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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte
Eingestellt am 25. 11. 2003 01:06


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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte.

Neulich fiel mir eine alte Geschichte von mir in die H├Ąnde. Sie war nicht besonders lang, und besonders gut ist sie wohl auch nicht. Aber als ich zu den letzten Zeilen kam, standen mir die Tr├Ąnen in den Augen.

Die Figuren da auf dem Papier, das waren Freunde aus vergangenen Tagen. Sie winkten mir fr├Âhlich zu, luden mich ein, sie doch einmal wieder zu besuchen, doch ich konnte es nicht. Eine dicke Wand aus Watte und Nichts stand zwischen uns, eine Wand, die ich weder sehen noch riechen, weder begreifen noch ├╝berwinden konnte. Sie standen auf der einen Seite und waren gl├╝cklich, und ich starrte sie neiderf├╝llt von der anderen Seite an und war ÔÇô nun ja, als gl├╝cklich w├╝rde ich es jedenfalls nicht bezeichnen.

Betr├╝bt lie├č ich mich zu Boden sinken und den Kopf h├Ąngen. Ich erinnerte mich. Genauso hatte es sich einmal angef├╝hlt, so warm und salzig, irgendwie heimelig und ein bi├čchen feucht. Erst als mir etwas in den Scho├č tropfte, stellte ich verwundert fest, da├č ich weinte.

W├╝tend kn├╝llte ich das Papier zusammen und fuhr mit dem Arm ├╝ber meine Augen. Vorbei ist vorbei, dachte ich, und dann, um die Sache zu best├Ątigen, sagte ich es laut vor mich hin: ÔÇ×Vorbei ist vorbei.ÔÇť Ich hatte das Schreiben schon vor langer Zeit aufgegeben, das unn├╝tze Herumphantasieren, die Suche nach Personen, die es nie gegeben hatte und die niemals in mein Leben treten w├╝rden, das st├Ąndige Tr├Ąumen und Kritzeln. Ich hatte es aufgegeben ÔÇô oder vielleicht hatte es auch mich aufgegeben, wer konnte das schon sagen. Nun blieb mir nichts anderes als die Gewi├čheit, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und mein Leben in der Hand zu haben.

Hatte ich mein Leben in der Hand? Nachdenklich starrte ich auf den zusammengekn├╝llten Papierball. Verschmierte Tinte und aufgeweichte Fasern, die in einem weit zur├╝ckliegenden Leben mal ein gro├čer Baum gewesen waren. Ein Baum, der von saurem Regen get├Âtet worden war und von einem Holzf├Ąller, der die Prostata schon sp├╝rte, ohne zu wissen, was ihn da unten so bedr├╝ckte. Er hatte auch wahrlich andere Sorgen: seine Frau hatte ihn n├Ąmlich nach vierzehn Jahren Ehe ├╝ber Nacht verlassen, weil sie sich in einen J├╝ngeren verliebt hatte. J├╝nger als sie, wohlgemerkt. Ein Bursche, dessen Haare im Gesicht ebensogut Dreck wie ein Bart sein konnten, und der Fast Food f├╝r die beste Erfindung des letzten Jahrhunderts hielt. Dieser Bengel war kurz vor dem Abitur von der Schule geflogen und ein halbes Jahr durch Afrika gelaufen, und weil er bei seiner R├╝ckkehr im Flughafen nicht aufgepa├čt hatte und ├╝ber einen Koffer gestolpert war, hatte er sich den Arm gebrochen, und die nette Dame, die ihn zum Arzt gebracht hatte, war die Gattin des Holzf├Ąllers gewesen, die am Flughafen eine alte Bekannte abholen wollte. Die alte Bekannte war aber nicht angekommen, weil sie in einem Zug festsa├č, der irgendwo auf der Strecke steckengeblieben war, wegen eines Personenschadens oder weil irgendein Idiot seinen Koffer auf dem Bahnsteig vergessen hatte. Statt der alten Bekannten nahm die Frau des Holzf├Ąllers also den jungen Freund mit, und der Rest war Geschichte.

