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Eine Hundegeschichte
Eingestellt am 02. 07. 2017 20:14


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Tasha
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Registriert: Jun 2017

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Eine Hundegeschichte

Sie war jung, schön, blond und roch wahnsinnig gut. Paul hatte seine beiden Augen auf Matuscheks Golden Retriever HĂŒndin geworfen. Hingebungsvoll bewachte er ihre Eingangspforte, immer bereit seine großen Pfoten auf die Klinke zu drĂŒcken, um seine Angebetete zu einem Spaziergang zu entfĂŒhren. Sehr zum Missfallen meines Nachbarn Klaus Matuschek, der seine Luna, die das GlĂŒck hatte den momentan beliebtesten aller HĂŒndinennamen zu tragen, ungern von einem Straßenhund hofiert sah. Einen ehemaligen Straßenhund, wie ich gerne richtig stellte, der allerdings immer noch sehr mit seiner Vergangenheit verbunden war. FĂŒr unser Zusammenleben bedeutete das, dass Paul der aufmerksamste, zugewandteste und freundlichste tierische Begleiter war, den man sich vorstellen konnte, so lange seinem Freiheitsdrang keine Grenzen gesetzt wurden. Ich fand Matuscheks hĂ€ufige Telefonanrufe absolut ĂŒberflĂŒssig, da Luna zwar ĂŒber ein seidenweiches Fell verfĂŒgte, aber nicht ĂŒber den Grips Pauls Aufforderung nachzukommen. Zudem war fĂŒr VerhĂŒtung gesorgt, Paul hatte die TĂŒrkei nur kastriert verlassen dĂŒrfen. Immerhin hatte er sie verlassen dĂŒrfen, was heutzutage nicht fĂŒr jeden eine SelbstverstĂ€ndlichkeit darstellt.
Ich schlage mich als freie Illustratorin durch. Wenn sie irgendwann ein Kinderbuch in den HĂ€nden halten, auf dem sehr kleingedruckt der Name Marie Genoveva Ritter zu lesen ist, bitte sofort kaufen. Wobei der Anteil, der mir zu steht, so klein ist, dass es einem die TrĂ€nen in die Augen treibt. Wegen meines Namens mĂŒssen sie mich nicht bemitleiden, so ein Vorname hĂ€rtet ab fĂŒr’s Leben. Auch wenn das meiner Mutter nie bewusst war, die eine Vorliebe fĂŒr historische Romane besitzt und ansonsten völlig weltfremd ist. Als ich vor vierzig Jahren als letztes von vier Kindern auf die Welt gekommen bin, hatte sie das zum Anlass genommen mit Hilfe der BĂŒcher dem Alltag sooft wie möglich zu entfliehen. Dadurch wurde ich frĂŒh selbstĂ€ndig und lernte mit wenig zufrieden zu sein. Was mir heute zu Gute kommt. Denn was braucht es den schnöden Mammon, wenn man gĂŒnstig im GrĂŒnen wohnen kann und unter dem Schreibtisch plĂŒschigstes Fell liegt. Ein Collie im Genpool ist eine gute Investition fĂŒr kuscheliges Kraulen. Oft fehlt allerdings die Quelle meiner Inspiration um seinen vielfĂ€ltigen Aufgaben nachzukommen. Dazu gehört regelmĂ€ĂŸige Dorfkontrolle, zwischentierische Kontakte und das Apportieren von Fundsachen.
