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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Frage der Einstellung
Eingestellt am 21. 07. 2017 10:13


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xavia
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Er sitzt mir gegen├╝ber im Zug und blickt nerv├Âs aus dem Fenster, als k├Ânnte er die Fahrt beschleunigen, wenn er nur ungeduldig genug w├Ąre. Wir kommen beide von einer Tagung in Eichst├Ątt, haben dort Kontakte gekn├╝pft und uns ├╝ber den neuesten Stand der Forschung informiert. Keiner von uns hatte den anderen dort bemerkt.

Es ist seltsam, dass ein Mensch, sobald er keine Konkurrenz mehr hat, interessanter wird durch eine Gemeinsamkeit, die vorher keine Rolle gespielt hatte: Trifft man Deutsche in Kyoto bei der Besichtigung eines Tempels, ist es sehr viel wahrscheinlicher dass man sie kennenlernt, als wenn man dieselben Leute in einem deutschen Supermarkt an der K├Ąsetheke treffen w├╝rde. So war es auch mit diesem Mann: Auf der Tagung war er einer von vielen, aber am Bahnhof Eichst├Ątt waren wir die einzigen, die den n├Ąchsten Zug in den Norden nehmen wollten und so kamen wir ins Gespr├Ąch.

Ich erfuhr, dass er Chistian Focke hei├čt und in Hamburg wohnt. Wir tauschten unsere Eindr├╝cke von der Tagung aus, suchten vorsichtig nach geeigneten Gespr├Ąchsthemen und lauschten dann der Ansage, dass der Zug, auf den wir warteten, eine Viertelstunde Versp├Ątung haben w├╝rde. ┬╗Das h├Ątte ich mir ja denken k├Ânnen┬ź, klagte er, ┬╗Deutsche Bundesbahn!┬ź

Vom Geist des Widerspruchs beseelt und wohl wissend, dass bei Zustimmung schnell der Gespr├Ąchsstoff ausgehen w├╝rde, wandte ich ein, dass meine eigenen Erfahrungen mit Z├╝gen durchweg positiv seien. Sein ungl├Ąubiger Gesichtsausdruck stimmte mich jedoch milde und ich gab zu, dass es eine Episode gab, in der ich ein unerfreuliches Erlebnis mit der Bahn hatte.

Er strahlte erwartungsvoll und ich berichtete, wie es mir nach beharrlichem Umschmeicheln und Umgarnen gelungen war, meinen Ehemann, den leidenschaftlichen Autofahrer, dazu zu ├╝berreden, mit dem Zug nach Sylt zu fahren, wie dieser dem problemlosen Hinweg zum Trotz voller Bef├╝rchtungen gewesen ist und schlie├člich, zwei Wochen sp├Ąter, auf dem R├╝ckweg belohnt wurde, als der Zug ausfiel, der uns nach Hause bringen sollte. Die zahlreichen Reisenden mussten alle auf den n├Ąchsten Zug warten, der dann schrecklich ├╝berf├╝llt sein w├╝rde. Hinzu kam die Bef├╝rchtung, im n├Ąchsten Zug gar nicht mitzukommen. Nicht einmal w├Ąhrend der Wartezeit konnten wir uns entspannen, denn es gab immer wieder Ger├╝chte und widerspr├╝chliche Ansagen, die dazu f├╝hrten, dass genervte Urlauber mehrfach ihr Lager verlegten, um als erste abgefertigt zu werden. Viele konnten Schauergeschichten berichten ├╝ber die Unzuverl├Ąssigkeit dieser Strecke und ├╝ber m├Âgliche Ursachen der Wartezeit, ├╝ber die wir von offizieller Seite im Unklaren gelassen wurden.

Mein Reisegef├Ąhrte hatte ungeduldig zugeh├Ârt. Als ich meine Geschichte beendet hatte, triumphierte er:

┬╗Sag' ich doch, die Bahn ist einfach unzuverl├Ąssig!┬ź Er hatte offensichtlich nicht verstanden, was ich ihm mit meiner kleinen Geschichte mitteilen wollte, also versuchte ich, es ihm zu erkl├Ąren:

┬╗Mein lieber Mann wollte eine schlechte Erfahrung mit der Bahn machen und die hat er auch bekommen.┬ź ÔÇô Ungl├Ąubiges Staunen, nicht ├╝ber die Lehre, die ich ihm erteilte sondern offensichtlich dar├╝ber, dass ich eine von denen bin, die sowas glaubten. Vorsichtig ÔÇô ihm musste klar sein, dass wir noch eine Weile miteinander zu tun haben w├╝rden ÔÇô wandte er ein:

┬╗Und wenn dein Mann sich auf die Zugfahrt gefreut h├Ątte, w├Ąre der Zug nicht ausgefallen?┬ź ÔÇô Schwierige Frage. Auch ich musste mich vorsehen, mein Gegen├╝ber nicht allzu sehr zu ├Ąrgern. Beschuldigte ich jetzt meinen Mann, w├╝rde Christian das m├Âglicherweise pers├Ânlich nehmen und sich als Verursacher unserer zus├Ątzlichen Wartezeit bezichtigt f├╝hlen.

