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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine ganz alltägliche Geschichte
Eingestellt am 22. 11. 2002 21:01


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unprodigal daughter
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2002

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6 Uhr morgens, der Wecker läutete. Schnell drehte er ihn wieder ab. Sein Schatz - nach 30 Jahren immer noch sein liebster Schatz - drehte sich um und brummte leise so wie sie es jeden Morgen tat. Er drehte sich sanft zu ihr, drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Sie lächelte im Halbschlaf. Sie musste noch nicht auf, also stand er vorsichtig und leise auf und schlich aus dem Schlafzimmer. Er schloss die Tür hinter sich, damit sie sein morgentliches Herumwerken nicht wecke. Alles war wie immer.

Er machte sich seinen Kaffee - zum Frühstück zwei Brötchen. Dann fuhr er zur Arbeit los. Er war ein durchschnittlicher Arbeiter, dem niemand je eine leitende Position zugetraut hatte, und auch wenn er schon zwei - drei mal eine Beförderung angestrebt hatte, war er doch jedes Mal übergangen worden. - Wenn sie nur wüssten! Doch nach all den Enttäuschungen hatte er sich mit seiner Position abgefunden. Er wusste, er würde nie mehr erreichen und er wusste, niemand würde ihm je mehr zutrauen. Vielleicht hätte er den Betrieb wechseln sollen, aber er war loyal. Er fühlte sich dem Betrieb verbunden, wo er vor 35 Jahren als Lehrling zu arbeiten begonnen hatte. Er wollte nie gehen und wenn er ein Leben lang nur der Geselle bliebe.

Kurz nach halb 8. Er hätte sich mehr Zeit lassen können, aber das tat er nie. Vor der Arbeit noch einen Kaffee trinken, das gehörte einfach zur Routine. Und alles war wie immer.

12 Uhr 30 - Mittagspause - Der neue Manager spricht ihn an. - So ein junger, dynamischer Typ. Sie haben ihn geholt, um den Betrieb zu retten. Mit seinen neuen Ideen hatte er schon viel verändert. Jetzt bekamen sie doppelt so viele Aufträge wie zuvor, aber das war wohl immer noch nicht genug.

"Herr Kratochil, könnten Sie nach der Mittagspause kurz in meinem Büro vorbeischauen?"
"Selbstverständlich, Herr Reiter, gibt's etwas Wichtiges?"
"So könnte man es nennen, aber wir sprechen uns dann nach der Mittagspause."
"Gut, ich komme dann vorbei."

Gut? Nun, er war sich nicht sicher, ob es wirklich gut war, aber dennoch wartete er bis nach der Mittagspause, bis er an der Tür seines neuen Chefs klopfte, an der die Buchstaben "Herman Reiter - Betriebsleiter" noch frisch glänzten.
"Sie wollten mich sprechen?"
"Ja, nehmen Sie doch bitte Platz."
Das klang nicht gut, aber er nahm Platz. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen, aber er versuchte sich zu beruhigen, indem er sich selbst sagte: "Du siehst Gespenster! Bestimmt will er nur zukünftige Arbeitsschritte mit dir absprechen, weil er dich für einen angesehen Mitarbeite hält."
Doch er fühlte, dass es was anderes war.

"Herr Kratochil, ich weiß, sie sind diesem Betrieb schon lange verbunden,"
"35 Jahre, um genau zu sein ..."
"Ich weiß, Herr Kratochil, ich habe Ihre Akten hier."
'Er hat meine Akten hier? Das kann nichts gutes Bedeuten.'
"Ich weiß, dass sie diesem Betrieb Herz und Seele schenken, aber Sie wissen selbst, wie schlecht es im Moment um uns steht."
"Aber es hat sich schon vieles geändert seit Sie hier sind. Wir haben mittlerweile doppelt so viele Aufträge wie zuvor."
"Ja, Herr Kratochil, das ist mir bewusst, aber es reicht noch lage nicht, um die Finanzlage als stabil zu bezeichnen. Wir sind eben mal aus den roten Zahlen, aber schwarze schreiben wir noch lange nicht."
"Nun, daran arbeiten wir doch alle."
"Herr Kratochil, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir hier keinen Bedarf mehr für Sie haben. Wir brauchen junge, dynamische Leute. ... Ich denke, Sie sind diesen Anforderungen einfach nicht mehr gewachsen."
Wer hatte denn immer die Lehrlinge angelernt, sich immer darum gekümmert, dass die jüngeren Gesellen keine Schlampigkeitsfehler machten? Nun, das hatte nie jemand gesehen, aber das war doch auch wichtig. Was hätten die Kunden sonst gesagt, wenn ihre Tische und Stühle plötzlich unter ihnen zusammengebrochen wären.
"Herr Reiter, ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit. Sie brauchen mir nichts weiter zu erklären. Ich verstehe. 2 Wochen noch, nicht wahr?"
"Ich würde Sie bitten, Ihre Tätigkeit noch bis Ende des Monats fortzusetzen."
"Geht klar. Gibt es außerdem noch etwas?"
"Nein, das war's."

