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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Eine Nacht im Kloster
Eingestellt am 06. 12. 2015 23:37


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Arno Abendschön
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Als Fremder nachts irgendwo ankommen, das ist nicht jedermanns Sache. Man fragt sich daher beizeiten durch, von Gasthof zu Gasthof, ob sie etwas fĂŒr die Nacht frei haben. Bei peripher gelegenen Pensionen ruft man bloß an. Es kann vorkommen, dass in kleinen StĂ€dten schon mittags alle Zimmer belegt sind – vielleicht ist es am Montag vor Himmelfahrt. Millionen mĂŒssen dann unterwegs sein. Mag sein, dass man hungrig ist und bald zu Mittag essen möchte, aber die Sorge um die Nacht treibt einen weiter und weiter 


Reisen an sich ist, dachte er, alles in allem nicht sehr vergnĂŒglich. Wenn einen jedoch zu Hause, in der eigenen Stadt, die stets gleichen und schon tausendmal empfangenen Signale nur noch schmerzen, wenn das GefĂŒhl zunehmender Erstarrung die Brust beengt und den Geist veröden lĂ€sst – und das ist oft schon nach einem halben Jahr in der Stadt der Fall -, so muss man an OrtsverĂ€nderung denken. Es ist weniger Lust auf Neues als vielmehr Unvermögen, das Alte noch weiter zu ertragen. Bei diesem Zustand sagt man von einem Menschen gewöhnlich: Er braucht Erholung. Also heißt es, sich mit möglichst geringem Aufwand neuen, weniger kĂŒnstlichen EindrĂŒcken auszusetzen. Man braucht dann bloß aufs Land zu fahren. Die Sinne werden dort unmittelbarer angesprochen als in der Großstadt, die fast nur noch eine Welt aus Piktogrammen ist. In der Stadt haben selbst bunte TĂŒcher, statt einfach nur zu schmĂŒcken, noch eine tiefer gehende Bedeutung.

Ihm fiel jetzt zu seinem GlĂŒck das Kloster ein. Es lag abseits der Hauptstraßen in einem verborgenen Winkel des Landes, zu Fuß zwei Stunden von der kleinen Stadt. Am Telefon eine geistlich besorgte Altstimme – nicht die Zentrale, sondern die Pforte -: Sie werde ihn mit dem Gasthof verbinden. Dann eine krĂ€ftigere jĂŒngere Stimme (Mezzosopran), welche die Frage nach der Herberge ohne UmstĂ€nde bejahte. Er möge nur gleich kommen, nicht spĂ€ter als sechs Uhr, dann wĂŒrden sie nĂ€mlich fortgehen.

Er beschloss, sich vor dem Marsch noch zu stĂ€rken. Zum Mittagessen kehrte er in einem der Gasthöfe ein, die ihn fĂŒr die Nacht abgewiesen hatten. FĂŒr den Altar, von Riemenschneider, war dann allerdings heute keine Zeit mehr.

Die Sorge, nach Einbruch der Dunkelheit am fremden Ort Unterkunft suchen zu mĂŒssen, war er fĂŒr diesmal los. Zwischen Suppe und Braten konnte er es sich eingestehen: Diese immer wiederkehrende Furcht war zumindest ĂŒbertrieben, ja eine Art Zwangsvorstellung. Irgendeine Unterkunft fand sich am Ende immer, und seine AnsprĂŒche waren durchaus bescheiden. Doch darum ging es im Grunde gar nicht, vielmehr war es so, dass ihn die Nacht der Möglichkeit beraubte, mit der neuen Umgebung bald schon vertraut zu werden. Er musste an Prousts großen Roman denken: Ging es ihm nicht Ă€hnlich wie dem ErzĂ€hler mit seinem Horror vor fremden Hotelzimmern und ihrem absurd-feindlichen Mobiliar? Prousts Balbec war heute ĂŒberall. Aber es waren in seinem Fall nicht die Zimmer, die Orte selbst waren möbliert und nur fĂŒr den Tag möbliert. Was am Tag harmlosen Zwecken dient, erscheint bei nĂ€chtlicher Beleuchtung verzerrt und drohend, rĂ€tselhaft oder absurd 
 Ein menschenleeres LampengeschĂ€ft, in dem alle zum Verkauf stehenden Leuchten intensiv, im Übrigen jedoch sinnlos vor sich hinstrahlen, ist ebenso schreckenerregend wie der lange unbemerkt bleibende, unbeleuchtete Riesenturm einer gotischen Kirche, der einen mit seinem schwarzen Schlagschatten erst im letzten Augenblick anfĂ€llt und ĂŒberfĂ€llt. Letzte Passanten sind entweder eilige FlĂŒchtlinge oder Halunken, denen nicht ĂŒber den Weg zu trauen ist. Hunde und Katzen haben fĂŒr diese AtmosphĂ€re voller TĂŒcke die richtige Witterung: Im Herumstöbern durch einen seltenen EinzelgĂ€nger aufgeschreckt, werden sie sogleich aggressiv oder fliehen 
 Er hĂ€tte sich jetzt noch viel mehr Details ausmalen können. All das war natĂŒrlich lĂ€cherlich und die Diagnose klar: Am Vertrauen fehlte es. Immer wieder musste es mĂŒhsam erworben werden, und das war eben nur bei Tag möglich.

Nicht dass er die Nacht an sich fĂŒrchtete. War die Umgebung vertraut, war sie willkommen. Sie lullte ein, deckte Unschönes zu und erlöste einen von der Monotonie des allzu Vertrauten.