Geschichte ÔÇô ich hielt meinen Blick immer noch starr auf das Papierkn├Ąuel gerichtet. Konnte diese Geschichte in den Fasern stecken? Vielleicht hatte der Holzf├Ąller sich bei seiner Arbeit ├╝ber das Schicksal beschwert, ├╝ber die Liebe, die ohne Plan hinfiel, wo immer sie wollte, ├╝ber seine treulose Ehefrau oder dar├╝ber, da├č alte Bekannte nur dann p├╝nktlich auftauchten, wenn man sie so ganz und gar nicht gebrauchen konnte, weil etwa gerade das Autorennen ├╝bertragen wurde. Oder man es eilig hatte, weil man sowieso sp├Ąt dran war. Ob zu sp├Ąt f├╝r den Bus, die Arbeit oder das Leben war dann unerheblich.

Auch die Tinte, an mehr als einer Stelle von jener salzigen Fl├╝ssigkeit zum Zerlaufen gebracht, die meine Augen ungewollt produziert hatten, schien mich anklagend anzustarren. Fr├╝her einmal waren ihre Linien mit Schn├Ârkeln und B├Âgen verlaufen oder hatten ordentlich in einer Reihe gestanden; jetzt waren sie form- und haltlos geworden. Einer erinnerte mich an den Tintenfisch Herbert, der tief unten in der Souterrainwohnung eines Korallenriffs gewohnt hatte und st├Ąndig ├ärger mit der vorwitzigen Familie Clownsfisch hatte. Die bekamen es einfach nicht geregelt, sich an die Hausordnung zu halten, und Herbert hatte sich immer so ├╝ber die riesengro├čen Schuhe im Hausflur und das Lachen zur Mittagsruhe und in den Nachtstunden ge├Ąrgert, da├č er st├Ąndig schwarze Wolken fabriziert hatte. Mit der Zeit hatte Herbert sich dann schwarz ge├Ąrgert, und als er sich sp├Ąter auf der Korallenbank sonnte, fra├č ihn ein Hai. Schwarze Tintenfische waren auf roten Riffen n├Ąmlich klar zu erkennen, selbst f├╝r Haifische, die ja bekanntlich halb blind sind. Weshalb sonst sollten sie bisweilen Surfbretter oder gar Surfer selbst anknabbern? Da├č Menschen nicht nach H├╝hnchen, sondern nach Chemie und k├╝nstlichen Farbstoffen schmeckten, ein wenig wie Coca Cola Light, wu├čte doch nun beinahe jeder Meeresbewohner.

Ich strich den Papierbogen auf meinen Knien glatt, und als mein Finger dabei eher zuf├Ąllig ├╝ber den ersten Buchstaben strich, war mir, als ber├╝hrte die Kuppe das A einer Computertastatur. Im Bildschirm spiegelte sich die Sonne, und eine fahrige Hand griff nach dem Gurt des Rouleaus. Dunkelheit schlich sich ruckartig ins Zimmer, und auf dem Bildschirm wurden die Buchstaben klarer. Es wurden ja auch immer mehr; in rasantem Tempo vermehrten sie sich schneller als die Karnickel, mutierten zu W├Ârtern und S├Ątzen und Abs├Ątzen und Texten. Das Fenster zeigte derweil in Spiegelschrift die Gestalt eines Menschen, der wie im Fieberwahn die H├Ąnde gleiten lie├č, sich Haare aus der Stirn striff, die Maus bewegte, den schmerzenden R├╝cken durchdr├╝ckte und erst nach der Limonade griff, als der Hustenreiz zu gro├č wurde, um unterdr├╝ckt zu werden. Eine knappe Stunde sp├Ąter trieb die Limonade den Menschen zu einem stilleren ├ľrtchen. Es war ein junger Mensch, der da in diesem seltsam beschleunigten Gang den Raum verlie├č, ein Gang zwischen Rennen und Balancieren, den nur Notgedrungene beherrschten. Wenn er zur├╝ckkam, w├╝rde er fortfahren, die Beschriftung von der Tastatur abzunutzen, und eines Tages, wenn das E und das N gar nicht mehr und das S, D und R nur noch mit M├╝he zu entziffern waren, w├╝rde dieser Mensch sich fragen, woher er all die Ideen genommen hatte, die zu dieser Buchstabenleere gef├╝hrt hatten. Nun brauchte er sie freilich nicht mehr. Ein geregeltes Gehalt, ein Mittelklassewagen und ein gleichbleibendes Gesicht beim Fr├╝hst├╝ck. Zweimal die Woche, jeden Dienstag und Samstag, der Griff in die Nachttischschublade; sicher ist sicher. Steigende Benzinpreise, steigende Steuerlasten, sinkende Laune. Harte Fakten aus der Morgenzeitung, belanglose Unterhaltung aus dem Abendfernsehen. Herz und Hirn waren zu besch├Ąftigt mit dem Leben, um noch einmal Freigang zu bekommen. Da konnten Holzf├Ąller und Tintenfische nicht mehr mithalten. Sie blieben zur├╝ck in der Leere.

