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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Kriminalgeschichte
Eingestellt am 19. 08. 2010 18:53


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MĂ€uschen
AutorenanwÀrter
Registriert: Aug 2010

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DĂ©jĂ -lu


Das Auto gab seinen Geist auf – diesmal endgĂŒltig. Sie hatte auf die letzten paar Kilometer schon geahnt, dass das bestĂ€ndige Aufheulen des Motors kein gutes Zeichen war.
Sie hielt am Straßenrand, dicht am Wald, neben dem sie schon lange hergefahren und trotzdem noch nicht an dessen Ende angelangt war.
Anscheinend endete ihr Tag nun so katastrophal wie er begonnen hatte. FrĂŒhmorgens hatte sie einen Anruf bekommen, sie mĂŒsse schon morgen zu ihrer GeschĂ€ftsreise aufbrechen, die eigentlich erst in zwei Wochen angesetzt war. Sie hatte FrĂŒhstĂŒck gemacht, dafĂŒr gesorgt, dass ihre zwei Jungs noch den Schulbus erreichten, das KindermĂ€dchen bestochen, damit sie zwei Wochen eher kam, ihren Mann benachrichtigt, der erst in vier Tagen aus seinem Urlaub zurĂŒckkehrte, ihre JĂŒngste zu ihrer Mutter gefahren, die neunzig Kilometer weit weg wohnte und froh war, ihre Enkelin mal wieder zu sehen, sich auf dem Hinweg zweimal verfahren und nun in der Einöde Halt gemacht wĂ€hrend des dritten Versuchs, die richtige Straße zu finden, einem kaputten Auto, einem Mordshunger und dem Wissen, noch nicht einmal die Koffer gepackt zu haben.
Nicht einmal ein Handy hatte sie dabei. Das lag seelenruhig auf dem KĂŒchentisch und wartete auf seine Besitzerin. Die wĂŒrde sich verspĂ€ten.
Sie seufzte und fuhr sich durch ihre rote MĂ€hne. Wohl oder ĂŒbel musste sie hier warten, bis jemand vorbeikam. Im Dunkeln konnte sie ohne Taschenlampe nicht einmal die Straße erkennen, sie wĂŒrde gnadenlos ihrem grĂ¶ĂŸten Talent erliegen: sich zu verlaufen.
Nachdem sie das Standlicht eingeschaltet und ein Stoßgebet zum Himmel geschickt hatte, dass doch bitte noch jemand um diese Uhrzeit hier unterwegs wĂ€re, lehnte sie sich in dem ungemĂŒtlichen Autositz zurĂŒck, zog den Reisverschluss ihrer Jacke bis ganz nach oben und gĂ€hnte.
Nicht einschlafen!, ermahnte sie sich selbst in Gedanken und gÀhnte erneut. Sonst kannst du deinen Flug morgen vergessen! Nun ja... eher heute, berichtigte sie sich mit einem kurzen Blick auf ihre digitale Armbanduhr.
„Das kann auch nur mir passieren! Ich bin so ein Idiot! Job und Familie? Ja klar, kein Problem! Mach ich mit links!“ Sie schimpfte sich in einem inneren Anflug von Wut ihren Ärger von der Seele, danach ging es ihr besser. Die Situation lud ja geradezu dazu ein und SelbstgesprĂ€che fĂŒhrte sie auch zu Hause sehr gerne.
WĂ€hrend sie sich mit langsamen Kreisbewegungen die SchlĂ€fen massierte, dachte sie darĂŒber nach, wie sie sich wachhalten könnte. Krimis!, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Ihre Mutter hatte ihr wieder einige solcher Hefte mitgegeben, die ihr Mann verschlang wie ihre Kinder SĂŒĂŸigkeiten. Ohne Auszusteigen schaffte sie es mit einigen Verrenkungen, sich ein Heft vom mittleren RĂŒcksitz zu fischen. Ohne der Titelseite oder dem Inhaltsverzeichnis die geringste Beachtung zu schenken, schlug sie wahllos eine Seite auf und blĂ€tterte bis zum Beginn der nĂ€chsten Geschichte vor.
„®Eine Kriminalgeschichte®“, las sie laut den Titel und zog eine Augenbraue hoch. „Hört sich ja wahnsinnig spannend an. Da hatte der Autor ja wirklich Fantasie.“ Sie ĂŒberlegte einen kurzen Moment, ob sie zur nĂ€chsten Geschichte springen sollte, entschloss sich dann aber aus reiner Faulheit dazu, es sein zu lassen und begann zu lesen.