Er brach dann unmittelbar vom Gasthaus auf und verließ die kleine Stadt und das unscheinbare Tal, in dem sie lag. Oben angekommen, folgte er einem Feldweg, der sich an Äckern und Hecken vorbei und durch WĂ€ldchen zog, immer ziemlich eben dahin. Es ging ĂŒber eine Art wellige Hochebene, an drei Horizonten verschwammen höhere Berge im Dunst. Ein Aussichtsturm, aus grauen Feldsteinen gemauert und nicht sehr hoch, stand etwas abseits in den Feldern. Er hĂ€tte die Landschaft gern von oben betrachtet und sich einen Überblick verschafft. Aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen: Sich die Unterkunft fĂŒr die Nacht zu sichern, war jetzt wichtiger. Und war es sonst im Leben nicht oft Ă€hnlich: Der Tag forderte dies und das – und dabei wĂ€re man gern stehen geblieben und hĂ€tte den Lauf der Dinge einmal in aller Ruhe verfolgt 


Ob die Nonnen wohl sehr empfindlich sein wĂŒrden? Er ermahnte sich, rechtzeitig daran zu denken, den obersten Knopf seines Hemdes zu schließen. Und hemdsĂ€rmelig musste er dann auch nicht mehr sein. Noch nie hatte er ein Nonnenkloster von innen gesehen, er war indessen bereit, sich fĂŒr eine Nacht einem Regiment von milder und sinnenferner Strenge zu unterwerfen.

Er unterhielt sich damit, ein KaffeehausgesprĂ€ch zu rekapitulieren, das er tags zuvor im NeustĂ€dter Lamm mitangehört hatte. In Neustadt hatten sie es also letzten Winter riskiert, so eine komische Oper namens PalĂ€stina aufzufĂŒhren, aber nur die Musik, leider ohne KostĂŒme und ohne Tanz, sagte die eine Dame zur anderen, ihrem Besuch von auswĂ€rts. Ergreifend sei es ja gewesen, aber vielleicht doch etwas zu modern. Eigentlich höre sie, wenn schon Gesang, dann doch lieber die Chansons von Hildegard Knef. Er hatte die Dame gestern nicht richtig verstanden, erst jetzt begriff er, dass man sich an eine konzertante AuffĂŒhrung von Pfitzners Palestrina gewagt hatte. Das war allerdings ein starkes StĂŒck! Er lachte laut, allein auf freiem Feld, damit Bergson klar widerlegend, den er auf dieser Reise abends las und der geschrieben hatte: Wir wĂŒrden die Komik nicht genießen, wenn wir uns allein fĂŒhlten.

Er hatte jetzt etwa die halbe Strecke zum Kloster zurĂŒckgelegt. Der Weg fĂŒhrte gerade am einzigen Dorf unterwegs vorbei. Ein Hofhund bellte, er war hoffentlich angekettet.

Hinter dem Dorf begannen ObstgĂ€rten. Die Kirschen waren schon abgeblĂŒht, Äpfel und Birnen standen zum kleineren Teil noch im Flor, aber in einigen Tagen wĂŒrde es auch damit vorbei sein. Eine Wiese war gelb ĂŒberschĂ€umt vom Löwenzahn, der wie toll blĂŒhte. Alles gedieh, auch die im letzten Herbst gepflanzten BĂ€umchen belaubten sich und sprossen empor. Die frischen Farben, die zarten Formen, all das tat den Augen nach den winterlichen Entbehrungen gut. Wegen solcher EindrĂŒcke fĂ€hrt man aufs Land. Er versenkte sich in den Anblick der rein weißen BirnenblĂŒten, in die cremefarbene Apfelblust und ihr irritierend heftiges und unregelmĂ€ĂŸiges GeĂ€der. Dann verglich er die eben ausgerollten BlĂ€ttchen untereinander. Die jungen BirnenblĂ€tter glĂ€nzten wie in aller Unschuld lackartig, wogegen das neue GrĂŒn der ApfelbĂ€ume von Anfang an einen silbrigen Grauschimmer aufwies, etwas pelzig Aufgerautes, das an Erfahrung und AbhĂ€rtung denken ließ. Zwei so nahe verwandte Baumarten – und erschienen in ihren einzelnen Formen reich an Kontrasten.

Sein Großvater hatte daheim die ersten ObstgĂ€rten angelegt; sie waren lĂ€ngst verwildert. Sein Vater hatte weitere ObstgĂ€rten angelegt; auch sie wurden nicht mehr gepflegt. Er selbst pflanzte keine ApfelbĂ€umchen. Er entstammte einer verrotteten Familie! Das war aus den Buddenbrooks. Zitieren war seine Passion. Manchmal schien es ihm, er lebe bloß, um Situationen wiederzufinden, die er aus der Literatur kannte.

Wenn er unbedingt positiv denken wollte, durfte er auf den eigenen Entwicklungsstand stolz sein. Im Grunde hatte er sich selbst erzogen. Zwar war auch in ihm das BedĂŒrfnis nach Orientierung vorhanden gewesen, zuweilen hatte es sich sogar recht heftig geĂ€ußert. Die Suche nach Figuren, die Identifikation ermöglichen sollten, verlief indessen stets enttĂ€uschend. Diese Erfahrung verfolgte ihn seit ĂŒber dreißig Jahren, als lĂ€ge dem ein Naturgesetz zugrunde.

Mehr als eine Ahnung, ein sicheres GefĂŒhl, also Instinkt, trieb ihn in jungen Jahren hinaus in die Welt. Aus Instinkt suchte er Distanz zu Familie, Herkunft, Heimat. In seinem heimatlichen Nest wĂ€re er zwangslĂ€ufig eine Figur Ă  la E.T.A. Hoffmann geworden: ein deformierter Kleinstadtcharakter. Und in der Großstadt? War er, trotz allem und auf andere Weise, vielleicht auch eine Figur wie bei E.T.A. Hoffmann geworden. Es sollte ein Experiment werden. Alles wollte er sich neu schaffen, wie er es fĂŒr richtig hielt: die innere wie die Ă€ußere Welt. Es war ihm gelungen, auch ein Grund, stolz zu sein. Aber seit er auf die vierzig zuging, sah er immer deutlicher: Alles lief zwar in einem anderen Rahmen, doch im Grunde nach denselben Gesetzen wie in der Jugend ab. Nur eines war neu, eine beginnende MĂŒdigkeit. Er begann sich aus dem immer gleichen Kreislauf von Hoffnung, Erfahrung und EnttĂ€uschung hinauszusehnen. Die großen Inhalte – er hatte sie vergeblich außerhalb der eigenen Person gesucht.

