Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92203
Momentan online:
277 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Überlegung
Eingestellt am 23. 10. 2002 13:40


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Fellfrosch
Hobbydichter
Registriert: Oct 2002

Werke: 2
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Eine Überlegung

Ich sitze da und starre auf das leere Blatt. Eigentlich existiert dieses Blatt gar nicht. Es ist virtuell und wenn ich es auf sein Minimum reduziere, bleibt nicht mehr als „0“ und „1“ übrig. Auch die Farbe, die Töne und der Cursor sind nur virtuell. Ziehe ich den Stecker, dann ist der Bildschirm schwarz. Das Surren des PC ist Vergangenheit. Nix mehr mit Abstürzen oder holpernde Prozesse. Aus. Zapp.
Ich will schon seit Tagen „Memento“ anfangen. Aber ich starre nur auf dieses verschissene Blatt. Das virtuelle, verschissenen Blatt. Eigentlich ist die Idee von Memento gut. Sie gefällt mir. Die Hauptakteure haben ihre Namen, ihre Charakter und die Storyline ist auch vorhanden. Aber mir fällt kein Anfang ein. Ich will meinen eigenen Anfang finden. Keinen von den berühmten Autoren. Nein, ich will einen anderen. Jetzt habe ich erst einmal meine Nase in ein Buch von Henry Rollins gesteckt. Er ist lustig. Er ist er und dann fällt mir Till Lindemann ein. Ich stell mir vor wie er auf seinem Balkon sitzt, den Rest des Sommers genießt und sich fragt, welche Antworten er auf beknackte Fragen geben soll. Sein eigenes Werk erscheint demnächst. Alle sind gespannt drauf. Ich auch.
Was überlegt er sich? Ich weiß es nicht. Vielleicht das er nichts zu sagen hat. Und doch alle wollen wissen, warum, wieso und weshalb. Wahrscheinlich wird er bei diesem Punkt seufzen und sich ärgern. Oder einfach nur breit grinsen. Journalisten können so penetrant sein. Was ist, wenn er nichts zu sagen hat? Leider kann er nicht einfach sagen „Verpisst euch ihr Wichser!“. Aber vielleicht liegt es bei ihm auf der Zunge. Henry Rollins sagt es. Er sagt immer alles was er denkt. Manchmal sind seine Gedanken echt krude. Ich muss lachen, wenn er über irgendwelche Erinnerungen aus der Jugend schreibt. Natürlich sind es nicht seine wirklichen Erinnerungen. Oder doch? Amüsant sind sie. Dann die Gedanken zum Fluss sein. Ich liebe die wenigen Zeilen. Sie sind so schön. So einfach und dennoch drücken sie Kompliziertheit aus. Ich mag so etwas.
Ich frage mich, ob Till manchmal noch an seine Jugend denkt. Als die Welt noch halbwegs in Ordnung war. Als alles fürchterlich geregelt war. Wie eine Ampelkreuzung. Bei Rot stehen und bei Grün gehen. Jetzt ist er selbst die Ampel und kann wie wild blinken. Naja, aber es ist sein Ding zu sagen „Verpisst euch!“ oder einfach die Sackgesichter zu ignorieren. Wenn ich daran denke, dass er das hier lesen könnte, ist mir nicht wohl bei der Sache. Die Chance steht allerdings eins zu einer Milliarde. Eine gute Chance nicht entdeckt zu werden. Das beruhigt ungemein.

