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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Krähe hackt er anderen...
Eingestellt am 28. 04. 2001 23:57


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Karl Reichert
Blümchendichter
Registriert: Dec 2000

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Eine Krähe hackt der anderen...


Er verfuhr sich jedes Mal und es lag sicher nicht daran, dass er die Strecke nicht kannte, nein, es war eher so, dass er in seiner fast kindlichen Vorfreude jegliches Vernunftdenken, also auch seinen Orientierungssinn, ausschaltete, sich ganz einer Marotte widmete, die man, mit Fug und Recht, als seltsam bezeichnen konnte.
Kralle hatte diebische Freude, bei langen Autofahrten und anderen langweiligen Beschäftigungen, wie Grillfesten und Familienzusammenkünften, Überschriften für fiktive Zeitungsartikel zu kreieren.
Auf Abwege geriet er diesmal aber aus ganz anderen Gründen.
Kralle machte in Marmor und die turnusmäßige Einkaufstour durch Norditalien war, wie immer, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Doch das Wochenende blitzte schon durch die Schweizer Alpen. Vor allem aber dachte er an die extra-ordinären Brüsseler Champagner-Trüffel-Pralinen, die er sich demnächst auf der Zunge zergehen lassen wollte.
Inspiriert wurde er durch seinen klaren Punktsieg über den Meister der persönlichen Inszenierung. Er war mehr als stolz, sich, auf diese elegante Weise, aus den Klauen seines italienischen Freundes befreit zu haben. Es gehört nämlich zum Schwierigsten überhaupt, sich gegen solche Profis zu behaupten, geschweige denn, einen klaren Sieg davon zu tragen. Jeder weiß, wie leicht man bei einem Konter in eine Konter-Attacke laufen kann.
Das er es aber immer wieder versuchen musste, grenzte entweder an Blasphemie oder es war pure Verzweiflung. Artiglio war Praktiker und wirklich gut, wenn es um ganz konkrete Umsetzungen von Ideen ging, sein determiniertes Stigma jedoch ist, dass er Kralle in der Antizipation großer Würfe kein Bein stellen konnte.
Beim morgendlichen Cappuccino in der Bar ging's dann los.
Mit Anschleichen hatte es die letzten Male nicht geklappt und so rechnete Kralle mit einem knallharten Sturmangriff. Um keine direkte Angriffsfläche zu bieten, schnappte er sich die Gazetta, drehte sich ein wenig ab und blinzelte über die Zeitung auf die wenig belebte Piazza hinüber. Aber Artiglio kannte die kleinen Schwächen seines Freundes. Eine war seine Ungeduld. Das die Deutschen aber ein durch und durch arbeitsames Völkchen sind und auch noch punktgenau funktionieren, ist ein Pfund, mit dem es sich trefflich wuchern lässt. Das sind zudem Trümpfe, die er solange im Ärmel behalten wollte, bis er sich seiner Sache ganz sicher war. Einem Widersacher den finalen Stoß, mit der schärfsten Waffe zu versetzen, die man gegen die Deutschen hat, ist ein Hochgenuss, auf den Artiglio nur ungern verzichten wollte.
Aber auch Kralle war nicht unbeleckt in die Auseinandersetzung gegangen. Er hatte sich äußerst penibel vorbereitet, denn es galt nicht nur die Nation als Ganzes zu verteidigen, sondern persönliche Eitelkeiten spielten eine genauso große Rolle. Sein Plan war einfach und tückisch und hätte selbst einem Machiavelli gut zu Gesicht gestanden.
Keiner von beiden konnte auf grobe Fehler hoffen, zu oft hatten sie die ganze Breite der Klaviatur höchst brillant gespielt. Antäuschen und auspendeln, den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen, das waren die gängigen Anfangsversuche. Routiniert wurde aber jede noch so kleine Blöße kaschiert und vom Gegenspieler notiert. Die ersten perfiden Fußangeln wurden ausgelegt, zuerst noch mit lax durchhängender Sicherheitsschnur. Sprachwitz mit überlegener Gestik pariert. Trockener Humor mit beißender Ironie blockiert. Doch plötzlich und unerwartet hatte der Hai nach dem Bissen geschnappt. War das ein erstes Zeichen von Schwäche oder gehörte es zur Strategie? Zotige Unzulänglichkeiten folgten und sollten den anderen einschläfern, zumindest unvorsichtig werden lassen. Persönliche Beleidigungen gehörten ebenso zum Ritual, wie Zähnefletschen und ordinäres Furzen.
Dann, ohne erkennbare Vorwahrung, zog Kralle die Sicherheitsschnur stramm. Jetzt nur nicht den Sicheren spielen, vielleicht Fehler vortäuschen, die Eingeständnisse versprechen, um Neugier zu wecken?
Artiglio hatte angebissen. Das war aber auch ein eindeutiges Indiz, dass er heute nicht gerade seinen besten Tag hatte.
Kralle hatte ihn bei seinem Lieblingsthema: Arbeitswut der Deutschen, einlullen können. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein? Jetzt galt es nur noch, in vorsichtigen Dosen ein wenig Honig ums gefräßige Maul schmieren und, wenn er den Kopf streckte, gnadenlos zuzuschlagen.
Gleichzeitig war Kralle ein wenig beleidigt, dass das Spiel schon so früh zu Ende sein sollte, denn er liebte die faire, harte Auseinandersetzung. Wenn es aber drauf ankam, hatte er den Instinkt eines Killers. Doch im Grunde seines Herzens wollte er gar nicht plump reißen, sondern, wie eine Katze, dem Tod spielerisch ins Auge blicken.
Artiglio beugte sich weit über den Stuhl zurück, fing an zu lächeln und quiekte, wie ein Ferkel: „Das ist ja unglaublich, letztens habe ich doch gelesen, dass eure Gewerkschaften sogar das Recht auf Arbeit einfordern. – So weit müsste es bei uns mal kommen, dass einer sagt, unser Staat sei durch Arbeit legitimiert.“
Auf diesen Satz, in Varianten hatte er ihn schon angedeutet, kam es Kralle an, darauf hatte er lange gewartet.
„Und genau das steht als Grundsatz in eurer Verfassung“, bricht es übermächtig aus Kralle heraus. „In eurer Verfassung steht wörtlich: L´ Italia è una Repubblica basata sul lavoro“, was ungefähr soviel heißt wie: Italien ist eine Republik, die auf Arbeit gegründet ist.“
























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