Eines Tages im Juni, Paul machte gerade Pause und lag sichtlich entspannt zu meinen FĂŒĂŸen, war wieder einmal Matuschek am Telefon. Völlig aufgelöst. Seine Luna war weg. Paul spitzte sofort die Ohren, soweit das bei Schlappohren ging, als er den Namen seiner Favoritin hörte. Deren Besitzer versuchte ihn als Schuldigen anzuprangern. Doch zum GlĂŒck konnte ich ihm ein hundertprozentiges Alibi geben. Nun klang Matuschek so verzweifelt, dass ich Mitleid bekam und ihm unsere Hilfe bei der Suche anbot. Insgeheim dachte ich noch, welche gute Gelegenheit die Erfahrungen aus unserem Man Trailing Kurs im wahren Leben anzuwenden. Paul kam an seine Schleppleine, mit der wir auch durch den Wald zogen, denn unter seinen Vorfahren waren nicht nur Collie und SchĂ€ferhund, sondern auch ein fĂ€higer Jagdhund. Auf meine Aufforderung hin holte der sichtlich dankbare Matuschek Lunas Kuscheldecke, die ich Paul am Gartentor unter die Nase hielt, und auf mein Zeichen sauste er los. Quer ĂŒber die große Dorfwiese mit den alten Eichen, um die die Höfe wie TortenstĂŒcke angelegt waren, ging es die schmale Straße, die aus dem Rundling fĂŒhrte, entlang. Kettenraucher Matuschek hatte MĂŒhe das Tempo zu halten. Unbeirrt folgte Paul der Spur auf dem Seitenstreifen, und als wir an die Kreuzung kamen, suchte er sorgsam jeden Weg ab, um dann den Pfad Richtung Wald zu wĂ€hlen. Am Waldrand mussten wir eine Zwangspause einlegen, als Matuschek uns eingeholt hatte, war Paul kaum noch zu halten. Die Nase dicht auf dem Boden ging es kreuz und quer durch das Unterholz. Seine Ausdauer wurde belohnt. Auf einer kleinen Lichtung an einer dicken Buche mit einem Drahtseil festgebunden, saß Luna und fiepte vor Freude. Voller Stolz streichelte und herzte ich Paul, der wiederum freudig Luna beschnĂŒffelte. Der alte Matuschek sank vor seinem Hund auf die Knie und ich meinte sogar TrĂ€nen in seinen Augen zu sehen. „Wer macht denn so was“, stieß er hervor, wĂ€hrend er Luna befreite. Ich schaute mich um. Hier hin verirrte sich normalerweise niemand, das wĂ€re Lunas Ende gewesen.
ZurĂŒck an meinem Schreibtisch war an Arbeiten nicht mehr zu denken. Ich kaute auf meinem Stift herum. Ja, welcher Hundehasser macht denn so etwas. Oder war diese Tat gar nicht geben Hunde gerichtet gewesen, sondern ein persönlicher Racheakt gegen Matuschek. Der hatte recht ahnungslos gewirkt. Meine Phantasie ging mit mir durch. Die nĂ€chsten Tage vergingen wie im Fluge und es geschah weiter nichts. Ich versuchte Paul im Auge zu behalten, was sich als nicht so leicht herausstellte. Den einen Moment lag er noch auf der Wiese, um im anderen verschwunden zu sein. Um dann seelenruhig seine, hier sind meine alten Knochen vergraben, Verstecke zu kontrollieren, und dabei so zu tun, als ob er nie weggewesen wĂ€re. Ich musste auf unser GlĂŒck und seine Intelligenz vertrauen.
Von Matuschek und seiner Luna sahen und hörten wir nichts, und ich begann den Vorfall langsam zu vergessen. Bis zu der Nacht vom 21. Juni, Sommersonnenwende und damit der lĂ€ngste Tag des Jahres. Ich war lange draußen gewesen und dann auf dem Sofa eingeschlafen. Als Paul anfing zu bellen und wie verrĂŒckt an dem Fenster hochsprang, das zu Matuscheks Hof zeigte, fuhr ich vor Schreck in die Höhe und da war mir auf einmal alles klar, Luna war entfĂŒhrt worden um sie aus dem Weg zu rĂ€umen. Jemand wollte sich ungehindert Zugang zum Haus verschaffen. Matuschek sollte bestohlen werden. Waren er und Blondie ĂŒberhaupt zuhause? Ich musste ihn warnen. Meine Freundin Sinja sagte spĂ€ter, jeder normale Mensch wĂ€re zum Telefon gegangen und hĂ€tte die Polizei angerufen. Ich stand auf, ging zur HintertĂŒr und öffnete sie. Paul hatte nicht aufgehört zu bellen, er stand mit beiden Pfoten auf der Fensterbank und benahm sich wie ein Berserker. Als er mitbekam, dass die TĂŒr offen stand, stĂŒrzte er hinaus und raste zu der Buchsbaumhecke, die die GrundstĂŒcke trennte. Ich schnappte mir die Taschenlampe aus der Schublade der Flurkommode und rannte hinterher. Wir zwĂ€ngten uns durch die lichte Stelle in der Hecke, besser gesagt, Paul setzte mit einem elegantem Sprung hindurch, wĂ€hrend ich mich mĂŒhsam durchkĂ€mpfte. Matuscheks Auto war weg und seine HintertĂŒr stand offen. Pauls Gebelle war verstummt. Jetzt wĂ€re genau der richtige Zeitpunkt gewesen, angesichts dieser Beweislage, die Polizei zu rufen. Ich entschloss mich zuerst nach Paul zu sehen.
