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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Frage der Perspektive (Eine Frage der Einstellung II)
Eingestellt am 22. 07. 2017 14:10


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xavia
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[Die ├╝berarbeitete Version ist ┬╗Schienenersatzverkehr┬ź]

Der InterCity Express saust von Ingolstadt nach W├╝rzburg. Christian Focke schaut in den ausliegenden Fahrplan, guckt auf die Uhr, sieht aus dem Fenster, wie die B├Ąume und Wiesen vorbeirauschen. Obwohl es jetzt schnell geht und er einen bequemen Sitz hat, ist er unzufrieden. Er sitzt entgegen der Fahrtrichtung, das findet er suboptimal, er bewegt sich nicht gerne r├╝ckw├Ąrts fort, aber er hatte seiner Begleiterin die Wahl gelassen und nat├╝rlich hatte sie sich f├╝r den Platz in Fahrtrichtung entschieden. Sein Magen ist ohnehin angeschlagen von den wilden Berg- und Talfahrten mit dem Schienen-Ersatzverkehr. Daran h├Ątte sie auch denken k├Ânnen.

Aber diese Frau scheint ├╝berhaupt kein Gesp├╝r f├╝r Ungemach zu haben, weder f├╝r das eigene noch f├╝r das ihrer Mitmenschen. Seit Eichst├Ątt nervt sie ihn mit ihrer guten Laune, alles will sie sch├Ânreden, hat ihm einen langen Vortrag dar├╝ber gehalten, wie sie rittlings auf ihrem Hartschalenkoffer in einem ├╝berf├╝llten Zug durch Japan gereist ist. Na, toll! Das ist auf jeden Fall Geschmacksache und sein Geschmack w├Ąre eine solche Reise nicht. ├ťberhaupt h├Ątte er lieber mit dem Auto fahren sollen, er wei├č ja, dass auf die Bahn kein Verlass ist und als dann der Zug in Eichst├Ątt ausgefallen ist und sie mit einem Reisebus fahren mussten, hatte ihn das ├╝berhaupt nicht gewundert. Klar, dass die Bahn lange genug gewartet hat, dass er seinen Anschluss-Zug nach Hamburg verpasst. Da kann jetzt der ICE rasen wie er will.

Seine Begleiterin, eine Frau um die 50, also gut 15 Jahre ├Ąlter als er, hat er auf dem Bahnhof Eichst├Ątt kennengelernt. Sie waren ins Gespr├Ąch gekommen, weil sie auf denselben Zug warteten und zudem noch von derselben Tagung gekommen waren. Und dann hatte er sie an den Hacken. Egal, was ihnen passierte, sie fand es gut. Und sie versuchte auch noch, ihm einzureden, dass es seine eigene Entscheidung sei, dass er sich so schlecht f├╝hlte. Die hatte ja keine Ahnung!

Heute w├Ąre der Tag gewesen. Die Clique in Hamburg hatte in der Artischocke gebucht, schon vor Monaten. Nadine und Kurt w├╝rden auch dabei sein. Kurt hatte sich vor drei Monaten von Nadine getrennt, er war jetzt mit Annika zusammen. Er, Christian, hatte sich alle Details der Trennung angeh├Ârt, hatte manche tr├Ąnenreiche Nacht mit Nadine durchwacht und war ihr ein wirklich guter Freund gewesen. Er war schon scharf auf sie gewesen bevor sie mit Kurt zusammenkam. Damals fand sie ihn zu sehr ┬╗Macho┬ź. Aber man kann sich ja ├Ąndern, er hatte es ihr bewiesen und sie hatte nicht schlecht gestaunt.

Verstohlen blickt er zu seiner Mitreisenden hin├╝ber, die gerade begeistert die K├╝he auf der Wiese betrachtet, als h├Ątte sie im Leben noch keine gesehen. Sie wirkt lebendig und fit, aber ihr Outfit! Kein Make-up, die langen Haare h├Ąngen einfach so herunter, Jeans, T-Shirt und Turnschuhe ÔÇô in dem Alter! Dennoch, er h├Ątte sie wohl nicht von der Bettkante geschubst, man wei├č ja: Je oller, je doller und eine, die schon so eine Zugfahrt derma├čen genie├čen kann, die hat es bestimmt drauf, die kennt alle Tricks. ÔÇô Aber kein Vergleich zu Nadine! Die wei├č was aus sich zu machen! Lange blonde Locken, ein verf├╝hrerischer rosa Erdbeermund, superenge Pullis einen Ausschnitt ÔÇŽ whow! Wenn er sich nach durchwachter Nacht im Spiegel nicht mehr wiedererkannte, sah sie perfekt aus wie immer, nachdem sie nur kurz im Bad gewesen ist. Ja, Nadine ist eine, mit der man sich sehen lassen kann und f├╝r heute abend hatte er sich vorgestellt, sie nach dem Essen nach Hause zu fahren und mit zu ihr raufzukommen, wie schon so oft, aber dieses Mal w├╝rde sie leicht angeschlagen sein, weil sie Kurt und Annika gesehen h├Ątte, und hoffentlich noch kampfbereit genug, um es ihm heimzuzahlen. Da w├Ąre er, Christian, genau der richtige Mann zur rechten Zeit. Verdammt, verdammt, die richtige Zeit, die hat er jetzt verpasst.