Ich starre noch immer auf das virtuelle Blatt. Manchmal wünschte ich mir, dass meine eigenen Gedanken genauso schön binär steuern lassen würden. Dann bräuchte ich nur den Strom anzuknipsen und wupp stände der erste, knackige Satz auf dem Blatt. Leider fließt immer der Strom durch meinen Kopf. Durch eine Ansammlung von Kohlenstoff und Wasserstoffatome, gepaart mit ein paar anderen Atomen. Schade ist es schon. Dann würde abends auch mal Stille in meinem Kopf sein. Interessant ist der Gedanke schon, das menschliche Gehirn auf sein Minimum zu reduzieren. Was ist es schon? Elektrische Ströme jagen auf Nervenbahnen umher und die sind nichts weiter wie eine komplizierte Ansammlung aus Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff-Atomen. Nichts, was außergewöhnlich ist. Auch das Gehirn von Till ist nicht anders. In seinem Kopf jagen auch nur dieselben, seit Jahren erprobten, elektrischen Blitze herum. Ihn unterscheidet nichts von anderen Menschen. Auch seine Bandkollegen unterscheidet nichts vom Rest der Welt. Sie sind gewöhnlich. Sie sind Menschen. Die Atmen, Denken und gelegendlich in Erscheinung treten. Tja, es ist beruhigend. Ungemein beruhigen.