In Matuscheks Haus war ich noch nie gewesen. Er war ein Eigenbrötler und ich hatte eine gesunde Aversion gegen Nachbarn. Zuerst sind sie alle nett und verstĂ€ndnisvoll, kurze Zeit spĂ€ter wollen sie ĂŒber die Höhe deiner Hecke bestimmen und mischen sich in dein Leben ein. Im Haus leuchtete ich mit meiner Taschenlampe vorsichtig die Zimmer aus. Das Mobiliar war ĂŒberschaubar und pedantisch gepflegt. Kein Staubkorn und kein Hundehaar waren zu sehen. Wie gut, dass ich Matuschek nie mein trautes Heim zugemutet hatte. Allerdings waren die Schubladen aufgerissen und sahen durchwĂŒhlt aus. Ich hörte das vertraute Klacken von Pauls Krallen auf dem Holzfußboden, im Flur kam er mir entgegen, in der Schnauze ein StĂŒck Stoff. Durch die offene HaustĂŒr drang das GerĂ€usch eines sich sehr schnell entfernenden Fahrzeuges. WĂ€hrend ich Paul fĂŒr seine Beute lobte, fiel mein Blick auf den weißlackierten Holzrahmen der KĂŒchentĂŒr. Dort steckte ein mit einem Messer aufgespießter Zettel, auf dem stand in krakeliger Schrift:
Wir kommen wieder. RĂŒck das Geld raus.
Oh Mann, dachte ich, Matuschek worin bist du verwickelt. Mein GefĂŒhl sagte mir, dass es nicht in seinem Interesse liegen wĂŒrde, wenn ich heute noch einen gutaussehenden Polizisten in seinem Heim treffen wĂŒrde. Und wie groß war diese Chance ĂŒberhaupt. Also ging zu dem altmodischem Telefon und blĂ€tterte in Matuscheks Telefonbuch nach seiner Handynummer. Er ging sofort dran und nachdem ich ihm die ZustĂ€nde in seinem Haus geschildert hatte, herrschte erst einmal Funkstille. Ein „soll ich die Polizei anrufen“, brachte seine Stimme zurĂŒck. Er rĂ€usperte sich und die erwartete Antwort kam prompt. „Oh, danke Frau Ritter, nein das mache ich schon, danke fĂŒr ihr beherztes Eingreifen. Schließen sie einfach die TĂŒren und gehen sie wieder nach Hause. Paul hat die Diebe fĂŒr heute bestimmt verjagt.“ Ich tat, was mir gesagt wurde. Als ich dann putzmunter auf meinem Sofa saß, nachdem ich mir einen Baileys auf Eis und Paul einen Hundekeks gegönnt hatte, fing ich an nachzudenken. Was war mit diesem unscheinbaren SechzigjĂ€hrigen los? Was wusste ich ĂŒber ihn? Wovon bestritt er seinen Lebensunterhalt? Als ich vor drei Jahren nach PĂŒggen gezogen war, wohnte Matuschek schon hier. Hatte ich mich durch sein spießiges Äußeres tĂ€uschen lassen? Ich beschloss am nĂ€chsten Morgen eine Internetrecherche zu starten. Meine Neugierde war geweckt. Paul schnarchte zufrieden vor sich hin und ich löschte beruhigt das Licht.
Anstatt am nĂ€chsten Tag an meinem Auftrag weiter zu arbeiten, durchforschte ich das Netz und fand so gut wie keine Informationen ĂŒber Matuschek. Da blieb wohl nur die direkte Konfrontation. Wieder war es Paul, der mich nach KrĂ€ften unterstĂŒtzte. Durch den nĂ€chtlichen Einsatz hatte sich in seinem Weltbild einiges verschoben. Die Grenze zum NachbargrundstĂŒck existierte nicht mehr. Paul hatte dieses sozusagen eingemeindet und zu seinem Hoheitsgebiet erklĂ€rt. Aus diesem Grund hatte er die komplette Überwachung ĂŒbernommen und dazu gehörten regelmĂ€ĂŸige KontrollgĂ€nge. Nun kann man seinen Hund nicht völlig unkontrolliert kontrollieren lassen und zur Mittagszeit kam ich meiner Aufsichtspflicht nach und zwĂ€ngte mich nach Paul wieder durch diese Hecke. Vor seiner HintertĂŒr saß Matuschek und schaute aus, als ob er auf uns gewartet hĂ€tte. Er verlor kein Wort ĂŒber seinen neuen Wachhund und wĂ€hrend dieser sich mit seiner HĂŒndin auf dem Rasen austobte, bot er mir sogar einen Kaffee an. „War die Spurensicherung schon da“, eröffnete ich ziemlich direkt das GesprĂ€ch. Matuschek wand sich ein wenig, die Frage war ihm sichtlich unangenehm. „Also, hm, ich habe die Polizei erst gar nicht angerufen. Es ist ja nichts passiert und ich wollte nicht so einen Wirbel machen wegen einem dummen Jungenstreich.“ „Wegen einem dummen Jungenstreich“, echotete ich und schaute ihn fassungslos an. Die Hobbydetektivin in mir machte Überstunden. „So viele schöne Indizien. Der Zettel an der TĂŒr, das StĂŒck Stoff, das Paul gebracht hat. Außer
