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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Idee ist das Licht in der Finsternis
Eingestellt am 02. 12. 2013 17:28


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wowa
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Eine Idee ist das Licht in der Finsternis



Der Wecker summte. Riplinger seufzte, drehte sich noch einmal um, schlug dann die Decke zurĂŒck und stand auf. Er war nackt, trank einen tiefen, durstigen Zug von seinem stark sprudelnden Spezialwasser und schaute aus dem Fenster. Ein heller Tag, die Sonne schien. Die KohlensĂ€ure perlte auf bis unters SchĂ€deldach und gut gelaunt nahm er frische Sachen aus dem Schrank und ging ins Bad.
WĂ€hrend des Rasierens prĂŒfte er kritisch seinen professionellen Gesichtsausdruck: offen, aufmerksam, zugewandt. Der funktionierte, fand er, auch nach drei Wochen Sonne, Sand, Meer und lachenden, leicht bekleideten Menschen. Er verließ das Bad, trank die erste Tasse Kaffee und konzentrierte sich auf die kommende Sitzung.
Es blieb beim Versuch. Riplinger konnte sich nicht erinnern.
Gewiß, der erste Arbeitstag nach lustvoller Abwesenheit war berĂŒchtigt, millionenfacher Fluch lastete auf ihm. Doch er liebte seine Arbeit, sie definierte ihn und sein GedĂ€chtnis hatte ihn stets und besonders in beruflicher Hinsicht verlĂ€ĂŸlich und exakt bedient. Riplinger war irritiert.
KopfschĂŒttelnd klappte er den Laptop auf und da stand es: Arthur und Anna P., Paartherapie.
Er schloß die Augen und hörte ihre Stimmen, sah ihre Gesichter, roch ihre Körper, alles 3-D und in Farbe. Sein GedĂ€chtnis lieferte wieder, immerhin. Er lehnte sich zurĂŒck, entspannte die Muskeln und ließ es fließen.
Der Urlaub war Flucht gewesen, Flucht vor diesen beiden Figuren, denen er seit drei Monaten gegenĂŒbersaß. Zweimal die Woche zwei Stunden. Gewöhnlich entwickelten die Klienten in der IntimitĂ€t der SitzungsathmosphĂ€re relativ schnell ein diffuses VertrauensverhĂ€ltnis. Man weinte, schrie, lachte, machte Übertragungen, kurz, man lieferte Material, das, entsprechend aufbereitet, die Basis fĂŒr die nĂ€chsten ZusammenkĂŒnfte bildete.
Mit den P.`s funktionierte das nicht.
Arthur, ein mittelgroßer dicker Mann mit schlohweißen Haaren, hatte beide Elternteile in frĂŒhem Kindesalter durch Suizid verloren. Nichts hatte fĂŒr den Knaben auf die Katastrophe hingedeutet und es gab keinen Abschiedsbrief, der den elterlichen Verzweiflungsschritt in einen Zusammenhang hĂ€tte stellen können. Seither fragte Arthur „Warum?“ und niemand konnte ihm antworten. Auch Riplinger mußte hilflos mit den Schultern zucken, wenn Arthur die letzte Begegnung mit den Eltern schilderte und anschließend in ein lamentierendes Wehklagen ausbrach, warum sie ihn nicht mitgenommen haben, wo sie ihn doch sonst zu Lebzeiten immer ĂŒberall hin mitnahmen. Riplinger wußte es nicht. Ein zweifellos ungewöhnlicher Fall.
Arthur war es gewohnt, auf seine Fragen betretenes Schweigen, allgemeine Kommentare oder schlimmstenfalls ein „Also ich kannte da mal einen...“ zu ernten. So verstummte er allmĂ€hlich, auch weil er keine anderen Fragen hatte. Lediglich in Therapiesitzungen, die seine Frau organisierte, taute er anfangs auf und erzĂ€hlte eloquent von seiner Tragik. Doch da auch hier die Antworten ausblieben bzw den bekannten allzusehr Ă€hnelten, verfiel er bald wieder in brĂŒtendes Schweigen.
Anna P. war anders.
Eine großgewachsene, schlanke, aber keineswegs dĂŒnne Frau mit ernstem, intelligentem Gesicht, dessen Ausdruck manchmal, in Momenten tiefer Bewegung, jenen Schmerzkern erahnen ließ, um den ihr Wesen kreiste.
Riplinger diagnostizierte eine paranoide Zwangsneurose mittelschwerer AusprÀgung.
Anna hatte eine Spinnenphobie, die ihr vorwiegend nachts zum Problem wurde. So trug sie unter ihrem Schlafanzug eine eng anliegende Hose, die zuverlĂ€ssig die unteren Körperöffnungen verschloß. In die Ohren presste sie rutschfeste Spezialstopfen. Dem erstaunten Riplinger erzĂ€hlte sie von einer alten arabischen Foltermethode: winzige Spinnen wĂŒrden den Delinquenten in die GehörgĂ€nge eingefĂŒhrt. Die Tierchen besiedelten das Trommelfell, was zuverlĂ€ssig den Wahnsinn der Opfer zur Folge hatte.
Kurz vor dem Schlaf setzte sie noch eine leichte Atemmaske auf Mund und Nase.
