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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Hexengeschichte (für kleine und große Kinder)
Eingestellt am 19. 07. 2001 16:40


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sailor
Hobbydichter
Registriert: Mar 2001

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Ruhige Zeiten

Die letzten Spuren des langen, bitterkalten Winters waren seit einiger Zeit verschwunden. Die Sonne schickte ihre wärmeneden Strahlen zwischen die Bäume hindurch auf eine kleine Lichtung, die mitten im ansonsten teertopfschwarzen Wald lag. Still war es. Unheimlich still. Kein Vogel, kein Eichhörnchen, ja , nicht mal die Insekten trauten sich, auf dieser Lichtung einen Mucks von sich zu geben..

Vor ihrer Hütte am Rande eben dieser Lichtung saß die Hexe Silenzia Ausdemschwarzenwald und rasierte sich das mächtige Kinn, welches über den Winter ganz heftig an Bewuchs zugenommen hatte, als plötzlich über ihr ein grässliches Knattern, Rauschen, Brausen, oder was auch immer, ertönte. Ein Geräusch jedenfalls, welches Silenzia noch niemals vernommen hatte. Ein großes, unförmiges, schwarz-silber glänzendes Etwas verdunkelte die wenigen Sonnenstrahlen, die den Weg auf die Lichtung gefunden hatten, als es mit unglaublichem Getöse in den Wald einschwebte. Silenzia hatte sich vor Schreck in ´s Kinn geschnitten und etwas grüne Sosse tropfte auf ihre neue, gerade mal 17 Jahre getragene Schürze.
Das Ding kam genau vor der Hütte zum stehen und herab stieg Septerza Ausderneuenwelt, eine alte Bekannte von Silenzia. »Hi Silly, altes Haus, bis man dich mal findet ey, das ist ja echt ein act, du wohnst ja hier echt am Arsch der Welt.«
Silenzia war total perplex. »Septerza, in drei Kröten Namen, was ist denn das für ein grauenhaft lauter Besen?«, flüsterte sie.
»Besen? Ich lach mich kaputt!«, dröhnte Septerza, »Das ist eine Hondo “Black Wing”, Hexensonderausstattung mit echten Wings, Polstersessel mit Sicherheitsgurt, Satelliten-Navigation und Farb-TV! Aber hier hinter'm Mond kennt man ja wohl nix davon, was? Aber willst du mich nicht wenigsten hereinbitten, ich hasse diese viele frische Luft hier.«
»Ja, Ja komm herein, aber schrei doch bitte nicht so laut, ich bin doch nicht taub«, entgegnete Silenzia, »was führt dich zu mir, du bist doch sicherlich nicht zufällig hier, nicht wahr?«
»Ja weißt du, Silly, meine Besen machen gerade Frühjahrsputz in meinem Penthouse in der big town und das war so ätzend, da hab ich mich auf meine Karre geschwungen und mich erst mal vom Acker gemacht. Unterwegs ist mir eingefallen: “Ach, mach doch mal 'n Abstecher zu Silly, der alten Waldeule. Hast zwar kein date mit ihr ausgemacht aber die ist ja immer at home” und you see, here I am, hast du mal 'n Bier da, ist so dry hier.«
»Septerza, Septerza, wie soll es mit dir bloß einmal enden? Nein, ein Bier habe ich nicht, ich kann dir aber einen Schneckentee und ein paar Knollenblätterteigkekse anbieten. Bleibst du länger?«
»Schneckentee, Knollenblätterteigkekse, du machst 'n joke, ja? Ich guck ma in meine Satteltaschen, ich glaub, ich hab da noch 'n Burger drin und 'ne Dose Pils. Ich kann doch über Nacht bleiben, oder? Ich bretter nicht so gerne durch die darkness, you know?« Sie lehnte sich zurück und begann stöhnend, ihre schweren Biker-Boots auszuziehen.
»Oh shit, der Fuß wird immer dicker, kannst dir den nicht mal angucken? Ich war gestern schon beim Doc damit, den kennst du doch auch noch, den Druiden Aspirinus Bayerlein, den Quacksalber. Der hat jetzt 'ne Promi-Praxis in der City. Sagt der Fool doch zu mir: “Ja, liebes Fräulein, das ist die Gicht, das kommt vom vielen Fast-Food. Sie müssen Diät halten! Und dann eine Injektions-Therapie mit den Produkten meines Sponsors, sollen Sie mal sehen, in ein paar Jahren sind Sie wieder fit wie 'ne Sportsocke.” “Paar Jahre?”, hab ich gesagt, “du hast wohl 'n Nagel im Kopp, wa?” Fing er an, 'rumzumeckern. Na ja, jetzt ist er ein Ziegenbock im Streichelzoo, da kann er meckern, so viel er will.«
Silenzia sah sich den geschwollen Knöchel der alten Freundin an und stellte sofort ebenfalls die Diagnose: »Ja. Ja, Aspirinus Bayerlein, ehemaliger Druide und derzeitiger Ziegenbock, hatte Recht: Das ist die Gicht, aber ich glaube, da habe ich auch etwas für dich.«
Sie ging in ihre Hexenküche und kam kurze Zeit später mit einem dicken, schon stark zerlesenen Buch in der Hand zurück. Sie blätterte einige Zeit in den Seiten bis sie fand, wonach sie gesucht hatte.
»Ah, hier steht es ja! Pass auf, liebe Sesterza, dir kann geholfen werden.«

Nichts als Kummer oder Schmerzen bringt die böse Krankheit Gicht
Damit sollte man nicht scherzen. Glaub dem Hexenbuch. Es spricht:
Mittel, die hier vorgeschlagen, haben sich sehr gut bewährt
Heilung gibt es in drei Tagen, jedes ist zehn Kröten wert.