Anfangs blickte sie noch wĂ€hrend eines jeden UmblĂ€tterns hoch, in der Hoffnung, am Horizont die Scheinwerfer eines nĂ€herkommenden Autos zu erspĂ€hen. Doch schon nach wenigen Seiten fesselte sie die Geschichte so, dass ein hupender Lastwagen an ihr vorbeibrausen hĂ€tte können und sie es nicht wahrgenommen hĂ€tte. Normalerweise verabscheute sie Kriminalromane – viel zu langweilig, unrealistisch oder einfach leicht zu durchschauen. Sie wusste selbst nicht, was an dieser Geschichte so anders war.
Es handelte sich um einen amerikanischen StraftĂ€ter Ende 40, der wegen mehrerer schwerer RaubĂŒberfĂ€lle ins GefĂ€ngnis gewandert, dort aber wieder ausgebrochen war und nun plĂŒndernd durch wenig bewohnte Siedlungen zog. Dabei hatte er alle aus dem Weg gerĂ€umt, die ihn bei seinen EinbrĂŒchen ĂŒberrascht hatten. Nun aber war ihm die Polizei dicht auf den Fersen und er musste durch einen Wald fliehen.
UnwillkĂŒrlich wanderte ihr Blick zum Autofenster zu ihrer rechten Seite, welches sie nur zusammen mit einigen Metern Wegstrecke vom Waldrand trennte.
„Klar, jeden Moment kommt der Serienmörder herausgestĂŒrzt“, nahm sie sich selbst auf den Arm, wĂ€hrend gleichzeitig ein leuchtend rotes Schild mit der Aufschrift „UNREALISTISCH“ vor ihrem inneren Auge aufblinkte. Sie las eine weitere Seite, auf der bis ins kleinste Detail beschrieben wurde, was der FlĂŒchtende alles mit seinem nĂ€chsten Opfer zu tun gedachte. Hier bewies der Autor doch noch, dass er reichlich Fantasie besaß.
„Das muss ich mir jetzt wirklich nicht antun.“ Mit einer wirschen Handbewegung warf sie das Heft auf den Beifahrersitz, wo es aufgeschlagen liegen blieb, so als wollte es sie zum Weiterlesen auffordern. Doch diesem Drang widerstand sie bestens. Ein Krimi war wie der andere. SpĂ€testens nach einigen Seiten merkte man das immer wieder. Sie folgte einer ihrer Gewohnheiten und fuhr sich fahrig durch ihr rotes Haar.
Plötzlich ließ ein lautes GerĂ€usch sie zusammenzucken. Jemand klopfte von außen an ihre Fensterscheibe.
Wie nett, der Serienmörder klopft an, dachte sie, immer noch etwas atemlos von dem kleinen Schock. WĂ€hrend sie sich noch fragte, weshalb sie weder vor noch hinter ihr helle Autoscheinwerfer sehen konnte, griff sie geistesabwesend zum Fensterheber. Im gleichen Moment wurde die AutotĂŒr aufgerissen und zwei grobe HĂ€nde schlossen sich um ihre Kehle.
Ich hab nicht abgesperrt?!, war ihr letzter, vollkommen sinnloser Gedanke, bevor sie mit dem Geruch von Schweiß und Blut und dem Blick in eine vor Wahnsinn verzerrte Fratze in tiefe Dunkelheit sank.
Heftig atmend fuhr sie auf, wobei ihr das Heft mit Kriminalgeschichten von den Knien rutschte und unter dem Autositz landete. „Keine gute AbendlektĂŒre“, stellte sie fest und lĂ€chelte ĂŒber ihre eigene Schreckhaftigkeit.
UnwillkĂŒrlich wanderten ihre HĂ€nde an ihren Hals. Noch allzu realistisch waren ihr die Details des Traums vor Augen. Sie folgte einer ihrer Gewohnheiten und fuhr sich fahrig durch ihr rotes Haar.
Plötzlich ließ ein lautes GerĂ€usch sie zusammenzucken...

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Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, zerschlage ich ihn dann mit meinen Taten und spucke mit meinen Worten die Scherben aus?

Version vom 19. 08. 2010 18:53

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