┬╗Nein, wahrscheinlich w├Ąre der Zug trotzdem ausgefallen, aber wir h├Ątten uns nicht so schlecht gef├╝hlt┬ź, lenkte ich ein, ┬╗mit Optimismus kommt man leichter durch's Leben und manchmal sieht es f├╝r mich so aus, als erlebe ich die unangenehmen Dinge tats├Ąchlich nur im Beisein von Pessimisten.┬ź ÔÇô Ich konnte es einfach nicht lassen.

┬╗Ich, ein Pessimist? ÔÇô Das ist ja lachhaft┬ź, ereiferte er sich. ┬╗W├Ąre ich auch noch ein Pessimist, dann k├Ânnte ich mich ja gleich aufh├Ąngen bei all den Missgeschicken, die mir immer passieren!┬ź Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wir standen eine Weile schweigend beisammen, mussten die Kluft, die wir zwischen unseren Weltanschauungen entdeckt hatten, erst einmal verdauen. Christian begann, w├╝tend am Bahnsteig auf und ab zu laufen. Ich betrachtete die kleinen rosa Bl├╝mchen, die es schafften, am Rand neben den Gleisen zwischen den Steinen zu wachsen und freute mich, dass es hier nur einen Bahnsteig gibt und wir deswegen auch f├╝r einen Ersatz-Zug am richtigen Ort sein w├╝rden. Da kam eine neue Durchsage aus dem Lautsprecher, die ank├╝ndigte, dass der Zug, auf den wir warteten, sich um eine halbe Stunde versp├Ąten w├╝rde.

┬╗So ein Mist!┬ź ├Ąrgerte sich Christian, ┬╗Ich werde meinen Anschlusszug in W├╝rzburg┬ź verpassen! Ich versuche, ihn zu tr├Âsten:

┬╗Nach Hamburg gehen viele Z├╝ge, dann nimmst du halt den n├Ąchsten.┬ź

┬╗Aber ich habe reserviert!┬ź

┬╗Warum denn das?┬ź

┬╗Das mache ich grunds├Ątzlich, habe schlie├člich keine Lust, im Gang herumzubalancieren.┬ź

Ich erinnerte mich an eine Tagung in Japan, wo die Z├╝ge zeitweilig so ├╝berf├╝llt waren, dass ich Stunden im Gang auf meinem Koffer sitzend zugebracht hatte. Obwohl alle dicht zusammenr├╝cken mussten war die Stimmung der Reisenden gut gewesen und es war interessant zu sehen, welche kreativen Einf├Ąlle die anderen hatten, mit dem Mangel an Sitzpl├Ątzen umzugehen. Offensichtlich war ihnen die Situation vertraut und sie blieben heiter und gelassen. Der Koffer, mit dem ich jetzt reiste, ein relativ kleiner roter Hartschalenkoffer, war derselbe wie damals. Ich konnte nicht widerstehen:

┬╗Optimisten brauchen keine Sitzplatzreservierungen, nur einen guten Hartschalenkoffer.┬ź Ich berichtete meinem Mitreisenden von der Japan-Tour und von den Vorteilen eines solchen Koffers, auf dem man problemlos rittlings durch ganz Japan reisen konnte. Es beeindruckte ihn nicht, er blickte genervt auf seine Uhr. Da kam die n├Ąchste Ansage, die uns dar├╝ber informierte, dass der versp├Ątete Zug nun gar nicht mehr kommen w├╝rde, dass man dabei sei, Schienenersatzverkehr zu organisieren. Ich wusste nicht, was das ist, aber Christian kannte sich aus, er hatte das schon ├Âfter erlebt: Wir w├╝rden mit dem Bus fahren. Damit war seine Hoffnung auf Anschluss-Zug und Sitzplatzreservierung wohl endg├╝ltig gestorben.