Dazu kam, dass die Parallelen sich aufdrĂ€ngten. Der Blick wurde schĂ€rfer, auch sich selbst gegenĂŒber, und er sah: Auch er war nur einer aus seiner Sippe. Dieser einzig noch möglichen Identifikation war er so lange wie möglich ausgewichen, ein langer, ermĂŒdender Umweg.

Die große Stadt, in der er unbedingt hatte leben wollen, war, alles in allem, auch nur eine EnttĂ€uschung. Um Erfolg zu haben oder sich Erfolg und Zufriedenheit vorzutĂ€uschen, war ein zunehmend grĂ¶ĂŸerer Aufwand nötig, emotional wie physisch. Der Aufwand wurde grĂ¶ĂŸer, die Ergebnisse wurden allmĂ€hlich dĂŒrftiger. Was nutzte es einem dann noch, in einer großen Stadt zu leben? Seit einigen Jahren betrachtete er die Heimat mit anderen Augen. Jedoch verstand er unter Heimat nicht mehr dasselbe wie zwanzig Jahre frĂŒher. Er war jetzt planlos und ziellos in weiten Landschaften unterwegs, um sich aus einzelnen EindrĂŒcken eine ideale Heimat zurechtzumodeln. Denn darĂŒber war er sich klar: Heimat hatte es in der Wirklichkeit nie gegeben, und es wĂŒrde sie außerhalb des eigenen Kopfes auch nicht geben. Heimat war nur ein Wort; es bezeichnete ein Mosaik unterschiedlicher positiver Bilder, die man sich verschafft hatte und bei sich aufbewahrte.

Seine Entwicklung in den letzten Jahren hatte ihn allmĂ€hlich den Freunden in der großen Stadt entfremdet. Da war zum Beispiel Stefan. Seine Fluchten und die Fluchten weiterer Freunde fĂŒhrten in andere Richtungen. Sie flogen ein- oder zweimal im Jahr weit fort, jedes Jahr weiter. Sie glaubten, das entgangene GlĂŒck an konkreten Orten noch einholen zu können. Je weiter ein Ort entfernt und je grĂ¶ĂŸer er war, umso wahrscheinlicher musste es doch sein, dort eine tiefere Befriedigung finden zu können. Stefan kam jedes Jahr unzufriedener zurĂŒck, nicht weil er unterwegs keine Befriedigung gefunden hatte, sondern weil er dort, wo er sie nicht gefunden hatte, nicht lĂ€nger hatte bleiben können: Die Befriedigung hĂ€tte sich sonst noch eingestellt, es war nur eine Zeit- und Geldfrage. Wie Prousts ErzĂ€hler von Balbec hĂ€tte man von Stefan und seinen Reisezielen sagen können: Der Aufenthalt dort hatte ihm nicht genutzt, und eben das erzeugte in ihm die starke Sehnsucht, bald wieder dorthin zurĂŒckzukehren.

Stefans Freunde dachten und litten wie er. Sie schickten ihm ironische Ansichtskarten aus New York und unironische aus Seattle oder Sydney. Stefan arrangierte sie an der Wand seines Wohnzimmers, und zwischen all diesen Karten aus Sydney, Seattle und so weiter störten die Karten dieses einen Sonderlings, der er selbst war, den beabsichtigten Gesamteindruck empfindlich. Dass Stefan dort Motive wie die Kartause von MĂŒnsterbach, ein StĂŒck Spessartwald oder einen Gletscher in GraubĂŒnden duldete, es bewies, dass er wahrer Freundschaft fĂ€hig war. Der SchwerverstĂ€ndliche traf Stefans Freunde im Winter, und sie litten unter der eigenen großen Stadt, die ihnen nicht groß genug und, wie sie sagten, in jeder Hinsicht zu provinziell war. Sie fragten Stefans sonderbaren Freund, wo er im Urlaub gewesen sei, und wenn er zum Beispiel sagte: In Franken, fragten sie zurĂŒck: In Frankreich?

Er drang jetzt in einen Bereich des Waldes vor, in dem das Licht sich verĂ€nderte. Der Baumbestand war hier weniger dicht, die natĂŒrliche Beleuchtung erschien infolgedessen diffus und sogar kĂŒnstlich. Zahlreiche StĂ€mme waren gefĂ€llt oder entwurzelt worden und kleine Lichtungen waren entstanden; sie wuchsen bereits wieder zu. Der Wald war in seinem Inneren zugleich in Auflösung und in Regeneration begriffen. Alle diese Erscheinungen verteilten sich unregelmĂ€ĂŸig ĂŒber eine grĂ¶ĂŸere FlĂ€che. Der Weg Ă€nderte hĂ€ufig die Richtung. Ohne die Wegzeichen hĂ€tte er die Orientierung verloren.

Plötzlich assoziierte er die Szenerie mit einem Bild von Weisgerber. Es war ein Sebastian mit Reiter, und zwar die Ludwigshafener Version. Es fehlte hier allerdings die Gestalt des jungen MÀrtyrers, an einen Baum gebunden und sonderbar allein gelassen, es fehlte auch der Reiter im Hintergrund des Bildes, seine Haltung feierlich und drohend und sein Gesicht unkenntlich. Jedoch war die Stimmung des Ortes auch ohne die Personen die gleiche wie auf jenem Bild; ein Schauplatz, den die Akteure jederzeit betreten konnten.

