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Leselupe.de > Humor und Satire
Eine deutsche Geschichte
Eingestellt am 17. 06. 2003 22:55


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Udogi-Sela

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Das Licht einer rot-goldenen Sonne an einem hellen SpĂ€tsommer-SpĂ€tnachmittag ließ den stillen Vorort in noch tiefere SchlĂ€frigkeit versinken.
Ich war frĂŒher nach Hause gekommen und setzte mich unter dem Ticken der Wanduhr an den leeren KĂŒchentisch. Mein Gesicht der roten Sonne zugewandt, döste auch ich genĂŒsslich ob der Abwesenheit von Frau und Kindern, deren LĂ€rm sonst alle RĂ€ume des Hauses ausfĂŒllten.
Jeder kennt den Zustand zwischen Wachen und Schlaf, in dem sich der Tag in den Traum löst, und man doch noch an einem dĂŒnnen FĂ€dchen mit dieser Welt verbunden ist. Ungeheuer, Menschentiere, Teufelsfratzen, lodernde Feuer, Blitze ohne Donner, FlĂŒstern, Wispern, Raunen, Dröhnen; all’ das zieht einen immer weiter in sich selbst hinein.
Aus diesem Zustand katapultierte mich plötzlich ein gellender Schrei jĂ€h in die KĂŒche zurĂŒck. Ein Laut, wie ich ihn nie zuvor gehört hatte. Das war der Ruf eines Ertrinkenden, der weiß, dass seine Hoffnungen vergeblich sind. Der letzte verzweifelte Schrei eines fast zu Tode gemarterten Menschen. Eine mĂ€nnliche Stimme, die unvorstellbares Entsetzen Ă€ußert.
Mein Herz raste, und ich versuchte herauszufinden, ob mich mein Hirn gefoppt und dieser Schrei nur in meinem Inneren entstanden war. Eine zeitlang verharrte ich unbeweglich auf dem Stuhl, dann stand ich zögernd und schwankend auf und trat zum Fenster. Die Straße lag wie immer in ihrer dösigen Vorort-Ruhe und ich wollte mich schon erleichtert zurĂŒckziehen, als ich ihn sah. Er kniete auf der Einfahrt zur nachbarlichen Garage, den Oberkörper in sich zusammengekrĂŒmmt, die HĂ€nde ĂŒber den Ohren zu FĂ€usten geballt, den Blick krampfhaft auf den Boden gerichtet. Kein Zweifel, dort kauerte mein Nachbar selbst.
Noch konnte ich nicht den Grund seines seltsamen Gebarens erkennen, und so eilte ich nach draußen, vielleicht hatte er Hilfe nötig.
Ohne mich wahrzunehmen, versuchte sein Mund Worte zu formen, und in der Erkenntnis, es nicht zu schaffen, zeigte nun der zitternde Zeigefinger seiner rechten Hand ganz langsam auf eine kleine Stelle am Boden: Da prangte in frischem glĂ€nzenden Schwarz ein kleiner Ölfleck! Hatte ich mich von dem in der Luft schwebenden Entsetzen fast schon anstecken lassen, so lockerten sich jetzt meine Muskeln und Nerven und ich sprach in den gepflegten Vorgarten-Nachmittag hinein: „Das kann passieren!“ Nie werde ich den Blick vergessen, mit dem mich diese gequĂ€lte Kreatur daraufhin ansah. Ein langsam in seinem Hirn wachsender Gedanke verĂ€nderte seine Miene von eben noch Hilflosigkeit in jetzt feste Entschlossenheit, getragen von hoch keimender Wut. Er rannte ins Haus und sein Schreien war selbst am Ende der Straße nicht zu ĂŒberhören: „Du gottverdammtes elendes Weib! Was hast Du mit meinem Benjamin gemacht? Da gebe ich Dir einmal in zwanzig Jahren meinen Benjamin und Du bringst ihn fast um! Ich sollte DICH umbringen Du alte Schlampe!“ Seine Worte wurden immer unflĂ€tiger und lauter und durch das Fenster sah ich, wie die Nachbarin die Schimpftirade mit unglĂ€ubig entsetztem Trauerblick ĂŒber sich ergehen ließ.

