich Philipp. Jetzt oder nie. „Ich möchte bitte auch einen Kaffee, genauso wie die Dame ihn bestellt hat.“ Dabei stand er auf und stellte sich neben ihre Sitzreihe. „Nein, Sie trinken Ihren Kaffee auch immer so? Das finde ich ja sehr spannend.“ Bestimmt der dĂŒmmste GesprĂ€chseinstieg, den die Welt je gesehen hat, rĂŒgte er sich still.

„Ja, ich mag ihn so am liebsten. Schön, dass es Ihnen auch so geht, ich dachte immer, ich bin die einzige, die ihn so mag.“ Dumme Antwort. Kaffee mit Milch und Zucker ist ja auch so ungewöhnlich, schimpfte sie insgeheim mit sich. Aber etwas musste ich sagen.
Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Philipp. Sag einfach etwas, irgendetwas. Immer noch im Gang stehend fuhr er fort: „Sie sind doch auch in Kassel eingestiegen, oder nicht?“
„Genau, ich bin auf dem Heimweg. Und Sie?“
„Ja, ich auch. Ich komme gerade von einem Essen in der Stadt. Kennen Sie diesen Italiener in der Wilhelmhöher Allee?“ Er zeigte in die Richtung, in der das Restaurant vom Bahnhof Kassel aus war, obwohl sie diesen schon lange verlassen hatten. Nadine musste darĂŒber schmunzeln. „Ist bestimmt ein guter, aber heute gab es leider Miesmuscheln. Mögen sie Miesmuscheln?“ Sie lĂ€chelte und schĂŒttelte den Kopf. „Wissen Sie, ich nĂ€mlich auch nicht. Aber plötzlich saß ich da mit diesen schleimigen Tierchen vor mir und hatte den Eindruck, dass sich manche noch bewegen.“ Du redest zu viel. Was interessiert sie denn dein Mittagessen?, fragte seine innere Stimme. Was soll ich denn sonst reden?, fragte er zurĂŒck. „Ich habe sie jedenfalls gegessen und jetzt grabbeln die in meinem Magen herum.“ Dabei ahmte er mit den HĂ€nden kriechende WĂŒrmer nach.

Diese Geste sah komisch aus und Nadine lĂ€chelte wieder. So lustige Geschichten hĂ€tte ich ihm gar nicht zugetraut, dachte sie. Scheint ja doch ein netter zu sein. Guter Tipp, Großmutter.

Philipps Handy klingelte. Er entschuldigte sich, setzte sich wieder auf seinen Platz und ging ran. „Hallo? Ach Lisa, du bist es.“ Sie wollte wissen, ob sie sich am Abend treffen könnten, um endlich das gemeinsame Geschenk fĂŒr ihre Mutter auszusuchen. „Ja natĂŒrlich. Dann sehen wir uns heute Abend. Ich freue mich. Bis dann.“

Als er aufgelegt hatte, bemerkte er seinen Fehler. NatĂŒrlich. FĂŒr die Dame hörte es sich nach meiner Frau an. Meine Schwester hat schon immer versucht, meine Beziehungen zu vermasseln. Philipp ĂŒberlegte, wie er den Ball zurĂŒckspielen konnte. Jetzt hielt sie ihn bestimmt fĂŒr einen Idioten. Soll ich ihr einfach sagen, dass es meine Schwester war? Das glaubt sie mir sowieso nicht. Da fiel sein Blick auf den Fahrplan vor ihm. Genau. Er wĂŒrde sie einfach nach der Ankunftszeit fragen und dann gleich noch, wohin sie fĂ€hrt. Er nahm seinen Mut zusammen, stand auf und sagte zu ihr: „Entschuldigen Sie, können Sie mir bitte sagen, wann wir in Hannover sind?“ Sie sah sich um, fand aber keinen Fahrplan. „Tut mir leid, aber ich habe keinen Fahrplan.“ Verdammter Mist, normalerweise wimmelt es doch in diesen ZĂŒgen nur so von FahrplĂ€nen. Vollkommen irritiert setzte er sich wieder hin.

Aha, um ihm die Ankunftszeit zu sagen, bin ich also noch gut genug, Àrgerte sich Nadine. So ein Idiot. Ich bin doch nicht seine SekretÀrin. Soll er doch seine Lisa anrufen, die scheint ihn ja zu vermissen.

Sie saßen in ihren Sitzen und sahen nach draußen. Der Zug fuhr in einen Tunnel und das Fenster wurde zum Spiegel. Intuitiv fanden sich ihre Blicke und verloren sich sofort wieder.

Philipp fiel nichts mehr ein. Ich habe es verbockt, warf er sich vor. Sie wird immer denken, ich hĂ€tte eine Frau. Er starrte wieder auf seinen Bildschirm und arbeitete weiter. Bald wĂŒrden sie ankommen. Sonst stand Philipp immer sehr knapp auf und rannte aus dem Zug. Dieses Mal packte er seine Sachen frĂŒh und ging zur TĂŒr.

Jetzt steigt er auch noch hier aus, dachte sie. Sie wartete, bis sich eine Schlange gebildet hatte. Dann packte sie ihre Sachen und stellte sich hinten an. Auf der Höhe seiner Sitzreihe guckte sie auf seinen Sitz. Da klemmte ein Fahrplan. Warum hat er mich dann gefragt, fragte sie sich. War es nur eine dumme Anmache und zu Hause wartet seine Frau? Er hat sich aber nicht mit >Ich dich auch< verabschiedet.

Als erster Stand er in der Reihe der Aussteiger. Als der Zug gerade in den Bahnhof einfuhr, sah er noch mal zurĂŒck in die Richtung seines Sitzes. Weiter hinten stand sie und schmunzelte. Freut sich bestimmt, weil sie denkt, sie hat mich durchschaut. Der Zug hielt, Philipp konnte es nicht erwarten auszusteigen. Er ging schnellen Schrittes in Richtung Treppe. Er bemerkte, dass jemand ihn einholte.
Schon ging sie neben ihm und wedelte mit dem Fahrplan. „Haben Sie doch noch einen gefunden?“, fragte er verlegen. „Ja, und zwar in Ihrer Sitzreihe. Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen bei einem Kaffee erklĂ€re, wo man ihn gewöhnlich findet? NatĂŒrlich mit ein paar Tropfen Milch und einer Brise Zucker.“

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