Weisgerber, sĂŒddeutscher Maler der Jahrhundertwende und im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen, er hatte ihn zufĂ€llig entdeckt oder wiederentdeckt, als er sich vor Jahren wegen einer Erbschaft in der Pfalz befand. Er nutzte die freie Zeit, um die Pfalzgalerie in Kaiserslautern kennen zu lernen. Er hatte sich durch alle SĂ€le und Epochen vorgearbeitet, ein Saal und dann noch einer waren ĂŒbrig, da lenkte aus dem allerletzten das sehr keusche und zugleich sehr erotische Bildnis eines jungen Mannes alle Aufmerksamkeit, deren er noch fĂ€hig war, auf sich. Es war Albert Weisgerber. Seither hatte er eine Reihe Ă€hnlicher Selbstbildnisse dieses Malers gesehen, und jedes wirkte in derselben Weise scheu und aufreizend. Es verströmten diese Bilder unausgesprochene Autoerotik. Sie waren Ausdruck einer liebevollen Versenkung in sich selbst, sie forderten jedoch keineswegs dazu auf, sich diesem Körper zu nĂ€hern.

Er besuchte dann Bildergalerien in SaarbrĂŒcken, Stuttgart und Ludwigshafen und stand oder saß lange vor Werken wie dem Absalom oder den Sebastian-Bildern. Dies waren keine Selbstbildnisse, doch sie erregten bei ihm nicht weniger Staunen und Sympathie.

Erst jetzt, auf diesem Gang durch den Wald, erfuhr er, was das Ludwigshafener Bild fĂŒr ihn bedeuten konnte. Waren die unmittelbar vorangegangenen resignativen Gedanken die Auslöser? Er versetzte sich nun an Sebastians Stelle. Das war eine Identifikation, die endlich einmal nicht mit EnttĂ€uschung verbunden sein wĂŒrde. Schmerzen und Leid waren von vornherein mit dieser Rolle verbunden, gerade in der Qual bestand in diesem Fall die ErfĂŒllung. War Masochismus die Lösung seines Problems? Weisgerber hatte ein schönes Bild gemalt. Der Genuss in der Vergewaltigung, von dem Nietzsche an einer Stelle spricht, ist, wie dieses Bild nahelegt, auch dem Opfer möglich. Ein kĂŒhner Gedanke, aber ihm, einem zweiten Sebastian, sind in seiner jetzigen Doppelnatur solche SchlĂŒsse erlaubt. Ein gefĂ€hrlicher Gedanke? Nein, ihm wird er nicht mehr gefĂ€hrlich werden. Dieser abschĂŒssige Weg ist ja von ihm schon einmal eingeschlagen worden und er hat in der RealitĂ€t nur zu Verdruss und Langeweile gefĂŒhrt. Dennoch, trotz dieser ernĂŒchternden Erfahrungen, blieb das Bild in seiner Erinnerung schön und verlockend. Er sollte wirklich den seit lĂ€ngerem geplanten Aufsatz ĂŒber die suggestive Kraft der Bilder von Weisgerber schreiben.

Plötzlich trat er aus dem Wald heraus. Da unten, umgeben von Feldern und GÀrten, lag das Kloster.


Die Schwestern betrieben hier die Landwirtschaft und auch den Gartenbau. Er durchquerte den GĂŒrtel der Äcker, der rundum vom Klosterwald umschlossen war und der seinerseits die ausgedehnten GĂ€rten umgab, die bis an die Klostermauern reichten. Vieh sah er keines. Der hohe Futtersilo, der hinter dem Kloster aufragte, ließ indessen vermuten, dass auch Tiere gehalten wurden. Die GĂ€rten waren sehr belebt: HilfskrĂ€fte in blauen Arbeitskitteln, mit allerlei einfachen Arbeiten befasst, GĂ€rtner (Gesellen und Meister), die zugleich anordneten und zupackten, schließlich Nonnen in ihrer Tracht, die umhergingen und sich vergewisserten, wie jeder an seinem Platz zurechtkam. Er blieb stehen und ließ, indem er die Augen zu Schlitzen verengte, das Bild vor sich stillstehen. Es hatte dann große Ähnlichkeit mit Abbildungen in alten BĂŒchern, etwa ĂŒber den Gartenbau im sechzehnten Jahrhundert.

Eine Tafel, in der NÀhe des Tores angebracht, belehrte einen, dass die Schwestern hier eine Anstalt unterhielten. Sie hatten allerlei Beladene in ihrer Obhut. Wer am Leib oder an der Seele schwer geschÀdigt war und in der Welt nicht zurechtkam, konnte hier eine Zuflucht finden.

Er durchschritt das Torhaus und befand sich im inneren Klosterbezirk, einem schönen, weiten Park, wo unter alten BĂ€umen GebĂ€ude aus sechs oder sieben Jahrhunderten standen. Das Gasthaus, spĂ€tes neunzehntes Jahrhundert, war ein behĂ€biger Riegel und lag dem Hauptbau der alten Abtei gegenĂŒber. Er ging hinein und machte drinnen sogleich die Bekanntschaft einer blonden jungen Frau: Mit ihr hatte er vorhin telefoniert. Sie war keine Nonne, sie sah ihm offen in die Augen und fĂŒhrte ihn hinauf in den Oberstock, wobei sie ihm Verhaltensmaßregeln gab. Er hörte nur halb hin. Sie war eine auffallende Erscheinung, sie hatte bei aller anmutigen Frische etwas sonderbar AltfrĂ€nkisches, wie auf Bildern des jĂŒngeren Cranach. Nicht nur war der Schnitt des Gesichtes altertĂŒmlich, auch Mimik und Gestik wirkten recht unzeitgemĂ€ĂŸ. Von Cranach gab es eine Darstellung Christi mit der Ehebrecherin, an diese fĂŒhlte er sich jetzt erinnert. Die junge Buhlin sah darauf recht appetitlich aus. Sie war errötet, und das stand ihr sehr gut. Ihre Haltung verriet weniger Zerknirschung und Bußfertigkeit als vielmehr tiefen Verdruss darĂŒber, ertappt worden zu sein. Sie wĂŒrde die Ehe erneut brechen, könnte sie es in Zukunft gefahrlos tun. Übrigens waren auf jenem Bild die Hitzigen, die sich geifernd ereiferten und bei Jesu beschwerten, mit viel feinerer Psychologie gemalt als die Sanften, die zwar gewiss nicht alles verstanden, es aber dennoch entschuldigten. Einer der AnklĂ€ger, erinnerte er sich, wĂ€hrend sie ĂŒber den Flur gingen, hatte grĂ€uliche GeschwĂŒre am Hals, ein anderer, ein hĂŒbscher Kerl mit sinnlichem Tierblick, hatte, indem er Partei nahm gegen die Ehebrecherin, offenbar selbst grĂ¶ĂŸte Lust, mit ihr zu sĂŒndigen. Nicht viel fehlte und er hĂ€tte sich die Lippen geleckt 