Am Wochenende war ich auf einem Konzert. Ich beneide die Leute, die sich einfach ins Getümmel werfen und lospogen. Ich habe Angst gehabt. Angst, dass ich Ellenbögen in den Rücken bekommen. Angst, dass ich meine Brille verliere. Wie sollte ich dann zurückkommen? Nicht einmal das Handy kann ich ohne Brille bedienen. Naja, ist alles gut gegangen. Und dann habe ich noch etwas MutterU bewundert. Sie hat einen lustigen, aber auch anstrengenden Freund. Er ist ein ganz lieber, aber am Abend zuvor hatte ich schon etwas Respekt vor ihm. Ich fragte mich, wie sie ihn zur Räson bringt. Seit dem Tag danach weiß ich wie. Sie hat ein besoffenes, filziges Objekt angemotzt und ihn gleich zur Schnecke gemacht. Gut, sie ist stark. Willensstark. Sie wollte in Ruhe Megaherz genießen und diese Filzlaus störte sie ungemein. Das hat sie mit ihm geklärt. Armer Typ.
Gelsi bewundere ich auch. Sie macht ihren Weg. Sie will was Handwerkliches machen. Sie sieht wie ein niedlicher Punk aus. Niedlich ist sie mit Sicherheit nicht. Sie ist wie eine zornige Ameise. Aber irgendwann wird sich das geben.
Scheiße, das Blatt ist noch immer leer. Es will nichts rauskommen. Milda wird wahrscheinlich sagen, irgendwann hast du deinen Anfang. Aber ich will ihn jetzt haben! Das ärgert mich. Jetzt denke ich wieder an Till. Wie hat er wohl seinen ersten Anfang gefunden? Wahrscheinlich ist es ihm in den Schoß gefallen. Wie so manch andere(s) auch.
Manchmal frage ich mich, ob er auch so denkt wie seine Texte. Doch das ist irgendwie irreal. Vielleicht macht er sich nur einen Spaß daraus solche Texte zu entwerfen. Denkt grinsend daran, wie alle sich die Köpfe zerbrechen. Laut schreien "Was hat er sich dabei gedacht?" In Wirklichkeit hat er uns dann alle reihum aufs Glatteis geführt. Vielleicht ging ein Text gar nicht anders zu schreiben, wie er jetzt ist. Er hat sich nichts dabei gedacht. Oder er ist ein Genie. Was ich nun wieder nicht glaube. Ich weiß, dass man sich Texte erarbeiten kann. Manchmal reicht ein Eindruck oder ein Bild aus und schon ist eine eigene Idee geboren. Vielleicht ist es bei ihm auch so. Wer weiß das schon? Ich habe mal aus Spaß behauptet, er dröhnt sich erst einen, ehe er anfängt. Ich habe dafür virtuelle Prügel bezogen. Sie haben Recht. Nur nüchtern kann man solche Texte erstellen. Gedanken sollten dabei immer dabei Hand in Hand mit Ideen gehen.
Ich möchte nicht wissen, wie manche Urversion ausgesehen hat und wie oft er alles gemüllt hat um letztendlich doch Teile der Urform zu reanimieren. Texte zu Takten zu schreiben kann nicht einfach sein. Vielleicht ist es wie der langsame Vorgang des Gärens. Je länger umso besser. Aber was grüble ich über solche Sachen? Ist nicht mein Problem. Meins heißt „Kein Anfang“ und das ärgert mich wirklich.
Dann fällt mir ein, dass ich auf allen Fotos scheiße aussehen. Ich bin fett und wenn jemand sagt, dass stimmt doch nicht, weiß ich, dass er lügt. Eigentlich eine nette Geste, doch ich hasse es. Ich hasse meinen breiten Arsch, meine Wampe und meinen Hängebusen. Ich sitze zuhause rum und überlege angestrengt, ob ich nun allein oder einsam bin. Allein heißt ja nur, dass man andere verlassen hat. Einsam, wenn andere dich verlassen. So betrachtet bin ich nur allein. Das ärgert mich auch. Aber leider bin ich nicht der Typ, der ausgeht. Wohin auch und mit wem? In Berlin bin ich mal abends zum Hakischen Markt gefahren und beobachtete die Leute. Das hat Spaß gemacht. So viele unterschiedliche Leute! Touris, Einheimische, Ausländer, kleine Kinder und und und. Und trotzdem bin ich allein. Ich habe mich schon gefragt, ob es wirklich nur am Äußeren liegt. Ich denke schon. Alle achten darauf, dass ihre 500 € Minitasche auch zu Geltung kommt. Das die neue Levis auch richtig beleuchtet wird. Ach ja und das Make-up muss auch perfekt sein. Eine kleine, heile Welt der Perfektion. Eins beschäftigt mich: Wie reagiert ein Kerl, wenn er morgens neben einer Frau aufwacht, die abends total anders aussah? Sind das vielleicht die vielen Typen, die früh schon einen Herzinfarkt bekommen? Kann sein. Dann lief eine Frau in einer super teuer aussehenden Hose vorbei. Nein sie stolzierte. Ihr Absätze, auch superteuer, machten klack-klack. Ihr Blick striff erhaben und prüfend umher. Bin ich auch die hippste und coolste? Ich wollte zu ihr sagen "Boah, du siehst echt öde aus. So wie andere es vorschreiben. Persönlichkeit ist gleich Null bei dir." Aber das darfst du ja nicht sagen. Vor allem nicht, wenn du fett bist. Denn dann wird man gleich als neidisch eingestuft. Aber mal eine Frage am Rande: Wer sind wir, dass wir uns unser Aussehen von alten Knackern diktieren lassen? In. Frau ist dann total in und das ist sehr, sehr wichtig. Mir nicht. Außerdem gibt es für Fette eh nur Säcke zu kaufen. Fette dürften eigentlich nicht auf die Straße, so sehe ich es oft in den Augen anderer. Dann wieder sehe ich hungrige Blicke, die meinen Döner mampfen, weil sie es nicht darf. Sie muss in sein. Ich nicht. Ich genieße den Döner und lächle der trendigen Frau zu. Irritiert dreht sie sich weg. Ich muss grinsen. Eins haben wir den Trendigen doch voraus. Wir können alles probieren und schmecken. Fett ist ein Geschmacksträger. OK, Fett ist nicht gesund, aber ohne Fett würde Eis nur halb so geil schmecken. Oder der Döner würde trocken wie ein Pups sein. Leider ist das Trendigsein der Dreh- und Angelpunkt vieler Männer. Es ist nur ein Lippenbekenntnis, wenn sie sagen: "Oh, ich mag es wenn meine Freundin etwas mehr Pfunde hat!" Ich denke, dass ist gelogen. Laut gelogen. Denn mit einer solchen Frau wie mich würde sich niemand in der Öffentlichkeit wagen. Ich muss dabei wieder an Lindemann denken. Den könnte ich locker mit ein paar Sätzen an die Wand labern. Nicht irgendwelche Sätze, nein, mit Sätzen, die es in sich haben. Henry Rollins würde Paroli bieten. Er wehrt sich immer. Er lässt nichts unkommentiert und er nimmt gern die Sätze anderer auseinander. Vielleicht sollte sich Lindemann mal Khalil Gibrans "Der Prophet" lesen. Dann hätte er etwas zu sagen. Aber was zerbreche ich mit meinen Kopf über Dinge, die weit weg geschehen? Ich habe ein handfesteres Problem.
MutterU hat mir gesagt, dass meine Holzclogs schon schräg aussehen. Daran habe ich eigentlich nicht gedacht, als ich sie kaufte. Ich wollte was Bequemes. Ich liebe diese Holzlatschen. Sie halten ewig und du kannst sie neu beschlagen, wenn die Sohle angelaufen ist. Eine praktische Sache. OK, sie sind von Trippin-Shoes. Die verkaufen auch in Tokio. Aber im Grunde sollten meine Latschen schon bequem sein.