Und gleich, in W├╝rzburg, w├╝rde er auch noch die H├Ąme im Blick dieser selbstgef├Ąlligen Besserwisserin ertragen m├╝ssen, wenn er sein Ticket umbuchen l├Ąsst. In sein trauriges Schicksal ergeben folgt er ihr aus dem Zug in die Bahnhofshalle, sieht die endlose Schlange am Schalter f├╝r die Ticket-Umbuchungen und entkommt ihr, als sie gerade dazu ansetzt, ihn zu einem gemeinsamen Kaffee zu ├╝berreden. Dann schon lieber Schlange stehen! Er sieht Bart Simpson vor sich, wie der in einer Folge permanent von einer Regenwolke begleitet wurde. Genauso f├╝hlt er sich heute. Und ohne dass er sich dagegen wehren kann kommt ihm ein ungeliebtes Gedicht in den Sinn, ├Ąhnlich wie es manchmal mit den so genannten Ohrw├╝rmern ist, die man nicht aus seinem Kopf herausbekommt:

Willst wissen du, was einer ist,
ob Opti- oder Pessimist,
so sag zu ihm, dass tr├╝ber Mut
doch besser sei als ├ťbermut.
Er lehne ab, er pflichte bei ÔÇô
du hast erfahren, was er sei.


Version vom 22. 07. 2017 14:10

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HorstK
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Liebe Xavia,

habe Deine beiden Erz├Ąhlungen mit Interesse gelesen und finde die Idee, den Wechsel der Perspektive durch Wechsel der Erz├Ąhlperson zu veranschaulichen, sehr spannend. Deine Sprache ist wie immer sehr harmonisch - nur diesmal fand ich das Sujet, d.h. die zentrale Diskussion der beiden, ob Bahnfahren nun nervig ist oder nicht, so uninteressant und platt, dass ein Auswalzen dieser Frage es nur noch platter und leider sehr langweilig machte. Vermutlich hat deshalb auch noch niemand Kommentare gewagt, aber vielleicht irre ich mich auch. Das zweimalige Zitieren des Gedichts, das an sich nicht schlecht, aber eben auch extrem flach ist, kann (f├╝r mein Empfingen) leider auch keine Spannung erzeugen oder "Spa├č am Lesen" des Textes.
Wie ich Dir verschiedentlich schon schrieb: Deine vorhergehenden Texte fand ich packend und sehr gelungen. Dieser ist nicht so brisant. Mit einem anderen (hei├čeren) Thema, das zwei Zufallsbekannte aus entgegengesetzten Perspektiven betrachen, k├Ânnte das vielleicht richtig spannend werden ...
Herzliche Gr├╝├če - Horst

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xavia
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Lieber Horst,

ich danke dir f├╝r dein Feedback und freue mich, dass ich, wenn ich Langweiliges schreibe, auch eine ehrliche R├╝ckmeldung von dir bekomme ÔÇô was will man mehr? Ich war mit dem ersten Teil schon von Anfang an unsicher, habe, als es keine Reaktionen gab, versucht, mit dem zweiten etwas daraus zu machen.

Dein Vorschlag, die beiden Anderes erleben zu lassen, gef├Ąllt mir. Die zwei Perspektiven als Erz├Ąhlweise werde ich sicherlich noch einmal probieren, ging mir gerade auch im Urlaub durch den Sinn.

Ich denke aber irgendwann weiter dar├╝ber nach, wie ich das, was ich eigentlich mit dem ersten Teil sagen wollte, geschichtentauglich machen k├Ânnte. Wahrscheinlich bin ich bisher nicht mutig genug gewesen, mir etwas Geeignetes auszudenken, das die Aussage unterhaltsam r├╝berbringt und h├Ąnge zu sehr an uninteressanten Nebens├Ąchlichkeiten, statt die Sache auf den Punkt zu bringen.

Wenn man bedenkt, wie viele Experimente selbst ein Van Gogh gemacht hat, nur um Licht zu malen, gibt es ja vielleicht noch Hoffnung

Liebe Gr├╝├če Xavia.

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xavia
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Liebe Eisblume, vielen Dank, dass du dich meiner beiden ungeliebten Geschichten angenommen und mir deine Eindr├╝cke mitgeteilt hast. Ich habe nun die zweite Geschichte umgeschrieben und werde sie mit dem Titel ┬╗Schienenersatzverkehr┬ź neu einstellen. Dein Vorschlag ┬╗Rittlings auf dem Hartschalenkoffer durch Japan┬ź finde ich witzig, aber ich f├╝rchte, dass er falsche Erwartungen wecken w├╝rde. Das ist eigentlich eine andere Geschichte, die ich wahrscheinlich nicht schreiben werde. LG Xavia.

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