Sie zeigte ihm, wo das Bad lag, dann den Aufenthaltsraum. Sie traten in sein Zimmer. Es war gerĂ€umig und mit schlichten Ă€lteren Möbeln ausgestattet. Er sei der einzige Gast im Haus, sie wĂŒrden um sechs Uhr schließen, da morgen Ruhetag sei. Wenn er noch etwas essen wolle, könne er es zwischen fĂŒnf und sechs bekommen. Zum FrĂŒhstĂŒck werde morgen jemand da sein, um ihn zu versorgen. Er solle gleich noch einmal zu ihr in die Gaststube kommen, sie werde ihm dann den SchlĂŒssel fĂŒr das Haustor geben; den dĂŒrfe er nicht verlieren, es sei nĂ€mlich niemand von ihnen ĂŒber Nacht in der NĂ€he.

Er ging im Zimmer auf und ab. Dazu verlockte einen der große Raum und die beiden Fenster zum Hinausschauen und –lehnen. Sie gingen auf den Hauptplatz, der mit hohen alten Linden bestanden war. Durch die sich begrĂŒnenden Zweige erschien, unscharf wie im Aufriss, die Abtei der Renaissance mit ihrem Eckturm aus gleicher Zeit. Er wollte jetzt alles sehen. Im Zimmer war es wunderbar still, wunderbar wĂŒrde der Abend werden.

Er ging hinunter und stand orientierungslos in einem breiten Gang mit offenen TĂŒren rechts und links. Da war die KĂŒche, da die VorratsrĂ€ume, da eine Art Backstube 
 Hinter ihm machte sich ein Mensch bemerkbar. Er wandte sich um und stutzte – was fĂŒr eine Erscheinung, auch er! Ein Mann um die dreißig in kurzen Shorts und mit kunstvoll verwirrten blonden Locken 
 Hier war offenbar ein stĂ€dtischer Coiffeur am Werk gewesen und hatte, vermutlich fĂŒr viel Geld, den Eindruck urwĂŒchsiger und ungeordneter Haarpracht erzeugt. Diese Absicht, mit viel Raffinement etwas möglichst primitiv Wirkendes herstellen zu wollen, verstimmte. Sieht so der PĂ€chter eines Klosterwirtshauses aus? Sicher benutzt er auch ein ParfĂŒm, das zugleich brutal und dezent riecht. Überhaupt ist er viel zu hĂŒbsch 
 Der Gast wandte sich ab.

Der andere musste an derartige Äußerungen mĂ€nnlichen Unmuts angesichts mĂ€nnlicher Schönheit gewöhnt sein. Er fragte beflissen, wenn auch mit dem herben Akzent der Gegend: „Suchen Sie den Gastraum?“ – Der Fremde bejahte wortlos und bekam den Weg gewiesen. FĂŒrs erste war er dem Zustand der Desorientiertheit entronnen, er stand mitten in der Gaststube.

Er bekam den SchlĂŒssel und ging ins Freie. Draußen strömten die Insassen, die Pfleglinge zu ihren Wohnungen. Es war Feierabend. Einige grĂŒĂŸten ihn von weitem, wie es Kinder auf dem Land tun, denen Artigsein eingeschĂ€rft worden ist, zumal Fremden gegenĂŒber. Andere schienen ihn nicht einmal zu bemerken. Diese als erster zu grĂŒĂŸen, vermied er lieber. Im Übrigen verlief jede Begegnung anders. Es gab kein vorhersehbares Verhalten, keine Übereinstimmung, keine GesetzmĂ€ĂŸigkeit, keine Norm. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, liefen alle vereinzelt durchs Tor und durch den Park. Mit dem Feierabend hatte sich das schöne Bild der Ordnung aufgelöst. Eine passive und idiotische Anarchie lag jetzt ĂŒber der Anstalt.

Er fand heraus, dass die alte Klosterkirche lÀngst abgerissen war. An ihrer Stelle stand ein einfacher, reizloser Betsaal. Hinter dem Gasthaus lagen weitere GÀrten, mitten darin ein schmucker Pavillon aus dem Rokoko. Er wird ihn nachher vom Badezimmer aus sehen können.

Es war fĂŒnf Uhr. Er ging in die Gaststube zurĂŒck und nahm an einem der Tische Platz. WĂ€hrend er auf sein Abendessen wartete und auch wĂ€hrend er es verzehrte, unterhielten sich am Nachbartisch ein Priester und eine Greisin auf philosophische Weise. Pascals Name fiel, auch der von Albert Schweitzer. Sie zitierten mit Fleiß, doch er merkte: Hier ging es nur um sehr alte Verwundungen, deren Narben noch immer schmerzten. Die Greisin und der Priester benutzten den philosophischen Balsam gewohnheitsmĂ€ĂŸig. KrĂ€nkungen wurden mit frommen Zitaten behandelt wie Hautdefekte mit Cortison bestrichen. Der jahrelange Gebrauch von Pascal und Schweitzer hatte zu Ă€hnlichen Ergebnissen gefĂŒhrt wie die Gewöhnung an das Nebennierenrindenhormon. AllmĂ€hlich hatte sich die Heilwirkung erschöpft, die Behandlung verursachte jetzt selbst einen Reiz, an den man bereits gewöhnt war und den man mit Gesundheit verwechselte und mit immer höheren Dosen unterhielt.