Merde, noch immer keine Idee für einen Anfang. Es ist wirklich ärgerlich. Am liebsten würde ich Rollins oder Lindemann fragen. Aber das geht ja nicht. Nicht wegen der Sprache oder so. Es liegt eher an der Distanz und ich denke mal, es geht beiden am Arsch vorbei, was eine langweilige Dreißigjährige so schreiben möchte und nicht kann. Wenn ich in deren Lage wäre, würde ich es auch so halten. Denn wenn nicht, hast du zu viel zu tun, um einen Überblick zu behalten. Wer es gesagt hat, weiß ich nicht mehr, aber der Ausspruch "Öffnest du die Tür zu deinem Privaten, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn die Presse eines Tages vor deinem Bett steht." Ich finde es OK, wenn an der Haustür Schluss ist. Egal, ob ich nun neugierig bin oder nicht. Irgendwo muss ein Strich gezogen werden.
OK, das Blatt ist noch immer leer. Ich denke nicht, dass es heute was wird. Ist auch egal. Die Story steht und kann nicht weglaufen.




__________________
Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen; denn die Liebe genügt der Liebe

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Arkona
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Hallo Fellfrosch,

Für den Anfang ganz gut( kleiner Scherz). Aber ich hab' doch ein paar klitzekleine Fragen.
Was ist oder wird "Memento"?
Was ist oder sind "Trippin-Shoes"?
Wer ist Khalil Gibran?
Hatte jedenfalls Spaß beim Lesen deiner Geschichte und dafür danke ich dir!
Herzliche Grüße
__________________
Arkona

Bearbeiten/Löschen    


Fellfrosch
Hobbydichter
Registriert: Oct 2002

Werke: 2
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Aloha,
Memento --> ein kleines Projekt mit einer Freundin. Thema: Blut, Horror und schlechte Scherze...

Trippin Shoes --> alternativer Schuhladen in Berlin; Hackische Höfe

Khalil Girban --> libanesischer Philosoph; berühmt geworden mit "Der Prophet"; wer Nachdenkliches mag, sollte ihn mal lesen.

Der kleene Frosch *quack*
__________________
Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen; denn die Liebe genügt der Liebe

Bearbeiten/Löschen    


Piet
Blümchendichter
Registriert: Oct 2002

Werke: 2
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Fellfrosch,
wer sagt denn, dass Frauen mit ein paar Pfunden mehr nicht schöner sein könne, sieh dich doch mal um: die Bauchfreimode wird nicht nur von Skeletten getragen. Davon aber mal ganz ab. Du hast die "vom-Höcksken-aufs-Stöcksken" Geschichte fast schon perfektioniert. Ein klitzekleiner Zusammenhang mehr als der mit dem leeren Blatt könnte aber noch viel mehr draus machen, glaub ich mal. Verlass dich auf dein Gefühl, sei froh, dass deine Gedanken nicht binär gesteuert werden!
__________________
Jaa!!

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!