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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Eine Busfahrt in Peru
Eingestellt am 06. 11. 2007 11:39


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Cinnamon
Hobbydichter
Registriert: Oct 2007

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Vier Wochen sind wir bereits mit unseren Rucksäcken unterwegs. Busse, Eisenbahnen und Überlandtaxis sind unsere Fortbewegungsmittel. Das bedeutet engsten Kontakt mit Land und Leuten. Großartige Landschaften und fremde Kulturen begleiten uns auf Schritt und Tritt.

Vor vier Tagen flogen wir von Cuzco, in den Anden, nach Pucallpa, ins Amazonasgebiet. Vier Tage erholen und entspannen in einer Flusslagune, auf der ‚ÄöCabana‚Äô des Senor Maulhart. Wir sahen Urwaldtiere, unternahmen Flussfahrten zu den Flussindianern und in die nahegelegenen Mangrovens√ľmpfe. Dann hie√ü es Abschied nehmen.

Mit dem Bus fuhren wir zur√ľck nach Lima. Eine Strecke von 850 Kilometer, im g√ľnstigsten Fall brauchte man 30 Stunden Fahrtzeit, man musste √ľber drei P√§sse, bis zu 4500 Meter H√∂he, fahren. Die Leute auf der ‚ÄöCabana‚Äô warnten uns.

Am 31. M√§rz, morgens um halb neun Uhr, verlie√üen wir Pucallpa. Der Bus war komplett ausgebucht, trotzdem hielten die Fahrer an jeder Stra√üenecke und nahmen, f√ľr k√ľrzere Strecken, zus√§tzliche Fahrg√§ste mit. Der Mittelgang hatte sich bald gef√ľllt, in den Gep√§cknetzen √ľber uns t√ľrmten sich K√∂rbe, Indio-B√ľndel und gro√üe Blechsch√ľsseln. Die Busfahrer machten wie √ľblich ihr Privatgesch√§ft und die Fahrg√§ste nahmen es gelassen hin.

Unsere erste Etappe ging nach Tingo Maria. 284 Kilometer rumpelten wir durch Dschungelgebiet und sp√§ter durch einen Canyon, dessen W√§nde 2000 Meter senkrecht aufsteigen. Riesige Dschungel-Farne, Wasserf√§lle und in den B√§umen kreischten bunte Papageien. Wir mussten aber auch sieben Stunden Sand- und Schotterpiste, √ľble Schlagl√∂cher und Schlammstrecken ertragen. So langsam d√§mmerte es uns, wovor man uns gewarnt hatte.

In Tingo Maria hieß es nur kurz die Beine vertreten und weiter ging es. Wir sahen dem ersten, vor uns liegenden Pass, skeptisch entgegen. Zuerst schlängelten wir uns hoch auf 3000 Meter und dann ging es in Serpentinen runter auf 1800 Meter, nach Huanaco.

Nach ungefähr 30 Kilometern war plötzlich ein schleifendes, scharrendes Geräusch im Bus zu hören. Sofort wurde angehalten und die Busfahrer und der begleitende Mechaniker stiegen aus. Gestikulierend liefen sie um den Bus, gingen in die Knie und schauten unter den Bus, vorne, hinten und in der Mitte. Die Fahrgäste wurden unruhig. Trotz strömenden Regens stieg nach und nach alles aus, um sich den Schaden zu besehen. Es gab nichts zu sehen.

Gr√ľppchenweise standen die Leute und diskutierten miteinander. S√§mtliche Indio-Dialekte schwirrten durch die Luft. Unsere Fragen, in Spanisch, wurden zwar verstanden, aber in der Sprache der Einheimischen beantwortet. Alle stiegen wieder in den Bus, wir mit Galgenhumor und Gottvertrauen. Gegen halb neun Uhr abends erreichten wir Huanaco. Eine l√§ngere Pause stand uns bevor. Der Bus sollte √ľberpr√ľft werden. Wir nutzten die Gelegenheit und futterten uns durch die Stra√üenk√ľchen der Indios.