Mein Gott, Benjamin, des Nachbarn geliebtes Auto hatte einen Tropfen Öl verloren! Wahrlich, das musste fĂŒr den Mann das reinste Blut sein, denn es gab nichts, was er mehr liebte und verehrte als seinen Wagen. Nach jeder Fahrt, was selten genug vorkam, wurde das GefĂ€hrt gewaschen, geputzt, gewachst, gewienert und poliert. Da gab es kein Eckchen, kein SchrĂ€ubchen, kein Kabel, das von Putzmitteln und Reinigungslappen verschont blieb. In Momenten, in denen sich mein Nachbar bei solcher TĂ€tigkeit unbeobachtet glaubte, drĂŒckte er seinem „Benjamin“ sogar einen Kuss auf den heißgeriebenen Lack.

Ich trat ins Haus meines Nachbarn; die TĂŒr war bei dessen ErstĂŒrmung des Hauses offen geblieben, und ich versuchte ein beschwichtigendes Wort: „Wissense was? Ich rufe die Werkstatt ‚Beulemann & Schraubenschluß’ an, die schicken einen Monteur her, und der kann dann mal sehen, was Ihr Wagen hat.“
Wie erschöpft von dem gellenden Ausfluss seiner Schimpftirade sackte mein Nachbar auf einen Stuhl und blickte ins Leere. Ich sah die Nachbarin an, die wiederum mit zerfurchter Stirn und TrÀnen in den Augen meinen Blick erwiderte. Sie nickte erschöpft und ich eilte zum Telefon.
In der halben Stunde bis zum Eintreffen des Monteurs hatte ich fortwĂ€hrend die Hand meiner Nachbarin gedrĂŒckt, und ihre sprachlose Defensive machte einem mir gegenĂŒber aufkeimenden Vertrauen Platz. Mein Nachbar war in die Garage geschlurft und sich schluchzend hinter das Steuer seines „Benjamin“ zurĂŒckgezogen.
„Sie haben sich schon immer viel zu viel von Ihrem Mann gefallen lassen! Geben Sie ihm doch mal kontra! Das hĂ€lt doch kein Mensch aus! Soll ich Ihnen mal sagen, was ich von der ganzen Sache halte?“ Sie erwidert nichts, wenn man davon absieht, dass sie auf meine HandberĂŒhrungen reagierte und ihre zarten Finger sanft gegen meine drĂŒckten. Ich stand auf und drĂŒckte ihr einen flĂŒchtigen und beherzten Kuss auf die Wange.

Der Mechaniker kam; ich fĂŒhrte ihn in die Garage. Nach einer halben Minute der Untersuchung des Delinquenten sagte er: „Du lieber Gott! Fahren’se mit der alten Kiste in unsere Werkstatt, da montieren wir einen neuen Simmering, also ÂŽne neue Dichtung ins MotorgehĂ€use, und die Sache ist geritzt!“ Mein Nachbar wurde der jetzt aufkommenden GefĂŒhle nicht mehr Herr, und floh schluchzend aus der Garage. Der Handwerker sah mich an: „Zahlen Sie mir jetzt die Monteurstunde?“

