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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Geschichte von zwei Menschen
Eingestellt am 26. 08. 2005 14:36


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Mika
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jul 2003

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Wie beginnt man eine Geschichte von zwei Menschen?
Vielleicht damit, zu erz├Ąhlen, wer wir waren, woher wir kamen und was wir wollten, bevor alles begann. Aber ich vermag nicht zu sagen, warum die Dinge so geschehen sind, ich wei├č nicht, welche Wege wir gehen und auch nicht, ob es Zufall war, dass wir uns begegnet sind.
Ich kann nur sagen, dass jetzt alles schon lange her ist und das Meiste nur noch als verschwommene Erinnerung tief in meinem Inneren existiert. Manchmal, wenn es sehr still ist und die Last des Tages von mir f├Ąllt, f├╝gen sich die einzelnen Fragmente langsam wieder zu einem Bild zusammen und ich sehe dich genau vor mir, wie du in meiner T├╝r stehst: frierend, traurig und durchn├Ąsst. Das dunkle Haar klebte dir in Str├Ąhnen an der Stirn und kleine Regentropfen liefen ├╝ber deine Nasenspitze. Du hast einfach nur so dagestanden und mich angesehen. Dann hast du gesagt, dir w├Ąre mein Name am Klingelschild aufgefallen, weil er auf spiritueller Ebene eine ganz bestimmte Bedeutung h├Ątte. Zun├Ąchst war ich verwirrt, doch dann hatte ich pl├Âtzlich das Gef├╝hl, ich w├╝rde irgendetwas verpassen, wenn ich dich jetzt gehen lie├če und bat dich in die Wohnung. Dich, einen v├Âllig Fremden.

Was von den Gespr├Ąchen bei meinem allerersten Besuch bei dir geblieben ist, ist, dass wir ├╝ber gute Filme redeten. Die fabelhafte Welt der Amelie, Dancer in the Dark, American Beauty und Lost in Translation. Ich hatte den Film nicht gesehen und fragte dich, warum du ihn so m├Âgen w├╝rdest. "Es ist dieses voneinander Abschied nehmen, in dem Moment, in dem das Knistern am lautesten ist", hast du gefl├╝stert. In diesem Augenblick war dein Gesicht ganz nah an meinem, so dass ich ganz deutlich die W├Ąrme sp├╝rte, die dich damals umgeben hat, wie eine Mandorla den ans Kreuz genagelten Jesus. Und ich wusste, dass ich an diesem Abend nicht bleiben konnte.
Aber ich erinnere mich noch genau an den ersten Morgen, als ich neben dir erwacht bin: Du hast noch geschlafen und warst so sch├Ân. Drau├čen tobten Kriege, Gewalt und Tod, aber dein Atem war tief und ruhig und deine Lippen deuteten ein leises L├Ącheln an, so als wolltest du noch im Schlaf sagen: "Mach dir keine Sorgen, es wird immer alles gut!"
Alles was ich in diesem Augenblick wollte, war, mein Leben lang neben dir einzuschlafen und aufzuwachen.
Erst viel sp├Ąter bemerkte ich, wie deine zwei Zimmer eingerichtet waren. Eine merkw├╝rdige Mischung aus Bauhausm├Âbeln und Kitsch: gerahmte Bilder von japanischen Papierfliegern an den W├Ąnden, Fotos von der einheimischen Bev├Âlkerung, ein originaler
M 35-Schreibtisch von Marcel Breuer und rechts am Fenster ein uraltes Grammophon.
Links daneben die Ecke mit deinen drei B├╝cherregalen. Mir fiel auf, dass sich kein einziges Buch darin befand. Stattdessen lagen stapelweise architektonische Entw├╝rfe f├╝r ein philosophisches Zentrum und einige Modelle darauf. Einmal konnte ich dir dabei zusehen, als du an einem neuen Modell gearbeitet hast. Ich glaube, dieses Projekt war dir sehr wichtig, vielleicht war es das Wichtigste in deinem Leben. Du hast es nie direkt gesagt, aber der Blick in deinen Augen und die unbeschreibliche Sorgfalt, mit der du die vielen winzigen Einzelteile zu einem Ganzen zusammengef├╝gt hast, haben es mir verraten...