Um Mitternacht ging es endlich weiter. Der Aufstieg zum Cerro de Pasco (4300m) lag vor uns. Das bedeutete 105 Kilometer auf einer wilden Schotter- und Serpentinenpiste. Auf der einen Seite erhoben sich steile Bergh√§nge, auf der anderen Seite lagen tiefe Schluchten. Ein klarer Himmel und Vollmond lie√üen alles genau erkennen. Ich habe auf diesen 105 Kilometern kein Auge zugemacht. Trotz Kriechtempo dachte ich nur eines: W√ľrden wir die n√§chste Kurve lebend √ľberstehen? Alle paar Kilometer erreichten wir ein Bergdorf und in jedem wurde angehalten. Die Fahrg√§ste wechselten und dabei durften die wartenden H√§ndler in den Bus. Stra√üenk√ľchen im Kleinformat. Obst und Gem√ľse, hei√üe Suppen und Tee, auf einem schmutzigen Teller Bratkartoffeln mit Spiegelei oder gekochte Reisklumpen in Weinbl√§ttern. Schlichtweg, alle boten sie an, was der hungrige Magen begehrt.

Nach neun Stunden kamen wir endlich in dem d√ľsteren Minenst√§dtchen Cerro de Pasco an. Ich hatte all den ‚ÄöK√∂stlichkeiten‚Äô w√§hrend der Nacht widerstanden und einen B√§renhunger. Am Stra√üenrand, in einer Bretterbude, erstand ich eine dampfende Gem√ľsesuppe zum Fr√ľhst√ľck.

Gegen zehn Uhr wurden wir alle zur letzten Etappe eingesammelt. Es ging √ľber einige Kilometer Hochebene und dann nochmals ein kurzer Aufstieg zum La Viuda Pass (4500m). Dann auf 280 Kilometern hinunter, auf Meeresh√∂he, nach Lima.

Von der durchwachten Nacht total geschafft, d√∂ste ich vor mich hin. Ich sah nicht viel und w√§hrend wir den Pass √ľberquerten, befand ich mich bereits im Tiefschlaf. Als ich aufwachte, es musste schon l√§ngere Zeit vergangen sein, stand der Bus. Er war leer. Ich schaute nach drau√üen. Wir standen in einer Kurve bergabw√§rts. Ich weckte meine Freundin und mit zittrigen Knien verlie√üen wir, das Schlimmste ahnend, den Bus.

Es war nicht zu fassen. Der Bus war auf absch√ľssiger Stra√üe, mit einem Wagenheber, am Hinterrad, hochgebockt worden. Die anderen drei R√§der waren durch Felsbrocken gesichert. Vier Mann lagen unter dem Bus. Das Werkzeug bestand aus Hammer, Mei√üel, Schraubenschl√ľssel und einer Zange. Der Mechaniker h√§mmerte wie wild in der N√§he des Rades herum. Alle anderen standen, sa√üen oder lagen auf der Stra√üe, um das ganze zu beobachten. So ging das zwei Stunden. Dann h√∂rten sie auf. Inwieweit der Schaden repariert war, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. War es die Achse, war es die Radaufh√§ngung oder waren es die Bremsen? Wir fuhren auf jeden Fall weiter.

Und so, wie wir die Nacht zuvor, in Serpentinen bergaufwärts gekrochen waren, ging es jetzt, weitaus rasanter, in Serpentinen bergabwärts. Mit lautem Gehupe und ruckartigen Bremsmanövern vor jeder Kurve. Bei den obligatorischen Stopps flitzte der Mechaniker aus dem Bus und kroch unters Hinterrad. Ob uns das beruhigte?

In der Nacht um elf Uhr kamen wir endlich in Lima an. Die schlimmste Busfahrt unseres Lebens lag hinter uns. So meinten wir damals. Ein paar Wochen später, in Kolumbien, wurden wir eines Besseren belehrt.

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