Als wir, meine Nachbarin und ich, uns vierzehn Tage spĂ€ter in der Wohnung eines in Urlaub gefahrenen Freundes wieder trafen und uns bei einem kleinen Essen im Kerzenschein innerlich und Ă€ußerlich nĂ€her kamen, erzĂ€hlte sie mir, dass sie sich an jenem Tag, ermutigt durch mich, tatsĂ€chlich ein Herz gefasst hatte, und der ĂŒber Jahre angestaute Frust einer vernachlĂ€ssigten Frau war aus ihr herausgeschwemmt. Sie hatte ihren Mann angeschrien; die Stimme war ihr umgeschlagen, hatte ihm vorgehalten, dass er jede freie Minute mit seiner alten Schrottkiste, ja!, Schrottkiste!, verbracht, dass er all’ die Jahre nur seinem Auto gehört, dass er seit dem Autokauf kein gutes Wort fĂŒr sie ĂŒber seine Lippen gebracht, dass er niemals an ein Geschenk oder gar Blumen fĂŒr sie gedacht hatte, nein, immer nur stank er nach Sprit und Öl und Autoputzmitteln. EKELHAFT!!! Dass er sie benutzt hatte als Verwalterin von KĂŒche und Herd, die ihm pĂŒnktlich zu kochen hatte, damit er ja nur keine Minute ohne seinen „Benjamin“ vergeudete. Und ĂŒberhaupt: der Name! BENJAMIN! So was Idiotisches! LÄCHERLICH! Und wie gern hĂ€tte sie Kinder gehabt! DafĂŒr war nie Zeit. Wie gern wĂ€re sie in Urlaub gefahren, oder einfach mal sonntags raus ins „GrĂŒne“, aber nein, „Benjamin“ musste ja geschont werden! Oh, wie sie die Karre, ja, KARRE! hasste! Wie gern hĂ€tte sie mit dem Hammer eine Beule rein geschlagen oder mit dem Messer die Reifen aufgeschlitzt! Nein, jetzt hatte sie es satt! Jetzt endlich, endlich, sei sie an der Reihe, wollte sie leben, und zwar richtig! DEINE ROSTBEULE ODER ICH! hatte sie geschrieen.

„Heute kriegst Du zum letzten Mal das Essen von mir gekocht!“ hatte sie gerufen und ihm spĂ€ter den Suppenteller auf den Tisch geknallt.
Als sie nach oben ins Schlafzimmer eilte, um ihren Koffer zu packen, drehte mein Nachbar mit dem Löffel die Beilagen der Suppe: Schrauben, Muttern und Dichtungen, vom Grund des Tellers nach oben, und siehe da: Eine TrĂ€ne fiel in die schwarz-glĂ€nzende, siedend heiße Altöl-Suppe.
__________________
Dieses ganze Schreiben ist nichts als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel. (Kafka)

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LuMen
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Hallo Udogi,

obwohl ich selber erst angefangen habe, zur Abwechslung einmal einen Prosatext einzustellen, erlaubst Du mir sicher ein paar Worte der Kritik. Ich habe an verschiedenen Stellen Deines Textes lachen oder schmunzeln mĂŒssen - aber nur verhalten. Die Pointen sind zu breit ausgewalzt und mit störendem Beiwerk versehen, so daß ihnen der Biß verloren geht.
Was sollen z. B. die "Ungeheuer, Menschentiere, Teufelfratzen.. " usw. ? Sie lenken nur vom eigentlichen Thema ab und sind auch fĂŒr sich genommen nicht witzig. Das gleiche gilt fĂŒr das "gottverdammte elende Weib" und die "Schlampe", ĂŒberflĂŒssige Schimpfwörter, die die Geschichte nicht weiterbringen, sondern nur verwĂ€ssern. Diese Beispiele stehen symptomatisch fĂŒr zahlreiche weitere Textstellen, die ich nicht alle anfĂŒhren kann, ich nehme aber an, Du verstehst, was ich meine. Das Alter von "Benjamin", daß der Name lĂ€cherlich und das Auto eine Karre ist,interessiert den Leser wenig, der Name "Benjamin" sagt schon genug. Auf diese Weise ist der ganze Schlußabschnitt mit den ausgedehnten verbalen GefĂŒhlsausbrĂŒchen der Nachbarin zur verdĂŒnnten Suppe geworden, in der die gute Schlußpointe vom "Bodensatz" leider versickert.
Ich wĂŒrde an Deiner Stelle versuchen, die ganze Geschichte um mindestens ein Drittel zu kĂŒrzen (natĂŒrlich an der richtigen Stelle, am "Beiwerk"). Das könnte Wunder wirken.

Noch einen schönen Rest-Feiertag wĂŒnscht
LuMen

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