Trotz dieser Maßnahmen suchte sie mehrmals im Monat ein quĂ€lender Traum heim. Sie trĂ€umte, die Maske sei verrutscht und ein TausendfĂŒĂŸler auf der Suche nach einem warmen PlĂ€tzchen nĂ€hme zielstrebig Kurs in ihren halbgeöffneten Mund. Dort schaue er sich ein wenig um und krabbele dann in die Speiseröhre. In dem Moment wacht sie schreiend auf, ihr Körper windet sich unter konvulsivischen Zuckungen, sie rennt ins Bad und kotzt ihren Mageninhalt ins Klo. Anschließend, ein wenig zur Ruhe gekommen, untersucht sie ihren Auswurf: kein TausendfĂŒĂŸler.
Riplinger stand auf, schloß den Laptop und trat ans Fenster.
Anna, ein interessanter Fall, eine erregende Frau. Ihr kĂŒhl – kontrolliertes, mitunter ein wenig arrogantes Auftreten reizte ihn mehr als professionell erlaubt war. Da mußte er vorsichtig sein. Die Zunft war in dieser Hinsicht konservativ.
Doch die wenigen Momente, in denen es ihm gelang, ihren Panzer zu durchbrechen und sie diese NĂ€he zuließ, gehörten zum intensivsten, was er je erlebt hatte. Klar blieb er distanziert, schon aus beruflicher Routine. Zudem saß Arthur ja auch noch da.
Nach diesen Sitzungen war er fix und fertig, verwirrt, an Arbeit war nicht mehr zu denken. Er sagte alle Termine ab und betrank sich den Rest des Tages. GlĂŒcklicherweise ließ sie ihn nur selten tiefer in ihr Inneres blicken, vorhersehbar waren derartige Situationen allerdings nicht.
Die therapeutisch – analytische Fassade unter diesen UmstĂ€nden konsequent aufrechtzuerhalten, kostete extrem Energie. Genau deshalb hatte er den Urlaub gebraucht und die ganze Geschichte erfolgreich verdrĂ€ngt.
In ein paar Stunden saß er den beiden wieder gegenĂŒber.
Sicher war er stĂ€rker als noch vor ein paar Wochen, die Auszeit hatte ihm gutgetan. Ebenso sicher wĂŒrde er bald wieder in den Seilen hĂ€ngen, wenn er sich weiterhin ausschließlich darauf konzentrierte, seine wuchernde erotische Phantasie unter Kontrolle zu halten. Es mußte etwas geschehen, er mußte etwas tun.
Riplinger starrte aus dem Fenster und massierte seine Nasenwurzel.
„Arthur!“ - Arthur störte. Er war offensichtlich therapieresistent, jedenfalls durch Worte nicht mehr erreichbar. Sein beharrliches, verstocktes Schweigen wirkte belastend, feindselig, er blieb ein Fremdkörper, irgendwie deplaziert, ĂŒberflĂŒssig.
„Arthur muß weg! Arthur kommt ins Heim!“
Da war sie, die Idee! Riplinger fixierte kurz den Buddha auf dem Buchregal, dann rannte er wie elektrisiert im Zimmer auf und ab.
Ein alter Freund aus Studententagen hatte vor kurzem ganz in der NĂ€he eine geschlossene Abteilung ĂŒbernommen. Dieser Kollege, ein erfahrener Kliniker, war in Fachkreisen bekannt fĂŒr seine sorgfĂ€ltig dokumentierten LSD – Sitzungen. Die Probanden lieferten unter dem kontrollierten Einfluß der Droge eine FĂŒlle an Material und im Einzelfall waren die Erfolge unbestreitbar erstaunlich. Die Zunft betrachtete diese Therapieform eher skeptisch bis ablehnend, sie war, wie gesagt, Ă€ußerst konservativ.
Aber fĂŒr Arthur war es der Silberstreifen am Horizont, da war sich Riplinger sicher. Der Mann mußte mal auf andere Gedanken kommen und es waren seine eigenen, die da zum Vorschein kamen. Nichts, was ihm von außen aufgenötigt wurde. Eine Expedition in die faszinierende Vielschichtigkeit der eigenen Psyche. Neue Horizonte, die nur darauf warteten, entdeckt zu werden!
Nebenbei: Der Kollege nahm niemand auf unter drei Monaten mit der Option auf VerlÀngerung, kassenfinanziert.
Riplinger hatte sich gefaßt, stand wieder am Fenster, schaute entspannt auf das satte GrĂŒn des Gartens, nickte und sagte halblaut „Ja, so könnte es gehen. Und Anna bekommt Einzeltherapie!“
Er rieb sich die HÀnde und befeuchtete lÀchelnd die wulstigen Lippen.
Es wurde Zeit. Er trank noch einen tiefen Schluck von seinem stark sprudelnden Spezialwasser, fĂŒhlte die KohlensĂ€ure aufperlen, holte das Rennrad aus der Garage und fuhr gut gelaunt und mit leichtem RĂŒckenwind die zehn Kilometer zum Therapiezentrum. Unterwegs, wie aus dem Nichts und völlig unvermittelt, fiel ihm ein Werbeliedchen aus seiner Kindheit ein und die ganze Fahrt ĂŒber schrie er es laut in den sonnigen Tag:
„Ich trĂ€um` von 1000 Ringelsöckchen
in bunten Farben von ERGEE
die passen gut zu meinem kurzen Röckchen
und meinen Sommerschuhen
weiß wie Schnee ...“