┬╗Wenigstens bin ich nicht entt├Ąuscht┬ź, meinte Christian, ┬╗denn ich habe nichts anderes erwartet. Das ist der Vorteil meiner Einstellung, die du Pessimismus nennst, dass man keine unangenehmen ├ťberraschungen erlebt.┬ź

Die Busfahrt verlief ohne weitere Pannen: Der freundliche Fahrer, der wahrscheinlich am Sonntag aus dem Kreise seiner Familie gerissen worden war, lud unser Gep├Ąck in den ger├Ąumigen Bauch eines Reisebusses und teilte uns mit, dass er unterwegs noch einige weitere Reisende aufsammeln m├╝sse. Dann ging es in halsbrecherischer Fahrt bergauf und bergab, ├╝ber Landstra├čen und durch Ortschaften mit winzigen G├Ąsschen. Ich hatte einen Fensterplatz und schaute mir begeistert die Umgebung an: So viel hatte ich davon auf dem Hinweg im Zug nicht gesehen! Die h├╝bschen Fachwerkh├Ąuser sausten dicht gedr├Ąngt an uns vorbei. F├╝r Vorg├Ąrten, wie ich sie von zu Hause gewohnt bin, war selten Platz, aber die Bewohner fanden andere M├Âglichkeiten, ihr Heim zu schm├╝cken: Es gab B├Ąnke und Blumenk├╝bel, manchmal standen Blument├Âpfe direkt an der Hauswand auf dem Gehweg. Mein Nachbar war sehr schweigsam und als ich versuchen wollte, ihn auf die Pracht da drau├čen aufmerksam zu machen, sah ich, dass er ganz blass war und sich Schwei├č auf seiner Stirn gebildet hatte.

┬╗Vom Busfahren wird mir oft schlecht┬ź, brachte er m├╝hsam hervor. Jetzt tat er mir doch leid, wie er so kl├Ąglich dasa├č. Aber bald hatte er es ├╝berstanden: Die Strecke wurde ebener, die Kurven seltener und Christian gespr├Ąchiger. Er berichtete mir, dass er nun das Essen in einem geheimnisvollen Lokal nahe Hamburg vers├Ąumen w├╝rde, wo seine Freunde schon Monate im Voraus gebucht hatten und ein eigenwilliger Koch nach p├╝nktlichem Erscheinen der G├Ąste das Lokal abschloss und ihnen dann das Vier-G├Ąnge-Men├╝ bekanntgab. Sie alle hatten sich sehr darauf gerfreut, denn dieser Koch galt als ein Meister seiner Kunst und alle, die sich seiner Willk├╝r ├╝berlassen hatten, waren hinterher voll des Lobes. Da ich ├ťberraschungen liebe, schrieb ich mir den Namen des Lokals auf. Vielleicht ergab sich eine Gelegenheit, dort selbst mal eine Gruppe hinzuf├╝hren. Der arme Christian! Nun hatte er mein ungeteiltes Mitgef├╝hl. Es gab keine Chance, noch rechtzeitig zu dem Lokal zu kommen.

┬╗Siehst du, was ich f├╝r ein Optimist bin, dass ich dachte, ich k├Ânnte rechtzeitig zu dem Ausflug wieder zur├╝ck sein? ÔÇô Ich h├Ątte es wissen m├╝ssen!┬ź jammerte er.

Seit Ingolstadt sitzen wir nun im Zug und erreichen endlich den Bahnhof W├╝rzburg. Ich sehe, dass in 30 Minuten ein Zug in Richtung Oldenburg f├Ąhrt und will meinem Reisegef├Ąhrten gerade vorschlagen, noch einen Kaffee zusammen zu trinken, bevor sich unsere Wege trennen, da greift er Sack und Pack und rennt nach kurzen Worten des Abschieds quer durch die Bahnhofshalle zu einer endlosen Schlange von Reisenden, die anstehen, um ihre Karten und Sitzlpaltzreservierungen umzubuchen. Als er dort ankommt, l├Ąchele ich ihm aufmunternd zu, er zuckt hilflos die Schultern und sieht traurig aus. Sp├Ąter, am Kaffee-Stand, kommt mir ein Gedicht von Heinz Erhardt in den Sinn ÔÇô oder ist es von Eugen Roth?

Willst wissen du, was einer ist,
ob Opti- oder Pessimist,
so sag zu ihm, dass tr├╝ber Mut
doch besser sei als ├ťbermut.
Er lehne ab, er pflichte bei ÔÇô
du hast erfahren, was er sei.

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