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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine Parabel über die Bedeutung und den Stellenwert von Lebensträumen
Eingestellt am 15. 03. 2013 14:52


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Lionel Shriver, Dieses Leben, das wir haben, Piper 2011, ISBN 978-3-492-05441-6

Hier ist ein Buch anzuzeigen und zu würdigen, das so dicht und facettenreich, so dramatisch und schön, so voller tiefer Erfahrungen steckt wie das Leben selbst. Die amerikanische Autorin Lionel Shriver, die schon mit ihren letzten Büchern am deutschen Markt überzeugen konnte, teilt in ihrem neuen Roman den Lebensalltag und die Lebensträume, die enttäuschten Hoffnungen und die Seelenqualen von zwei Familien und ihren Mitgliedern und beschreibt in einer faszinierenden und sprachlich meisterhaften Weise ihre schlussendlich erfolgreichen Versuche, ihrem Leben und ihrem Lebensschicksal einen tieferen Sinn abzugewinnen, ohne ins Religiöse auszuweichen.

Da geht es um Shep und seine Frau Glynis. Shep hat vor vielen Jahren eine kleine Firma gegründet, in der von Anfang an auch sein bester Freund, Jackson mitgearbeitet hat. Nachdem Shep die Firma für eine Million Dollar verkauft hat, arbeiten beide als Handwerker weiter unter dem neuen Eigentümer Pogatchnik, der sie quält und piesackt, wo er kann. Während Shep ein eher ruhiger Mann ist, hört Jackson kaum einmal auf zu schimpfen über Gott und die Welt und vor allem über die schlechte Regierung, die den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Seine über ganze Absätze sich hinziehenden Tiraden hat Lionel Shriver zu einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in den USA ausgebaut und sind gar köstlich zu lesen.

Shep hat den Verkaufserlös bei Merryl Lynch angelegt, selbstverständlich nachdem er eine Menge Steuern bezahlen musste. Mit seiner Frau Glynis, die eher weniger erfolgreich als Kunsthandwerkerin arbeitet, hat er schon seit Jahren immer wieder Reisen unternommen in die unterschiedlichsten Ländern der Welt um zu prüfen, in welchem sie nach einer Auswanderung einmal leben könnten. Während Glynis diese Reisen eher als Spaß sah, war es Shep all die Jahren sehr ernst damit. Und nun will er nach Pemba auswandern, einer Insel vor Tansania. Als er Glynis damit konfrontiert, sie zwingen will, sich sofort zu entscheiden, ob sie mitkommt oder nicht, erzählt sie ihm, dass sie eine schlimme, möglicherweise unheilbare Krankheit hat.
Sie leidet an einer jüdisch-degenerativen Erbkrankheit namens familiäre Dysautonomie. Die Erkrankung - auch als Riley-Day-Syndrome bekannt, nach den Entdeckern der Krankheit Riley und Day in 1949 – ist autosomal rezessiv vererbbar und betrifft fast ausschließlich ashkenasische Juden.

Shep ist sofort klar dass sein Traum vorbei ist, dass er die fast 800.000 Dollar auf seinem Konto verwenden muss für die erheblichen Behandlungskosten für seine Frau. In diesem Zusammenhang wird dem deutschen, rundum krankenversicherten Leser von der Autorin immer wieder aufgezeigt, mit welchen Forderungen seitens der Ärzte und Krankenhäuser selbst normal krankenversicherte Arbeitsnehmer in den USA bei einer solchen Krankheit sich konfrontiert sehen.

Sheps Konto schmilzt und auch sein Freund Jackson übernimmt sich finanziell weit über seine Grenzen hinaus und zerstört mit einer misslungenen, aber sündhaft teuren Penisvergrößerung nicht nur sein Sexualleben, sondern auch seine Ehe- und Familienleben. Sehr geschickt verwebt Lionel Shriver die Schicksale der beiden Familien, die am Ende auf eine Weise verschmelzen, wie man das nicht für möglich gehalten hätte.

Doch während die finanziellen Ressourcen abnehmen und der Traum vom „Paradies“ auf Eis gelegt ist, wächst etwas anderes, langsam und leise, gegen Ende dann noch einmal sehr konfliktreich, aber klärend und bereichernd. Durch die Pflege seiner Frau wird Shep zu einem anderen Menschen und ihre Beziehung wird tiefer. Während ein solches Leid eher eine Ehe zerstört – hier zeigt Shriver auf beeindruckende Weise, wie Menschen sich tapfer und mutig einem schweren Lebensschicksal stellen und mitten drin sogar noch so etwas hinbekommen wie eine positive Persönlichkeitsveränderung, die die Beziehung wachsen lässt.

„Dieses Leben, das wir haben“ ist eine literarische Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben und Tod. Es ist ein Roman, der genau beobachtet und beschreibt, was mit Menschen geschieht, die mit einem solchen Schicksal konfrontiert sind. Besonders ihre Charakterisierung von Glynis, die im Laufe der Handlung immer mehr Raum gewinnt, als einer Frau , die, nüchtern und an manchen Stellen fast boshaft geworden durch ihre Krankheit, kein Blatt mehr vor den Mund nimmt. Doch auch sie, wie fast alle an der Handlung beteiligten Figuren, erfahren im weiteren Verlauf bis zu dem am Anfang unvorstellbaren, fast an ein Märchen erinnernden Ende, eine Art versöhnende Erlösung, diesseitig und absolut säkular.

„Dieses Leben, das wir haben“ ist eine Lektüre, die einen fesselt, die einen mit hineinzieht in die Qualen, die Hoffnungen und die Enttäuschungen von Menschen, die mit schweren, letztlich unheilbaren Krankheiten konfrontiert sind. Und es ist eine Art Parabel auf die Bedeutung und den Stellenwert von Lebensträumen.

Lionel Shriver erzählt eine bewegende Geschichte mit viel Zärtlichkeit und Anteilnahme, sie ist immer ganz nah dran an ihren unterschiedlichen Figuren und lässt sie alle zu ihrem Recht kommen. Ihr Humor und ihr trockener Witz, mit dem sie die meisten ihrer Protagonisten ausgestattet hat, machen das Buch zu einem unterhaltsamen Vergnügen, das aber auf fast jeder Seite gepaart ist mit stummen Angeboten an den Leser, sich auch persönlich mit dem auseinanderzusetzen, was die handelnden Figuren erleben, erleiden und erträumen.

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