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Leselupe.de > Humor und Satire
Eine Familie
Eingestellt am 01. 05. 2001 17:51


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Nicholas Cyphre
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

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Das Haus der Familie, von der dieses GesprÀch handelt, steht etwas oberhalb einer frisch restaurierten Strasse hinter einem gepflegten Vorgarten, dem neuen Statussymbol der oberen Mittelklasse.
Die Mutter ist gerade 45 Jahre alt, fĂ€rbt ihr Haar dunkelrot, verbringt tĂ€glich ca. 2 Stunden mit Körperpflege, trĂ€gt vorzugsweise modische Blau- und GrĂŒntöne und liebt ihre Familie ( 1 Sohn, 1 Tochter, 1 Mann) ĂŒber Alles.
FĂŒnfmal die Woche trifft sie sich mit ihren Freundinnen zum FrĂŒhstĂŒck, sie joggt und geht gerne ins Theater. Das Kino meidet sie aufgrund der Absetzung alter Doris-Day-Filme, solange sie dort nicht eine Schnulze mit Julia Roberts sehen kann. Sie liest "amĂŒsant-niveauvolle" (Zitat) Romane italienischer Autoren mit inniger Hingabe und umsorgt ihre Lieben, wo sie es nur kann.
Diese grandiose Person steht nun im Vorgarten, leicht, aber auf durchdachte Weise figurbetonend ĂŒber die Blumen gebeugt. Fleißig rupft sie Unkraut. Doch das Unkraut wĂ€chst, lebt zur Sonne hin. Das Leben dieses elendigen Zeugs zu beenden ist ihr aufgestelltes Ziel fĂŒr die nĂ€chste Dreiviertelstunde. Nichts vermag sie zu bremsen, verfĂ€llt sie einmal in den monotonen Irrwitz des Tötens.
Die Kinder kommen von der Schule, klingeln fröhlich lachend und fahren mit ihren RĂ€dern die Auffahrt empor. Die Mutter grĂŒsst sie, und die RĂ€der haben zusammen den Wert von 1899,98 DM. Die beiden Schlawiner stellen die RĂ€der unter die efeuumrankte Laube, die Vater in seinem Urlaub gezimmert hat.
Daraufhin rennen sie zu ihrer Mutter, schmatzen ihr in Windeseile einen Kuss auf dĂ­e Wange und rennen ins Haus, um etwas zu essen zu machen. Nein, falsch gedacht: Die Kinder tun das freiwillig. Morgens und Abends joggen sie eine halbe Stunde.
In der Doppelgarage liegt eine KettensĂ€ge fĂŒr 199.90 DM.
Fisch!, riecht die Mutter. Fisch machen die Kinder! Welche Freude, welches VergnĂŒgen! Hoffentlich verwenden sie dazu den neuen Soßenbinder - denn was gibt es Wichtigeres fĂŒr einen großen, schönen und schmackhaften Fisch?

EINE HALBE STUNDE SPÄTER

Auch der Vater (52) ist, wie jeden Tag, zum Essen nach Hause gekommen. Sein Dienstwagen kostet gerademal so viel, wie er in 6 Monaten verdient, aber das heißt auf keinen Fall, dass es sich dabei um ein schlechtes Auto handelt, im Gegenteil.
AndĂ€chtig lauschen die ĂŒbrigen Familienmitglieder, wie der Vater ĂŒbers Börsengeschehen philosophiert. Sohnemann stochert etwas lustlos im Essen herum, woraufhin Schwesterchen feststellt, dass sie zu wenig Creme fraiche in die Soße gegeben hat und diese zu bitter sei. Der Vater genehmigt sich ein Becks, aber die KettensĂ€ge gerĂ€t nicht in Vergessenheit.
Sinnloses GeschwĂ€tz. Der Sohn denkt an Sex, bis es blutet. Die Tochter denkt an die Frisur ihrer Freundin. Die Mutter denkt an Unkraut. Der Vater denkt an die neue, bildhĂŒbsche SekretĂ€rin. Einer von ihnen denkt an die KettensĂ€ge.
Alle reden ĂŒber Fisch.
Zum Nachtisch gibt es nichts Üppiges, um Niemandes Linie zu gefĂ€hrden, mit zartbitterer Schockolade, aber der Fernseher hat integrierten Videorekorder und 96 cm. BildflĂ€che fĂŒr 3680 DM im Sonderangebot.
Das ist wichtig, aber man tut so, als ob es das nicht wĂ€re, denn das macht eine Sache nur noch wichtiger. Die Tochter will sich vom Religionsunterricht abmelden, der Sohn beteuert, dass er nie raucht. Das Becks ist leer, aber Papa spĂŒlt es mit einer Dose DiĂ€t-Cola zu 69 Pf runter.
Schafft er es bis zum Wagen, oder nimmt er am Blutbad teil? Ist er der Irre? Der Normale?
In einem leicht alkoholisierten Geistesblitz erkennt der Vater, dass der Fisch auf seinem Teller ein Individuum gewesen ist. Es bricht ihm fast das Herz.
__________________
von Christophe B

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JCC
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Registriert: Dec 2000

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Nicht schlecht.

An ein paar Stellen stolpert man noch ein bißchen, zum Beispiel "Nein, falsch gedacht: Die Kinder tun das freiwillig." - der Leser weiß an dieser Stelle schon, daß hier alle alles natĂŒrlich ganz aus VergnĂŒgen tun.
Oder "diese grandiose Person" - Du mußt nicht unbedingt kommentieren, wie grandios sie ist, denke ich.
Das bleibt einem nicht verborgen, und man muß den Leser schließlich nicht unnötig bevormunden.

Und der letzte Absatz gefÀllt mir am besten.
__________________
www.stories.2xs.net

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