“ Ich machte eine Pause. Ich liebe diese kleinen, dramatischen Höhepunkte. „
du hĂ€ngst voll mit drin und kannst gar nicht die Polizei rufen.“ Ups auf einmal duzte ich ihn, aber immerhin waren wir jetzt so etwas wie Komplizen. Matuschek rauchte ungerĂŒhrt weiter, trank seinen Kaffee und ließ sich Zeit mit der Antwort. „Und du“, ĂŒbernahm er die neue Beziehungsebene, „warum willst du mit drin hĂ€ngen?“ Gute Frage. Weil ich wahnsinnig neugierig war, mein Job mich momentan langweilte, ich Stoff sammelte fĂŒr den neuen Bestseller: Die unglaublichsten Geschichten aus dem Wendland, illustriert und verfasst von Marie Genoveva Ritter. Wie wĂ€re das. Laut sagte ich: „Ich mag keine ungelösten VorfĂ€lle und irgendwie, schließlich sind wir doch Nachbarn, da kĂŒmmert man sich.“ Was faselte ich da, ich hasse NachbarschaftsklĂŒngel. Aber Klaus schien sich damit zufrieden zu geben. Er schaute mich an und nuschelte: „Ich habe da wirklich eine Kleinigkeit zu regeln, dafĂŒr mĂŒsste ich ein paar Tage weg. Wenn du solange Luna nehmen wĂŒrdest?“ Instinktsicher wie er war, setzte sich Paul neben mich mit Luna im Schlepptau und beide wedelten um die Wette. „Kein Problem, ich nehme sie gerne.“ Wie hĂ€tte ich Paul ein paar schöne Tage mit seiner Freundin nicht gönnen können. Matuschek drĂŒckte mir gleich ihre Leine und Futter in die Hand und ehe wir uns versahen, verließen wir sein GrundstĂŒck, diesmal durch die Pforte. „Ach, und wenn ihr etwas hört,“ rief er mir hinterher, „kĂŒmmert euch einfach nicht darum, bleibt einfach schön zuhause.“ Kurze Zeit spĂ€ter saß ich wieder an meinem Schreibtisch, leider mit der gleichen ungestillten Neugierde, aber dafĂŒr um eine Blondine reicher.
Die nĂ€chsten zwei Tage gestalteten sich unproblematischer als ich gedacht hatte. Luna erwies sich als ausgesprochen pflegeleicht und die beiden Hunde waren sich selbst genug. Ich fĂŒhlte mich fast ein wenig ĂŒberflĂŒssig, und das brachte mich auf die Idee, ganz spontan und kurzentschlossen meine Freundin Sinja in Hamburg fĂŒr ein paar StĂŒndchen zu besuchen. So startete ich am Morgen des dritten Tages als Hundesitter mit einem langen Spaziergang bei bestem Nieselwetter, was zur Folge hatte, dass ich die beiden Hunde hinterher ordentlich trockenrubbeln musste. Pauls Halsband hĂ€ngte ich wie immer zum Trocknen auf, doch Lunas musterte ich verwundert und drehte es hin und her. Es war ein two in one Produkt. Ein Stoffschlauch war von innen an das Synthetikhalsband genĂ€ht worden. Recht dilettantisch wie ich fand. Und vor allem wozu war diese extra dicke Polsterung notwendig. Diese Stoffwurst fĂŒhlte sich auch gar nicht weich an, eher wie eines dieser Dinkel-Kirschkern-Körnerkissen, die man erwĂ€rmt und dann auf einen entzĂŒndeten Ischiasnerv legt. Aber zum einen machte das keinen Sinn und zum anderen war die FĂŒllung zu unterschiedlich. Ohne mich lange mit weiteren Hypothesen herumzuquĂ€len, nahm ich meine Nagelschere zur Hand und trennte die zusammengestĂŒckelte Naht auf. Auf meinen guten, alten WeichholzkĂŒchentisch rieselte ein ganzer Haufen transparenter Steinchen. Deren Form erinnerte an WĂŒrfel oder Ă€hnlichen geometrischen Gebilden. Glas war das nicht, und welcher Stein war der MĂŒhe wert ihn einzunĂ€hen? Ich stellte meinen Laptop an und googelte. Gedankt sei Wikipedia und seinem anschaulichem Bildmaterial. Der ansehnliche Haufen auf meinem Tisch war ein Haufen Rohdiamanten. Matuschek, du alter Gauner, da hĂ€tten die Diebe dein Haus lange absuchen können. Ganz schön clever. Der Ausflug nach Hamburg hatte seinen Reiz verloren. Nachdem ich Lunas Halsband wieder in seinen ursprĂŒnglichen Zustand versetzt hatte, tigerte ich durch das Haus. Den Tag verbrachte ich mit halbherzigen Putzaktionen und weiteren ausgedehnten Runden mit den Hunden. An kreativer Arbeit war nicht zu denken. Am Abend sank ich ermattet und ein wenig wirr von all den Thesen und Antithesen, die ich in meinem Kopf aufgestellt hatte, auf meinen Liegestuhl. Zum Ende des Tages hatte der Himmel ein Einsehen gehabt, der Wind hatte die Regenwolken vertrieben und die Sonne lugte hervor.
