Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92238
Momentan online:
588 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Eine Tonart für jeden schrei
Eingestellt am 02. 03. 2007 08:46


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
caijotie
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2007

Werke: 3
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um caijotie eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Turmhohe Gittermasten ragen in den Himmel
Abgehangene Schädeldecken, rasende Moleküle, Mikroprozesse
Ein Strom von Autos und Maschinen durchzieht das Land bis an den Horizont
Die Vogelstimmen werden seltener und verstummen in der Mittagshitze
Die Sonne schleudert ihre breiten Strahlen herab,
Um rücksichtslos an der Brust des Flusses zu saugen
Aus dem Flußbett rollt eine hellwogende Wolke aus Blut heran
Die Fische sind tot und treiben den schwarzen Meeren zu
Feuchte Gehirngruben, Eierschalen, Schraubstöcke, Zündkerzen
Blinde Straßen mit zuckenden Wolken und Blitzen im Hirn
Kurze Röcke, Telefone, Touristenbeine, lächelnde Blitzlichtjapaner, krebsrot verbrannt
Kündigungen, geplatzte Kredite, Epidemien, Begegnungen auf der Herrentoilette
Frauen auf Bänken, maskiert, gefurcht, gespreizt, kostümiert
Hunnen, Mongolenpferde und Motorräder
Kohorten aus Chrom und Blech. Lebensgefühl aus Benzin
Wie der Gekreuzigte liegt ein Frosch plattgewalzt auf dem heißen Asphalt
Gas, Wasser, Staub, Sommerreifen. Jede Straße wird zur Säge
Ein Mann liegt auf dem Asphalt, gelähmt von unsichtbaren Kräften
Mehrere Löffelbagger und eine kleine Planierraupe umkreisen ihn,
Erheben ihre Arme und lassen ihre Tieflöffel hinuntersausen
Sein Körper wird in sieben oder acht Teile gehackt
Sein Kopf ist weiterhin von einer dämonischen Lebendigkeit beseelt
Sein Lachen zieht mit sadistischen Fingern die Backenhaut auseinander
Die Planierraupe nähert sich und überfährt ihn
Der Kopf zerplatzt wie ein Ei
Ein Strahl aus Gehirnmasse spritzt auf die Windschutzscheiben
Ein streunender Hund schlabbert Regenwasser aus dem offenen Schädel
Die blanken Zähne lachen
Der Mann steht wieder auf, weiß, gefühllos und rein…
Ruhig wie ein Engel sitzt ein Bestattungsunternehmer auf der Bank neben einem Sarg
Nichts ist wehrloser und hilfloser als ein Leichnam
Deshalb wäscht er seine Leichen behutsam wie Säuglinge und macht sie wohlriechend
Bulldozer räumen den Friedhof
Raben mästen sich vom kalten Fleisch der Toten
Eingeholt werden die Knochen, verbrannt werden die Schädel
Ein Bagger stößt auf etwas Weiches, das knirscht
Im Lehm der Schädel eines jungen Träumers
Was da abgeräumt wird, lief einmal aufrecht und lächelte verliebt
Musik sickert aus dem Schweiß des Asphalts
Betörend, berauschend, verletzend
Eine Tonart für jeden Schrei…

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

Werke: 2266
Kommentare: 11049
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Bernd eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ein Prosagedicht mit vielen Bildern.

Das Thema, wie oft: Liebe, Tod und Religion. Es sind die Themen, die interessieren.

Maskierte Frauen. Wieder das Bild des Maskenbildners. Das Gedicht selbst erscheint wie ein maskiertes Gebilde. Im inneren verborgen unter der nächsten Maske ist der Tod. Jedes Wort scheint ihn zu rufen, eine Stimmung des Todes zu verbreiten. Es ist ein düsteres Gedicht.

Was wartet unter der nächsten Schicht? Die Bulldozer reißen sie auf.
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Experimentelle Lyrik Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!