Aus dem Bach zwei Kieselsteine, schneide ihre Augen ´raus,
Vom Geisseltierchen Vorderbeine und drei Löffel Sturmgebraus.
Alles trocknen und verreiben, wenn des Nachts die Sonne strahlt.
Wird den Schmerz sofort vertreiben, aber nur, hast Du bezahlt.

Brate in der Mikrowelle dreizehn Eier einer Maus,
Von der Katze das Gebelle und das Herz von einer Laus.
Dann die Tränen einer Zwiebel, koch es siebzehn Stunden gar.
Riecht vielleicht ein wenig übel, doch es hilft ganz wunderbar.

Ein Glas Milch von einer Schwalbe und vom Spatzen das Gehirn,
rühre an zu einer Salbe und umwickle es mit Zwirn.
Soll es Dir noch schneller helfen, reib Dich ein um Mitternacht,
und dann heule mit den Wölfen wenn der Mond am Himmel lacht.

Vorderhufe einer Schnecke und vom Regenwurm das Fell,
Backenzähne einer Zecke rühr im Fingerhut ganz schnell,
Rückwärts bis zweitausend zählen, daraus koche einen Tee.
Das Rezept ist zu empfehlen, tut es ganz besonders weh

Nimm ein wenig Bauernschläue und von Knoblauch den Gestank
Und ein paar Pfund Männertreue misch mit gleichviel Weiberzank
Laß es siebzehn Stunden köcheln, mach Dir dann ein Pflaster draus.
Angebracht an Deinen Knöcheln, treibt die Gicht ganz sicher aus.

Na. wie gefällt dir das, liebe Sesterza, drei Tage Roßkur statt ein paar Jahre Injektionen mit diesem neumodischen Kram und du bist wieder ganz die Alte.«
»Bah, das ist ja alles ätzend! Aber gut, ich mach mit weil es so schnell geht. Ich hab nämlich Karten für das Rock-Konzert mit den “Witches of Hell” für nächste Woche, mußt du wissen. Da will ich natürlich mit abhotten auf dem dancefloor. Aber wehe, das Zeug hilft nix, denk an den Quacksalber Bayerlein!«
Also begannen die zwei Hexen, Zutaten zu sammeln, zu schneiden, hacken, rühren und diese, leise irgendwelche geheimen Formeln murmelnd, in der kleinen Hexenküche von Silenzia zu verarbeiten.