Als ich mein Gartentor klicken hörte und Paul und Luna um’s Haus stĂŒrmten, war es soweit. Der Herr der Steine war zurĂŒck gekehrt. Bereitwillig nahm Matuschek auf meiner Terrasse Platz , streichelte seine Luna, die vor Freude ganz aus dem HĂ€uschen war, und schien aus Dankbarkeit geneigt mit mir Konversation zu treiben. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. „Die Zeit der Sparkonten ist ja vorbei“, begann ich unvermittelt, „die Leute legen ihr Geld in allen möglichen Anlagen an, Gold zum Beispiel.“ Matuschek nickte. „Was gibt es noch fĂŒr Werte?“ Matuschek zuckte mit den Schultern. Das GesprĂ€ch war doch etwas einseitig. „Ich habe gelesen“, fuhr ich ungerĂŒhrt fort, „Antwerpen ist die erste Adresse im Diamantenhandel.“ Ich schaute ihn scharf an. „Du warst doch schon in Antwerpen.“ Ein amĂŒsiertes LĂ€cheln zog sich ĂŒber sein Gesicht und er nickte. Ich verlor die Geduld. „Komm Matuschek, lass mich nicht dumm sterben. Ich habe die Rohdiamanten in Lunas Halsband gefunden.“ „Durch Zufall“, fĂŒgte ich hinzu, „und ich habe natĂŒrlich alle wieder ordentlich reingepackt, aber
.“ „Aber du willst wissen, wie ich an so eine Menge Diamanten gekommen bin.“ Ich nickte so heftig, dass Paul, der sich an meine Knie gelehnt hatte, damit ich ihm die Brust kraulen konnte, aus seinem Entspannungsmodus gerissen wurde. „Na gut MĂ€dchen, du hast recht, ich habe mal in Antwerpen gearbeitet fĂŒr eine Sicherheitsfirma. Und eines Tages, die Geschichte ist ganz einfach, gab es einen Überfall. Er war ziemlich schlecht ausgefĂŒhrt worden, es wurde herumgeballert und jeder versuchte seine Haut zu retten. Am Ende gelang es mir ein SĂ€ckchen Rohdiamanten in diesem Durcheinander beiseite zu schaffen. Ich wartete eine gewisse Zeit ab, dann kĂŒndigte ich, verschaffte mir neue Papiere und setzte mich hier zur Ruhe. Alle halbe Jahr fahre ich nach Berlin und verkaufe ein paar Steinchen. Durch einen dummen Zufall wurde ich beim letzten Mal durch einen ehemaligen Kollegen aus Antwerpen dabei beobachtet.“ „Miese Typen“, unterbrach ich ihn, „Luna einfach zu entfĂŒhren.“ „Genau, wenn die gewusst hĂ€tten, wie nahe sie den Diamanten waren. Aber damit ist Schluss. Ich habe sie mit einigen Tatsachen konfrontiert, von denen sie nicht möchten, dass sie in falsche HĂ€nde geraten. Sie haben zugestimmt sich ein anderes BetĂ€tigungsfeld zu suchen, als mich zu erpressen.“ „Nun, dann ist ja alles gut“, entfuhr es mir. „Auch wenn du nach gĂ€ngigen Moralvorstellungen nicht völlig korrekt gehandelt hast. Doch wie sagte schon Dostojewski: Geld ist gedruckte Freiheit. Und wer kann da schon wiederstehen.“

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Tasha

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