Neulich habe ich das Tonband wiedergefunden, das du mal f├╝r mich aufgenommen hast. Deine Stimme klang seltsam fremd darauf und verursachte ein schmerzhaftes Ziehen in meinem Brustkorb. Ich blickte aus dem Fenster und die Gedanken an dich vermischten sich mit den letzten warmen Strahlen der Sonne und hinterlie├čen in mir den bitteren Geschmack von Wehmut. Ein paar rote Bl├Ątter wehten von den B├Ąumen und tanzten noch f├╝r Sekunden in der Luft, bevor sie ganz auf den Boden fielen. Der Herbst k├╝ndigte sich an und nichts w├╝rde ihn aufhalten k├Ânnen. Unwillk├╝rlich dachte ich an unseren letzten Sommer. Der Flieder im Park war gerade verbl├╝ht, unsere R├Ąder lagen im Gras und wir daneben. Wir haben in den Himmel geschaut und den Wolken zugesehen, bis irgendwann die Nacht ├╝ber uns hereinbrach mit ihren Abertausenden von Sternen.
Pl├Âtzlich hast du gesagt: "Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Menschen seit Jahrhunderten am meisten ├╝ber die Sterne sprechen... ├ťber die Sterne und die Liebe." Und ich war unglaublich ber├╝hrt. Es lag nicht an den Worten selbst, es war die Art und Weise wie du sie gesprochen hattest, so als bedeuteten sie etwas ganz besonderes.
Dann wolltest du wissen, woran ich glaube, wof├╝r ich lebe und was f├╝r mich Liebe ist. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Nicht, weil ich mir nie Gedanken dar├╝ber gemacht hatte, sondern weil ich niemals die Sprache meines Herzens erkl├Ąren konnte, denn f├╝r meine Liebe gibt es nur einen Beweis: das Gef├╝hl, das ich in mir trage. Und dich zu lieben, bedeutete nicht nur ein starkes Gef├╝hl, es war auch ein Urteil, ein Versprechen, eine Entscheidung: dir etwas von meinem Interesse zu geben, meinem Wissen, meiner St├Ąrke und Schw├Ąche, meiner Wut und Gutm├╝tigkeit, meiner Freude und meiner Traurigkeit - von allem, was in mir lebendig ist.
Doch ich schwieg.

Heute bedaure ich, dir niemals gesagt zu haben, wie wichtig du mir warst. Ich habe so vieles erfahren durch dich, du hast so viele Spuren in meinem Leben hinterlassen und so viele Fragen in mir erweckt, die niemand mir beantworten kann, au├čer ich selbst. Aber auf eine werde ich wohl nie eine Antwort finden:

Warum musstest gerade du bei unserem Unfall sterben?


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jimmydean
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2005

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hallo mika

ganz d├╝stere Atmosph├Ąre, die du da geschaffen hast. Alles sehr leis und drohend, es gleitet dahin und ist nicht aufzuhalten, weil man wei├č oder ahnt, alles ist endg├╝ltig. Sehr schwer zu verdauen, darum sehr gut. Man kann dem nur entgehen, wenn man abricht zu lesen und das werden sicher viele tun, weil's weh tut, dieses Gef├╝hl, das sich in einem beim Lesen ausbreitet. Ja, wie soll ich sagen, keine sch├Âne Geschichte, aber eine sehr gute. Es wirkt so emotionslos erz├Ąhlt, dass es nur so schreit vor emotionen. Und diese endg├╝ltigkeit hast du immer wieder sehr gut angedeutet.
ich hoffe du verstehst was ich meine. eine traurige geschichte ist nun mal traurig, aber auch die traurigkeit muss man r├╝berbringen, um sie darzustellen. und dir ist es gelungen - sehr gut sogar.

gru├č
jimmydean

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