Gegen sechs Uhr leerte sich der Gastraum. Er zahlte und ging in den Oberstock hinauf. Die Fluchten der beiden breiten GĂ€nge: leer, das große Zimmer: leer. Es war eine einladende Leere. Er spĂŒrte, wie nacheinander von ihm abfiel, was ihn sonst ausfĂŒllte: Interessen, GefĂŒhle, Bewusstseinsinhalte. Der große, einfache Raum schien alles aufzusaugen, jedoch mit nichts sich anzufĂŒllen. Man versank im Bewusstsein, dass ein jedes sich wohltuend auflöse. Besonders angenehm war ihm die Vorstellung, dass niemand wusste, wo er sich jetzt befand. Er war unerreichbar geworden – und wie wenig MĂŒhe hatte ihn das gekostet. Gesetzt den Fall, irgendeiner bedĂŒrfe seiner jetzt gerade dringend - Stefan, die Mutter oder jemand im Verlag –, sie hĂ€tten ihn nicht gefunden. Übrigens war es unwahrscheinlich, dass man ihn benötigte. Indessen verstĂ€rkte diese unbegrĂŒndete Annahme jenes GefĂŒhl von Verantwortungslosigkeit, das mit Urlaub und Erholung so eng verbunden ist. Er war entspannt und gut gelaunt, er war es so sehr, dass er sich eingestehen konnte, die ermĂŒdenden Bewusstseinsinhalte seiner normalen stĂ€dtischen Existenz mit den genau entgegengesetzten vertauscht zu haben. Von einem mentalen Vakuum konnte also keine Rede sein.

Er stand am Fenster, hörte, wie unten die TĂŒren von außen geschlossen wurden, und sah die Wirtsleute wegfahren. Er war nun allein in dem großen alten Kasten; rundherum nur alte BĂ€ume, andere leere GebĂ€ude und etwas weiter ab die Wohnungen von Nonnen, KrĂŒppeln und Geistesschwachen. Einen so tiefen Frieden hatte er seit Jahren nicht mehr um sich empfunden.

Er kam vom Baderaum her und kehrte ins Zimmer zurĂŒck. Draußen sandte eine dĂŒnne Glocke sieben feine SchlĂ€ge ins maigrĂŒne Laub. Unmittelbar darauf setzte sie erneut an, diesmal zu heftigem Gebimmel. Sogleich strömten Menschen von den WohngebĂ€uden herbei und zum Betsaal hin. Er sah ihnen vom Fenster zu. Eine grĂ¶ĂŸere Gruppe von Pfleglingen, von einer ernsten und energischen Nonne gefĂŒhrt, schob und drĂ€ngte sich eben unten vorbei. Es sah aus, als ginge es in einen Kampf. Er musste an Nietzsche denken: der Priester als KrankenwĂ€rter. Jedoch wirkte dieser Zug hier auf den Betrachter vor allem Ă€sthetisch. Es war wie auf dem Theater, nach vielen sorgfĂ€ltigen Proben: sehr bewegt, dramatisch zugespitzt und schön.

SpĂ€ter kamen einzelne hinterher. Manchmal schob einer, vielleicht ein Spastiker und selbst der Hilfe bedĂŒrftig, einen anderen im Rollstuhl zur Kirche. Dann feierten sie alle zusammen eine Maiandacht. Sie zogen singend und betend durch den Park, und in seinem stillen, leeren Zimmer vernahm er abwechselnd die Stimmen des Priesters und der Gemeinde von wechselnden Standorten her, rund um das große, leere Gasthaus.

Er nahm das Buch aus dem Rucksack und begann, im Sessel kauernd, zu lesen. Bergsons Theorie vom Lachen war fĂŒr ihn nicht so vergnĂŒglich, wie er beim Kauf des Buches vermutet hatte. Als Agnostiker hatte er bereits MĂŒhe, sich auf den festen metaphysischen Grund dieser Lehre zu begeben. Eigentlich hatte er sich unter Lebensphilosophie etwas ganz anderes vorgestellt, eine wesentlich geschmeidigere Art zu denken. Das System des Philosophen, das Lachen allein als gesellschaftlichen Reinigungsprozess zu erklĂ€ren – genau genommen eine beleidigende Annahme -, war nicht so offen, wie Bergson selbst beteuerte. Im Gegenteil, es erwies sich bei fortschreitender LektĂŒre als nur zu sehr in sich geschlossen, und wenn es galt, jenes System zu verteidigen, verstand der Philosoph keinen Spaß. Sein Vorsatz, lebensnah zu denken, undogmatisch zu prĂŒfen, PhĂ€nomene aus praktischer und intimer Kenntnis darzustellen – all das stand in einem gewissen komischen Kontrast zu ĂŒbertriebener Systematisierung und der Abwehr jeder Beobachtung, die nicht ins sozial fixierte Schema gepasst hĂ€tte. Schade. War dies der große Philosoph, dem Prousts Werk so viel verdankte und dessen Geist dem Stoff des großen Romans die irisierende FĂ€rbung gegeben hatte? Der Einfluss des Philosophen auf den jĂŒngeren Schriftsteller bewies keineswegs die QualitĂ€t seiner Philosophie. Literatur, gerade auch große Literatur, kann offenbar auf wenig ĂŒberzeugendem philosophischem Untergrund wachsen – vielleicht auf diesem sogar am besten? Die Philosophie war dann nur wie ein Ferment.