Im Therapiezentrum empfing man ihn mit großem Hallo, alle lobten sein gebrĂ€untes, erholtes Aussehen, fragten, wie es gewesen war, die ĂŒbliche herzliche KollegenbegrĂŒĂŸung nach lĂ€ngerer Abwesenheit. Riplinger war beliebt.
Irgendwann nahm ihn Baby, die SekretĂ€rin, beiseite „Du, Riplinger, die P.`s haben abgesagt, sie kommen nicht mehr. Also nie mehr.“ - „Was?!“
„Ja, grad vorhin. Ich wollte dich noch telefonisch erreichen, aber du warst wohl schon unterwegs und bist auch nicht ans Handy gegangen. Sie haben keinen Bock mehr auf dich, meint Frau P.“
„Und sonst?“ - Riplinger war das alles zu viel.
„Niiix,“- Baby war Wienerin, „dein Geld bekommst du natĂŒrlich trotzdem, dafĂŒr war die Absage zu kurzfristig.“
Ach, Scheiß auf das Geld, er hatte es gewußt. Alles lief so gut, da mußte noch was kommen. Er hĂ€tte es vorsichtiger angehen sollen. Auf diesem Tag lag ein millionenfacher Fluch.


Version vom 02. 12. 2013 17:28

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo wowa,
so einen Text kann nur einer vom Fach schreiben. Alles gut nachzuvollziehen. Die SĂŒnde, auf eine Klientin abzufahren, ging ja letzendlich in die Hose. Gut so, sonst hĂ€tte der Therapeut Probleme bekommen.
Sauber geschrieben.
Zwei Kleinigkeiten:

quote:
In die Ohren stopfte sie rutschfeste Spezialstopfen.
vielleicht lieber drĂŒckte er...Wegen der Doppelung.

quote:
Sein beharrliches, verstocktes Schweigen wirkte belastend, feindselig, er blieb ein Fremdkörper, irgendwie desplaziert, ĂŒberflĂŒssig.
deplaziert

Den Titel finde ich etwas sperrig. Er zieht mich nicht so hinein in den Text.

LG USch

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