Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92194
Momentan online:
66 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Weihnachtsgeschichte
Eingestellt am 01. 12. 1999 00:00


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werner Friebel
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2004

Werke: 5
Kommentare: -1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Werner Friebel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Eine Weihnachtsgeschichte
Es schneite noch immer, als Clement wieder aus dem Fenster sah.
├ťber die klaffenden Wunden der Welt, die l├Ąngst verstummte, unn├╝tze Stadt, legte sich ein wei├čes Leichentuch und hielt den F├Ąulnisgeruch schmuddelig-geiler B├╝rgertr├Ąume in den verwesenden Hirnen zur├╝ck. Greller als sonst schien ihm das Licht der Bogenlampen an der Stra├če und der Weihnachtslichtergirlanden zwischen den H├Ąusern, als habe man sie heute, ausgerechnet heute, zur Feier des Festes erhellt.
Clement las ein letztes Mal die ausgedruckte e-mail von webmaster@lonelygays.net und ihm wurde wieder schwindling vom Echo 'du bist raus! du bist raus!'. Die Mail war an alle, und alle wu├čten es jetzt. Harry hatte ihn geoutet, aus Rache, aus verletzter Liebe.
Er h├Ątte Harry den Seitensprung mit einer Frau, mit diesem verlogenen Junkiegirl, nicht gestehen d├╝rfen und eine andere Erkl├Ąrung f├╝r sein positives Ergebnis erfinden m├╝ssen.
Reue macht Fehler nicht ungeschehen, dachte Clement, als er in die offene Klappe des alten Holzofens auf die schnell verbrennende Mail starrte. Er f├╝tterte das Feuer weiter mit den Briefen und Dokumenten aus sieben Ordnern, trank langsam eine zweite Flasche Chianti dazu und wunderte sich, da├č er nicht nerv├Âser war.
Wie ein Schmetterling war Harry in den letzten Wochen von Kelch zu Kelch geflattert, hatte bei Clement's Anrufen sofort aufgelegt und im Forum b├Âsartige L├╝gen ├╝ber den Zusammenbruch ihrer Beziehung verbreitet. Die L├╝gen h├Ątte ich ertragen, dachte Clement, aber die Wahrheit h├Ątte unter uns bleiben m├╝ssen.
Als die Ordner leer waren, kramte Clement noch die restlichen Beweise seiner Existenz aus den Schubladen. Kontoausz├╝ge, Personalpapiere, Fotos - die Flammen schmeichelten ihm ihre freundschaftliche Hilfestellung mit leisem Knistern. Beinah so z├Ąrtlich wie die ersten Worte, die Harry ihm vor drei Jahren ins Ohr gefl├╝stert hatte.
Als das letzte Dokument zu Asche geworden war, setzte sich Clement an den Rechner und ├╝berlegte kurz, ob er im Forum noch eine klarstellende Nachricht hinterlassen sollte. Nein, er wollte weder sich noch Harry in der Wahrnehmung der Anderen belasten oder entlasten oder seichte Mitleidigkeit hervorrufen. Er war aus dem realen Nichts in die fiktive Cyberwelt eingetreten und w├╝rde sie in umgekehrter Richtung wieder verlassen. Clement schaltete auf die DOS-Ebene und tippte 'format C:' in die weinversyphte Tastatur.
Im Schlafzimmer sch├╝ttelte Clement noch sein Bett auf, da├č es wie unber├╝hrt erschien, entkleidete sich und verlie├č das Haus barfu├č im Bademantel, den er mit einem langen Lederg├╝rtel um seine H├╝fte geschn├╝rt hatte.
Er hatte keinen weiten Weg in den Fr├╝hstunden dieses Feiertages, ging aufrecht und gemessenen Schritts an den weihnachtlich dekorierten Auslagen der Gesch├Ąfte vorbei, warf seinen Schl├╝sselbund durch die Ritzen eines Kanaldeckels, er fror nicht.
Die elektrischen Kerzen des gro├čen Christbaumes vor der Kirche waren noch eingeschaltet; er hatte es vermutet.
Clement hatte ein wenig M├╝he, durch das dichte Astwerk nach oben zu klettern und einen geeigneten Platz zu finden. Dann knotete er den G├╝rtel erst an einen neben ihm aus dem Stamm ragenden Ast, sodann so genau und entschlossen, als schnitte er sich eine Scheibe Brot ab, um seinen Hals und lie├č sich fallen.
Eine kleine Schneelawine l├Âste er dabei, nat├╝rlich ohne Absicht, von den romantisch beflockten Zweigen.


(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
Kommentare und Aufrufz├Ąhler beginnen wieder mit NULL.)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!