Er legte das Buch auf den Tisch, stand auf und ging hinĂŒber in den Aufenthaltsraum. Dort gab es einen KĂŒhlschrank zur Selbstbedienung, ferner einen BĂŒcherschrank mit unterhaltsamen Werken der fĂŒnfziger Jahre, schließlich einen Fernsehapparat. Warum nicht einmal fernsehen? Zu Hause besaß er gar kein GerĂ€t. Dieser Umstand ermöglichte es ihm, sich jetzt mit einfachem Knopfdruck neue Perspektiven zu eröffnen. Urlaub machen, mit alten Gewohnheiten brechen, sich neue EindrĂŒcke verschaffen – war das nicht eins und fĂŒr ihn jetzt sehr bequem zu erreichen?

Indessen hatte er MĂŒhe mit der Fernbedienung. Nur ein Programm erschien flimmerfrei und sogar in Farbe auf dem Schirm. Sonderbare Gestalten sah er da um sich versammelt, er saß mitten unter ihnen, und sie redeten ĂŒber ihn hinweg. Vorn die Moderatoren, darunter eine Frau, sie sprachen harmlos und kundig wie VerkĂ€ufer im ReisebĂŒro, wenn sie entlegene Ziele anpreisen, als wĂ€ren es die naheliegenden. Man hört es und glaubt es halb und halb doch nicht. Das VerkaufsgesprĂ€ch war als Diskussion getarnt. Die Moderatoren prĂ€sentierten dem Publikum kostĂŒmierte MĂ€nner, MĂ€nner, die behaupteten, fĂŒr ihr Leben gern Motorrad zu fahren. Da fĂŒhlten sie sich so frei, und wer fĂŒhlt sich nicht gern frei? Die MĂ€nner hatten ihre spezielle Feiertagskleidung angelegt. Sie nannten sie zwar bloß Kluft, aber das war eine Untertreibung. Sie legten vielmehr grĂ¶ĂŸten Wert auf ihre Erscheinung, ja, ihr Äußeres schien ihnen das Wichtigste, so breiten Raum nahm es im VerkaufsgesprĂ€ch ein. Sehr viel Leder, viel Metall und wenn Baumwollstoff, dann dieser wieder am Rand mit Leder abgesetzt. More leather here than on the Ponderosa, hatte mal einer aus Hamburg in die Staaten berichtet.

Bei all den vielen Worten blieb unklar, worin sich diese MĂ€nner von anderen MĂ€nnern, auch Motorrad fahrenden, unterschieden. Das Aggressive im Äußeren sei unverzichtbar, sagten sie, aber gewalttĂ€tig sei man natĂŒrlich nicht. Das Aggressive sei nur unverzichtbarer Bestandteil des Outfits. Warum sie sich so kleideten? Einer ihrer WortfĂŒhrer (die sie PrĂ€sis nannten, er dachte an PrĂ€servative): Damit uns die anderen, die ebenso sind wie wir, erkennen.

Zwischen PrĂ€sis und Moderatoren saß ein geistlicher Herr, der Pater Viktor. FĂŒnfundsiebzig Jahre zĂ€hlt er bereits und sucht noch immer die NĂ€he solcher MĂ€nner, wie sie es sind, ja, er besucht MĂ€nner wie sie auch im GefĂ€ngnis, etwa dann, wenn einer von ihnen jemanden umgebracht habe, wie er beilĂ€ufig fallen ließ. Ein Moderator setzte erschreckt nach: Umgebracht?! – Aber die Frage ging unter, denn die Moderatorin hatte gerade entdeckt, dass der geistliche Herr unter dem schwarzen Rock des Seelsorgers Motorradstiefel trug und, kaum zu glauben, am Ende auch eine Lederhose? Da mimte er kurz den Verstimmten, solche indiskreten Blicke gehörten sich nicht.

Hinter den PrĂ€sis saß auf Stuhlreihen biertrinkenderweise das fahrende Fußvolk und schwieg. Fast alle waren infolge Bewegungsmangel und allzu reichlicher ErnĂ€hrung ziemlich fett, und einigen stand es recht gut. In der zweiten Reihe rĂ€kelte sich in bequemer Position ein bildhĂŒbscher junger Mann mit ganz kurzem schwarzem Kinnbart, durch den sich der Ansatz eines weißen Doppelkinns abzeichnete. Unter dem weißen T-Shirt imponierte ein stattlicher Wanst. Halb selbstzufrieden, halb verunsichert griente er in die Kamera, die wiederholt ĂŒber seinen Körper strich. Einer seiner Nachbarn stand auf, um vor Ende der Sendung einmal hinauszugehen. Da glitt der Blick des liegenden BildhĂŒbschen voller EinverstĂ€ndnis ĂŒber den knapp geschnĂŒrten Korpus des Fortgehenden. Als Zuschauer fĂŒhlte man sich von so viel Übereinstimmung infiziert. Er ging zum KĂŒhlschrank und holte sich eine Weißbierflasche heraus, um sie in diesem Kreis zu leeren. In ihrer TrĂ€gheit lag viel Harmonie, eine harmonische TrĂ€gheit, sie erinnerte ihn an ein frĂŒheres Fernseherlebnis, einen Film ĂŒber die Riesenschildkröten auf den Galapagosinseln. Diese hatten sich in großer Zahl am Strand liegend gesonnt, und der Kommentator hatte bemerkt, sie unterschieden sich gegenseitig nicht als Individuen. Dennoch oder vielleicht eben deshalb schienen sie miteinander sehr vertraut.

Wie die Mönche bezeichneten sie ihre Oberbekleidung als Kutte. Einer erzĂ€hlte, die Kutte des AnwĂ€rters, den sie auf Englisch Prospect nannten, werde mit allem Möglichen getrĂ€nkt, auch mit Urin, und sie werde nie gewaschen! Entsetzen bei den Moderatoren, deren einer einflicht, er benutze sein Oberhemd ja auch schon den zweiten Tag. Und die Moderatorin beruhigt das Publikum, sie habe vorhin einen der PrĂ€sis beschnĂŒffelt, er benutze ein vorzĂŒgliches ParfĂŒm.

