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Leselupe.de > Humor und Satire
Eine Krankengeschichte
Eingestellt am 10. 11. 2010 10:35


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Jetzt kann ich ja alles ausplaudern, was er mir anvertraut hat. Er hat uns für immer verlassen. Nein, nicht was Sie denken. Er lebt noch, weit von hier, in Australien. Er ist ausgewandert. Sagte, er fände die Luft hier bei uns zum Ersticken. War immer schon etwas überspannt gewesen. Dass sie ihn da unten noch hereingelassen haben, in seinem Alter …

Unser Patient – so will ich ihn nennen, denn er laborierte ständig an irgendetwas – wohnte anfangs in einem der ärmeren Stadtviertel. Die Praxis seines ersten Hausarztes lag im Parterre eines dieser schäbigen Backsteinhäuser. Da ging er mit banalen Infekten hin, ließ sich drei, vier Tage krankschreiben, bekam sein Rezept für ein schleimlösendes Mittel. Der Arzt wirkte verbraucht; abgenutzt wie die Fassaden dieser hastig hoch gezogenen Nachkriegsbauten. Er war nicht mehr jung und mehr als mager – ausgezehrt. Sprechstunde hielt er nur im Beisein seiner Frau ab. Die Leute nannten sie Frau Doktor, obwohl sie nicht einmal Ärztin war. Sie organisierte die Praxis und auch den genauen Ablauf der Untersuchung. Sie sagte: Jetzt musst du ihn abhorchen. Lass ihn Kniebeugen machen. Schreib das Rezept aus … Ihr apathischer Gatte belebte sich erst, als er die Adresse des Patienten las: Ah, da wohnen Sie … Die Ecke kenne ich ja. In Nummer drei ist doch diese Kneipe, nicht? – Seine Augen leuchteten auf einmal. Ihr war es peinlich: Karlheinz, bitte!

Tripper und Syphilis konnte man da nicht behandeln lassen. Seine Gonorrhöe bekamen sie in der großen Hautarztpraxis schnell in den Griff. Zwei der drei Ärzte waren homosexuell. Einer von diesen beiden nahm alles nur von der heiteren Seite. Ja, ja, die böse Syphilis, er sang es beinahe, wenn er mit dem positiven Befund zu einem anderen Kranken über den Flur eilte. Unser Patient suchte sich einen anderen Facharzt, als er selbst einmal verdächtige Flecken entdeckte. Bei Dr. M. war alles sehr diskret. Er führte die Praxis als Einmannbetrieb, ohne Sprechstundenhilfe. Dr. M. war schon älter, sehr mager, etwas zittrig. Dr. M. konnte ihn beruhigen: Negativ, negativ. Nur Lichen ruber, harmlos, nicht behandlungsbedürftig.

Von einer kleinen Vergnügungsreise zurückgekehrt, fand unser Patient dann einen von Dr. M. persönlich in seinen Briefkasten geworfenen Zettel vor: Ihr Befund war doch positiv, kommen Sie umgehend in meine Praxis! – Dr. M. hatte die Karteikarten verwechselt. Er begann sofort, Penicillin zu spritzen. Die Kur zog sich über Monate hin. Mit zittriger Hand injizierte Dr. M. nach und nach achtundvierzig Spritzen. Dann sollte eine Behandlungspause eingelegt werden. Der Patient zog einen anderen Spezialisten zu Rate und erfuhr, er sei längst auskuriert. Maximal zehn Spritzen hätten dafür ausgereicht.

Unser Patient hatte auch mal ein Depressiönchen, eigentlich nicht der Rede wert. Er wohnte damals vor der Stadt, in einem kleinen entzückenden Villenvorort. Die Umgebung bekam ihm wohl nicht. Sein neuer Hausarzt wusste nicht weiter und überwies ihn an einen Psychiater. Prof. P. leitete eine Fachklinik und ordinierte daneben für Privatpatienten. Er hatte natürlich ein Mittel der Wahl, ein Psychopharmakon, das zwar nur allmählich wirkte, dafür umso tiefer in alle Funktionen eingriff. Und beim Absetzen – langsam ausschleichen! – kam es zu Schwindelattacken.

Mindestens ebenso hilfreich war die Gesprächstherapie. Prof. P.: Ihre Symptome sind typisch für das Ende der Lebensmitte. - Ach ja? – Prof. P.: Herr X, sind Sie glücklich? – Hm, seltsame Frage an einen Depressiven … Prof. P.: Ich rate zu einer Psychoanalyse und zwar bei meinem Kollegen Dr. Soundso in der Stadt. Der ist auch so veranlagt wie Sie. Ich könnte es selbst machen, aber ich bin naturgemäß mit Ihrer Seelenlage nicht so vertraut …

Prof. P. hielt den Zeitpunkt für gekommen, seinem Patienten die Endrechnung zu präsentieren. Von ihm persönlich handgeschrieben, wie kalligraphiert, mit hübschem Endsümmchen. – Würden Sie mir bitte in mein Büro folgen? – Unser Patient ging hinter ihm her. Auf einmal fiel der Professor in eine Gangart, die man sonst nie an ihm bemerkte. Er wiegte sich jetzt in den Hüften, dazu peinlich aufreizende Pendelbewegungen des verlängerten Rückens. Um Gottes Willen, Herr Professor, übertreiben Sie es nicht mit der Übertragung!

Unser Patient hatte dann keine Lust auf Psychoanalyse. Er wanderte stattdessen nach Australien aus. Ich werde ihn nicht wiedersehen.

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