Entschlossen erhob ich mich aus meiner trauernde Position. Von der Leere hatte ich genug, ich mu├čte sie mir nicht auch noch auf Papier betrachten. Jene Figuren, die mir dort zugewunken hatten, waren doch nur noch Gespenster einer Zeit, die niemals real gewesen war. Ich aber war erwachsen und glaubte schon lange nicht mehr an Gespenster. Als ich ├╝ber dem M├╝lleimer stand, z├Âgerte ich nur noch kurz. Und als ich am n├Ąchsten Morgen einen Schnellhefter kaufte, um endlich mal ein paar alte Bl├Ątter abzuheften, nahm ich auch gleich einen frischen Block und ein paar Tintenpatronen mit. Und ein Paket Taschent├╝cher. Sicher ist sicher, und vorbei ist vorbei, aber wer konnte in dieser Welt schon wissen, wann etwas sicher vorbei war?

__________________
Andrea Rohmert

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo andrea,

und diese geschichte ist literaturliteratur .


viele gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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bookwriter
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2003

Werke: 5
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Hallo Andrea,

ich kann hier nur wenig sagen: Super!
Ich hatte vor einigen Jahren ein ├Ąhnliches Erlebnis mit meinen alten "Werken". Als ich deine Geschichte las, f├╝hlte ich mich zur├╝ckversetzt in den alten Dachboden, wo ich einen zerknautschten Hefter von mir fand. Ich ├Âffnete ihn und fand Geschichten - belanglose, unwichtige, aber f├╝r mich herzergreifende Geschichten.
Und ich reagierte genauso wie er/sie/du.

Ich danke dir, dass du mir die sch├Âne Erinnerung an diesen Moment zur├╝ckgegeben hast.
Danke!

Jonny
__________________
"Der ist kein Schriftsteller, der den Blick des Menschen nicht ein wenig klarer gemacht hat!" (Paustowskij, russ. Schriftsteller)

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Hallo Rainer, hallo Jonny,

vielen Dank f├╝r euer Lob. Es scheint zu stimmen, da├č man manchmal einen Schritt zur├╝ckmachen mu├č, um wieder vorw├Ąrts zu kommen.
Trotzdem habe ich immer noch das unbestimmte Gef├╝hl, da├č irgend etwas an der Geschichte nicht stimmt.. vielleicht erkennt es ja noch jemand.

Nochmals vielen Dank,

Andrea
__________________
Andrea Rohmert

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Heidi Hof
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Anrea,

Rainer hat recht,
das ist eine echte Kurzgeschichte
und zwar von der Spitzenqualit├Ąt.

Liebe Gr├╝├če,

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
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Hallo Heidi,

viele Dank f├╝r dein Lob. Scheint so, als m├╝├čte ich mich langsam ├╝berzeugen lassen..

Gibt es denn auch unechte Kurzgeschichten?

Gru├č
Andrea
__________________
Andrea Rohmert

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