Da war die Sendung schon zu Ende. Sie ließen ihn abrupt allein. Er schaltete aus und ging mit dem Rest Bier und einem Rest guter Laune in sein Zimmer zurĂŒck.

Er war so entspannt, dass es ihm schwer fiel einzuschlafen. Gewöhnlich erlebte er den herannahenden Schlaf als einen Akt der Befreiung: alles abwerfen, hinter sich lassen. UnwillkĂŒrlich fand er in einem anderen Erinnerungsfetzen den kĂŒnstlichen Widerstand, der ihm, indem er ihn ĂŒberwand und von sich stieß, zur Bewusstlosigkeit verhalf.

Es war in M., auf einer anderen Reise. Er wollte einmal nicht auf den Preis sehen und wurde schlechter als sonst bedient. Jenes Hotel war leider eines fĂŒr Snobs. Er stieß ĂŒberall auf eine falsche Bescheidenheit, die immerzu demonstrierte: Wir haben es ja nicht nötig. Aber eben diese Demonstration war ihnen nötiger als das liebe Brot. Immer taten sich TĂŒren auf und es traten GĂ€ste heraus, die aussahen wie russische GroßfĂŒrsten und –fĂŒrstinnen im Exil, ausgesucht schĂ€big gekleidet. Das Restaurant wandte sich, ausweislich seiner Karte, an Feinschmecker. Waren solche auch unter den GĂ€sten? Es konnte morgens vorkommen, dass die ausgetrockneten Brötchen vom Vortag zum FrĂŒhstĂŒck serviert wurden. Die GĂ€ste halfen sich darĂŒber wie ĂŒber alles andere mit nur einer Bemerkung hinweg: Hier sei es zum GlĂŒck nicht so perfekt wie in den schrecklich stereotypen neuen Hotels. Die besondere AtmosphĂ€re einer ganz anderen Welt herrschte, und dafĂŒr zahlte man schließlich, das heißt man zahlte nur fĂŒr die Äußerungen eigener gefĂŒhlsmĂ€ĂŸiger BedĂŒrfnisse, nicht fĂŒr einen realen Gegenwert.

An diesem oder jenem Abend erschien die CrĂšme von H. und widmete sich eine halbe Stunde der Frage, ob die StudienrĂ€tin und die Gattin des Baudirektors fĂŒr M. overdressed seien: So hatten es die MĂŒtter dieser Endvierzigerinnen bei deren Aufbruch moniert. Bei ihnen hieß das noch aufgebrezelt. Waren sie es oder waren sie es nicht, ĂŒberlebenswichtige Frage! – NatĂŒrlich gab es auch, betont unauffĂ€llig, ein homosexuelles Paar. Die beiden waren um die fĂŒnfzig, nahmen einen Tisch in der Ecke und setzten sich ĂŒber Eck so, dass sie allem sonst den RĂŒcken kehrten. Das hinderte den JĂŒngeren der beiden indessen nicht daran, den Einzelreisenden einer sehr intensiven visuellen PrĂŒfung zu unterziehen, als der Unbekannte einmal hinausging.

Er gÀhnte unwillig und schob die Erinnerung von sich. Unmittelbar danach musste er eingeschlafen sein. Der Schlaf war tief, traumlos und dauerte bis zum Morgengrauen.

Eine Kinderstimme riss ihn gegen acht Uhr aus letztem Dösen und DĂ€mmern: „Aller guten Dinge sind drei, aller guten Dinge sind drei!“ Er sprang aus dem Bett und zum Fenster. Da unten ĂŒber den Platz hĂŒpfte eine Frau von vierzig Jahren, von ihr kam jener Sprechgesang.

Er ging hinunter in die Gaststube, und im Nu war der mit den Locken um ihn und versorgte ihn mit großer Freundlichkeit; nichts GeschĂ€ftsmĂ€ĂŸiges schien ihr anzuhaften. Der Wirt zĂŒndete eine Kerze vor ihm an, er bot ihm gleich an, noch mehr Kaffee bekommen zu können, obwohl die Kanne bereits vier Tassen enthielt. Er ging so weit, dem Gast die erste Tasse selbst einzuschenken.

WĂ€hrend der Gast frĂŒhstĂŒckte, telefonierte der Wirt. Er bestellte nĂŒchtern und kurz angebunden Fleisch und GetrĂ€nke fĂŒr den kommenden Feiertag, Vatertag, wie er sagte. Am Telefon hatte sein Gesicht etwas Leidendes, leicht Verlebtes. Wie er in den Hörer hineinhorchte, entspannte sich die Gesichtsmuskulatur so sehr, dass Andeutungen von Aufschwemmungen deutlich sichtbar wurden. Nachher gab er einem Handwerker, der im Hause arbeitete, Geld fĂŒr Zigaretten: „Das sollte dann fĂŒr eine Schachtel reichen.“ Eine Insassin der Anstalt meldete sich und wollte am nĂ€chsten Tag in der KĂŒche helfen. In jedem Fall traf der Wirt den rechten Ton im Umgang.

Als er zahlen wollte, fand er den Wirt in einem Nebenraum mit Kuchenbacken beschĂ€ftigt, mit einer SchĂŒrze und mehlbestĂ€ubt. Er walkte gerade den Teig auseinander. Grinsend legte er das Holz beiseite und lachte mit rundem, nun wieder recht gesund wirkendem Gesicht. Er wollte wissen, wie es dem Gast gefallen habe. Gut, sagte der Gast, es sei eine große Überraschung gewesen. Da zeigten sich Stolz und Befriedigung im runden Wirtsgesicht, ein Ausdruck, der beide hinderte, noch etwas hinzuzufĂŒgen.

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