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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine fast vergessene Erinnerung
Eingestellt am 23. 04. 2001 17:23


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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
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Als ich gestern in meiner alten Truhe kramte, entdeckte ich dort ein kleines, porzellanernes Sparschweinchen. Es hatte sich in der ├Ąu├čersten Ecke versteckt, weil es wohl f├╝rchtete, von all' dem Krimskram erdr├╝ckt zu werden, den ich im Laufe der Zeit in die Truhe gepackt hatte. Vorsichtig nahm ich das Schweinchen in die Hand, putzte mit dem ├ärmel meiner Jacke den Staub ab und las die Worte, die da mit roter Farbe auf seinen R├╝cken gemalt waren. 'Viel Gl├╝ck' stand dort, Buchstabe f├╝r Buchstabe von noch unge├╝bter Kinderhand geschrieben. Ein Marienk├Ąfer, ein Pilz und ein vierbl├Ąttriges Kleeblatt zierten das kleine Kunstwerk.
Ich ├╝berlegte, von wem dieses wundersch├Âne Geschenk war. Meine Gedanken wanderten zur├╝ck. Gesichter kamen, Gesichter gingen, Menschen, die irgendwann einmal meinen Lebensweg gekreuzt hatten. Pl├Âtzlich tauchte in meiner Erinnerung ein kleines M├Ądchen auf und bald sah ich ihr Gesicht so deutlich vor mir, als ob wir uns erst gestern begegnet w├Ąren. Ja, richtig: im Bus war es gewesen. Ich sa├č am Steuer und mein Fahrgast hie├č Martina.
Das siebenj├Ąhrige M├Ądchen war mit den Eltern aufs Land gezogen, besuchte aber weiterhin den Unterricht in ihrer alten Klasse, weil sie mitten im Jahr die Schule nicht wechseln sollte. Daher fuhr sie jeden Morgen mit mir in die Stadt. Fasziniert beobachtete Martina die Schalter und Hebel an meinem Arbeitsplatz, wagte aber nie zu fragen, wof├╝r all' diese Sachen gebraucht wurden. Lange ├╝berlegte ich, wie man ihr die unselige Befangenheit nehmen k├Ânnte. Dann kam alles wie von selbst. Der einsetzende Regen l├Âste das Problem und bescherte uns eine wundersch├Âne Freundschaft.
Behutsam stellte ich das Schweinchen auf den Boden und suchte weiter in der alten Truhe, denn da musste doch noch ein Gedicht sein, das ich damals f├╝r Martina schrieb. Richtig, da war der Bogen Papier ja. Ich r├╝ckte den Sessel ans Fenster, z├╝ndete meine Pfeife an und begann zu lesen.

Die kleine Fensterputzerin.

Am Steuer vom gro├čen Omnibus
machte das Wetter argen Verdruss
von den schlimmen Regenplagen
waren alle Scheiben beschlagen
wie ich auch putzte, es reichte nicht
rundum zu sorgen f├╝r gute Sicht.

Hallo kleines Fr├Ąulein, sprach ich zu dir
komm doch bitte mal nach vorne zu mir
nimm dieses Leder in deine Hand
und putze mit Schwung und Verstand
dr├╝ben die Scheibe, bis hin zu der T├╝r
so ist es lieb, ich dank' dir daf├╝r.

Danach wolltest du lange nicht fort
Freundschaft hie├č nun dein Zauberwort
bei k├╝nftigen Fahrten zusammen im Bus
war mit dem Schweigen endlich Schluss
dahin waren Scheu und Befangenheit
und selbst f├╝r tausend Fragen noch Zeit.

Einmal sogar - du glaubtest es kaum
erf├╝llte ich dir einen heimlichen Traum
ich sagte, die ganze Stra├če ist frei
komm M├Ądchen, eile zum Lenken herbei
ich besorge das Bremsen und Schalten
und du darfst allein das Steuer halten.

Am n├Ąchsten Morgen schenktest du mir
ein Schweinchen in bunt bemaltem Papier
es begleitete uns in vielen Stunden,
die immer wir ganz toll gefunden.
Ich denkÔÇś sehr gern daran zur├╝ck
und w├╝nsche dir von Herzen Gl├╝ck.

Nachdenklich lie├č ich das Blatt sinken und ├╝berlegte, was wohl aus meiner kleinen Freundin geworden ist. Dann suchte ich Pinsel und Farbe, nahm das Schweinchen zur Hand und f├╝gte ein weiteres Wort hinzu. Vielleicht hilft es dem M├Ądchen ja, dass da nun geschrieben steht: Viel Gl├╝ck, - Martina.

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