Ja, das war's wirklich. Er konnte nicht glauben, wie cool und gelassen er das hingenommen hatte. - Nun, im Verbergen von Gefühlen war er immer gut gewesen, aber das hätte selbst er sich nicht gedacht.

Jetzt hatte er noch knapp 3 Wochen Arbeit und dann? Er war 50, fast 51 - in dem Alter findet man doch kaum noch eine Arbeit. Was sollte er seiner Liebsten sagen? Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf und doch erledigte er seine Arbeit mit der gleichen Sorgfalt wie immer. - Nun, bald würde er dafür nicht mehr zuständig sein.

Nach der Arbeit setzte er sich wie gewohnt in sein Auto und fuhr los - heimwärts - doch mitten auf dem Weg fuhr er rechts ran und blieb eine Weile da stehen. Sollte er so tun, als wäre alles wie immer? Sollte er heimgehen, seine Frau küssen und sich dann vor den Fernseher setzen, die Füße auf dem Couchtisch und tun als wäre nichts geschehen? Er wusste nicht, ob er dazu in der Lage wäre.

20 Minuten später fuhr er wieder los.
"Hallo mein Schatz! Wie war dein Tag?"
"Nun, wie immer, denke ich." Und lächelte ihn an.
"Ich hab einen Braten im Rohr. Du bist heut aber spät dran. In 30 Minuten können wir essen."
"Das ist gut, ich hab schon einen Mordshunger!"
"Tut mir leid, dass es später wurde, aber dieser Schrank musste noch unbedingt bis morgen fertig werden, also haben wir etwas länger gemacht."
"Ach ja, immer die Arbeit. Ich glaube, du liebst sie mehr als mich."
Sie lächelte ihn an, aber für einen Moment blieben ihm die Worte weg.
"Nein, mein Schatz, dich liebe ich mehr als alles andere, aber du weißt doch: 'Was sein muss, muss sein.'"
Er lächelte zurück und Tausend Gedanken gingen ihm durch denk Kopf.
'Wann würde er es ihr sagen? Wie würde sie es aufnehmen?'
Er wollte nicht mehr nachdenken.

Er setzte sich wie jeden Abend vor die Glotze. Die Nachrichten kamen gerade und er sah interessiert in den Fernseher, aber er hörte nicht, was der Nachrichtensprecher alles sagte. Er sah viele bunte Bilder und niemand merkte, dass nicht alles war wie immer.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Ein gut geschriebener Text, bei dem allerdings auf den ersten Blick schon die "/" stören. Die sollest du rausnehmen. Ansonsten störe ich mich ein wenig am zweiten Absatz. 35,25,35 - mindestens eine Zahl ist zuviel. Du könntest du erste umgehen, indem du erst sagst, daß er ein durchschnittlicher Arbeiter ist, dann dazu übergehst, daß er ein paar Mal befördert werden wollte, aber sich daran gewöhnt hat, übergangen zu werden, und schließlich die Formulierung am Schluß beibehältst - denn die ist von den drei "Zahlen-Konstruktionen" die gelungenste.
__________________
Andrea Rohmert

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unprodigal daughter
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2002

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Liebe Andrea!

Danke für deine hilfreichen Tipps.
Das mit den Zahlen im zweiten Absatz war mir gar nicht aufgefallen, aber du hast vollkommen Recht. Ich hab den Abschnitt jetzt geändert.
Die /" hab ich auch rausgenommen. Das ist wohl beim Kopieren und Posten passiert.
Nochmals danke für die nützlichen Anregungen.

unprodigal

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