Alle Tiere, die sich normalerweise in der Nähe des Hexenhäuschens aufhielten, hatten sich bereits in Sicherheit gebracht. Sie waren schon des öfteren Zeuge von misslungenen Experimentierversuchen der Hexe Silenzia geworden und das eine oder andere von ihnen hatte schlechte Erfahrungen damit gemacht. Wer lässt sich schon gern das Fell ansengen oder die Flügel stutzen? Aber sie hatten Glück, denn dieses Mal ging alles gut.
Das Sammeln der Zutaten, die Zubereitung der Rezepte und die Behandlung von Sesterza dauerten, wie angekündigt, mehrere Tage. So
war es nicht verwunderlich, dass die Großstadthexe langsam nervös wurde. Ihr Plappermaul ging ununterbrochen und sie fragte die Waldhexe:
»Sag mal, Silly, wie hälst du das hier eigentlich aus? Hier ist ja echt tote Hose und diese Ruhe, da hört man ja jeden Furz. Ich könnte das nicht. Bei mir im Penthouse ist immer Hully-Gully.«
»Ach weißt du, liebe Septerza, das täuscht. In letzter Zeit war hier wirklich dauernd etwas los. Ich sage dir, das artet schon fast in Stress aus, aber dagegen gibt es auch ein tolles Rezept. Soll ich es dir verraten?«
»Ne, lass mal. Ich kenne keinen Stress. Erzähl mir lieber, was passiert ist.«
»Also gut. Vor neunmalsiebzehn Jahren kamen hier plötzlich zwei Menschenkinder an meine Hütte und begannen, das Dach aufzufressen. Arme Dinger, von ihren Eltern ´rausgeschmissen. Hatten sich im Wald verlaufen und mächtig Kohldampf. Ich hab sie gleich zum Essen eingeladen. Nach ein paar Tagen sind sie aber wieder abgehauen. Wollten nach Amerika, oder so. Undankbares Gesindel, nicht mal den Abwasch haben sie gemacht.
Vor achtmalsiebzehn Jahren steh´n hier plötzlich wieder zwei Menschen, zwei junge Burschen von der Presse, Brüder, glaub ich. Sahen ziemlich grimmig aus. Wollten ein - wie heißt das doch gleich?- ach ja, ein Interview mit mir machen wegen der zwei Kinder. Hab mich ganz nett mit denen unterhalten und beim Abschied rief der eine noch: “Tschüß Oma, wir schicken dir dann ein Freiexemplar von unserem Buch”, und weg waren sie. Oh, wenn ich die in die Krallen kriege, ich mache Schweine aus ihnen, denn als solche haben sie sich herausgestellt. Weißt du, was diese Idioten geschrieben haben? Ich hätte die beiden Kinder fressen wollen! Ich, Silenzia, die ich Vegetarierin bin, solange ich denken kann. Na gut, ab und zu mal eine Kröte, aber nur als Medizin. Ist das nicht eine bodenlose Gemeinheit gewesen? Na ja, vielleicht erwisch´ ich sie ja eines Tages. Auf jeden Fall ist seit dieser Veröffentlichung hier die Hölle los. Alle siebzehn Jahre kommen irgendwelche Touristen und gaffen und schreien: “Oh guck mal, ein Pfefferkuchenhaus, wie süüüß, ob man das essen kann?”, dabei hab ich überhaupt gar nichts mehr aus Pfefferkuchen, viel zu empfindlich, das Zeugs. Aber dann laufen sie hier ´rum und trampeln meine ganzen Kräuter platt, machen - wie nennen sie das noch?- ach ja früher haben sie Photographien dazu gesagt, heute nennen sie das Video-Takes, und dann hauen sie wieder ab und ich hab dann die ganze Arbeit mit aufräumen und so.
Ein anderes Beispiel gefällig? Im vorletzten Winter, ich hatte mich gerade gemütlich in eine Decke gekuschelt, klopft es plötzlich an meine Tür. Ich mach auf, ist da ´ne Schnecke und sagt: “Laß mich ´rein, es ist so kalt!” Ich war so wütend über diese impertinente Störung meiner Ruhe, daß ich sie genommen und ganz weit weggeworfen habe. Im letzten Winter klopft es wieder an meine Tür. Ich mach auf - schon wieder die Schnecke. Sie sagte: “Hör mal Hexe, was sollte das denn eben?” Na ja, seit dem Tag gibt´s bei mir Schneckentee. Du siehst, liebe Freundin, hier ist immer etwas los. Verdammt, kann man denn hier niemals seine Ruhe haben?«
So gingen drei Tage in den Wald und Silenzias Medizin hatte bei Sesterza gut gewirkt ( Natürlich, bei den Zutaten!). Man verabschiedete sich. »Ciao Silly, Süße, besuch mich doch mal in meinem City-Penthouse, irrer Blick auf Downtown, sag ich dir. So was kannst du heute fast gar nicht mehr bezahlen. Apropos bezahlen: Kannst du mir nicht das Rezept mitgeben, der Sponsor von Bayerlein tut bestimmt ´ne Menge Kohle dafür rüber.«
Sie stieg auf ihre “Black Wing Special Edition” und mit einem Höllenlärm und einem »Tschüß, bis bald« verschwand sie über den Bäumen. » Mal sehen«, murmelte Silenzia, »vielleicht in siebzehn Jahren, hängt vom Wetter ab. Aaahhh, endlich Ruhe!! Wehe dem, der mich in den nächsten siebzehn Jahren nochmal stört! Ich mache einen Fisch aus ihm, die sind wenigstens stumm.«
Sie setzte sich vor ihre Hütte und begann, ihre gerade eben unterbrochene Rasur fortzusetzen.
Still war es wieder. Unheimlich still. Kein Vogel, kein Eichhörnchen, ja, nicht mal die Bienen und Schmetterlinge trauten sich, auch nur das geringste Geräusch zu machen.

Ende

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josipeters
Guest
Registriert: Not Yet

Ein großes Kind

bedankt sich für die wunderschöne und homorvolle Geschichte.

Nach den Wolken kommt die Sonne
(Alanns ab Insulis)

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hera
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Hallo Sailor!

Deine Geschichte ist toll. Du musst ja eine Phantasie haben... Ich habe gelacht, gelacht und gelacht.

hera

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sailor
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Registriert: Mar 2001

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Hallo josi, hera,

vielen Dank für eure Zustimmung.
Wenn nur ein Leser lacht, dann hat sich das schreiben der Geschichte schon gelohnt, nicht wahr?

Gruß und ahoi
sailor

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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eine

echt köstliche geschichte! kommt in meine sammlung. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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Ralph Ronneberger
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Hallo sailor,

habe kräftig gegrinst. Der Text hätte (zumindest, was die moderne Hexe und die Gebrüder Grimm angeht) auch glatt unter Satire gepostet werden können. Ne Menge hübscher Einfälle hast du da recht gekonnt verarbeitet. Und daß der Witz mit der Schnecke schon einen reichlich langen Bart hat, scheint noch keiner gemerkt zu haben. ;-)))

Gruß Ralph
__________________
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